Wider­ruf eines Dar­lehns­ver­trags – und der Streit­wert

Der Streit­wert einer Kla­ge auf Fest­stel­lung der Wirk­sam­keit des Wider­rufs eines Dar­le­hens­ver­tra­ges ist gemäß § 48 Abs.1 GKG, § 3 ZPO zu bestim­men.

Wider­ruf eines Dar­lehns­ver­trags – und der Streit­wert

Der Wert eines Fest­stel­lungs­be­geh­rens ist nach dem wah­ren Inter­es­se des Klä­gers an dem Urteil zu schät­zen1. Für den Streit um die Wirk­sam­keit des Wider­rufs bedeu­tet dies, dass es auf die wirt­schaft­li­chen Vor­tei­le ankommt, die sich der Klä­ger infol­ge des Wider­rufs im Gegen­satz zur Erfül­lung des Ver­tra­ges ver­spricht. Maß­ge­bend sind jeweils die Umstän­de des Ein­zel­falls2.

Anders als bei der schlich­ten Unwirk­sam­keit des Dar­le­hens­ver­tra­ges3, bei der ein Weg­fall der Ver­pflich­tung zur Rück­zah­lung des erhal­te­nen Dar­le­hens denk­bar ist, wan­delt sich der Dar­le­hens­ver­trag infol­ge des Wider­rufs gemäß §§ 357 Abs. 1, 346 Abs. 1 BGB unmit­tel­bar in ein Rück­ab­wick­lungs­schuld­ver­hält­nis um, kraft des­sen der Dar­le­hens­neh­mer – außer­halb des Anwen­dungs­be­reichs des § 358 BGB – in glei­cher Wei­se wie beim Fort­be­stehen des Kre­dit­ver­tra­ges ver­pflich­tet ist, die Dar­le­hens­va­lu­ta zu erstat­ten. Das wah­re Inter­es­se des Dar­le­hens­neh­mers, der die Fest­stel­lung der Wirk­sam­keit des Wider­rufs begehrt, liegt des­halb nicht dar­in, von der Rück­zah­lung des Dar­le­hens befreit zu wer­den. Der Streit­wert der Fest­stel­lungs­kla­ge kann also nicht mit der Dar­le­hens­rest­schuld im Zeit­punkt des Wider­rufs gleich­ge­setzt wer­den. Auch der Wert der Sicher­hei­ten, die der Dar­le­hens­neh­mer geleis­tet hat, ist nicht maß­ge­bend, denn die­se die­nen dem Dar­le­hens­ge­ber wie im Fal­le der Erfül­lung des Dar­le­hens­ver­tra­ges regel­mä­ßig auch nach Wider­ruf des Dar­le­hens­ver­tra­ges als Sicher­heit für die Rück­zah­lung des Dar­le­hens4. Der wirk­sa­me Wider­ruf begrün­det des­halb kei­nen Anspruch auf sofor­ti­ge Rück­ge­währ der Sicher­heit ohne Ablö­sung der Dar­le­hens­rest­schuld.

Nach­dem im vor­lie­gen­den Fall auch nicht behaup­tet oder sonst ersicht­lich ist, dass sich – unter Aus­klam­me­rung der Pflicht der Klä­ge­rin, die Valu­ta zurück­zu­zah­len – bei Ver­rech­nung der wech­sel­sei­ti­gen Ansprü­che der Par­tei­en aus § 346 BGB ein Sal­do zuguns­ten der Klä­ge­rin ergibt, kann das wirt­schaft­li­che Inter­es­se der Klä­ge­rin an der Wirk­sam­keit des Wider­rufs nur dar­in gese­hen wer­den, dass sie durch den Wider­ruf von ihrer Ver­pflich­tung befreit wird, künf­tig bis zum Ablauf der Zins­bin­dung die ver­ein­bar­ten Zin­sen für das Dar­le­hen zu ent­rich­ten5. Da es sich bei den Zins­zah­lun­gen um wie­der­keh­ren­de Leis­tun­gen im Sin­ne des § 9 ZPO han­delt, ist die­se Vor­schrift im Rah­men der Schät­zung gemäß § 3 ZPO ergän­zend her­an­zu­zie­hen. Unge­ach­tet der Kla­ge­art erfasst § 9 ZPO all­ge­mein den Wert eines Rechts auf wie­der­keh­ren­de Leis­tun­gen6. Die Vor­aus­set­zung für die Anwen­dung des § 9 ZPO, dass das Stamm­recht selbst im Streit ist7, ist gege­ben. Bezo­gen auf die Zukunft ist die Fest­stel­lung der Wirk­sam­keit des Wider­rufs auf den Weg­fall des Bezugs­rechts des Dar­le­hens­ge­bers gerich­tet, künf­tig die ver­trag­lich ver­ein­bar­ten Zin­sen zu ver­lan­gen. Ange­sichts der – ledig­lich auf gewan­del­tem Rechts­grund – fort­be­stehen­den Ver­pflich­tung das Dar­le­hens­neh­mers, das Dar­le­hen zurück­zu­zah­len, kann der Wert die­ses Stamm­rechts aber nicht mit der offe­nen Valu­ta bemes­sen wer­den, viel­mehr ist nach den Grund­sät­zen des § 9 ZPO zu ver­fah­ren.

Dem­nach ist bei der Wert­fest­set­zung gemäß § 3 ZPO regel­mä­ßig der Betrag der im Zeit­punkt des Wider­rufs nach dem Ver­trag bis zum Ablauf der Zins­bin­dung noch anfal­len­den Zin­sen zu schät­zen, aller­dings begrenzt durch den drei­ein­halb­fa­chen Jah­res­be­trag (§ 9 ZPO). Im vor­lie­gen­den Fall besteht aller­dings die Beson­der­heit, dass die Beklag­te die Dar­le­hens­ver­trä­ge bereits gekün­digt hat. Des­halb liegt in die­sem Fall der wirt­schaft­li­che Vor­teil, der sich aus der Wirk­sam­keit des Wider­rufs für die Klä­ge­rin erge­ben hät­te, in der Befrei­ung von der Pflicht, die nach der Kün­di­gung geschul­de­te Vor­fäl­lig­keits­ent­schä­di­gung zu leis­ten. Die Beklag­te hat als Vor­fäl­lig­keits­ent­schä­di­gung ins­ge­samt 22.815, 30 EUR gel­tend gemacht, sodass der Streit­wert in die­ser Höhe fest­zu­set­zen ist.

Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart, Beschluss vom 17. April 2015 – 6 U 222/​13

  1. BGH v.01.06.1976 – VI ZR 154/​75 []
  2. Schneider/​Herget, Streit­wert­kom­men­tar, 13. Aufl., Rn. 6120 f. []
  3. dazu OLG Karls­ru­he v. 11.04.2005 – 17 W 21/​05 für den Fall einer nega­ti­ven Fest­stel­lungs­kla­ge []
  4. BGH v. 26.11.2002 – XI ZR 10/​00 []
  5. so auch OLG Stutt­gart v. 14.11.2014 – 9 W 36/​14 []
  6. BGH v. 17.05.2000 – XII ZR 314/​99 []
  7. Her­get in Zöl­ler, ZPO, 30. Aufl., § 9 Rn. 1; OLG Karls­ru­he v. 11.04.2005 – 17 W 21/​05 []