Mus­ter­ent­scheid im Kap­MuG-Ver­fah­ren gegen die Tele­kom

Das Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt am Main hat aktu­ell in dem Ver­fah­ren gegen die Deut­sche Tele­kom nach dem Kapi­tal­an­le­ger-Mus­ter­ver­fah­rens­ge­setz (Kap­MuG) einen Mus­ter­ent­scheid erlas­sen. Das OLG Frank­furt hat damit über die mit dem Vor­la­ge­be­schluss des Land­ge­richts Frank­furt am Main vom 11.7.2006 zur Ent­schei­dung bestimm­ten Tat­sa­chen- und Rechts­fra­gen ent­schie­den. Der Vor­la­ge­be­schluss war wäh­rend des seit 2008 beim OLG ver­han­del­ten Ver­fah­rens durch eine Rei­he von Ergän­zungs­be­schlüs­sen nach § 13 Kap­MuG erwei­tert wor­den.

Mus­ter­ent­scheid im Kap­MuG-Ver­fah­ren gegen die Tele­kom

Einen Feh­ler im Pro­spekt der Tele­kom anläss­lich des 3. Bör­sen­gangs (DT 3) hat das Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt am Main dabei nicht fest­ge­stellt. Die Haupt­as­pek­te, mit denen die Klä­ger Unrich­tig­kei­ten des Pro­spekts rüg­ten, waren:

  • der Erwerb des ame­ri­ka­ni­schen Mobil­funk­un­ter­neh­mens Voice­stream,
  • die Dar­stel­lung zu den Immo­bi­li­en der Tele­kom,
  • die Vor­gän­ge um die kon­zern­in­ter­ne Über­tra­gung der Akti­en an dem ame­ri­ka­ni­schen Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­un­ter­neh­men Sprint,
  • die Über­nah­me der Pro­spekt­haf­tung durch die Tele­kom und schließ­lich
  • das Bestehen einer sog. Even­tu­al­ver­bind­lich­keit (Ansprü­che von Anle­gern aus dem vor­he­ri­gen Bör­sen­gang).

Die Dar­stel­lung im Pro­spekt zu die­sen Punk­ten hat das Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt am Main im Ergeb­nis nicht bean­stan­det.

Bezüg­lich des Erwerbs der Antei­le an Voice­stream konn­te sich das OLG nach einer umfang­rei­chen Beweis­auf­nah­me, bei der 20 Zeu­gen – u.a. in den USA – ver­nom­men wur­den, nicht davon über­zeu­gen, dass der Erwerb schon zu einem Zeit­punkt fest­stand, als er in dem Pro­spekt oder einem Nach­trag noch hät­te kom­mu­ni­ziert wer­den müs­sen. Nach den Anga­ben der Zeu­gen, zu denen auch die ehe­ma­li­gen Vor­stands­vor­sit­zen­den der Tele­kom Dr. Ron Som­mer und Kai-Uwe Ricke gehör­ten, war erst Ende Juli 2000, mit­hin deut­lich nach der Erst­no­tiz am 19.6.2000, das Geschäft abschlie­ßend und ent­schei­dungs­reif ver­han­delt. In der Zeit vor­her hat­te die Tele­kom zunächst einen ande­ren Schwer­punkt gesetzt. Auch waren die ab Anfang Juli 2000 begin­nen­den Ver­hand­lun­gen stets vom Schei­tern bedroht, da ver­schie­de­ne Aspek­te der Über­nah­me erst zum Schluss geklärt wer­den konn­ten.

In der Bewer­tung der Immo­bi­li­en der Tele­kom sowie der ent­spre­chen­den Dar­stel­lung im Pro­spekt sah das Ober­lan­des­ge­richt gleich­falls kei­ne Unrich­tig­kei­ten. So ent­sprach die Bewer­tungs­me­tho­de, das sog. Clus­ter-Ver­fah­ren, bei dem nicht jede ein­zel­ne von meh­re­ren tau­send Immo­bi­li­en bewer­tet wur­de, son­dern die­se zu Bewer­tungs­ein­hei­ten zusam­men­ge­fasst wur­den, der dama­li­gen Geset­zes­la­ge. Auch die Anwen­dung die­ses Bewer­tungs­ver­fah­rens hat nach Ansicht des OLG zu kei­nen recht­lich rele­van­ten Abwei­chun­gen geführt, da eine gewis­se Spann­brei­te in der Wert­ermitt­lung – gera­de bei der Viel­falt der von der Tele­kom gehal­te­nen Immo­bi­li­en – unver­meid­lich und daher zuläs­sig sei. Auch über die Anwen­dung die­ses Ver­fah­rens habe im Pro­spekt nicht aus­drück­lich berich­tet wer­den müs­sen, da die Metho­de als sol­che gesetz­lich zuläs­sig gewe­sen sei und eine ent­spre­chen­de Infor­ma­ti­on für den Anle­ger mit kei­nem Wis­sens­ge­winn ver­bun­den gewe­sen wäre.

Die kon­zern­in­ter­ne Über­tra­gung der Antei­le an dem ame­ri­ka­ni­schen Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­un­ter­neh­men Sprint war nach Ansicht des OLG eben­falls in hin­rei­chen­der Deut­lich­keit im Pro­spekt erläu­tert. Unkla­re For­mu­lie­run­gen dazu an einer Stel­le wur­den an einer ande­ren Stel­le des Pro­spekts in aus­rei­chen­der Wei­se klar­ge­stellt. Auch die Bestim­mung des Werts der Akti­en, die die Aus­wei­sung eines höhe­ren Gewinns der Tele­kom ermög­lich­te, sei nicht zu bean­stan­den gewe­sen.

Soweit die Tele­kom in dem Pro­spekt die Haf­tung für Feh­ler des­sel­ben über­nom­men hat­te, hat sich das OLG mit der Fra­ge beschäf­tigt, ob dies einer beson­de­ren Erwäh­nung im Pro­spekt bedurft hät­te, und zwar im Hin­blick auf die Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs vom 31. Mai 2011 1, wonach die­se Über­nah­me ohne eine Kom­pen­sa­ti­on durch Bund bzw. Kre­dit­an­stalt für Wie­der­auf­bau als akti­en­recht­lich unzu­läs­sig ange­se­hen wur­de. Die­se Fra­ge hat das Ober­lan­des­ge­richt jedoch ver­neint, da sich aus dem Pro­spekt die­se Haf­tungs­über­nah­me erge­be und der Anle­ger nicht dar­über im Unkla­ren gelas­sen wer­de, dass die Tele­kom zunächst allein und in vol­lem Umfang haf­te. Ob ein Rück­griffs­an­spruch gegen Drit­te bestehe, sei dage­gen nicht in den Pro­spekt auf­zu­neh­men.

Die Rüge der Klä­ger, aus dem 2. Bör­sen­gang der Tele­kom mög­li­cher­wei­se bestehen­de Pro­spekt­haf­tungs­an­sprü­che hät­ten im Pro­spekt für den 3. Bör­sen­gang (DT 3) dar­ge­stellt wer­den müs­sen, hat das OLG eben­falls für nicht durch­grei­fend erach­tet. Inso­weit sei aus Rechts­grün­den eine ent­spre­chen­de Dar­stel­lung nicht gebo­ten, was auch für die Fra­ge gel­te, ob in dem Pro­spekt über kurz vor Erschei­nen des­sel­ben ein­ge­lei­te­te Ermitt­lungs­ver­fah­ren gegen Ver­ant­wort­li­che der Tele­kom hät­te berich­tet wer­den müs­sen.

Das Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt am Main hat sich schließ­lich auch mit der Fra­ge beschäf­tigt, ob gegen die Tele­kom aus einem delikts- oder straf­recht­lich rele­van­ten Ver­hal­ten Scha­dens­er­satz­an­sprü­che bestehen und dies ver­neint.

Neben die­sen Haupt­fra­gen waren nach dem Vor­la­ge­be­schluss auch diver­se Aspek­te zu Ver­jäh­rungs­fra­gen zu beant­wor­ten. Hier hat das OLG eine Rei­he von Fest­stel­lun­gen getrof­fen, die sich schwer­punkt­mä­ßig mit der Anru­fung der Öffent­li­chen Rechts­aus­kunfts- und Ver­gleichs­stel­le Ham­burg (ÖRA) befas­sen. Dort haben eine Viel­zahl von Anle­gern zur Hem­mung der Ver­jäh­rung ihrer Scha­dens­er­satz­an­sprü­che ent­spre­chen­de Schlich­tungs­an­trä­ge gestellt, was das Gericht nicht per se als rechts­miss­bräuch­lich bewer­tet hat, auch wenn es durch die gro­ße Anzahl der Anträ­ge zu einer fak­ti­schen Blo­cka­de der ÖRA gekom­men ist.

Wei­te­re Fra­gen, die vom OLG eben­falls ent­schie­den wur­den, betra­fen die Wir­kung der Wer­be­maß­nah­men der Tele­kom für die Aktie und deren Aus­wir­kung auf den
Ver­ständ­nis­ho­ri­zont des Anle­gers bezüg­lich des Pro­spektin­halts. Das OLG hat hier sei­ne Ent­schei­dung aus­drück­lich auf das Jahr des Bör­sen­gangs (2000) bezo­gen und auf einen Anle­ger abge­stellt, der Bilanz­kennt­nis­se hat.

Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt am Main, Mus­ter­ent­scheid vom 16. Mai 2012 – 23 Kap 1/​06

  1. BGH, Urteil vom 31.5.2011, II ZR 141/​09[]