Pau­scha­le Über­zie­hungs­ge­büh­ren auf dem Giro­kon­to

Vor­for­mu­lier­te Bestim­mun­gen über ein pau­scha­les "Min­des­t­ent­gelt" für gedul­de­te Über­zie­hun­gen (§ 505 BGB) zwi­schen einer Bank oder Spar­kas­se und einem Ver­brau­cher sind unwirk­sam.

Pau­scha­le Über­zie­hungs­ge­büh­ren auf dem Giro­kon­to

Dies stell­te jetzt der Bun­des­ge­richts­hof in zwei die Deut­sche Bank und die Tar­go­bank betref­fen­den Ver­fah­ren fest.

In dem ers­ten Ver­fah­ren 1 ver­wen­de­te die Bank "Bedin­gun­gen für gedul­de­te Über­zie­hun­gen" mit fol­gen­den Bestim­mun­gen:

"

  1. Die Höhe des Soll­zins­sat­zes für gedul­de­te Über­zie­hun­gen, der ab dem Zeit­punkt der Über­zie­hung anfällt, beträgt 16,50 % p. a. (Stand August 2012). Die Soll­zin­sen für gedul­de­te Über­zie­hun­gen fal­len nicht an, soweit die­se die Kos­ten der gedul­de­ten Über­zie­hung (sie­he Nr. 8) nicht über­stei­gen.

(…)

  1. Die Kos­ten für gedul­de­te Über­zie­hun­gen, die ab dem Zeit­punkt der Über­zie­hung anfal­len, betra­gen 6,90 Euro (Stand August 2012) und wer­den im Fal­le einer gedul­de­ten Über­zie­hung ein­mal pro Rech­nungs­ab­schluss berech­net. Die Kos­ten für gedul­de­te Über­zie­hung fal­len jedoch nicht an, soweit die ange­fal­le­nen Soll­zin­sen für gedul­de­te Über­zie­hun­gen die­se Kos­ten über­stei­gen."

Hier­ge­gen wand­te sich ein Ver­brau­cher­schutz­ver­ein, der die Ansicht ver­trag, dass die Rege­lung unter Zif­fer 8 Satz 1 der Bedin­gun­gen Ver­brau­cher unan­ge­mes­sen im Sin­ne von § 307 Abs. 1, Abs. 2 Nr. 1 BGB benach­tei­ligt, und die Bank auf Unter­las­sung der Ver­wen­dung die­ser Klau­sel in Anspruch nahm.

Wäh­rend die Kla­ge in ers­ter Instanz vor dem Land­ge­richt Frank­furt am Main kei­nen Erfolg hat­te 2, hat ihr in der Beru­fungs­in­stanz das Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt am Main statt­ge­ge­ben 3.

Im zwei­ten Ver­fah­ren 4 begehrt der kla­gen­de Ver­brau­cher­schutz­ver­ein von der beklag­ten Geschäfts­bank die Unter­las­sung der Ver­wen­dung fol­gen­der Klau­sel:

"[Die Bank] berech­net für jeden Monat, in wel­chem es auf dem Kon­to zu einer gedul­de­ten Über­zie­hung kommt, ein Ent­gelt von 2,95 €, es sei denn, die ange­fal­le­nen Soll­zin­sen für gedul­de­te Über­zie­hun­gen über­stei­gen im Berech­nungs­mo­nat den Ent­gelt­be­trag von 2,95 €. Die ange­fal­le­nen Soll­zin­sen für gedul­de­te Über­zie­hun­gen wer­den nicht in Rech­nung gestellt, wenn sie im Berech­nungs­mo­nat den Ent­gelt­be­trag von 2,95 € unter­schrei­ten."

Die Kla­ge des Ver­brau­cher­schutz­ver­eins, der die Ansicht ver­trat, dass die Klau­sel wegen einer unan­ge­mes­se­nen Benach­tei­li­gung von Ver­brau­chern unwirk­sam sei, hat­te in den Vor­in­stan­zen weder vor dem Land­ge­richt Düs­sel­dorf 5 noch vor dem Ober­lan­des­ge­richt Düs­sel­dorf 6 Erfolg.

Der Bun­des­ge­richts­hof gab in bei­den Fäl­len dem kla­gen­den Ver­brau­cher­schutz­ver­ein Recht. Dem­ge­mäß hat er im ers­ten Ver­fah­ren die Revi­si­on der beklag­ten Bank gegen das Urteil des Ober­lan­des­ge­richts Frank­furt am Main zurück­ge­wie­sen und im zwei­ten Ver­fah­ren der Kla­ge unter Auf­he­bung der Düs­sel­dor­fer Vor­ent­schei­dun­gen statt­ge­ge­ben.

Die jeweils in Streit ste­hen­den Bestim­mun­gen über das pau­scha­le "Min­des­t­ent­gelt" für eine gedul­de­te Über­zie­hung unter­lie­gen als All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen der gericht­li­chen Inhalts­kon­trol­le gemäß § 307 Abs. 1 Satz 1, Abs. 2 Nr. 1 BGB und hal­ten die­ser nicht stand, weil sie von wesent­li­chen Grund­ge­dan­ken der gesetz­li­chen Rege­lung abwei­chen und die Kun­den der Ban­ken ent­ge­gen den Gebo­ten von Treu und Glau­ben unan­ge­mes­sen benach­tei­li­gen.

Die Klau­seln sind nicht als soge­nann­te Preis­haupt­re­de einer Inhalts­kon­trol­le gemäß § 307 Abs. 3 Satz 1 BGB ent­zo­gen. Viel­mehr han­delt es sich um Preis­ne­ben­ab­re­den, die einer Inhalts­kon­trol­le unter­lie­gen. Denn in den Fäl­len, in denen das Min­des­t­ent­gelt erho­ben wird, wird mit die­sem unab­hän­gig von der Lauf­zeit des Dar­le­hens ein Bear­bei­tungs­auf­wand der Bank auf den Kun­den abge­wälzt. Die ange­grif­fe­nen Klau­seln wei­chen damit von wesent­li­chen Grund­ge­dan­ken der gesetz­li­chen Rege­lung ab. Denn der Preis für eine gedul­de­te Über­zie­hung, bei der es sich um ein Ver­brau­cher­dar­le­hen han­delt, ist dem gesetz­li­chen Leit­bild des § 488 Abs. 1 Satz 2 BGB fol­gend ein Zins und damit allein eine lauf­zeit­ab­hän­gi­ge Ver­gü­tung der Kapi­tal­über­las­sung, in die der Auf­wand für die Bear­bei­tung ein­zu­prei­sen ist.

Die Klau­seln benach­tei­li­gen die Kun­den der Ban­ken auch in unan­ge­mes­se­ner Wei­se, zumal sie gera­de bei nied­ri­gen Über­zie­hungs­be­trä­gen und kur­zen Lauf­zei­ten zu unver­hält­nis­mä­ßi­gen Belas­tun­gen füh­ren. Denn bei einer gedul­de­ten Über­zie­hung von 10 € für einen Tag und dem hier­für in Rech­nung zu stel­len­den Betrag von 6,90 € in dem Ver­fah­ren XI ZR 9/​15 bzw. von 2,95 € in dem Ver­fah­ren XI ZR 387/​15 wäre ein Zins­satz von 25.185% p.a. bzw. von 10.767,5% p.a. zwi­schen den Par­tei­en zu ver­ein­ba­ren.

Bun­des­ge­richts­hof, Urtei­le vom 25. Okto­ber 2016 – XI ZR 9/​15 und XI ZR 387/​15

  1. BGH – XI ZR 9/​15[]
  2. LG Frank­furt a.M., Urteil vom 21.06.2013 – 12 O 345/​12[]
  3. OLG Frank­furt a.M., Urteil vom 04.12.2014 – 1 U 170/​13[]
  4. BGH – XI 387/​15[]
  5. LG Düs­sel­dorf, Urteil vom 09.04.2014 – 12 O 71/​13[]
  6. OLG Düs­sel­dorf, Urteil vom 16.07.2015 – 6 U 94/​14[]