Scha­dens­er­satz wegen Auf­klä­rungs­ver­schul­dens – und der wider­ru­fe­ne Finan­zie­rungs­ver­trag

Der Anspruch auf Scha­dens­er­satz wegen (vor)vertraglichen Auf­klä­rungs­ver­schul­dens und der Anspruch auf Rück­ab­wick­lung eines wider­ru­fe­nen Finan­zie­rungs­ver­trags bestehen neben­ein­an­der. Die Gel­tend­ma­chung des einen schließt die Gel­tend­ma­chung des ande­ren nicht aus. Davon zu tren­nen ist die Fra­ge, ob und inwie­weit sich die Gel­tend­ma­chung des einen Anspruchs auf den ande­ren und sei­nen Umfang aus­wirkt.

Scha­dens­er­satz wegen Auf­klä­rungs­ver­schul­dens – und der wider­ru­fe­ne Finan­zie­rungs­ver­trag

Ein sol­cher Scha­dens­er­satz­an­spruch ist daher nicht bereits des­halb aus­ge­schlos­sen, weil der Anle­ger auf­grund der Gel­tend­ma­chung des auf den Wider­ruf des Finan­zie­rungs­ver­trags gestütz­ten Rück­ab­wick­lungs­an­spruchs im Rah­men der Scha­dens­be­rech­nung nicht mehr die Über­tra­gung der Fonds­an­tei­le anbie­ten kann.

Bei dem auf einen Wider­ruf gestütz­ten Rück­ab­wick­lungs­an­spruch aus § 357 Abs. 1, § 346 Abs. 1, § 358 Abs. 2 BGB aF und dem mit einem oder meh­re­ren Auf­klä­rungs­feh­lern begrün­de­ten (vor-)vertraglichen Scha­dens­er­satz­an­spruch han­delt es sich mate­ri­ell­recht­lich um unab­hän­gig neben­ein­an­der ste­hen­de Ansprü­che. Dafür, dass die Gel­tend­ma­chung des einen Anspruchs die Gel­tend­ma­chung des ande­ren aus­schließt, fehlt es an einer ent­spre­chen­den gesetz­li­chen Rege­lung. Auch ande­re Grün­de sind dafür weder ersicht­lich noch von der Revi­si­ons­er­wi­de­rung vor­ge­bracht.

Die Gel­tend­ma­chung des Rück­ab­wick­lungs­an­spruchs schließt den Scha­dens­er­satz­an­spruch auch nicht inso­weit aus, als sie auf das­sel­be Anspruchs­ziel gerich­tet sind. Davon zu tren­nen ist aller­dings die Fra­ge, ob und inwie­weit sich die Gel­tend­ma­chung des einen Anspruchs auf den ande­ren und sei­nen Umfang aus­wirkt. Im Rah­men des (dane­ben) gel­tend gemach­ten Scha­dens­er­satz­an­spruchs ist der Wider­ruf des Finan­zie­rungs­ver­trags dahin zu berück­sich­ti­gen, dass der von dem geschä­dig­ten Anle­ger nach den Grund­sät­zen der Vor­teils­aus­glei­chung her­aus­zu­ge­ben­de Vor­teil nicht mehr in der Gesell­schafts­be­tei­li­gung als sol­cher, son­dern nur noch in den Rech­ten aus die­ser Betei­li­gung besteht 1. Das ent­spricht dem all­ge­mei­nen Grund­satz, dass sich das Gegen­recht des Schä­di­gers nur auf die Rechts­po­si­ti­on bezie­hen kann, die der geschä­dig­te Kapi­tal­an­le­ger auf­grund der Zeich­nung oder des Erwerbs der emp­foh­le­nen Kapi­tal­an­la­ge erwor­ben hat. Besteht die Kapi­tal­an­la­ge wie hier in der Rechts­po­si­ti­on als Treu­ge­ber­ge­sell­schaf­ter eines Fonds, genügt es nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs, wenn der Geschä­dig­te im Rah­men des gel­tend gemach­ten Scha­dens­er­satz­an­spruchs als Zug um Zug zu gewäh­ren­de Leis­tung die Abtre­tung sämt­li­cher Rech­te aus der Betei­li­gung bzw. dem Treu­hand­ver­trag anbie­tet 2.

In pro­zes­sua­ler Hin­sicht lie­gen unter­schied­li­che Streit­ge­gen­stän­de vor. Bei den bei­den Ansprü­chen han­delt es sich nicht ledig­lich um jeweils eine von meh­re­ren Grund­la­gen des­sel­ben pro­zes­sua­len Anspruchs.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs wird der Streit­ge­gen­stand durch den Kla­ge­an­trag, in dem sich die vom Anle­ger in Anspruch genom­me­ne Rechts­fol­ge kon­kre­ti­siert, und den Lebens­sach­ver­halt (Kla­ge­grund) bestimmt, aus dem der Anle­ger die begehr­te Rechts­fol­ge her­lei­tet. Zum Anspruchs­grund sind alle Tat­sa­chen zu rech­nen, die bei einer natür­li­chen; vom Stand­punkt der Par­tei­en aus­ge­hen­den, den Sach­ver­halt sei­nem Wesen nach erfas­sen­den Betrach­tungs­wei­se zu dem zur Ent­schei­dung gestell­ten Tat­sa­chen­kom­plex gehö­ren, den der Anle­ger zur Stüt­zung sei­nes Rechts­schutz­be­geh­rens dem Gericht vor­trägt 3. Eine Mehr­heit von Streit­ge­gen­stän­den liegt auch dann vor, wenn die mate­ri­ell­recht­li­che Rege­lung die zusam­men­tref­fen­den Ansprü­che durch eine Ver­selb­stän­di­gung der ein­zel­nen Lebens­vor­gän­ge erkenn­bar unter­schied­lich aus­ge­stal­tet 4.

Die Ein­heit­lich­keit des Kla­ge­ziels genügt nicht, um einen ein­heit­li­chen Streit­ge­gen­stand anzu­neh­men. Kann der Anle­ger die Kla­ge­sum­me nur ein­mal bean­spru­chen, liegt bei einer Mehr­heit von Streit­ge­gen­stän­den eine alter­na­ti­ve Kla­ge­häu­fung i.S.d. § 260 ZPO vor, bei der der Anle­ger aller­dings ange­ben muss, in wel­cher Rei­hen­fol­ge er sein Kla­ge­be­geh­ren im Hin­blick auf die ver­schie­de­nen Streit­ge­gen­stän­de stützt 5. Dies kann sich auch nur auf einen Teil des Kla­ge­ver­lan­gens bezie­hen 6 und noch im Lau­fe des Ver­fah­rens, und zwar auch noch in der Revi­si­ons­in­stanz nach­ge­holt wer­den 7.

Nach die­sen Grund­sät­zen ist das auf Rück­ab­wick­lung infol­ge Wider­rufs gestütz­te Begeh­ren mit dem Scha­dens­er­satz­an­spruch wegen unzu­rei­chen­der Auf­klä­rung nicht iden­tisch. Zwar haben sie in dem Abschluss des Finan­zie­rungs­ver­trags einen gemein­sa­men Tat­sa­chen­kern. Dar­in erschöpft sich aber auch die Gemein­sam­keit. Wäh­rend es für das Ent­ste­hen des Rück­ab­wick­lungs­an­spruchs aus § 357 Abs. 1, § 346 Abs. 1, § 358 Abs. 2 BGB aF auf die Ord­nungs­ge­mäß­heit der mög­li­cher­wei­se nach­ge­hol­ten Wider­rufs­be­leh­rung und vor allem auf den zeit­lich deut­lich spä­ter erklär­ten Wider­ruf ankommt, wird der im Zusam­men­hang mit dem Scha­dens­er­satz­an­spruch zur Ent­schei­dung gestell­te Lebens­vor­gang, unab­hän­gig von den kon­kret gel­tend gemach­ten Auf­klä­rungs­män­geln, durch die Gesamt­um­stän­de der Ver­trags­ver­hand­lun­gen gekenn­zeich­net und ist mit dem Zustan­de­kom­men des Finan­zie­rungs­ver­trags abge­schlos­sen.

Maß­geb­li­che Bedeu­tung kommt fer­ner dem Umstand zu, dass die mate­ri­ell­recht­li­chen Rege­lun­gen die zusam­men­tref­fen­den Ansprü­che durch eine Ver­selb­stän­di­gung der ein­zel­nen Lebens­vor­gän­ge erkenn­bar unter­schied­lich aus­ge­stal­ten. Dies betrifft wie bereits aus­ge­führt zum einen die Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen. Das gilt aber auch für die Rechts­fol­gen­sei­te. Wäh­rend der Anle­ger bei dem Wider­ruf eines ver­bun­de­nen Geschäfts gemäß § 357 Abs. 1, § 346 Abs. 1, § 358 Abs. 2 BGB aF grund­sätz­lich von dem Dar­le­hens­ge­ber Rück­erstat­tung aller von ihm auf das Dar­le­hen bereits erbrach­ten Leis­tun­gen ver­lan­gen kann, muss er die­sem im Gegen­zug ledig­lich sei­ne ihm aus der finan­zier­ten Fonds­be­tei­li­gung erwach­sen­den Rech­te abtre­ten 8. Dabei sind die sich aus dem Wider­ruf erge­ben­den Ver­pflich­tun­gen der Par­tei­en gemäß § 348 Satz 1 BGB Zug um Zug zu erfül­len und ist der Ein­wand nach § 348 Satz 2 i.V.m. §§ 320, 322 BGB im Pro­zess nur auf Ein­re­de zu berück­sich­ti­gen 9. Dage­gen umfasst der Scha­dens­er­satz­an­spruch wegen Auf­klä­rungs­pflicht­ver­let­zung auch wei­te­re Nach­tei­le, die der Anle­ger erlit­ten hat; den Vor­teil in Form einer Fonds­be­tei­li­gung hat er der Gegen­sei­te nach den Grund­sät­zen der Vor­teils­aus­glei­chung her­aus­zu­ge­ben, so dass er Scha­dens­er­satz nur Zug um Zug gegen Her­aus­ga­be die­ses Vor­teils ver­lan­gen kann, ohne dass es einer ent­spre­chen­den Ein­re­de des Schä­di­gers bedarf 10.

Soweit der Anle­ger bestim­men muss, in wel­cher Rei­hen­fol­ge er sein Kla­ge­be­geh­ren im Hin­blick auf die ver­schie­de­nen Streit­ge­gen­stän­de stützt, ist dies vor­lie­gend jeden­falls im Revi­si­ons­ver­fah­ren dadurch erfolgt, dass er – nach­dem zu sei­nen Guns­ten über den Rück­ab­wick­lungs­an­spruch rechts­kräf­tig erkannt wor­den ist – nur noch den Scha­dens­er­satz­an­spruch wei­ter­ver­folgt.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 5. Juli 2016 – XI ZR 254/​15

  1. st.Rspr.; vgl. BGH, Urtei­le vom 21.07.2003 – II ZR 387/​02, BGHZ 156, 46, 52 f.; vom 10.11.2009 – XI ZR 252/​08, BGHZ 183, 112 Rn. 49; und vom 01.03.2011 – II ZR 297/​08, WM 2011, 829 Rn.19 mwN[]
  2. vgl. nur BGH, Urteil vom 10.07.2012 – XI ZR 272/​10, WM 2012, 1589 Rn. 11 mwN[]
  3. st.Rspr.; vgl. nur BGH, Urtei­le vom 22.10.2013 – XI ZR 42/​12, BGHZ 198, 294 Rn. 15; und vom 03.03.2016 – IX ZB 33/​14, WM 2016, 792 Rn. 28, für BGHZ bestimmt, jeweils mwN[]
  4. vgl. BGH, Urtei­le vom 27.05.1993 – III ZR 59/​92, NJW 1993, 2173, in BGHZ 122, 363 nicht abge­druckt; vom 13.09.2012 – I ZR 230/​11, BGHZ 194, 314 Rn.19; und vom 03.03.2016 – IX ZB 33/​14, aaO, jeweils mwN[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 24.03.2011 – I ZR 108/​09, BGHZ 189, 56 Rn. 6 ff.[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 11.07.1996 – IX ZR 80/​95, WM 1996, 1507, 1508[]
  7. vgl. BGH, Beschluss vom 24.03.2011 – I ZR 108/​09, aaO Rn. 13 mwN[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 10.03.2009 – XI ZR 33/​08, BGHZ 180, 123 Rn.19 ff. mwN; BGH, Urteil vom 01.03.2011 – II ZR 297/​08, WM 2011, 829 Rn. 18[]
  9. vgl. BGH, Urtei­le vom 16.10.2009 – V ZR 203/​08, NJW 2010, 146 Rn.20 mwN; vom 03.03.2016 – IX ZR 132/​15, WM 2016, 620 Rn. 24, für BGHZ bestimmt[]
  10. vgl. BGH, Urtei­le vom 13.11.2012 – XI ZR 334/​11, WM 2013, 24 Rn. 21; und vom 23.06.2015 – XI ZR 536/​14, WM 2015, 1461 Rn. 22 mwN[]