Wie­der ein­mal: Die Göt­tin­ger Grup­pe

Der Bun­des­ge­richts­hof hat­te erneut über meh­re­re Kla­gen von Kapi­tal­an­le­gern gegen Gesell­schaf­ten der sog. Göt­tin­ger Grup­pe zu ent­schei­den. Die Göt­tin­ger Grup­pe hat in den 90er Jah­ren über 100.000 Anle­ger gewor­ben, mit denen die ver­schie­de­nen Gesell­schaf­ten des Kon­zerns jeweils stil­le Gesell­schafts­ver­trä­ge geschlos­sen haben. Die ein­ge­zahl­ten Gel­der soll­ten in Immo­bi­li­en und Unter­neh­mens­be­tei­li­gun­gen ange­legt wer­den. Die Anle­ger waren am Gewinn, aber auch am Ver­lust betei­ligt. Nach Ablauf von etwa drei Jah­ren wur­de von der jewei­li­gen Gesell­schaft im Namen des Anle­gers ein neu­er Gesell­schafts­ver­trag geschlos­sen, bezo­gen auf ein neu auf­ge­leg­tes "Unter­neh­mens­seg­ment". Die wei­te­ren Zah­lun­gen des Anle­gers flos­sen dann in das neue Seg­ment, wäh­rend der alte Ver­trag bei­trags­los gestellt wur­de. Das soll­te sich bis zum Ende der Gesamt­ver­trags­lauf­zeit – je nach Wahl des Anle­gers bis zu 40 Jah­re – wie­der­ho­len (sog. Stei­ger-Modell). Durch die­se gestaf­fel­ten Betei­li­gun­gen soll­te erreicht wer­den, daß die Anle­ger immer an einem Unter­neh­mens­seg­ment betei­ligt waren, das sich gera­de in der Anfangs­ver­lust­pha­se befand und daher steu­er­li­che Ver­lust­zu­wei­sun­gen ermög­lich­te. Eine Beson­der­heit bestand dar­in, daß am Ende der Lauf­zeit die dann vor­han­de­nen Gut­ha­ben nach Wahl der Anle­ger nicht in einer Sum­me, son­dern als monat­li­che Ren­te ("Secu­Ren­te") aus­ge­zahlt wer­den soll­ten. Der ste­hen blei­ben­de Rest­be­trag soll­te jeweils mit 7 % pro Jahr ver­zinst wer­den.

Wie­der ein­mal: Die Göt­tin­ger Grup­pe

Die­ses Ren­ten­mo­dell konn­te nicht ver­wirk­licht wer­den, weil das Bun­des­auf­sichts­amt für das Kre­dit­we­sen im Okto­ber 1999 der Göt­tin­ger Grup­pe unter Hin­weis auf Bestim­mun­gen des Kre­dit­we­sen­ge­set­zes unter­sag­te, die Aus­ein­an­der­set­zungs­gut­ha­ben in Form von Ren­ten aus­zu­zah­len. Dar­auf­hin ver­pflich­te­te sich die Göt­tin­ger Grup­pe im Rah­men eines mit dem Bun­des­auf­sichts­amt geschlos­se­nen Pro­zess­ver­gleichs, die Gut­ha­ben jeweils in einer Sum­me an die Anle­ger zu zah­len. Den Weg­fall der Ren­ten­zah­lung haben eine Anzahl von Anle­gern zum Anlass genom­men, ihre Betei­li­gung zu kün­di­gen. Ande­re ver­lan­gen Rück­zah­lung ihrer Ein­la­gen mit der Begrün­dung, sie sei­en bei den Bei­tritts­ge­sprä­chen über die wah­ren Risi­ken der Anla­ge getäuscht wor­den.

Der Senat hat fest­ge­stellt, daß die von den Anle­gern geschlos­se­nen Gesell­schafts­ver­trä­ge grund­sätz­lich wirk­sam sind. Die Anle­ger kön­nen ihre Betei­li­gung aber mit sofor­ti­ger Wir­kung kün­di­gen. Der Kün­di­gungs­grund liegt in der Ankün­di­gung der Göt­tin­ger Grup­pe, die Gut­ha­ben künf­tig nur noch in einer Sum­me aus­zu­zah­len. Da damit die ver­spro­che­ne Ver­zin­sung weg­fällt, ist den Anle­gern die Fort­set­zung der Ver­trä­ge nicht zumut­bar. Sie haben auf­grund der Kün­di­gung einen Anspruch auf sofor­ti­ge Aus­zah­lung des Aus­ein­an­der­set­zungs­gut­ha­bens, also des Wer­tes, den ihre Betei­li­gung zur Zeit hat.

Wirt­schaft­lich wich­ti­ger ist die Fra­ge, ob die Anle­ger unab­hän­gig von dem gegen­wär­tig noch bestehen­den Wert ihrer Betei­li­gung die von ihnen gezahl­ten Ein­la­gen in vol­ler Höhe zurück­ver­lan­gen kön­nen. Das hängt nach den Ent­schei­dun­gen des Senats davon ab, ob der ein­zel­ne Anle­ger bei dem Ver­trags­schluß nicht ord­nungs­ge­mäß über die Nach­tei­le und Risi­ken der Anla­ge auf­ge­klärt wor­den ist. Bei Ver­trä­gen, die nach dem 1. Janu­ar 1998 abge­schlos­sen wor­den sind, hat der Senat einen sol­chen Auf­klä­rungs­man­gel bereits dar­in gese­hen, daß den Anle­gern die Ren­ten­zah­lung am Ende der Ver­trags­lauf­zeit als sicher dar­ge­stellt wor­den ist. Das Bun­des­auf­sichts­amt für das Kre­dit­we­sen hat­te sich auf den Stand­punkt gestellt, die Ren­ten­zah­lung sei auf­grund einer Ände­rung des Kre­dit­we­sen­ge­set­zes mit Wir­kung zum 1. Janu­ar 1998 unzu­läs­sig gewor­den. Ob das stimmt, hat der Senat offen gelas­sen. Er hat aber ange­nom­men, daß die Anle­ger jeden­falls über die Unsi­cher­heit der Rechts­la­ge hät­ten infor­miert wer­den müs­sen.

Bei den Ver­trags­schlüs­sen aus der Zeit vor 1998 bestand die­se Auf­klä­rungs­pflicht noch nicht, weil nach der alten Fas­sung des Kre­dit­we­sen­ge­set­zes die Ren­ten­zah­lung zwei­fels­frei zuläs­sig war. Bei die­sen Ver­trä­gen kommt es des­halb für den Erfolg der Kla­gen dar­auf an, ob die Anle­ger in bezug auf ande­re Umstän­de nicht ord­nungs­ge­mäß auf­ge­klärt wor­den sind. Zur Klä­rung die­ser Fra­ge sind eini­ge der Ver­fah­ren an die Beru­fungs­ge­rich­te zurück­ver­wie­sen wor­den. Dort muß ver­sucht wer­den, durch Ver­neh­mung von Zeu­gen fest­zu­stel­len, ob die Wer­ber der Göt­tin­ger Grup­pe den Anla­ge­in­ter­es­sen­ten die Risi­ken der Anla­ge ver­schwie­gen oder dazu fal­sche Anga­ben gemacht haben. Den Beru­fungs­ge­rich­ten ist auch auf­ge­tra­gen wor­den zu prü­fen, ob nach dem Anla­ge­kon­zept nur ein ganz gerin­ger Teil der Anle­ger­gel­der für die Inves­ti­ti­ons­tä­tig­keit bestimmt war und der weit über­wie­gen­de Teil die sog. wei­chen Kos­ten, wie etwa die Pro­vi­sio­nen für die Wer­ber und die all­ge­mei­nen Ver­wal­tungs­kos­ten, abde­cken soll­te. In die­sem Fall wäre ein Gewinn der Anle­ger unwahr­schein­lich, ein Ver­lust dage­gen wahr­schein­lich gewe­sen. Auch dar­über hät­ten die Anle­ger ggf. auf­ge­klärt wer­den müs­sen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urtei­le vom 21.03.2005 – II ZR 124/​03, II ZR 140/​03, II ZR 149/​03, II ZR 180/​03 und II ZR 310/​03