Markt­ma­ni­pu­la­ti­on per Pres­se­mit­tei­lung

Eine delik­ti­sche Scha­dens­er­satz­pflicht (§ 823 Abs.2 BGB) wegen Betru­ges kommt nicht in Betracht, wenn kein unmit­tel­ba­rer Zusam­men­hang zwi­schen dem angeb­li­chen Scha­den des Klä­gers und even­tu­ell erziel­ten Gewin­nen eines Unter­neh­mens beim Han­del mit Optio­nen von VW-Stamm­ak­ti­en besteht.

Markt­ma­ni­pu­la­ti­on per Pres­se­mit­tei­lung

Eine Haf­tung gemäß § 826 BGB wegen vor­sätz­li­cher sit­ten­wid­ri­ger Schä­di­gung wird ver­neint, wenn der erfor­der­li­che Kau­sa­li­täts­nach­weis nicht erbracht wird. So sind die Pres­se­er­klä­run­gen der Por­sche Auto­mo­bil Hol­ding S. E. nicht als sit­ten­wid­rig anzu­se­hen. Hier klagt ein Anle­ger nicht gegen einen Emit­ten­ten wegen einer fal­schen Infor­ma­ti­on son­dern gegen einen ande­ren Markt­teil­neh­mer.

So das Land­ge­richt Braun­schweig in den hier vor­lie­gen­den Fäl­len eines Anle­gers, der gegen die Por­sche Auto­mo­bil Hol­ding S. E. und eine Bank auf Scha­dens­er­satz in Höhe von 3.108.705 € geklagt hat und einer Kla­ge einer Anla­ge­ge­sell­schaft gegen die Por­sche Auto­mo­bil Hol­ding S.E. auf Zah­lung von 1.570.151 €.

Die Kla­ge des Anle­gers

Hin­ter­grund der Scha­dens­er­satz­kla­ge des Anle­gers waren zwei Pres­se­mit­tei­lun­gen der Por­sche Auto­mo­bil Hol­ding S.E. aus dem März 2008. Der Klä­ger führ­te zur Begrün­dung der Kla­ge aus, dass die Por­sche Auto­mo­bil Hol­ding S.E. in den Pres­se­mit­tei­lun­gen aus März 2008 über ihre wah­ren Absich­ten hin­sicht­lich der Betei­li­gung an der Volks­wa­gen AG getäuscht hät­te. Ent­ge­gen den Ver­laut­ba­run­gen in den Ver­öf­fent­li­chun­gen vom 3. und 10. März 2008, dass kei­ne Fusi­on geplant sei, habe die Por­sche Auto­mo­bil Hol­ding S.E. tat­säch­lich die Über­nah­me von Volks­wa­gen in Form einer 75-pro­zen­ti­gen Betei­li­gung an der Volks­wa­gen AG geplant. Durch die­se Mit­tei­lun­gen habe die Por­sche Auto­mo­bil Hol­ding S.E. die Kur­se der VW-Stamm­ak­ti­en mani­pu­liert. Die beklag­te Bank ‑ver­bun­den durch Opti­ons­ver­trä­ge mit der Por­sche Auto­mo­bil Hol­ding S.E.- habe die Über­nah­me­ab­sich­ten gekannt. Sie habe an den Kurs­ma­ni­pu­la­tio­nen der Por­sche Auto­mo­bil Hol­ding S.E. mit­ge­wirkt. Auf­grund der Pres­se­mit­tei­lun­gen der Por­sche-Auto­mo­bil Hol­ding S.E. sei der Klä­ger bei Aus­rich­tung sei­ner Opti­ons­stra­te­gie davon aus­ge­gan­gen, dass die Kur­se der VW-Stamm­ak­tie fal­len wür­den. Bei den Opti­ons­ge­schäf­ten habe der Klä­ger einen finan­zi­el­len Ver­lust in Höhe der Klag­for­de­rung erlit­ten.

Von den Beklag­ten ist die Unrich­tig­keit der Pres­se­mit­tei­lun­gen im Hin­blick auf die Beschluss­la­ge im Unter­neh­men in Abre­de gestellt wor­den und der Vor­wurf der Markt­ma­ni­pu­la­ti­on zurück­ge­wie­sen wor­den. Zudem bestrei­ten die Beklag­ten einen ursäch­li­chen Zusam­men­hang zwi­schen den März-Pres­se­mit­tei­lun­gen und den Trans­ak­tio­nen des Klä­gers.

Nach Auf­fas­sung des Land­ge­richts Braun­schweig sei weder eine delikts­recht­li­che Haf­tung der Beklag­ten gemäß § 823 Abs. 2 BGB in Ver­bin­dung mit einem Schutz­ge­setz noch eine Haf­tung wegen vor­sätz­li­cher sit­ten­wid­ri­ger Schä­di­gung gemäß § 826 BGB gege­ben, selbst wenn die Por­sche Auto­mo­bil Hol­ding S.E. als „Fern­ziel” eine 75-pro­zen­ti­ge Betei­li­gung län­ger­fris­tig ange­strebt hät­te.

Das in § 20 a WpHG gere­gel­te Ver­bot der Markt­ma­ni­pu­la­ti­on stel­le nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs kein Schutz­ge­setz im Sin­ne des § 823 Abs. 2 BGB dar. Eine ana­lo­ge Anwen­dung des § 37 c WpHG (Scha­dens­er­satz wegen Ver­öf­fent­li­chung unwah­rer Insi­der­infor­ma­tio­nen) kom­me nicht in Betracht, weil die­se Vor­schrift sich ledig­lich auf die Ver­öf­fent­li­chungs­pflicht des Emit­ten­ten gemäß § 15 WpHG bezie­he, nicht aber auf ande­re Markt­teil­neh­mer.

Eine Scha­dens­er­satz­pflicht der Beklag­ten gem. § 823 Abs.2 BGB unter dem Gesichts­punkt eines Betru­ges kom­me man­gels „Stoff­gleich­heit” nicht in Betracht. Es gebe kei­ne Anhalts­punk­te dafür, dass die Por­sche Auto­mo­bil Hol­ding S.E. zu der Zeit als der Klä­ger sei­ne Opti­ons­ge­schäf­te getä­tigt habe, eben­falls Opti­ons­ge­schäf­te vor­ge­nom­men habe und inso­weit Ver­trags­part­ner des Klä­gers gewe­sen sei. Daher bestehe kein unmit­tel­ba­rer Zusam­men­hang zwi­schen dem angeb­li­chen Scha­den des Klä­gers und even­tu­ell erziel­ten Gewin­nen der Por­sche Auto­mo­bil Hol­ding S.E. bei dem Han­del mit Optio­nen von VW-Stamm­ak­ti­en.

Die Haf­tung gemäß § 826 BGB wegen einer vor­sätz­lich sit­ten­wid­ri­gen Schä­di­gung ver­neint das Land­ge­richt unter Hin­weis auf das Feh­len eines sit­ten­wid­ri­gen Han­delns der Beklag­ten. Die Pres­se­mit­tei­lun­gen der Por­sche Auto­mo­bil Hol­ding S.E. vom 03. und 10. März 2008 sei­en unter Berück­sich­ti­gung der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs und der Gesamt­wür­di­gung der zugrun­de lie­gen­den Umstän­de nicht als sit­ten­wid­rig anzu­se­hen. Anders als in den vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fäl­len gehe es hier nicht dar­um, dass ein Anle­ger gegen einen Emit­ten­ten wegen einer fal­schen Infor­ma­ti­on kla­ge. Denn die Por­sche Auto­mo­bil Hol­ding S.E. sei nicht Emit­tent der VW-Akti­en, son­dern – wie der Klä­ger – Markt­teil­neh­mer.

Im Übri­gen stellt das Land­ge­richt dar­auf ab, dass die Mit­tei­lun­gen vom 03. März und 10. März 2008 ihrem Inhalt nach nicht grob falsch gewe­sen sei­en. Die Mit­tei­lung, „der Auf­sichts­rat habe grü­nes Licht für die Erhö­hung der Betei­li­gung an der Volks­wa­gen AG auf über 50 Pro­zent gege­ben”, sei nicht unrich­tig gewe­sen, son­dern habe der Beschluss­la­ge der Por­sche Auto­mo­bil Hol­ding S.E. ent­spro­chen. Die wei­te­re Mit­tei­lung, „eine Fusi­on sei nicht geplant”, las­se meh­re­re Inter­pre­ta­ti­ons­mög­lich­kei­ten zu und sei daher nicht grob falsch. Auch die Mit­tei­lung vom 10. März 2008 (Demen­ti der Absicht, den VW-Anteil auf 75 Pro­zent auf­zu­sto­cken) sei bezo­gen auf den Zeit­punkt der Mit­tei­lung (10.03.2008) nicht falsch oder grob falsch gewe­sen. Zu die­sem Zeit­punkt habe es kei­nen Beschluss der Por­sche Auto­mo­bil Hol­ding S.E. gege­ben, eine Betei­li­gung von 75 Pro­zent bei der Volks­wa­gen AG zu erwer­ben. Außer­dem sei nach dem Wort­laut der Pres­se­mit­tei­lung eine ent­spre­chen­de Stra­te­gie­pla­nung (gerich­tet auf eine 75-pro­zen­ti­ge Betei­li­gung) nicht kate­go­risch aus­ge­schlos­sen gewe­sen. Fer­ner sieht die Kam­mer kei­nen Ursa­chen­zu­sam­men­hang zwi­schen den Pres­se­mit­tei­lun­gen und der Ent­schei­dung des Klä­gers, die Opti­ons­ge­schäf­te zu täti­gen. Auf­grund der Anga­ben des Klä­gers im Rah­men der münd­li­chen Ver­hand­lung am 27.06.2012 und des zeit­li­chen Ablaufs der Trans­ak­tio­nen (ers­te Trans­ak­ti­on Mit­te April 2008) sei anzu­neh­men, dass der Klä­ger sei­ne Opti­ons­stra­te­gie an den Mei­nun­gen der Ana­lys­ten aus­ge­rich­tet habe und nicht an den Pres­se­mit­tei­lun­gen. Vor dem Hin­ter­grund, dass bereits kei­ne Scha­dens­er­satz­pflicht der Por­sche Auto­mo­bil Hol­ding S.E. bestehe, haf­te auch die beklag­te Bank nicht im Sin­ne eines Mit­tä­ters.

Die Kla­ge der Anla­ge­ge­sell­schaft

Die Anla­ge­ge­sell­schaft1 hat­te ihre Kla­ge damit begrün­det, dass die Pres­se­mit­tei­lun­gen der Beklag­ten im Zusam­men­hang mit der Fra­ge der even­tu­el­len­Über­nah­me der Volks­wa­gen AG im März 2008 und Okto­ber 2008 falsch gewe­sen sei­en und der Markt­ma­ni­pu­la­ti­on gedient hät­ten. Die Pres­se­mit­tei­lung der Beklag­ten im Okto­ber 2008 über eine geplan­te Über­nah­me der Volks­wa­gen AG sei unrich­tig gewe­sen, da zu die­sem Zeit­punkt eine Über­nah­me nicht mehr beab­sich­tigt gewe­sen sei. Die feh­ler­haf­te Pres­se­mit­tei­lung habe zu Markt­ver­wer­fun­gen an der Bör­se geführt und auf­grund des­sen habe die Klä­ge­rin bei Akti­en­ge­schäf­ten einen Scha­den in Höhe von 1.570.151,00 € erlit­ten.

Das beklag­te Unter­neh­men trat dem Vor­wurf der inhalt­li­chen Unrich­tig­keit der Pres­se­mit­tei­lun­gen und der Markt­ma­ni­pu­la­ti­on ent­ge­gen. Im Übri­gen bestün­de zwi­schen den zahl­rei­chen Akti­en­trans­ak­tio­nen der Klä­ge­rin am 27.10.2008 und der angeb­lich fal­schen Pres­se­mit­tei­lung vom 26.10.2008 kein Ursa­chen­zu­sam­men­hang. Fer­ner stellt die Beklag­te in Abre­de, dass der Klä­ge­rin bei den Akti­en­ge­schäf­ten ein Scha­den ent­stan­den sei.

Nach Auf­fas­sung des Land­ge­richts Braun­schweig sei weder eine delikts­recht­li­che Haf­tung der Beklag­ten gemäß § 823 Abs. 2 BGB in Ver­bin­dung mit einem Schutz­ge­setz noch eine Haf­tung wegen vor­sätz­li­cher sit­ten­wid­ri­ger Schä­di­gung gemäß § 826 BGB gege­ben sei. Das in § 20 a WpHG gere­gel­te Ver­bot der Markt­ma­ni­pu­la­ti­on stel­le nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs kein Schutz­ge­setz im Sin­ne des § 823 Abs. 2 BGB dar. Eine ana­lo­ge Anwen­dung des § 37 c WpHG (Scha­dens­er­satz wegen Ver­öf­fent­li­chung unwah­rer Insi­der­infor­ma­tio­nen) kom­me nicht in Betracht, weil die­se Vor­schrif­ten sich ledig­lich auf die Ver­öf­fent­li­chungs­pflicht des Emit­ten­ten gemäß § 15 WpHG bezie­he, nicht aber auf ande­re Markt­teil­neh­mer.

Eine Haf­tung gemäß § 823 Abs.2 BGB in Ver­bin­dung mit § 263 StGB lehnt das Land­ge­richt Braun­schweig bereits unter Hin­weis dar­auf ab, dass auf­grund des Markt­ver­hal­tens der Klä­ge­rin und der Anga­ben des Geschäfts­füh­rers in der münd­li­chen Ver­hand­lung nicht davon aus­zu­ge­hen sei, dass die Pres­ser­klä­rung vom 26.10.2008 für die Akti­en­ge­schäf­te der Klä­ge­rin kau­sal gewor­den sei. Denn die Klä­ge­rin habe am sel­ben Han­dels­tag eine Viel­zahl von Kauf­ent­schei­dun­gen (136) als auch Ver­kaufs­ent­schei­dun­gen (69) getrof­fen. Das las­se den Schluss zu, dass die Anla­ge­stra­te­gie davon geprägt gewe­sen sei, die bestehen­den Markt­ver­wer­fun­gen aus­zu­nut­zen. Auf­grund der Über­schrei­tung bestimm­ter Schwel­len­wer­te sei­en Kauf- bzw. Ver­kaufs­im­pul­se aus­ge­löst wor­den.

Eine Haf­tung gemäß § 826 BGB wegen vor­sätz­li­cher sit­ten­wid­ri­ger Schä­di­gung wird ver­neint, da es der Klä­ge­rin nicht gelun­gen sei, den nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs erfor­der­lich Kau­sa­li­täts­nach­weis zwi­schen der Pres­se­er­klä­rung und dem Markt­ver­hal­ten der Klä­ge­rin zu erbrin­gen. Die Kauf- und Ver­kaufs­ent­schei­dun­gen sei­en auf den Kurs­ver­lauf der VW-Stamm­ak­tie zurück­zu­füh­ren gewe­sen, nicht auf die Pres­se­er­klä­rung.

Land­ge­richt Braun­schweig, Urtei­le vom 19. Sep­tem­ber 2012 – 5 O 1110/​11 und 5 O 2894/​11

  1. BGH – 5 O 2894/​11