Nicht erfüll­te Pro­gno­sen als Pro­spekt­feh­ler

Tritt eine im Pro­spekt pro­gnos­ti­zier­te Ent­wick­lung nicht ein (hier: Höhe der Net­to­durch­schnitts­ver­zin­sung), liegt dar­in nur dann ein haf­tungs­be­grün­den­der Pro­spekt­feh­ler, wenn die Pro­gno­se nicht durch sorg­fäl­tig ermit­tel­te Tat­sa­chen gestützt und – aus ex ante-Sicht – nicht ver­tret­bar ist. Der Anspruch­stel­ler genügt sei­ner Dar­le­gungs­last nicht, wenn er ledig­lich vor­trägt, dass die Pro­gno­se sich nicht erfüllt hat.

Nicht erfüll­te Pro­gno­sen als Pro­spekt­feh­ler

Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs muss einem Anle­ger für sei­ne Bei­tritts­ent­schei­dung ein rich­ti­ges Bild über das Betei­li­gungs­ob­jekt ver­mit­telt wer­den, d.h. er muss über alle Umstän­de, die für sei­ne Anla­ge­ent­schei­dung von wesent­li­cher Bedeu­tung sind oder sein kön­nen, ins­be­son­de­re über die mit der ange­bo­te­nen spe­zi­el­len Betei­li­gungs­form ver­bun­de­nen Nach­tei­le und Risi­ken zutref­fend, ver­ständ­lich und voll­stän­dig auf­ge­klärt wer­den 1. Dazu gehört eine Auf­klä­rung über Umstän­de, die den Ver­trags­zweck ver­ei­teln kön­nen 2. Ob ein Pro­spekt unrich­ti­ge oder unvoll­stän­di­ge Anga­ben ent­hält, ist nach dem Gesamt­bild zu beur­tei­len, das sich bei einer von dem Anle­ger zu erwar­ten­den sorg­fäl­ti­gen und ein­ge­hen­den Lek­tü­re des Pro­spekts ergibt 3.

Die Annah­me, in der Anga­be einer pro­gnos­ti­zier­ten Net­to­durch­schnitts­ver­zin­sung von 7 % lie­ge ein haf­tungs­be­grün­den­der Pro­spekt­man­gel, lässt sich nicht recht­fer­ti­gen.

Bei Pro­gno­sen han­delt es sich um zukunfts­be­zo­ge­ne Infor­ma­tio­nen. Grund­sätz­lich über­nimmt der Pro­spekt­her­aus­ge­ber kei­ne Gewähr dafür, dass die von ihm pro­gnos­ti­zier­te Ent­wick­lung auch tat­säch­lich ein­tritt. Das Risi­ko, dass sich eine auf­grund anle­ger- und objekt­ge­rech­ter Bera­tung getrof­fe­ne Anle­ger­ent­schei­dung im Nach­hin­ein als falsch her­aus­stellt, trägt viel­mehr der Anle­ger 4. Die Inter­es­sen des Anle­gers sind bereits dann hin­rei­chend gewahrt, wenn die Pro­gno­sen im Pro­spekt durch sorg­fäl­tig ermit­tel­te Tat­sa­chen gestützt und – aus ex ante­Sicht – ver­tret­bar sind. Pro­gno­sen sind hier­bei nach den bei der Pro­spek­ter­stel­lung gege­be­nen Ver­hält­nis­sen und unter Berück­sich­ti­gung der sich abzeich­nen­den Risi­ken zu erstel­len 5. Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs 6 ist dabei für eine Pro­gno­se, die – ins­be­son­de­re für einen Zeit­raum von 25 Jah­ren – mit erheb­li­chen Risi­ken ver­bun­den ist, von einem Pro­spekt­her­aus­ge­ber zu erwar­ten, dass er aus den Erfah­run­gen in der Ver­gan­gen­heit vor­sich­tig kal­ku­lie­rend auf die Zukunft schließt.

Dass sich die Pro­gno­se im hier vom Bun­des­ge­richs­hof ent­schie­de­nen Fall im Jah­re 1998 nicht erfüllt hat, reicht damit ersicht­lich zur Dar­le­gung und Fest­stel­lung eines Pro­gno­se­feh­lers im Zeit­punkt der Pro­spekt­her­aus­ga­be 1996 nicht aus. Fest­stel­lun­gen zu den bei der Pro­spekt­her­aus­ga­be gege­be­nen Ver­hält­nis­sen und aus der Ver­gan­gen­heit bestehen­den Erfah­run­gen mit einer durch­schnitt­li­chen Net­to­ver­zin­sung hat das Beru­fungs­ge­richt nicht getrof­fen.

Der Umstand, dass der Anle­ger im Pro­spekt nicht dar­auf hin­ge­wie­sen wor­den ist, dass das Wert­pa­pier­de­pot, das nach den Pro­spekt­an­ga­ben die Liqui­di­täts­rück­la­ge bil­den soll­te, an die dar­le­hens­ge­ben­de Bank ver­pfän­det wer­den soll­te, stellt dage­gen nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs einen haf­tungs­be­grün­den­den Pro­spekt­feh­ler dar.

Zwar trifft es zu, dass die Ver­pfän­dung eines Wert­pa­pier­de­pots (auch) bei der Gewäh­rung von Dar­le­hen ein durch­aus bank­üb­li­ches Siche­rungs­mit­tel ist. Hier wur­de dem Anle­ger jedoch durch die Anga­ben in der Ertrags/​Liquiditätsberechnung und den dazu gege­ben Erläu­te­run­gen der Ein­druck ver­mit­telt, der Fonds kön­ne jeder­zeit, wenn dies erfor­der­lich sein soll­te, auf das Wert­pa­pier­de­pot zurück­grei­fen und Papie­re dar­aus ver­äu­ßern, um die Liqui­di­tät des Fonds sicher­zu­stel­len. Ab dem Jahr 2002 soll­te sogar plan­mä­ßig auf das Wert­pa­pier­de­pot zuge­grif­fen wer­den, um die Aus­schüt­tun­gen an die Anle­ger leis­ten zu kön­nen: Nach der Ertrags/​Liquiditätsberechnung war ab dem Jahr 2002 davon aus­zu­ge­hen, dass die Ein­nah­men die Aus­ga­ben nicht mehr decken wür­den und die pro­gnos­ti­zier­ten Aus­schüt­tun­gen des­halb nur durch einen Rück­griff auf das Wert­pa­pier­de­pot gewähr­leis­tet waren. Infol­ge der Ver­pfän­dung des Depots war aber weder vor noch nach 2002 die Ver­äu­ße­rung der Wert­pa­pie­re zur Schlie­ßung einer uner­war­tet auf­tre­ten­den, rea­lis­ti­scher­wei­se bei einem sol­chen Inves­ti­ti­ons­vo­lu­men nie völ­lig aus­zu­schlie­ßen­den bzw. der (sogar) pro­gnos­ti­zier­ten Liqui­di­täts­lü­cke mög­lich. Die­se mit der Ver­pfän­dung ver­bun­de­ne Gefahr man­geln­der Liqui­di­tät des Fonds – und sei es nur bezüg­lich der Gewähr­leis­tung der Aus­schüt­tun­gen, die der Anle­ger regel­mä­ßig in sei­ne per­sön­li­che Finanz­pla­nung ein­be­zieht – ist ein den Ver­trags­zweck mög­li­cher­wei­se gefähr­den­der Umstand und damit für die Anla­ge­ent­schei­dung von wesent­li­cher Bedeu­tung.

Der fest­ge­stell­te Pro­spekt­feh­ler war für die Anla­ge­ent­schei­dung des Klä­gers ursäch­lich. Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ent­spricht es der Lebens­er­fah­rung, dass ein Pro­spekt­feh­ler für die Anla­ge­ent­schei­dung ursäch­lich gewor­den ist 7. Die­se Ver­mu­tung auf­klä­rungs­rich­ti­gen Ver­hal­tens sichert das Recht des Anle­gers, in eige­ner Ent­schei­dung und Abwä­gung des Für und Wider dar­über zu befin­den, ob er in ein bestimm­tes Pro­jekt inves­tie­ren will oder nicht 8. Bei einem Immo­bi­li­en­fonds, von dem der durch­schnitt­li­che Anle­ger Wert­hal­tig­keit erwar­tet, ist regel­mä­ßig davon aus­zu­ge­hen, dass er bei rich­ti­ger Auf­klä­rung über wich­ti­ge, die Wert­hal­tig­keit der Anla­ge (nega­tiv) beein­flus­sen­de Umstän­de dem Fonds nicht bei­getre­ten wäre, auch wenn er mit erheb­li­chen Steu­er­vor­tei­len gewor­ben wur­de 9. Eine Aus­nah­me von die­sem Grund­satz kommt allen­falls bei hoch­spe­ku­la­ti­ven Geschäf­ten in Betracht 10, zu denen die Betei­li­gung an einem Immo­bi­li­en­fonds grund­sätz­lich nicht gehört 11.

Das Ver­schul­den der Emit­ten­ten wird bei einer Haf­tung aus Ver­schul­den bei Ver­trags­schluss (§ 311 Abs. 2 BGB) nach § 280 Abs. 1 Satz 2 BGB ver­mu­tet.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 23. April 2012 – II ZR 75/​10

  1. BGH, Urteil vom 06.10.1980 – II ZR 60/​80, BGHZ 79, 337, 344; Urteil vom 07.04.2003 – II ZR 160/​02, WM 2003, 1086, 1088; Urteil vom 07.12.2009 – II ZR 15/​08, ZIP 2010, 176 Rn. 18; Urteil vom 22.03.2010 – II ZR 66/​08, ZIP 2010, 1030 Rn. 9[]
  2. BGH, Urteil vom 06.10.1980 – II ZR 60/​80, BGHZ 79, 337, 344; Urteil vom 21.10.1991 – II ZR 204/​90, BGHZ 116, 7, 12; Urteil vom 10.10.1994 – II ZR 95/​93, ZIP 1994, 1851, 1853; Urteil vom 07.04.2003 – II ZR 160/​02, WM 2003, 1086, 1088[]
  3. BGH, Urteil vom 12.07.1982 – II ZR 175/​81, ZIP 1982, 923, 924; Urteil vom 28.02.2008 – III ZR 149/​07, VuR 2008, 178 Rn. 8 m.w.N.[]
  4. BGH, Urteil vom 27.10.2009 – XI ZR 337/​08, ZIP 2009, 2377 Rn.19; Urteil vom 12.07.1982 – II ZR 175/​81, ZIP 1982, 923, 928[]
  5. BGH, Urteil vom 18.07.2008 – V ZR 71/​07, WM 2008, 1798 Rn. 11; Urteil vom 24.02.1992 – II ZR 89/​91, ZIP 1992, 836, 839 ff.[]
  6. sie­he nur BGH, Urteil vom 31.05.2010 – II ZR 30/​09, ZIP 2010, 1397 Rn. 11 ff.[]
  7. BGH, Urteil vom 06.10.1980 – II ZR 60/​80, BGHZ 79, 337, 346; Urteil vom 01.03.2004 – II ZR 88/​02, ZIP 2004, 1104, 1106; Urteil vom 02.06.2008 – II ZR 210/​06, BGHZ 177, 25 Rn.19; Urteil vom 03.12.2007 – II ZR 21/​06, ZIP 2008, 412 Rn. 16; Urteil vom 07.12.2009 – II ZR 15/​08, ZIP 2010, 176 Rn. 23[]
  8. BGH, Urteil vom 05.07.1993 – II ZR 194/​92, BGHZ 123, 106, 112 ff.; Urteil vom 02.03.2009 – II ZR 266/​07, ZIP 2009, 764 Rn. 6[]
  9. BGH, Urteil vom 02.03.2009 – II ZR 266/​07, ZIP 2009, 764 Rn. 6; Urteil vom 22.03.2010 – II ZR 66/​08, WM 2010, 972 Rn.19; Urteil vom 09.02.2006 – III ZR 20/​05, ZIP 2006, 568 Rn. 24[]
  10. BGH, Urteil vom 13.07.2008 – XI ZR 178/​03, BGHZ 160, 58, 66 f.; vgl. aber Urteil vom 12.05.2009 – XI ZR 586/​07, ZIP 2009, 1264 Rn. 22 zur grund­sätz­lich gel­ten­den Kau­sa­li­täts­ver­mu­tung[]
  11. BGH, Urteil vom 22.03.2010 – II ZR 66/​08, WM 2010, 972 Rn.19; Urteil vom 31.05.2010 – II ZR 30/​09, ZIP 2010, 1397 Rn. 18; Urteil vom 09.02.2006 – III ZR 20/​05, ZIP 2006, 568 Rn. 24[]