Sit­ten­wid­ri­ge Schä­di­gung und die Exper­ten­haf­tung

Mit der Fra­ge der Haf­tung eines Rechts­an­walts und Wirt­schafts­prü­fers wegen vor­sätz­li­cher sit­ten­wid­ri­ger Schä­di­gung von Anle­gern durch irre­füh­ren­de Äuße­run­gen bei Vor­trä­gen und Ver­an­stal­tun­gen mit Ver­triebs­mit­ar­bei­tern über die Wert­hal­tig­keit von Betei­li­gun­gen muss­te sich der Bun­des­ge­richts­hof jetzt in meh­re­ren Ver­fah­ren befas­sen:

Sit­ten­wid­ri­ge Schä­di­gung und die Exper­ten­haf­tung

Sit­ten­wid­rig ist ein Ver­hal­ten, das nach sei­nem Gesamt­cha­rak­ter, der durch umfas­sen­de Wür­di­gung von Inhalt, Beweg­grund und Zweck zu ermit­teln ist, gegen das Anstands­ge­fühl aller bil­lig und gerecht Den­ken­den ver­stößt 1. Dafür genügt es im All­ge­mei­nen nicht, dass der Han­deln­de ver­trag­li­che Pflich­ten oder das Gesetz ver­letzt oder bei einem ande­ren einen Ver­mö­gens­scha­den her­vor­ruft. Viel­mehr muss eine beson­de­re Ver­werf­lich­keit sei­nes Ver­hal­tens hin­zu­tre­ten, die sich aus dem ver­folg­ten Ziel, den ein­ge­setz­ten Mit­teln, der zuta­ge tre­ten­den Gesin­nung oder den ein­ge­tre­te­nen Fol­gen erge­ben kann 2.

Im Bereich der Exper­ten­haf­tung für unrich­ti­ge (Wert-)Gut­ach­ten und Testa­te kommt ein Sit­ten­ver­stoß bei einer beson­ders schwer wie­gen­den Ver­let­zung der einen Exper­ten tref­fen­den Sorg­falts­pflich­ten in Betracht. Als sit­ten­wid­rig ist dabei zu beur­tei­len, dass der Aus­kunfter­tei­len­de auf­grund des Exper­ten­sta­tus ein beson­de­res Ver­trau­en für sich in Anspruch nimmt, selbst aber nicht im Min­des­ten den an einen Exper­ten zu rich­ten­den Maß­stä­ben genügt 3. Der Sit­ten­ver­stoß setzt ein leicht­fer­ti­ges und gewis­sen­lo­ses Ver­hal­ten des Aus­kunft­ge­bers vor­aus. Es genügt nicht ein blo­ßer Feh­ler des Gut­ach­tens, son­dern es geht dar­um, dass sich der Gut­ach­ter durch nach­läs­si­ge Erle­di­gung, z. B. durch nach­läs­si­ge Ermitt­lun­gen oder gar durch Anga­ben ins Blaue hin­ein der Gut­ach­ten­auf­ga­be ent­le­digt und dabei eine Rück­sichts­lo­sig­keit an den Tag legt, die ange­sichts der Bedeu­tung des Gut­ach­tens für die Ent­schei­dung Drit­ter als gewis­sen­los erscheint 4.

Die­se aner­kann­ten Grund­sät­ze der Exper­ten­haf­tung sind zwar im vor­lie­gen­den Streit­fall nicht unmit­tel­bar anwend­bar, weil dem Beklag­ten, einem Rechts­an­walt und Wirt­schafts­prü­fer, nicht ange­las­tet wird, ein unrich­ti­ges (Wert-)Gutachten oder Tes­tat erteilt zu haben. Sein Ver­hal­ten ist jedoch gleich­wohl als sit­ten­wid­rig zu beur­tei­len. Denn der Beklag­te stell­te sich mit sei­nem Exper­ten­sta­tus in den Dienst der von ihm geprüf­ten kapi­tal­su­chen­den E‑Gruppe und lie­fer­te den Ver­triebs­mit­ar­bei­tern irre­füh­ren­de Ver­kaufs­ar­gu­men­te. Hier­durch setz­te er sich rück­sichts­los über die Inter­es­sen poten­ti­el­ler Anla­ge­in­ter­es­sen­ten hin­weg, die mit sei­nen Äuße­run­gen zwangs­läu­fig in Berüh­rung kamen und die­se im Ver­trau­en auf sei­ne beruf­li­che Inte­gri­tät und sei­ne fach­li­che Auto­ri­tät zur Grund­la­ge ihrer Ent­schei­dung mach­ten 5.

Gera­de der Hin­weis des Ver­mitt­lers auf die Ein­schal­tung eines Wirt­schafts­prü­fers und des­sen Boni­täts­be­kun­dun­gen hat­te vor­lie­gend in allen geführ­ten Bera­tungs­ge­sprä­chen die erstreb­te Wir­kung erzielt hät­ten, die Klä­ger zur Zeich­nung der Anla­gen zu ver­an­las­sen. Damit bedurf­te es kei­ner wei­ter­ge­hen­den Fest­stel­lun­gen. Die Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ge­richts­ho­fes in den sog. COM­ROAD-Fäl­len 6 betref­fen anders gela­ger­te Fäl­le, denen fal­sche adhoc­Mit­tei­lun­gen zugrun­de lagen, bei denen kei­ne tat­säch­li­che Ver­mu­tung dafür spricht, dass eine dadurch aus­ge­lös­te Anla­ge­s­tim­mung kau­sal war für die getrof­fe­nen Anla­ge­ent­schei­dun­gen. Im Streit­fall haben die Klä­ger ihre Anla­ge­ent­schei­dung nicht nur auf­grund einer von ihnen behaup­te­ten, durch eine fal­sche adhoc­Mit­tei­lung aus­ge­lös­ten Anla­ge­s­tim­mung getrof­fen, son­dern auf­grund einer per­sön­li­chen Bera­tung durch einen Anla­ge­ver­mitt­ler, der sich die irre­füh­ren­den Äuße­run­gen des Beklag­ten über ein beson­de­res Eigen­ka­pi­tal unter Ver­gleich mit hoch­wer­ti­gen gro­ßen Unter­neh­men zu Nut­ze mach­te.

In Fäl­len einer vor­sätz­li­chen sit­ten­wid­ri­gen Schä­di­gung dient der Scha­dens­er­satz­an­spruch nicht nur dem Aus­gleich jeder nach­tei­li­gen Ein­wir­kung durch das sit­ten­wid­ri­ge Ver­hal­ten auf die objek­ti­ve Ver­mö­gens­la­ge des Geschä­dig­ten. Viel­mehr muss die­ser sich auch von einer "unge­woll­ten" Ver­pflich­tung wie­der befrei­en kön­nen. Schon eine sol­che Ver­pflich­tung kann einen gemäß § 826 BGB zu erset­zen­den Scha­den dar­stel­len. Inso­weit bewirkt die Norm einen Schutz der all­ge­mei­nen Hand­lungs­frei­heit 7.

Bereits des­halb sind auch in die­sem Zusam­men­hang die Grün­de, die letzt­end­lich zur Insol­venz der Unter­neh­men der E‑Gruppe geführt haben, uner­heb­lich. Der gemäß § 249 Abs. 1 BGB begrün­de­te Anspruch eines Anle­gers auf Rück­gän­gig­ma­chung der Betei­li­gung, die ihm unter Ver­let­zung sei­nes wirt­schaft­li­chen Selbst­be­stim­mungs­rechts auf­ge­drängt wur­de, geht nicht ver­lo­ren, wenn sich die Anla­ge aus Grün­den nach­tei­lig ent­wi­ckelt, die vom Gegen­stand der Fehl­in­for­ma­ti­on ver­schie­den sind 8. Da nach den getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen die von den Klä­gern erwor­be­nen Betei­li­gun­gen weder so hoch­wer­tig noch so risi­ko­arm waren, wie sie der beklag­te Rechts­an­walt und Wirt­schafts­prü­fer beschrie­ben hat­te, sind die Klä­ger bereits durch die Zeich­nung der Anla­gen unmit­tel­bar geschä­digt wor­den.

Der Beklag­te hatt auch Kennt­nis von den die Sit­ten­wid­rig­keit prä­gen­den Umstän­den sowie Schä­di­gungs­vor­satz.

Nach den getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen war dem Beklag­ten klar, dass sei­ne Äuße­run­gen als Wirt­schafts­prü­fer zur exzel­len­ten Eigen­ka­pi­tal­aus­stat­tung der E‑Gruppe und zum Cha­rak­ter ihrer Akti­en als "Blue Chips" die Anle­ger errei­chen wür­den und geeig­net waren, sie dadurch zur Zeich­nung einer Anla­ge zu moti­vie­ren, indem sie die wirt­schaft­li­che Potenz der Unter­neh­mens­grup­pe falsch ein­schätz­ten.

Dar­über hin­aus besaß er auch Schä­di­gungs­vor­satz. § 826 BGB setzt inso­weit kei­ne Schä­di­gungs­ab­sicht im Sin­ne eines Beweg­grun­des oder Zie­les vor­aus, son­dern es genügt beding­ter Vor­satz hin­sicht­lich der für mög­lich gehal­te­nen Scha­dens­fol­gen, wobei die­ser nicht den kon­kre­ten Kau­sal­ver­lauf und den genau­en Umfang des Scha­dens, son­dern nur Art und Rich­tung des Scha­dens umfas­sen muss; es reicht dabei jede nach­tei­li­ge Ein­wir­kung auf die Ver­mö­gens­la­ge ein­schließ­lich der sit­ten­wid­ri­gen Belas­tung frem­den Ver­mö­gens mit einem Ver­lust­ri­si­ko aus 9.

Da der Beklag­te sei­ne Äuße­run­gen bei Vor­trä­gen und Ver­an­stal­tun­gen mit Ver­triebs­mit­ar­bei­tern getä­tigt hat, nahm er bil­li­gend in Kauf, dass die von ihm gege­be­nen Infor­ma­tio­nen auch im Ver­trieb zur Bewer­bung der Betei­li­gun­gen ver­wandt wer­den, um Inter­es­sen­ten zur Zeich­nung einer Anla­ge zu ver­an­las­sen, die nicht den erweck­ten Vor­stel­lun­gen ent­sprach. Soweit die Revi­si­on dies anders sehen will, setzt sie ledig­lich in revi­si­ons­recht­lich unzu­läs­si­ger Wei­se ihre eige­ne Wür­di­gung an die Stel­le der tatrich­ter­li­chen Wür­di­gung des Beru­fungs­ge­richts, ohne rele­van­te Ver­fah­rens­feh­ler auf­zu­zei­gen. Da der Scha­den – wie oben aus­ge­führt – bereits in dem Erwerb der Betei­li­gung liegt, muss­te sich der beding­te Vor­satz des Beklag­ten ledig­lich dar­auf bezie­hen, dass sei­ne unzu­tref­fen­den Äuße­run­gen als Abschluss- und Wirt­schafts­prü­fer und das ihm ent­ge­gen­ge­brach­te Ver­trau­en des Publi­kums für die Anla­ge­ent­schei­dung ursäch­lich wer­den konn­ten. Dies war vor­lie­gend der Fall.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 19. Novem­ber 2013 – VI ZR 336/​12 ((eben­so: BGH, Urtei­le vom 19.11.2013 – VI ZR 343/​12, VI ZR 344/​12, VI ZR 410/​12, VI ZR 411/​12, VI ZR 13/​13)

  1. vgl. BGH, Urtei­le vom 15.10.2013 – VI ZR 124/​12; vom 04.06.2013 – VI ZR 288/​12, VersR 2013, 1144 Rn. 14; vom 20.11.2012 – VI ZR 268/​11, VersR 2013, 200 Rn. 25; BGH, Urteil vom 09.07.2004 – II ZR 217/​03, NJW 2004, 2668, 2670; Kat­zen­mei­er in DaunerLieb/​Langen, BGB, 2. Aufl., § 826 Rn. 2 f.; Palandt/​Sprau, BGB, 72. Aufl., § 826 Rn. 4, jeweils mwN[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 15.10.2013 – VI ZR 124/​12; BGH, Urtei­le vom 19.07.2004 – II ZR 217/​03, NJW 2004, 2668, 2670; vom 19.10.1987 – II ZR 9/​87, BGHZ 102, 68, 77 f.; Palandt/​Sprau, BGB, aaO, jeweils mwN[]
  3. vgl. Staudinger/​Oechsler, BGB, Neubearb.2009, § 826 Rn.207 f.[]
  4. vgl. BGH, Urtei­le vom 21.04.1970 – VI ZR 246/​68, WM 1970, 878, 879; vom 12.12.1978 – VI ZR 132/​77, VersR 1979, 283, 284; vom 24.09.1991 – VI ZR 293/​90, NJW 1991, 3282; BGH, Urteil vom 18.06.1962 – VII ZR 237/​60, VersR 1962, 803, 804 f.; Staudinger/​Oechsler, aaO Rn. 213[]
  5. vgl. Staudinger/​Oechsler, aaO Rn. 210 und 214 zum Wert­gut­ach­ten[]
  6. vgl. etwa BGH, Urtei­le vom 03.03.2008 – II ZR 310/​06, WM 2008, 790 – COMROAD VIII und vom 04.06.2007 – II ZR 173/​05, WM 2007, 1560 – COMROAD V[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 21.12.2004 – VI ZR 306/​03, BGHZ 161, 361, 367 f.[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 05.07.1993 – II ZR 194/​92, BGHZ 123, 106, 113 f.[]
  9. vgl. etwa BGH, Urteil vom 13.09.2004 – II ZR 276/​02, WM 2004, 2150, 2155[]