Namens­schuld­ver­schrei­bung – und die vor­be­hal­te­nen Ände­rungs­mög­lich­kei­ten der Emis­si­ons­be­din­gun­gen

Dem Trans­pa­renz­ge­bot ist nicht genügt, wenn bei Aus­ga­be einer Namens­schuld­ver­schrei­bung eine Klau­sel ohne jede Beschrän­kung Beschluss­fas­sun­gen der Gläu­bi­ger über Rech­te und Pflich­ten der Anle­ger gestat­tet.

Namens­schuld­ver­schrei­bung – und die vor­be­hal­te­nen Ände­rungs­mög­lich­kei­ten der Emis­si­ons­be­din­gun­gen

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall hat der Anle­ger aus­weis­lich des Zeich­nungs­scheins jeweils eine „Namens­schuld­ver­schrei­bung im Sin­ne des § 1 Abs. 2 Nr. 5 Ver­mAnlG ohne Ver­brie­fung“ über­nom­men. Infol­ge der Ver­wei­sung auf § 1 Abs. 2 Nr. 5 Ver­mAnlG in der maß­geb­li­chen Fas­sung vom 06.12 2011 han­delt es sich um eine Ver­mö­gens­an­la­ge in der Form einer Schuld­ver­schrei­bung, nicht etwa um ein Nach­rang­dar­le­hen. Die Rück­zah­lungs­vor­aus­set­zun­gen waren nach Been­di­gung der Lauf­zeit für drei Namens­schuld­ver­schrei­bun­gen erfüllt.

Der Anspruch des Anle­gers auf Rück­zah­lung des Kapi­tals wur­de im vor­lie­gen­den Streit­fall nicht durch den Beschluss der Anle­ger­ver­samm­lung wirk­sam dahin abbe­dun­gen, dass die Emit­ten­tin vor­zei­tig Anlei­he­ka­pi­tal und Zin­sen durch Über­tra­gung bestimm­ter Akti­en til­gen kann.

Die Vor­schrift des § 5 SchVG bil­det kei­ne Rechts­grund­la­ge für die in § 18 der Anlei­he­be­din­gun­gen vor­ge­se­he­ne Befug­nis, Rech­te und Pflich­ten der Anle­ger durch Beschluss der Anle­ger­ver­samm­lung zu modi­fi­zie­ren. Das Schuld­ver­schrei­bungs­ge­setz ist man­gels einer Ver­brie­fung nicht anwend­bar.

Gemäß § 1 Abs. 1 SchVG gilt das Schuld­ver­schrei­bungs­ge­setz für nach deut­schem Recht bege­be­ne inhalts­glei­che Schuld­ver­schrei­bun­gen aus Gesamt­emis­sio­nen. Hier­bei muss es sich um Schuld­ver­schrei­bun­gen im Sin­ne der §§ 793 ff BGB han­deln. Erfor­der­lich ist also stets eine vom Ver­pflich­te­ten aus­ge­stell­te Urkun­de, in der er dem Inha­ber der Urkun­de eine Leis­tung ver­spricht (§ 793 Abs. 1 Satz 1 BGB). Wie § 2 SchVG zeigt, kommt ohne Ver­brie­fung der For­de­rung kei­ne Anwen­dung des Schuld­ver­schrei­bungs­ge­set­zes in Betracht. Ent­schei­dend ist daher die Ver­brie­fung; gleich­gül­tig ist ledig­lich die Art der Ver­brie­fung etwa in einer Sam­mel­ur­kun­de oder in Ein­zel­ur­kun­den [1].

Im hier ent­schie­de­nen Streit­fall fehlt es hin­sicht­lich der von dem Anle­ger erwor­be­nen Schuld­ver­schrei­bun­gen an der not­wen­di­gen Ver­brie­fung. Die For­de­run­gen erge­ben sich aus­schließ­lich aus den per­sön­li­chen Ansprü­chen des Anle­gers [2]. Eine ent­spre­chen­de Anwen­dung des Schuld­ver­schrei­bungs­ge­set­zes schei­det aus, weil die Rege­lun­gen auf der hier feh­len­den Ver­kehrsfä­hig­keit der Betei­li­gung beru­hen [3].

Eine Ver­wei­sung der Anlei­he­be­din­gun­gen auf das Schuld­ver­schrei­bungs­ge­setz ist im vor­lie­gen­den Fall nicht erfolgt. Bei die­ser Sach­la­ge kann für den Bun­des­ge­richts­hof dahin­ge­stellt blei­ben, ob die Bestim­mun­gen des Schuld­ver­schrei­bungs­ge­set­zes mit Hil­fe einer Ver­wei­sung für anwend­bar erklärt wer­den könn­ten.

Anlei­he­be­din­gun­gen sind als all­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen anzu­se­hen. Sie unter­lie­gen einer Inhalts­kon­trol­le. Zwar fin­det gemäß § 310 Abs. 4 BGB eine Prü­fung nach Maß­ga­be der §§ 305 ff BGB bei Ver­trä­gen auf dem Gebiet des Gesell­schafts­rechts nicht statt. Davon wer­den jedoch Ver­trä­ge über die Gewäh­rung von Schuld­ver­schrei­bun­gen nicht umfasst, weil sie kei­ne gesell­schafts­recht­lich gepräg­ten Mit­glied­schafts­rech­te sind, son­dern sich in einem bestimm­ten geld­wer­ten Anspruch erschöp­fen und dar­in ihr Cha­rak­ter als schuld­recht­li­ches Gläu­bi­ger­recht zum Aus­druck kommt [4].

Die Bedin­gun­gen der Namens­schuld­ver­schrei­bun­gen unter­lie­gen als All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen einer gericht­li­chen Inhalts­kon­trol­le [5]. § 18 der Anlei­he­be­din­gun­gen ver­stößt jeden­falls gegen das Trans­pa­renz­ge­bot des § 307 Abs. 1 Satz 2 BGB.

Nach die­ser Vor­schrift kann sich eine unan­ge­mes­se­ne Benach­tei­li­gung des Ver­trags­part­ners, die gemäß § 307 Abs. 1 Satz 1 BGB die Unwirk­sam­keit der betref­fen­den Bestim­mung zur Fol­ge hat, auch dar­aus erge­ben, dass die­se nicht klar und ver­ständ­lich ist. Das Trans­pa­renz­ge­bot ver­pflich­tet den Ver­wen­der All­ge­mei­ner Geschäfts­be­din­gun­gen, Rech­te und Pflich­ten sei­ner Ver­trags­part­ner mög­lichst klar und durch­schau­bar dar­zu­stel­len. Der Ver­wen­der muss folg­lich einer­seits die tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen und Rechts­fol­gen so genau beschrei­ben, dass für ihn kei­ne unge­recht­fer­tig­ten Beur­tei­lungs­spiel­räu­me ent­ste­hen. Der Ver­trags­part­ner soll ande­rer­seits ohne frem­de Hil­fe mög­lichst klar und ein­fach sei­ne Rech­te fest­stel­len kön­nen, damit er nicht von deren Durch­set­zung abge­hal­ten wird. Dies gilt auch für die Bestim­mun­gen zu den Haupt­leis­tungs­pflich­ten (§ 307 Abs. 3 Satz 2 BGB; BGH, Urteil vom 06.12 2018 – IX ZR 143/​17, BGHZ 220, 280 Rn. 35 mwN). Die Klau­sel muss zudem die wirt­schaft­li­chen Nach­tei­le und Belas­tun­gen für einen durch­schnitt­li­chen Ver­trags­part­ner soweit erken­nen las­sen, wie dies nach den Umstän­den gefor­dert wer­den kann. Abzu­stel­len ist dabei auf die Erwar­tun­gen und Erkennt­nis­mög­lich­kei­ten eines typi­schen Ver­trags­part­ners bei Ver­trä­gen der gere­gel­ten Art [6].

Die­sen Anfor­de­run­gen wird eine Klau­sel Anlei­he­be­din­gun­gen nicht gerecht, die ledig­lich vor­sieht, dass die Anle­ger­ver­samm­lung Beschlüs­se „um Rech­te und Pflich­ten“ der Anle­ger tref­fen kann. Der Begriff der Rech­te und Pflich­ten ent­behrt jeder Kon­kre­ti­sie­rung. Der Anle­ger muss sich wenigs­tens ein gro­bes Bild davon machen kön­nen, wel­che Belas­tun­gen auf ihn zukom­men [7]. Dar­an fehlt es im Streit­fall. Wür­de die Rege­lung des § 18 der Anlei­he­be­din­gun­gen gebil­ligt, könn­te durch Beschluss der Anle­ger­ver­samm­lung nach Belie­ben in die Rechts­po­si­ti­on der Anlei­he­gläu­bi­ger ein­ge­grif­fen wer­den. Eine Ände­rung des Äqui­va­lenz­ver­hält­nis­ses zwi­schen den bei­der­sei­ti­gen Leis­tun­gen muss für den Anle­ger erkenn­bar und kal­ku­lier­bar sein. Ein mehr oder weni­ger schran­ken­lo­ses Ermes­sen ist mit dem Trans­pa­renz­ge­bot unver­ein­bar [8]. Dabei fällt zusätz­lich ins Gewicht, dass nicht erschie­ne­ne Anle­ger in der Anle­ger­ver­samm­lung durch die von der Emit­ten­tin bestimm­te und nur kraft der vor­for­mu­lier­ten Anlei­he­be­din­gun­gen bevoll­mäch­tig­te Treu­hän­de­rin ver­tre­ten wer­den.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 16. Janu­ar 2020 – IX ZR 351/​18

  1. BGH, Urteil vom 22.03.2018 – IX ZR 99/​17, BGHZ 218, 183 Rn. 15[]
  2. vgl. BGH, aaO Rn. 16[]
  3. vgl. BGH, aaO Rn. 17 f[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 05.10.1992 – II ZR 172/​91, BGHZ 119, 305, 312[]
  5. vgl. BGH, aaO; Urteil vom 30.06.2009 – XI ZR 364/​08, WM 2009, 1500 Rn. 23[]
  6. BGH, Urteil vom 26.03.2019 – II ZR 413/​18, WM 2019, 915 Rn. 12 mwN[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 06.04.2005 XII ZR 158/​01, WM 2005, 2153, 2155[]
  8. Münch­Komm-BGB/­Wurm­nest, BGB, 8. Aufl., § 307 Rn. 61[]