Miß­bräuch­li­che Klau­seln in Fremd­wäh­rungs­dar­le­hen

In Dar­le­hens­ver­trä­gen, die an eine Fremd­wäh­rung gekop­pelt sind, dür­fen die miss­bräuch­li­chen Klau­seln über die Wech­sel­kurs­dif­fe­renz nicht durch all­ge­mei­ne Bestim­mun­gen des natio­na­len Zivil­rechts ersetzt wer­den.

Miß­bräuch­li­che Klau­seln in Fremd­wäh­rungs­dar­le­hen

Kann sich nach Weg­fall der miss­bräuch­li­chen Klau­seln der Haupt­ge­gen­stand die­ser Ver­trä­ge der­ge­stalt ändern, dass sie nicht mehr an die Fremd­wäh­rung gekop­pelt wären, gleich­zei­tig aber an einen auf dem Zins­satz die­ser Wäh­rung basie­ren­den Zins­satz gebun­den blie­ben, steht das Uni­ons­recht der Fest­stel­lung der Unwirk­sam­keit die­ser Ver­trä­ge nicht ent­ge­gen.

Dies ent­schied jetzt der Gerichts­hof für einen in Polen abge­schlos­se­nes Fremd­wäh­rungs­dar­le­hen: Im Jahr 2008 schlos­sen die bei­den Kre­dit­neh­mer, Herr Kamil Dzi­ubak und Frau Jus­ty­na Dzi­ubak, mit der Raiff­ei­sen­bank einen Hypo­the­ken­dar­le­hens­ver­trag, der auf pol­ni­sche Zlo­ty (PLN) lau­te­te, aber an den Schwei­zer Fran­ken (CHF) gebun­den war. Wäh­rend also die Kre­dit­mit­tel in PLN aus­ge­zahlt wur­den, waren der Soll­sal­do und die monat­li­chen Rück­zah­lungs­ra­ten in CHF ange­ge­ben, wobei Letz­te­re jedoch vom Bank­kon­to der Kre­dit­neh­mer in PLN abge­bucht wer­den soll­ten. Bei der Aus­zah­lung des Dar­le­hens wur­de der in CHF ange­ge­be­ne Soll­sal­do auf der Grund­la­ge des bei Raiff­ei­sen am Tag der Aus­zah­lung gel­ten­den Ankaufs­kur­ses PLN-CHF ermit­telt, wäh­rend die monat­li­chen Dar­le­hens­ra­ten je nach dem bei die­ser Bank zum jewei­li­gen Fäl­lig­keits­zeit­punkt gel­ten­den PLN-CHF-Ver­kaufs­kurs berech­net wur­den. Da die Kre­dit­neh­mer einen an CHF gekop­pel­ten Dar­le­hens­ver­trag geschlos­sen hat­ten, kamen sie in den Genuss eines auf dem Zins­satz die­ser Wäh­rung basie­ren­den Zins­sat­zes, der nied­ri­ger war als der für PLN gel­ten­de Zins­satz, waren aber dem Wech­sel­ri­si­ko aus­ge­setzt, das sich aus der Fluk­tua­ti­on des Wech­sel­kur­ses PLN-CHF ergab.

Die Kre­dit­neh­mer erho­ben beim Sad Okre­go­wy w Wars­za­wie (Bezirks­ge­richt War­schau, Polen) Kla­ge, um die Nich­tig­keit des in Rede ste­hen­den Dar­le­hens­ver­trags fest­stel­len zu las­sen, weil die Ver­trags­klau­seln über die Anwen­dung einer Wech­sel­kurs­dif­fe­renz, die dar­in bestehe, dass für die Aus­zah­lung der Mit­tel auf den Ankaufs­kurs und für die Rück­zah­lun­gen auf den Ver­kaufs­kurs zurück­ge­grif­fen wer­de, rechts­wid­ri­ge miss­bräuch­li­che Klau­seln dar­stell­ten, die für sie nach der Richt­li­nie 93/​13/​EWG des Rates vom 5. April 1993 über miss­bräuch­li­che Klau­seln in Ver­brau­cher­ver­trä­gen 1 unver­bind­lich sei­en und deren Strei­chung zum Weg­fall des Ver­trags füh­re. Nach Ansicht der Kre­dit­neh­mer ist es näm­lich nach Weg­fall der strei­ti­gen Klau­seln unmög­lich, einen kor­rek­ten Wech­sel­kurs zu bestim­men, sodass der Ver­trag nicht bestehen blei­ben kön­ne. Dar­über hin­aus tra­gen sie vor, dass das Dar­le­hen, selbst wenn sich her­aus­stel­len soll­te, dass der Dar­le­hens­ver­trag ohne die­se Klau­seln als auf PLN lau­ten­der Dar­le­hens­ver­trag, der nicht mehr an CHF gekop­pelt wäre, erfüllt wer­den kön­ne, wei­ter­hin den an CHF gebun­de­nen güns­ti­ge­ren Zin­sen unter­lie­gen müs­se.

Unter Bezug­nah­me auf das Urteil "Kás­ler" 2, in dem der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on aus­ge­führt hat, dass das natio­na­le Gericht unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen eine miss­bräuch­li­che Klau­sel durch eine Bestim­mung des inner­staat­li­chen Rechts erset­zen darf, um das Gleich­ge­wicht zwi­schen den Ver­trags­par­tei­en wie­der­her­zu­stel­len und die Wirk­sam­keit des Ver­trags auf­recht­zu­er­hal­ten, fragt das pol­ni­sche Gericht den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on im Rah­men eines Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens, ob die miss­bräuch­li­chen Klau­seln nach ihrem Weg­fall durch all­ge­mei­ne Bestim­mun­gen des pol­ni­schen Rechts ersetzt wer­den dür­fen, die vor­se­hen, dass die in einem Ver­trag zum Aus­druck gebrach­ten Wir­kun­gen auch nach den Grund­sät­zen der Bil­lig­keit oder der Ver­kehrs­sit­te bestimmt wer­den kön­nen.

Das pol­ni­sche Gericht möch­te eben­falls wis­sen, ob ihm die Richt­li­nie gestat­tet, den Ver­trag für unwirk­sam zu erklä­ren, wenn die Auf­recht­erhal­tung des Ver­trags ohne die miss­bräuch­li­chen Klau­seln zur Fol­ge hät­te, sei­nen Haupt­ge­gen­stand der­ge­stalt zu ändern, dass die Zin­sen, obwohl das betref­fen­de Dar­le­hen nicht mehr an CHF gekop­pelt wäre, wei­ter­hin auf der Basis des für die­se Fremd­wäh­rung gel­ten­den Zins­sat­zes berech­net wür­den.

Mit sei­nem jetzt ver­kün­de­ten Urteil stellt der Uni­ons­ge­richts­hof zunächst fest, dass sich die im Urteil Kás­ler vor­ge­se­he­ne Befug­nis zur Erset­zung von Klau­seln auf dis­po­si­ti­ve Bestim­mun­gen des inner­staat­li­chen Rechts oder Vor­schrif­ten, die im Fal­le einer ent­spre­chen­den Ver­ein­ba­rung der Par­tei­en anwend­bar sind, beschränkt und ins­be­son­de­re auf der Prä­mis­se beruht, dass sol­che Bestim­mun­gen kei­ne miss­bräuch­li­chen Klau­seln ent­hal­ten.

Die­se Bestim­mun­gen sol­len näm­lich das Gleich­ge­wicht wider­spie­geln, das der natio­na­le Gesetz­ge­ber zwi­schen allen Rech­ten und Pflich­ten der Par­tei­en bestimm­ter Ver­trä­ge in Fäl­len her­stel­len woll­te, in denen die Par­tei­en ent­we­der nicht von einer vom natio­na­len Gesetz­ge­ber für die betref­fen­den Ver­trä­ge vor­ge­se­he­nen Stan­dard­re­gel abge­wi­chen sind oder aus­drück­lich für die Anwend­bar­keit einer vom natio­na­len Gesetz­ge­ber zu die­sem Zweck ein­ge­führ­ten Regel optiert haben. Die oben ange­führ­ten all­ge­mei­nen Bestim­mun­gen des pol­ni­schen Rechts schei­nen aber nicht Gegen­stand einer beson­de­ren Prü­fung durch den Gesetz­ge­ber im Hin­blick auf die Her­stel­lung die­ses Gleich­ge­wichts gewe­sen zu sein, so dass für die­se Vor­schrif­ten nicht die Ver­mu­tung gilt, dass sie nicht miss­bräuch­lich sind.

Daher geht der Uni­ons­ge­richts­hof davon aus, dass die­se Bestim­mun­gen nicht die Lücken eines Ver­trags schlie­ßen kön­nen, die durch den Weg­fall der dar­in ent­hal­te­nen miss­bräuch­li­chen Klau­seln ent­stan­den sind.

Da ja die Mög­lich­keit der Erset­zung der Klau­seln den effek­ti­ven Schutz des Ver­brau­chers gewähr­leis­ten soll, indem sei­ne tat­säch­li­chen und gegen­wär­ti­gen Inter­es­sen gegen mög­li­cher­wei­se nach­tei­li­ge Fol­gen, die sich aus der Fest­stel­lung der Unwirk­sam­keit des betref­fen­den Ver­trags als Gan­zes erge­ben könn­ten, geschützt wer­den, sind die­se Fol­gen anhand der zum Zeit­punkt des Rechts­streits über die Strei­chung der betref­fen­den miss­bräuch­li­chen Klau­seln bestehen­den oder vor­her­seh­ba­ren Umstän­de und nicht anhand der zum Zeit­punkt des Ver­trags­ab­schlus­ses bestehen­den Umstän­de zu beur­tei­len.

Der Uni­ons­ge­richts­hof weist sodann dar­auf hin, dass nach der Richt­li­nie ein Ver­trag ohne die zuvor in ihm ent­hal­te­nen miss­bräuch­li­chen Klau­seln für die Par­tei­en hin­sicht­lich sei­ner ande­ren Klau­seln bin­dend bleibt, sofern er ohne die weg­ge­fal­le­nen miss­bräuch­li­chen Klau­seln bestehen kann und ein sol­cher Fort­be­stand des Ver­trags im inner­staat­li­chen Recht recht­lich mög­lich ist. Inso­weit merkt der Gerichts­hof an, dass sich laut natio­na­lem Gericht nach dem blo­ßen Weg­fall der Klau­seln über die Wech­sel­kurs­dif­fe­renz durch die kumu­la­ti­ve Wir­kung der Ent­kopp­lung von CHF und der fort­ge­setz­ten Anwen­dung eines auf dem Zins­satz von CHF basie­ren­den Zins­sat­zes der Haupt­ge­gen­stand des Ver­trags sei­ner Art nach zu ändern scheint. Da eine sol­che Ände­rung im pol­ni­schen Recht aber offen­kun­dig recht­lich unmög­lich ist, steht die Richt­li­nie der Fest­stel­lung der Unwirk­sam­keit des strei­ti­gen Ver­trags durch das pol­ni­sche Gericht nicht ent­ge­gen.

In die­sem Punkt betont der Uni­ons­ge­richts­hof, dass die Nich­tig­erklä­rung der strei­ti­gen Klau­seln nicht nur zur Besei­ti­gung des Inde­xie­rungs­me­cha­nis­mus und der Wech­sel­kurs­dif­fe­renz, son­dern indi­rekt auch zum Weg­fall des Wech­sel­kurs­ri­si­kos füh­ren wür­de, das in unmit­tel­ba­rem Zusam­men­hang mit der Kopp­lung des Dar­le­hens an eine Wäh­rung steht. Der Gerichts­hof erin­nert dar­an, dass die Klau­seln über das Wech­sel­kurs­ri­si­ko aber den Haupt­ge­gen­stand eines an eine Fremd­wäh­rung gebun­de­nen Dar­le­hens­ver­trags defi­nie­ren, so dass jeden­falls unge­wiss ist, ob die Auf­recht­erhal­tung des betref­fen­den Dar­le­hens­ver­trags objek­tiv mög­lich ist.

Schließ­lich weist der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on dar­auf hin, dass das durch die Richt­li­nie geschaf­fe­ne Sys­tem zum Schutz vor miss­bräuch­li­chen Klau­seln, falls der Ver­brau­cher es vor­zieht, sich nicht dar­auf zu beru­fen, nicht zur Anwen­dung kommt. Inso­weit stellt er klar, dass der Ver­brau­cher sich auch wei­gern kön­nen muss, nach eben die­sem Sys­tem vor den nach­tei­li­gen Fol­gen, die sich aus der Fest­stel­lung der Unwirk­sam­keit des Ver­trags als Gan­zes erge­ben, geschützt zu wer­den, wenn er die­sen Schutz nicht in Anspruch neh­men möch­te.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on – Urteil vom 3. Okto­ber 2019 – C ‑260/​18

  1. ABl. 1993, L 95, S. 29[]
  2. EuGH, Urteil vom 30. April 2014, Kás­ler und Kás­ler­né Rábai – C‑26/​13[]