Ver­brau­cher­dar­le­hen – und die Ver­wir­kung des Wider­rufs­rechts

Mit der Ver­wir­kung des Wider­rufs­rechts bei Ver­brau­cher­dar­le­hens­ver­trä­gen hat­te sich aktu­ell der Bun­des­ge­richts­hof zu befas­sen:

Ver­brau­cher­dar­le­hen – und die Ver­wir­kung des Wider­rufs­rechts

Die Ver­wir­kung als Unter­fall der unzu­läs­si­gen Rechts­aus­übung wegen der illoy­al ver­spä­te­ten Gel­tend­ma­chung von Rech­ten setzt neben einem Zeit­mo­ment ein Umstands­mo­ment vor­aus.

Ein Recht ist ver­wirkt, wenn sich der Schuld­ner wegen der Untä­tig­keit sei­nes Gläu­bi­gers über einen gewis­sen Zeit­raum hin bei objek­ti­ver Beur­tei­lung dar­auf ein­rich­ten darf und ein­ge­rich­tet hat, die­ser wer­de sein Recht nicht mehr gel­tend machen, so dass die ver­spä­te­te Gel­tend­ma­chung gegen Treu und Glau­ben ver­stößt.

Zeitund Umstands­mo­ment kön­nen nicht von­ein­an­der unab­hän­gig betrach­tet wer­den, son­dern ste­hen in einer Wech­sel­wir­kung. Je län­ger der Inha­ber des Rechts untä­tig bleibt, des­to mehr wird der Geg­ner in sei­nem Ver­trau­en schutz­wür­dig, das Recht wer­de nicht mehr aus­ge­übt wer­den 1. Zu dem Zeit­ab­lauf müs­sen beson­de­re, auf dem Ver­hal­ten des Berech­tig­ten beru­hen­de Umstän­de hin­zu­tre­ten, die das Ver­trau­en des Ver­pflich­te­ten recht­fer­ti­gen, der Berech­tig­te wer­de sein Recht nicht mehr gel­tend machen. Ob eine Ver­wir­kung vor­liegt, rich­tet sich letzt­lich nach den vom Tatrich­ter fest­zu­stel­len­den und zu wür­di­gen­den Umstän­den des Ein­zel­fal­les, ohne dass inso­fern auf Ver­mu­tun­gen zurück­ge­grif­fen wer­den kann 2. Die Bewer­tung des Tatrich­ters kann in der Revi­si­ons­in­stanz nur dar­auf­hin über­prüft wer­den, ob sie auf einer trag­fä­hi­gen Tat­sa­chen­grund­la­ge beruht, alle erheb­li­chen Gesichts­punk­te berück­sich­tigt und nicht gegen Denk­ge­set­ze oder Erfah­rungs­sät­ze ver­stößt oder von einem fal­schen Wer­tungs­maß­stab aus­geht 3.

Dass die Bank mit Leis­tun­gen der Dar­le­hens­neh­mer nach Been­di­gung des Dar­le­hens­ver­trags gear­bei­tet hat, ist ein Umstand, der bei der Ent­schei­dung über die Ver­wir­kung des Wider­rufs­rechts ver­an­schlagt wer­den kann 4. Das Ober­lan­des­ge­richts Karls­ru­he, das gemeint hat, die "Wei­ter­ver­wen­dung der zurück­ge­flos­se­nen Gel­der" sei gene­rell "kein ver­trau­ens­be­grün­den­der Umstand, der zur ein­ver­nehm­li­chen Dar­le­hens­ab­lö­sung" hin­zu­tre­te, hat ihn bei der Prü­fung der Ver­wir­kung des Wider­rufs­rechts nicht wie gebo­ten mit in den Blick genom­men 5.

Ent­ge­gen der Rechts­mei­nung des Ober­lan­des­ge­richts Karls­ru­he, das die Wür­di­gung die­ses Umstands bei der Prü­fung der Ver­wir­kung kate­go­risch aus­ge­schlos­sen hat, ist über­dies die Tat­sa­che, dass der Dar­le­hens­ge­ber Sicher­hei­ten frei­ge­ge­ben hat, ein Aspekt, den der Tatrich­ter bei der Prü­fung des Umstands­mo­ments berück­sich­ti­gen kann. Dem steht nicht ent­ge­gen, dass der Dar­le­hens­ge­ber nach Been­di­gung des Dar­le­hens­ver­trags und voll­stän­di­ger Erfül­lung der aus dem unwi­der­ru­fe­nen Dar­le­hens­ver­trag resul­tie­ren­den Pflich­ten des Dar­le­hens­neh­mers die Sicher­hei­ten ohne­hin frei­zu­ge­ben hät­te. Vom Dar­le­hens­ge­ber bestell­te Sicher­hei­ten sichern regel­mä­ßig auch Ansprü­che aus einem Rück­ge­währ­schuld­ver­hält­nis nach § 357 Abs. 1 Satz 1 BGB aF in Ver­bin­dung mit §§ 346 ff. BGB. Dem Rück­ge­währ­an­spruch des Dar­le­hens­neh­mers aus der Siche­rungs­ab­re­de haf­tet die für den Fall des Wider­rufs auf­lö­sen­de Rechts­be­din­gung einer Reva­lu­tie­rung an. Been­det der Dar­le­hens­ge­ber trotz der Mög­lich­keit der Reva­lu­tie­rung durch Rück­ge­währ der Sicher­heit den Siche­rungs­ver­trag, kann dar­in die Aus­übung beacht­li­chen Ver­trau­ens im Sin­ne des § 242 BGB lie­gen 6.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 16. Okto­ber 2018 – XI ZR 45/​18

  1. BGH, Urteil vom 10.10.2017 – XI ZR 393/​16, WM 2017, 2247 Rn. 9; BGH, Beschluss vom 23.01.2018 – XI ZR 298/​17, WM 2018, 614 Rn. 9[]
  2. BGH, Urtei­le vom 12.07.2016 – XI ZR 501/​15, BGHZ 211, 105 Rn. 40 und – XI ZR 564/​15, BGHZ 211, 123 Rn. 37; vom 11.10.2016 – XI ZR 482/​15, BGHZ 212, 207 Rn. 30; vom 21.02.2017 – XI ZR 185/​16, BGHZ 214, 94 Rn. 33 sowie vom 14.03.2017 – XI ZR 442/​16, WM 2017, 849 Rn. 27; BGH, Beschluss vom 23.01.2018, aaO[]
  3. vgl. BGH, Urtei­le vom 12.07.2016 – XI ZR 501/​15, aaO, Rn. 18 und – XI ZR 564/​15, aaO, Rn. 43; BGH, Beschluss vom 23.01.2018, aaO[]
  4. BGH, Beschluss vom 05.06.2018 – XI ZR 577/​16 4[]
  5. OLG Karls­ru­he, Urteil vom 09.01.2018 – 17 U 183/​16[]
  6. BGH, Urteil vom 11.09.2018 – XI ZR 125/​17, Rn. 34; BGH, Beschlüs­se vom 23.01.2018 – XI ZR 298/​17, WM 2018, 614 Rn.20; und vom 07.03.2018 – XI ZR 298/​17[]