Scha­dens­er­satz bei Kapi­tal­an­la­gen in Leh­man-Bro­ther-Zer­ti­fi­ka­ten

Der Bun­des­ge­richts­hof hat sich in zwei wei­te­ren Ver­fah­ren damit beschäf­tigt, ob eine bera­ten­de Bank im Zusam­men­hang mit der Emp­feh­lung von Zer­ti­fi­ka­ten der nie­der­län­di­schen Toch­ter­ge­sell­schaft Leh­man Bro­thers Tre­a­su­ry Co. B.V. (Emit­ten­tin) der US-ame­ri­ka­ni­schen Leh­man Bro­thers Hol­dings Inc. (Garan­tin) zur Zah­lung von Scha­dens­er­satz ver­pflich­tet ist. Im Mit­tel­punkt der aktu­el­len Ent­schei­dun­gen stand die – vom Bun­des­ge­richts­hof bejah­te – Fra­ge, ob eine bera­ten­de Bank beim Ver­trieb von „Garan­tie­zer­ti­fi­ka­ten“ über Son­der­kün­di­gungs­rech­te der Emit­ten­tin unge­fragt auf­zu­klä­ren hat.

Scha­dens­er­satz bei Kapi­tal­an­la­gen in Leh­man-Bro­ther-Zer­ti­fi­ka­ten

Im ers­ten jetzt ent­schie­de­nen Ver­fah­ren [1] erwarb der kla­gen­de Anle­ger im Novem­ber 2007 auf Emp­feh­lung eines Mit­ar­bei­ters der beklag­ten Bank 40 Stück des „Leh­man Bro­thers Garan­tie­zer­ti­fi­kats auf fünf Ban­ken­ti­tel“ zum Nenn­wert von 39.328 €. Im Mai 2008 erwarb er auf Emp­feh­lung des­sel­ben Mit­ar­bei­ters wei­te­re 100 Stück Leh­man-Zer­ti­fi­ka­te „LB 6 Jah­res Catch­Up Note auf sechs DAX-Wer­te“ zum Nenn­wert von 100.000 €. Im zwei­ten Ver­fah­ren [2] erwarb der Anle­ger im Mai 2008 auf Emp­feh­lung eines Mit­ar­bei­ters der­sel­ben beklag­ten Bank „Leh­man Bro­thers Akti­en Kupon Anlei­hen auf sechs DAX Wer­te“, d. h. soge­nann­te Bas­ket­zer­ti­fi­ka­te, zum Kurs­wert von 33.099 €. In dem zuge­hö­ri­gen Pro­dukt­fly­er heißt es u.a. „100% Kapi­tal­schutz am Lauf­zeit­ende“.

Den Zer­ti­fi­ka­ten lagen jeweils die Anlei­he­be­din­gun­gen der Emit­ten­tin zum Basis­pro­spekt vom 28. August 2007 zu Grun­de. Danach soll­te die Emit­ten­tin am Lauf­zeit­ende unab­hän­gig von der Ent­wick­lung der Basis­wer­te min­des­tens 100% des ein­ge­zahl­ten Kapi­tals an den Anle­ger zurück­zah­len. In den Anlei­he­be­din­gun­gen wird der Emit­ten­tin ein Son­der­kün­di­gungs­recht aus Grün­den eines Fusi­ons­er­eig­nis­ses, eines Über­nah­me­an­ge­bots, eines Delis­tings, einer Ver­staat­li­chung, einer Insol­venz der in den Zer­ti­fi­ka­ten in Bezug genom­me­nen Unter­neh­men oder wegen einer durch­ge­führ­ten oder geplan­ten Ver­än­de­rung steu­er­recht­li­cher Vor­schrif­ten ein­ge­räumt. In die­sen Fäl­len erhält der Anle­ger einen Rück­zah­lungs­be­trag, der von einer Berech­nungs­stel­le aus­ge­hend von dem markt­ge­rech­ten Wert der Zer­ti­fi­ka­te abzüg­lich ange­mes­se­ner Auf­wen­dun­gen und Kos­ten berech­net wird. Dabei wird in den Anlei­he­be­din­gun­gen aus­ge­führt, dass der vor­zei­ti­ge Rück­zah­lungs­be­trag mög­li­cher­wei­se unter dem Nenn­be­trag lie­gen oder sogar Null betra­gen kön­ne. Auf das Son­der­kün­di­gungs­recht der Emit­ten­tin und des­sen Rechts­fol­gen wur­den die Anle­ger von der Bank nicht hin­ge­wie­sen. Die Anlei­he­be­din­gun­gen wur­den ihnen eben­falls nicht über­ge­ben.

Nach der Insol­venz der Emit­ten­tin im Sep­tem­ber 2008 wur­den die Zer­ti­fi­ka­te weit­ge­hend wert­los.

Im ers­ten Ver­fah­ren [1] ver­langt der Anle­ger Rück­zah­lung des Anla­ge­be­tra­ges abzüg­lich erhal­te­ner Zah­lun­gen aus dem Insol­venz­ver­fah­ren in Höhe von 98.709,64 € nebst Zin­sen Zug um Zug gegen Über­tra­gung der Zer­ti­fi­ka­te, Zah­lung vor­ge­richt­li­cher Rechts­an­walts­kos­ten sowie die Fest­stel­lung, dass sich die Bank mit der Annah­me der Zer­ti­fi­ka­te in Ver­zug befin­det. Die Kla­ge hat­te in den Vor­in­stan­zen vor dem Land­ge­richt Ham­burg [3] und dem Han­sea­ti­schen Ober­lan­des­ge­richt Ham­burg [4] ganz über­wie­gend Erfolg.

Der im zwei­ten Ver­fah­ren [2] kla­gen­de Anle­ger begehrt die Rück­zah­lung des inves­tier­ten Kapi­tals in Höhe von 33.099 € sowie die Zah­lung vor­ge­richt­li­cher Rechts­an­walts­kos­ten. Das auch hier­mit erst­in­stanz­lich befass­te Land­ge­richt Ham­burg hat die Bank antrags­ge­mäß ver­ur­teilt [5]. Das Han­sea­ti­sche Ober­lan­des­ge­richt Ham­burg hat das Urteil dahin­ge­hend abge­än­dert, dass die Bank ledig­lich zur Zah­lung von 27.472,17 € Zug um Zug gegen Über­tra­gung der Zer­ti­fi­ka­te und der Ansprü­che des Anle­gers im Insol­venz­ver­fah­ren der Emit­ten­tin ver­pflich­tet ist [6]. Die wei­ter­ge­hen­de Kla­ge hat es mit der Begrün­dung abge­wie­sen, dass der Anle­ger gegen sei­ne Scha­dens­min­de­rungs­pflicht (§ 254 Abs. 2 Satz 1 BGB) ver­sto­ßen habe, weil er es unter­las­sen habe, sei­ne For­de­run­gen im Insol­venz­ver­fah­ren der Garan­tin mit der Aus­sicht auf den Erhalt einer Ver­gü­tung von 17% sei­ner For­de­rung recht­zei­tig anzu­mel­den.

Die Revi­sio­nen der beklag­ten Bank blie­ben in bei­den Ver­fah­ren vor dem Bun­des­ge­richts­hof ohne Erfolg, eben­so die im zwei­ten Ver­fah­ren [2] erho­be­ne Anschluss­re­vi­si­on des Anle­gers.

Nach Auf­fas­sung des Bun­des­ge­richts­hofs haben die Beru­fungs­ge­rich­te in bei­den Rechts­strei­ten zu Recht eine schuld­haf­te Ver­let­zung der Pflich­ten aus dem geschlos­se­nen Anla­ge­be­ra­tungs­ver­trag bejaht und damit die beklag­te Bank rechts­feh­ler­frei zur Zah­lung von Scha­dens­er­satz ver­ur­teilt (§ 280 Abs. 1 BGB). Die Emp­feh­lung der Zer­ti­fi­ka­te war in bei­den Ver­fah­ren nicht anla­ge­ge­recht. Bei den Zer­ti­fi­ka­ten han­del­te es sich um Inha­ber­schuld­ver­schrei­bun­gen mit einem zuge­si­cher­ten Kapi­tal­schutz. Bei sol­chen „Garan­tie-Zer­ti­fi­ka­ten“ muss eine bera­ten­de Bank die Anle­ger über das in den jewei­li­gen Anlei­he­be­din­gun­gen gere­gel­te Son­der­kün­di­gungs­recht der Emit­ten­tin, das zu einem Total­ver­lust des Kapi­tals füh­ren kann, unge­fragt auf­klä­ren. Denn ein Son­der­kün­di­gungs­recht stellt einen für die Anla­ge­ent­schei­dung wesent­li­chen und damit auf­klä­rungs­be­dürf­ti­gen Umstand dar. Wesent­li­ches Merk­mal eines Garan­tie­zer­ti­fi­kats mit 100%igem Kapi­tal­schutz ist, dass sich das Risi­ko des Anle­gers dar­auf beschränkt, mit dem Anla­ge­be­trag wäh­rend der Anla­ge­zeit mög­li­cher­wei­se kei­ne Gewin­ne zu erwirt­schaf­ten oder dass die Emit­ten­tin insol­vent wird. Dem steht ein Son­der­kün­di­gungs­recht dia­me­tral ent­ge­gen, bei dem der von der Berech­nungs­stel­le nach bil­li­gem Ermes­sen fest­zu­le­gen­de Markt­wert den Anla­ge­be­trag unter­schrei­ten oder sogar Null betra­gen kann.

Im zwei­ten Ver­fah­ren [2] hat das Beru­fungs­ge­richt den gel­tend gemach­ten Scha­dens­er­satz des Klä­gers nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs auch rechts­feh­ler­frei um 17% gekürzt. Das Beru­fungs­ge­richt hat die Anfor­de­run­gen an die Scha­dens­min­de­rungs­pflicht nicht über­spannt, denn nach § 254 Abs. 2 Satz 1 BGB trifft einen Anle­ger die Oblie­gen­heit, den Scha­den durch Maß­nah­men, die nach Lage der Sache erfor­der­lich schei­nen und zumut­bar sind, mög­lichst gering zu hal­ten. Ver­stößt er – wie hier – gegen die­se Oblie­gen­heit, weil er sei­ne Ansprü­che im Insol­venz­ver­fah­ren gegen die Garan­tin nicht anmel­det, muss er eine Kür­zung sei­nes Scha­dens­er­satz­an­spru­ches in Höhe des Betra­ges in Kauf neh­men, den er im Insol­venz­ver­fah­ren hät­te erlan­gen kön­nen (§ 287 Abs. 1 ZPO).

Bun­des­ge­richts­hof, Urtei­le vom 25. Novem­ber 2014 – XI ZR 169/​13 und XI ZR 480/​13

  1. BGH – XI ZR 480/​13[][]
  2. BGH – XI ZR 169/​13[][][][]
  3. LG Ham­burg, Urteil vom 27.01.2012 – 330 O 476/​10[]
  4. OLG Ham­burg, Urteil vom 04.12.2013 – 13 U 18/​12[]
  5. LG Ham­burg, Urteil vom 18.11.2010 – 334 O 95/​09[]
  6. OLG Ham­burg, Urteil vom 11.04.2013 – 6 U 235/​10[]