Wider­ruf eines Ver­brau­cher­dar­le­hens­ver­trags – und der Streit­wert

Bei Kla­gen auf Fest­stel­lung der Wirk­sam­keit des Wider­rufs eines Ver­brau­cher­dar­le­hens­ver­trag bestimmt sich der Streit­wert nach dem Inter­es­se des Klä­gers an die­ser Fest­stel­lung. Maß­geb­lich dafür sind ins­be­son­de­re ein Vor­fäl­lig­keits­ent­geld, das der Ver­brau­cher bei Unwirk­sam­keit des Wider­rufs für die Ablö­sung des Dar­le­hens zah­len müss­te, sowie ein etwai­ger posi­ti­ver Sal­do für den Ver­brau­cher im Fal­les eines wirk­sa­men Wider­ru­fes.

Wider­ruf eines Ver­brau­cher­dar­le­hens­ver­trags – und der Streit­wert

Ist die Höhe die­ses Sal­dos nicht vor­ge­tra­gen und lag der ver­ein­bar­te Zins auch nicht über dem bei Ver­trags­schluss übli­chen Markt­zins für ver­gleich­ba­re Kre­di­te mit ver­gleich­ba­rer Zins­bin­dung , kann im Wege der Schät­zung ange­nom­men wer­den , das sich aus der Sal­die­rung der Ansprü­che bei wirk­sa­men Wider­ruf kein Ber­tag ergibt , der­von der Rest­schuld wesent­lich abweicht 1.

Kei­nen unmit­tel­ba­ren Ein­fluss auf den Streit­wert haben die Höhen der aktu­el­len Dar­le­hens­va­lu­ta bei Wider­ruf oder des Nomi­nal­be­tra­ges des Dar­le­hens. Das wäre auch mit dem Gebot des effet uti­le nicht ver­ein­bar , weil dann die Durch­set­zung von Ver­brau­cher­rech­ten auf­grund der Ver­brau­cher­kre­dit­richt­li­ni­en 87/​102/​EWG bzw.2008/48/EG unver­hält­nis­mä­ßig erschwert wür­de.

Bei Fest­stel­lungs­kla­gen ist der Streit­wert gemäß § 3 ZPO nach dem wirt­schaft­li­chen Inter­es­se des Klä­gers an der von ihm begehr­ten Fest­stel­lung zu bemes­sen.

Vor­lie­gend konn­te der Klä­ger das Dar­le­hen bei Zah­lung einer Vor­fäl­lig­keits­ent­schä­di­gung vor­zei­tig zurück­zah­len. Die­ses Recht steht ist bei Ver­brau­cher­kre­di­ten auch, soweit sie vor 2010 geschlos­sen wur­den, dem Dar­le­hens­neh­mer bei einem berech­tig­ten Inter­es­se gemäß § 490 Abs. 2 BGB ohne­hin zu. Die Beklag­te hat vor­lie­gend auch nicht gel­tend gemacht, dass ein sol­ches Inter­es­se nicht bestün­de, son­dern war zu einer vor­zei­ti­gen Ver­trags­ab­wick­lung bei Zah­lung einer Vor­fäl­lig­keits­ent­schä­di­gung bereit.

Die vom Klä­ger begehr­te Fest­stel­lung des Wider­rufs hät­te in die­ser Situa­ti­on wirt­schaft­lich die Bedeu­tung, dass er eine vor­zei­ti­ge Abwick­lung des Dar­le­hens errei­chen wür­de, ohne die von der Beklag­ten dafür ver­lang­te Vor­fäl­lig­keits­ent­schä­di­gung zah­len zu müs­sen. Er hat daher ein wirt­schaft­li­ches Inter­es­se an einer Fest­stel­lung der Wirk­sam­keit des Wider­rufs in Höhe der dadurch erspar­ten Vor­fäl­lig­keits­ent­schä­di­gung.

Dass ein dar­über hin­aus­ge­hen­des Inter­es­se des Klä­gers bestün­de, haben die Par­tei­en nicht vor­ge­tra­gen.

Ein (unter­stellt) fort­be­stehen­des Wider­rufs­recht wür­de der Sache nach wie ein außer­ge­wöhn­li­ches Kün­di­gungs­recht wir­ken . Finan­zi­ell stellt es den Kre­dit­neh­mer, der eine Finan­zie­rung zu markt­üb­li­chen Kon­di­tio­nen auf­ge­nom­men hat, aber nicht bes­ser, da der Kre­dit­neh­mer für die Zeit, in der ihm das Dar­le­hen zur Ver­fü­gung stand, Nut­zungs­er­satz in ent­spre­chen­der Höhe schul­det.

Im Fal­le eines wirk­sa­men Wider­rufs hat der Kre­dit­neh­mer einen Anspruch auf Rück­zah­lung aller geleis­te­ten Raten zuzüg­lich eines dar­auf jeweils berech­ne­ten Nut­zungs­er­sat­zes, der zu schät­zen ist. Das Kre­dit­in­sti­tut hat einen Anspruch auf Rück­zah­lung des Net­to­dar­le­hens­be­tra­ges zuzüg­lich einer markt­üb­li­chen Nut­zungs­ent­schä­di­gung. Die gegen­sei­ti­gen Ansprü­che sind zu ver­rech­nen.

Ins­ge­samt führt der Wider­ruf eines Ver­brau­cher­dar­le­hens­ver­trags mit­hin dazu, dass der Dar­le­hens­neh­mer die Dar­le­hens­va­lu­ta zurück­zu­zah­len hat zuzüg­lich der ver­ein­bar­ten Ver­zin­sung, sofern die­se nicht über dem markt­üb­li­chen Zins lag, ansons­ten zuzüg­lich einer markt­üb­li­chen Ver­zin­sung.

Die­se gesetz­li­che Rege­lung hat zur Fol­ge, dass auf­grund der Pflicht zur sofor­ti­gen Rück­zah­lung und markt­üb­li­chen Ver­zin­sung der Dar­le­hens­va­lu­ta ein Wider­ruf der Dar­le­hens­ver­trags­er­klä­rung für vie­le Dar­le­hens­neh­mer wirt­schaft­lich wenig oder nicht inter­es­sant ist 2. Ein wirt­schaft­li­ches Inter­es­se des Dar­le­hens­neh­mers am Wider­ruf besteht bei die­ser Rechts­la­ge in der Regel nur inso­weit, wie er den Kre­dit zu einem über dem markt­üb­li­chen Zins lie­gen­den Zins­satz auf­ge­nom­men hat oder soweit es ihm dar­um geht, sich vor Ablauf des Zins­bin­dungs­frist vom Kre­dit­ver­trag zu lösen und er durch den Wider­ruf eine dafür anfal­len­de Vor­fäl­lig­keits­ent­schä­di­gung erspa­ren will, sei es, weil er das finan­zier­te Objekt ver­äu­ßern möch­te oder weil er das gesun­ke­ne all­ge­mei­ne Zins­ni­veau zu einer Umfi­nan­zie­rung nut­zen will.

Von daher ent­spricht der Recht­spre­chung 3, dass der Streit­wert in Ver­fah­ren, in denen Dar­le­hens­neh­mer auf Fest­stel­lung eines wirk­sa­men Wider­ru­fes eines Ver­brau­cher­dar­le­hens­ver­tra­ges kla­gen, danach zu bestim­men ist, in wel­cher Höhe eine Vor­fäl­lig­keits­ent­schä­di­gung erspart wird und inwie­weit der ver­ein­bar­te Zins über dem Markt­zins zum Zeit­punkt des Ver­trags­schlus­ses lag.

Dass der ver­ein­bar­te Zins­satz vor­lie­gend über dem markt­üb­li­chen Zins gele­gen hät­te, dass also für ein Dar­le­hen wie das vor­lie­gen­de im Juli 2007 bei 10-jäh­ri­ger Zins­bin­dung ein Zins­satz von weni­ger als 5, 33 % p.a. effek­tiv markt­üb­lich gewe­sen wäre, hat der Beklag­ten­ver­tre­ter nicht vor­ge­tra­gen. Von daher kommt es für den Streit­wert nur auf die Höhe der erspar­ten Vor­fäl­lig­keits­ent­schä­di­gung an.

Streit­wert­re­le­vant ist zusätz­lich zu den genann­ten Punk­ten (Vor­fäl­lig­keits­ent­schä­di­gung, Dif­fe­renz des ver­ein­bar­ten zum Markt­zins) auch, wie hoch der Sal­do aus den Rück­zah­lungs­an­sprü­chen, die der Dar­le­hens­neh­mer einer­seits und die Bank bzw. Spar­kas­se ande­rer­seits im Fal­le eines wirk­sa­men Wider­rufs hät­ten, ist. Vor­lie­gend ist aber nicht vor­ge­tra­gen, ob sich inso­weit über­haupt ein Sal­do ergibt, wie hoch die­ser ist und ob die­ser sich im Ergeb­nis zuguns­ten des Dar­le­hens­neh­mers oder der Bank/​Sparkasse ergibt. In sol­chen Fäl­len geht das Gericht in Anleh­nung an die genann­te Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs 4 im Wege der Schät­zung davon aus, dass sich die Ansprü­che des Dar­le­hens­neh­mers (auf Rück­zah­lung sei­ner Zah­lun­gen zuzüg­lich einer markt­üb­li­chen Nut­zungs­ent­schä­di­gung) und die Ansprü­che der Bank/​Sparkasse auf Zah­lung der gesam­ten Kre­dit­sum­me zuzüg­lich einer Nut­zungs­ver­gü­tung, die im Zwei­fel den ver­ein­bar­ten Kre­dit­zin­sen ent­spricht)) in der Regel auf­he­ben, so dass sich am Ende kein wesent­lich ande­rer Betrag ergibt als die Dar­le­hens­va­lu­ta, bei der die Til­gungs­leis­tun­gen ange­rech­net wer­den und der vom Dar­le­hens­neh­mer zu zah­len­de Zins immer nur auf den jeweils noch nicht getilg­ten Betrag berech­net wird. Das gilt jeden­falls, wenn, wie vor­lie­gend, der ver­ein­bar­te Zins sich in der Nähe von 5 Pro­zent­punk­ten per anno bewegt und damit in der Nähe des Zins­sat­zes, der auch für die von der Bank bzw.Sparkasse zu zah­len­de Nut­zun­gent­schä­di­gung regel­mä­ßig anzu­set­zen ist. Soweit in der Lite­ra­tur ver­ein­zelt die Ansicht ver­tre­ten wird, für die Berech­nung der Nut­zungs­ent­schä­di­gung, die der Dar­le­hens­neh­mer zu zah­len hat, müs­se eine "zeit­ab­schnitts­wei­se Betrach­tungs­wei­se" vor­ge­nom­men wer­den, folgt das Gericht dem nicht. Denn eine sol­che Betrach­tungs­wei­se lie­ße außer Acht, dass der Dar­le­hens­neh­mer über die Ver­ein­ba­rung einer Zins­bin­dungs­frist eine Sicher­heit vor einem stei­gen­den Zins­ni­veau erhal­ten hat. Kre­di­te mit Zins­bin­dungs­frist sind in aller Regel (wenn nicht aus­nahms­wei­se eine inver­se Zins­struk­tur herrscht) höher­ver­zins­lich als sol­che ohne Zins­bin­dungs­frist. Das liegt dar­an, dass die Zins­bin­dungs­frist ins­be­son­de­re als Ver­si­che­rung für den Dar­le­hens­neh­mer dient, der vor einem mög­li­cher­wei­se stei­gen­den Zins­ni­veau geschützt wird. Aus die­sem Grun­de wird eine Zins­bin­dungs­frist vom Dar­le­hens­neh­mer auch gewählt, obwohl der Zins dadurch höher liegt. Ein Dar­le­hens­neh­mer, der einen Kre­dit mit Zins­bin­dungs­frist, d.h. mit einem einem Ver­si­che­rungs­schutz ver­gleich­ba­ren Schutz vor einem Anstei­gen des Zins­ni­veaus, über meh­re­re Jah­re erhal­ten hat, hat nicht nur eine Dar­le­hens­va­lu­ta, deren Zins­satz sich jeder­zeit hät­te ändern kön­nen, erhal­ten. Viel­mehr hat er auch einen einer Ver­si­che­rungs­leis­tung ver­gleich­ba­ren Schutz erhal­ten, der bei einem Wider­ruf nach meh­re­ren Jah­ren nicht des­we­gen außer Acht gelas­sen wer­den kann, weil sich das Risi­ko, vor dem sich der Dar­le­hens­neh­mer durch die Ver­ein­ba­rung einer Zins­bin­dungs­frist schüt­zen woll­te und über län­ge­re Zeit auch geschützt hat, tat­säch­lich nicht rea­li­siert hat. Stellt man daher für den Ver­gleich der Ansprü­che auf den ver­ein­bar­ten Effek­tiv­zins bzw. das markt­üb­li­che Zins­ni­veau bei Ver­trags­schluss für Kre­di­te mit 10-jäh­ri­ger Zins­bin­dung ab, sind kei­ne Grün­de erkenn­bar, war­um der vor­lie­gen­de Fall nicht den in der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs 4 als typisch geschil­der­ten Fäl­len ent­spre­chen soll­te.

Im Wege der Schät­zung geht das Gericht daher auch hier davon aus, dass der Sal­do, der durch den Wider­ruf aus den dar­aus ent­ste­hen­den Ansprü­chen des Klä­gers und der Beklag­ten zu bil­den ist, kei­ne wesent­li­chen Unter­schie­de zur Restva­lu­ta auf­wei­sen wird, den der Klä­ger bei Unwirk­sam­keit des Wider­rufs zurück­zah­len müss­te.

Soweit der Beklag­ten­ver­tre­ter für die Fest­set­zung des Streit­wer­tes auf die Höhe der Restva­lu­ta zum Zeit­punkt des Wider­rufs abstel­len will, wäre eine sol­che Streit­wert­fest­set­zung unter kei­nem Gesichts­punkt kon­se­quent. Denn ein wirk­sa­mer Wider­ruf führt nicht nur dazu, dass der Klä­ger die Restva­lu­ta das Dar­le­hens nicht zurück­zah­len muss. Er erhält auch alle geleis­te­ten Raten zurück zuzüg­lich einer dar­auf berech­ne­ten Nut­zungs­ent­schä­di­gung. Im Gegen­zug erhält die Bank die gesam­te Kre­dit­sum­me zuzüg­lich einer ange­mes­se­nen Nut­zungs­ent­schä­di­gung. Bei­de wer­den sal­diert, so dass das wirt­schaft­li­che Inter­es­se des Klä­gers an der Fest­stel­lung der Wirk­sam­keit des Wider­rufs zu ermit­teln ist aus einem Ver­gleich zwi­schen der Rechts­la­ge bei wirk­sa­mem Wider­ruf – dann ergä­ben sich die rest­li­chen Ansprü­che der Bank aus dem Sal­do der eben genann­ten Ansprü­che des Klä­gers und der Bank bei wirk­sa­mem Wider­ruf – und der Rechts­la­ge bei unwirk­sa­mem Wider­ruf.

Auf die Restva­lu­ta kann schon des­halb nicht abge­stellt wer­den, weil zwi­schen den Par­tei­en ja nicht im Streit steht, dass die Beklag­te die aus­ge­zahl­te Dar­le­hens­va­lu­ta zurück­er­hält. Die­se For­de­rung ist bei wirk­sa­mem Wider­ruf sofort in vol­ler Höhe, bei unwirk­sa­mem Wider­ruf raten­wei­se fäl­lig, das Bestehen der For­de­rung steht aber nicht im Streit. Strei­ten zwei Par­tei­en bei an sich unstrei­ti­ger For­de­rung nur über die Fra­ge, wann sie fäl­lig ist, ist der Streit­wert nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs grund­sätz­lich nicht nach der Höhe der For­de­rung zu bemes­sen, son­dern nach dem wirt­schaft­li­chen Inter­es­se der kla­gen­den Par­tei an dem vor ihr vor­ge­tra­ge­nen Fäl­lig­keits­zeit­punkt. Das ist vor­lie­gend genau die in Ziff. 1 beschrie­be­ne die Zins­dif­fe­renz zwi­schen den höhe­ren Zin­sen, die der Klä­ger bei Wirk­sam­keit des Dar­le­hens bis zum Ende des Zins­bin­dungs­zeit­rau­mes zah­len müss­te und den nied­ri­ge­ren Auf­wen­dun­gen, die er hät­te, wenn er das Dar­le­hen bereits jetzt zurück­zah­len könn­te. Soweit der Bun­des­ge­richts­hof ange­nom­men hat, in Fäl­len, in denen der Dar­le­hens­neh­mer auf Fest­stel­lung der Unwirk­sam­keit einer Kün­di­gung durch die Bank kla­ge, sei der Streit­wert die Höhe der Restva­lu­ta, steht das der hier ver­tre­te­nen Auf­fas­sung nicht ent­ge­gen. Denn der Bun­des­ge­richts­hof begrün­det den Streit­wert in jenen Fäl­len damit, dem Dar­le­hens­neh­mer gehe es dar­um, die Voll­stre­ckung des gesam­ten Rest­be­tra­ges durch die Bank (vor­erst) zu ver­hin­dern. Vor­lie­gend geht es um das Inter­es­se des Dar­le­hens­neh­mers, ein Dar­le­hen – ohne Vor­fäl­lig­keits­ent­schä­di­gung – frü­her statt spä­ter zurück­zu­zah­len. Dann bemisst sich sein Inter­es­se nach ande­ren Maß­stä­ben.

Auch die (mög­li­che) Annah­me, es sei iso­liert auf die Rück­for­de­rungs­an­sprü­che des Klä­gers bei wirk­sa­mem Wider­ruf – ohne Sal­die­rung – abzu­stel­len, weil eine Zug um Zug zu erbrin­gen­de Gegen­leis­tung den Streit­wert nicht schmä­le­re, ver­fängt nicht. Das mag für den Fall, dass eine Geld­leis­tung Zug um Zug gegen eine Sach­leis­tung zu erbrin­gen ist, zutref­fen. Dann wür­de erfor­der­li­chen­falls auch die gesam­te Geld­leis­tung voll­streckt. Ein Anspruch des Kun­den gegen die Bank, bei­spiels­wei­se gezahl­te Raten von ins­ge­samt vor­lie­gend etwa 50.000 (zuzüg­lich Nut­zungs­ent­schä­di­gung) zurück­zu­er­hal­ten, Zug um Zug gegen Zah­lung von 80.000 € (zuzüg­lich Nut­zungs­ent­schä­di­gung), hat für den Klä­ger eben kei­nen Wert von 50.000 €. Die kon­kre­te Höhe der (iso­liert betrach­te­ten) Ansprü­che des Klä­gers bei wirk­sa­mem Wider­ruf ist vor­lie­gend auch gar nicht vor­ge­tra­gen.

Ein Ansatz des Streit­wer­tes nach der Restva­lu­ta oder höher wäre auch in ver­brau­cher­schüt­zen­der Hin­sicht nicht ver­tret­bar, weil der Streit­wert dann ein Viel­fa­ches des eigent­li­chen wirt­schaft­li­chen Inter­es­se des Dar­le­hens­neh­mers betrü­ge. Das zeigt der vor­lie­gen­de Fall exem­pla­risch. Ist der Wider­ruf des Klä­gers wirk­sam, so muss der Dar­le­hens­neh­mer im Wesent­li­chen die Restva­lu­ta erstat­ten. Im Übri­gen erge­ben sich mög­li­cher­wei­se gering­fü­gi­ge Dif­fe­ren­zen zwi­schen den Ansprü­chen des Klä­gers auf Rück­erstat­tung der Til­gungs- und Zins­zah­lun­gen ein­schließ­lich dar­auf jeweils berech­ne­ter Nut­zungs­ent­schä­di­gung und den Ansprü­chen der Bank auf Rück­zah­lung auch der kom­plet­ten Dar­le­hens­va­lu­ta sowie auf Zah­lung einer Nut­zungs­ent­schä­di­gung in Höhe der ver­ein­bar­ten Zin­sen . Die­se Dif­fe­ren­zen kön­nen vor­lie­gend ver­nach­läs­sigt wer­den, weil die­ser Sal­do jeden­falls gering­fü­gig wäre und kei­ne Par­tei vor­ge­tra­gen hat, zu wes­sen Guns­ten er sich ergä­be.

Ist der Wider­ruf unwirk­sam, muss der Klä­ger nicht nur die Restva­lu­ta zurück­er­stat­ten, son­dern dar­auf auch Zin­sen zah­len, die vor­lie­gend der Vor­fäl­lig­keits­ent­schä­di­gung von 5.151 € ent­spre­chen. Das wirt­schaft­li­che Inter­es­se des Klä­gers beträgt im Ergeb­nis, wie aus­ge­führt, 5.151 €.

Wäre die Kla­ge, mit der der Klä­ger die Unwirk­sam­keit des Wider­rufs gel­tend machen woll­te, trotz eines wirt­schaft­li­chen Inter­es­ses in Höhe von gut 5.000 € aber aus­schließ­lich mit einem Streit­wert in Höhe der Restva­lu­ta oder gar der Nomi­nal­dar­le­hens­sum­me, könn­te ein Ver­brau­cher, der nicht rechts­schutz­ver­si­chert ist, sei­ne Rech­te kaum effek­tiv gericht­lich durch­set­zen. Denn für den Pro­zess über ein strei­ti­ges Ver­brau­cher­recht, des­sen Aus­übung für den Klä­ger wirt­schaft­lich betrach­tet gut 5.000 € wert ist, fie­len zwin­gend Gebüh­ren nach einem viel­fach höhe­ren Streit­wert an. So hat der Klä­ger vor­lie­gend – bei Ansatz eines Streit­wer­tes von 64.000 € – für die vor­ge­richt­li­che Tätig­keit sei­nes Anwalts knapp 2.000 € auf­wen­den müs­sen, für die Gerichts­ge­büh­ren eben­falls, hin­zu kom­men auch im güns­tigs­ten Fall die Ver­fah­rens­ge­bühr sei­nes Anwalts und die Ter­mins­ge­bühr, als Kos­ten­ri­si­ko eben­so die Gebüh­ren des geg­ne­ri­schen Anwalts. Ins­ge­samt müss­te der Klä­ger – bei Ansatz des gel­tend gemach­ten Streit­wer­tes von 64.000 € – an sei­nen Anwalt gut 4.700 € an Gebüh­ren zah­len, an des Gericht knapp 2.000 €. Er müss­te allein ca.06.700 € an Gebüh­ren vor­aus­zah­len und gin­ge wirt­schaft­lich betrach­tet ein Pro­zess­kos­ten­ri­si­ko von wei­te­ren gut 3.700 € an Gebüh­ren des geg­ne­ri­schen Anwalts ein, die er bei Ver­lust der Kla­ge zu tra­gen hät­te. Ins­ge­samt betrü­ge das Kos­ten­ri­si­ko des Klä­gers über 10.000 €. Es liegt auf der Hand, dass eine pro­zes­sua­le Streit­wert­ge­stal­tung, die einem Ver­brau­cher die gericht­li­che Gel­tend­ma­chung eines Ver­brau­cher­rechts, die wirt­schaft­lich betrach­tet für ihn etwa 5.000 € wert ist, auch im ein­fachs­ten Fall nur bei Vor­aus­zah­lun­gen von ins­ge­samt 7.000 € und unter Über­nah­me eines Pro­zess­kos­ten­ri­si­kos von min­des­tens 10.000 € erlaub­te, geeig­net wäre, Ver­brau­cher, die nicht rechts­schutz­ver­si­chert sind, von der Gel­tend­ma­chung ihrer Ver­brau­cher­rech­te abzu­hal­ten. Es han­delt sich bei den ver­brau­cher­schüt­zen­den Vor­schrif­ten aber um Umset­zun­gen von EU-Richt­li­ni­en, die dem Gebot der prak­ti­schen Wirk­sam­keit (effet uti­le) unter­lie­gen. Eine sol­che Streit­wert­ge­stal­tung lie­fe dem Grund­satz der prak­ti­schen Wirk­sam­keit grund­le­gend zuwi­der.

Land­ge­richt Itze­hoe, Beschluss vom 17. Juli 2015 – 7 O 19/​15

  1. vgl. BHG Urteil vom 12.11.2002 ‑XIZR 47/​01[]
  2. aus­drück­lich BGH Urteil vom 12.11.2002- XI ZR 47/​01, Rn. 30 zur inso­weit iden­tisch for­mu­lier­ten Rege­lung nach § 3 HWiG[]
  3. vgl. OLG Schles­wig – 5 W 12/​15[]
  4. BGH Urteil vom 12.11.2002- XI ZR 47/​01, Rn. 30[][]