Ver­jäh­rungs­hem­mung durch Güte­an­trag – und die Indi­vi­dua­li­sie­rung des Anspruchs in Kapi­tal­an­la­ge­fäl­len

Damit die Ver­jäh­rung eines Anspruchs durch einen Güte­an­trag gehemmt wer­den kann, muss die­ser Anspruch in dem Antrag aus­rei­chend indi­vi­dua­li­siert sein. Ohne die­se Indi­vi­dua­li­sie­rung tritt eine Hem­mung der Ver­jäh­rung nicht ein; sie kann nach Ablauf der Ver­jäh­rungs­frist auch nicht mehr ver­jäh­rungs­hem­mend nach­ge­holt wer­den 1.

Ver­jäh­rungs­hem­mung durch Güte­an­trag – und die Indi­vi­dua­li­sie­rung des Anspruchs in Kapi­tal­an­la­ge­fäl­len

Dazu muss der Güte­an­trag zum einen die for­ma­len Anfor­de­run­gen erfül­len, die von den für die Tätig­keit der jewei­li­gen Güte­stel­le maß­geb­li­chen Ver­fah­rens­vor­schrif­ten gefor­dert wer­den und zum ande­ren für den Schuld­ner erken­nen las­sen, wel­cher Anspruch gegen ihn gel­tend gemacht wer­den soll, damit er prü­fen kann, ob eine Ver­tei­di­gung erfolg­ver­spre­chend ist und ob er in das Güte­ver­fah­ren ein­tre­ten möch­te 2. Der Güte­an­trag muss dem­entspre­chend einen bestimm­ten Rechts­durch­set­zungs­wil­len des Gläu­bi­gers unmiss­ver­ständ­lich kund­ge­ben und hier­zu die Streit­sa­che dar­stel­len sowie das kon­kre­te Begeh­ren erken­nen las­sen. Der ver­folg­te Anspruch ist hin­rei­chend genau zu bezeich­nen. Aller­dings sind inso­weit kei­ne all­zu stren­gen Anfor­de­run­gen zu stel­len. Denn das Güte­ver­fah­ren zielt – anders als die Kla­ge­er­he­bung oder das Mahn­ver­fah­ren – auf eine außer­ge­richt­li­che güt­li­che Bei­le­gung des Streits ab und führt erst im Fal­le einer Eini­gung der Par­tei­en zur Schaf­fung eines die­ser Eini­gung ent­spre­chen­den voll­streck­ba­ren Titels (§ 794 Abs. 1 Nr. 1 ZPO); auch besteht kei­ne strik­te Antrags­bin­dung wie im Mahn- oder Kla­ge­ver­fah­ren. Außer­dem ist zu berück­sich­ti­gen, dass der Güte­an­trag an die Güte­stel­le als neu­tra­len Schlich­ter und Ver­mitt­ler gerich­tet wird und die­se zur Wahr­neh­mung ihrer Funk­ti­on aus­rei­chend über den Gegen­stand des Ver­fah­rens infor­miert wer­den muss 3.

Den so beschrie­be­nen Anfor­de­run­gen genüg­te der im Streit­fall gestell­te Güte­an­trag des Klä­gers.

Dem steht zunächst nicht ent­ge­gen, dass sich eini­ge wesent­li­che Anga­ben zur Dar­stel­lung des Streit­ge­gen­stands (Poli­cen­num­mer, Zeich­nungs­sum­me, Art und Umfang der behaup­te­ten Auf­klä­rungs­pflicht­ver­let­zun­gen und des gel­tend gemach­ten Scha­dens­er­satz­an­spruchs) hier nicht in dem Güte­an­trag selbst befan­den, son­dern ledig­lich in einem vor­pro­zes­sua­len Anspruchs­schrei­ben, das dem Antrag bei­gefügt war.

Das gilt jeden­falls dann, wenn es sich wie hier um ein ein­zel­nes Schrei­ben han­delt, mit dem die Erkenn­bar­keit des Begeh­rens des Antrag­stel­lers gewähr­leis­tet wird, auf des­sen Inhalt in dem Antrag aus­drück­lich Bezug genom­men ist und das dem Antrag bei­gefügt wur­de; es wäre dem­ge­gen­über blo­ßer For­ma­lis­mus und wür­de ledig­lich unnö­ti­ge Schreib­ar­beit erfor­dern, wenn man die Über­nah­me der ent­spre­chen­den Text­pas­sa­gen aus dem bei­gefüg­ten Schrei­ben in den Antrag selbst ver­lang­te 4.

Inhalt­lich waren die Anga­ben in dem Güte­an­trag und dem bei­gefüg­ten und in Bezug genom­me­nen Anspruchs­schrei­ben aus­rei­chend.

Zwar ist in Anla­ge­be­ra­tungs­fäl­len regel­mä­ßig nicht nur die kon­kre­te Kapi­tal­an­la­ge zu bezeich­nen und die Zeich­nungs­sum­me mit­zu­tei­len, son­dern auch der (unge­fäh­re) Bera­tungs­zeit­raum anzu­ge­ben und der Her­gang der Bera­tung min­des­tens im Gro­ben zu umrei­ßen 5, und im Streit­fall feh­len Anga­ben zum Bera­tungs­ge­spräch, das dem Ver­trags­ab­schluss zugrun­de liegt. Das ist aber unschäd­lich, weil es hier nicht um einen Scha­dens­er­satz­an­spruch wegen feh­ler­haf­ter Anla­ge­be­ra­tung, son­dern um einen sol­chen wegen Auf­klä­rungs­män­geln infol­ge unge­nü­gen­der Auf­klä­rung über Beson­der­hei­ten des von der Beklag­ten ange­bo­te­nen Ver­si­che­rungs­pro­dukts geht, der nicht unmit­tel­bar vom Ver­lauf des Bera­tungs­ge­sprächs abhän­gig ist und allein hier­auf gestützt wird. Eine Anla­ge­be­ra­tung war von der Beklag­ten unstrei­tig nicht geschul­det.

Im Übri­gen ist den skiz­zier­ten Anfor­de­run­gen durch die Bei­fü­gung des an die Beklag­te gerich­te­ten Anspruchs­schrei­bens vom 26.12 2009, in wel­chem Poli­cen­num­mer, Zeich­nungs­sum­me, Art und Umfang der behaup­te­ten Auf­klä­rungs­pflicht­ver­let­zun­gen und des gel­tend gemach­ten Scha­dens­er­satz­an­spruchs bezeich­net wer­den, Genü­ge getan. Hier­durch wur­de es der Beklag­ten pro­blem­los mög­lich, den Streit­fall zuzu­ord­nen und zu erken­nen, wel­cher Anspruch gegen sie gel­tend gemacht wird. Eben­so war dem Geg­ner (und der Güte­stel­le) ein Rück­schluss auf Art und Umfang der ver­folg­ten For­de­rung mög­lich. Eine genaue Bezif­fe­rung der For­de­rung muss der Güte­an­trag sei­ner Funk­ti­on gemäß dem­ge­gen­über grund­sätz­lich nicht ent­hal­ten 6.

Der vor­lie­gen­de Sach­ver­halt unter­schei­det sich inso­weit auch von dem­je­ni­gen, der dem Urteil des Bun­des­ge­richts­hofs vom 20.08.2015 7 zugrun­de lag. Anders als dort 8 war hier bereits dem Güte­an­trag selbst zu ent­neh­men, dass der Abschluss der Lebens­ver­si­che­rung als Teil eines Kapi­tal­an­la­ge­mo­dells erfolg­te, in dem zur Ein­zah­lung in den Lebens­ver­si­che­rungs­ver­trag ein Dar­le­hen auf­ge­nom­men wur­de, mit­hin eine Fremd­fi­nan­zie­rung vor­lag, und dass der Erb­las­ser unter ande­rem die Frei­stel­lung von den Dar­le­hens­ver­bind­lich­kei­ten und den Ersatz des dar­aus resul­tie­ren­den Auf­wands in Form von Zins­zah­lun­gen und Til­gungs­auf­wand begehr­te. Jeden­falls die Grö­ßen­ord­nung der inso­weit ver­folg­ten Ansprü­che ergab sich zudem aus den Anga­ben zum Scha­den auf Sei­te 7 des bei­gefüg­ten und in Bezug genom­me­nen Anspruchs­schrei­bens.

Auch soweit Umfang und Inhalt der Auf­klä­rungs­pflich­ten der Beklag­ten unter Umstän­den vom – im Güte­an­trag nicht mit­ge­teil­ten – Zeit­punkt des Ver­trags­schlus­ses abhän­gig sein kön­nen, ist des­sen feh­len­de Anga­be im Güte­an­trag hier nicht von aus­schlag­ge­ben­der Bedeu­tung. Die Beklag­te konn­te den Zeit­punkt der an sie gerich­te­ten Antrag­stel­lung ohne wei­te­res auf­grund der ihr mit­ge­teil­ten Poli­cen­num­mer ermit­teln. Die Güte­stel­le wie­der­um war für einen mög­li­chen Eini­gungs­vor­schlag ohne­hin auf die Stel­lung­nah­me der Beklag­ten zum Güte­an­trag ange­wie­sen, der sie ent­neh­men konn­te, wel­chen der gel­tend gemach­ten Pflicht­ver­let­zun­gen die Beklag­te mit wel­chen tat­säch­li­chen Behaup­tun­gen ent­ge­gen­tre­ten woll­te.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 28. Okto­ber 2015 – IV ZR 526/​14

  1. BGH, Urteil vom 18.06.2015 – III ZR 198/​14, NJW 2015, 2407 Rn. 17 m.w.N.[]
  2. BGH aaO Rn. 21 f.[]
  3. BGH aaO Rn. 23 f. m.w.N.[]
  4. vgl. Assies/​Faulenbach, BKR 2015, 89, 95[]
  5. BGH, Urteil vom 18.06.2015 – III ZR 198/​14, NJW 2015, 2407 Rn. 25[]
  6. BGH aaO[]
  7. BGH, Urteil vom 20.08.2015 – III ZR 373/​14, WM 2015, 1807[]
  8. vgl. dazu BGH aaO Rn. 22[]