Kar­tell­recht­li­che Ober­gran­ze bei den Was­ser­ge­büh­ren?

Das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart hat eine Ver­fü­gung des Minis­te­ri­ums für Umwelt, Kli­ma und Ener­gie­wirt­schaft (ehe­mals Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um) Baden-Würt­tem­berg auf­ge­ho­ben, die als Lan­des­kar­tell­be­hör­de in einem soge­nann­ten Miss­brauchs­ver­fah­ren nach §§ 19, 32 ff. GWB gegen die Ener­gie Calw GmbH als Was­ser­ver­sor­gungs­un­ter­neh­men ergan­gen war, auf­ge­ho­ben.

Kar­tell­recht­li­che Ober­gran­ze bei den Was­ser­ge­büh­ren?

Mit die­ser Ver­fü­gung soll­te die Ener­gie Calw GmbH ver­pflich­tet wer­den, für die Zeit vom 1. Janu­ar 2008 bis 31. Dezem­ber 2009 bei allen Tarif-Was­ser­kun­den bei der Berech­nung der Was­ser­ent­gel­te einen Net­to­preis von nicht mehr als 1,82 € je Kubik­me­ter anzu­le­gen; im Fall bereits erfolg­ter End­ab­rech­nung soll­te bis zum 31. Mai 2011 allen Was­ser­kun­den die Dif­fe­renz erstat­tet wer­den.

Der Kar­tell­se­nat des Ober­lan­des­ge­richts Stutt­gart konn­te die Prüf­me­tho­dik der Lan­des­kar­tell­be­hör­de schon im Ansatz nicht bil­li­gen. Er bean­stan­de­te, dass von ihr nicht die von § 19 Abs. 4 Nr.2 GWB für eine Preis­miss­brauchs­kon­trol­le vor­ran­gig gebo­te­ne Unter­su­chung und Dar­stel­lung nach dem soge­nann­ten Ver­gleichs­markt­kon­zept („Als-Ob-Wett­be­werb“) vor­ge­nom­men wor­den, son­dern statt­des­sen eine Kos­ten- und Kal­ku­la­ti­ons­kon­trol­le nach eige­nen Kal­ku­la­ti­ons­maß­stä­ben erfolgt ist. Die Rah­men­be­din­gun­gen für eine kar­tell­recht­li­che Bewer­tung stel­len sich – so der Senat – nach dem Wil­len des Gesetz­ge­bers grund­le­gend anders dar als bei Elek­tri­zi­tät und Gas. Zwar ist eine Kos­ten- und Kal­ku­la­ti­ons­kon­trol­le der Kar­tell­be­hör­de nicht grund­sätz­lich ver­wehrt. Liegt aller­dings wie hier, wor­auf die Lan­des­kar­tell­be­hör­de selbst ver­wie­sen hat, eine ersicht­lich voll­stän­di­ge Über­sicht über die Tari­fe der pri­va­ten Was­ser­ver­sor­ger vor, so ist jenem – wenn­gleich mono­po­lis­tisch struk­tu­rier­ten – Ver­gleichs­markt im Rah­men der Miss­brauchs­be­wer­tung Gel­tung zu ver­schaf­fen.

Zur Miss­bräuch­lich­keit der von der Ener­gie Calw GmbH gefor­der­ten Was­ser­ent­gel­te hat sich das Gericht nicht abschlie­ßend geäu­ßert, da die Ver­fü­gung schon wegen des von der Lan­des­kar­tell­be­hör­de gewähl­ten Kon­troll­in­stru­men­ta­ri­ums auf­zu­he­ben war. Im Rah­men der Begrün­dung sei­ner Kos­ten­ent­schei­dung, wonach jeder Ver­fah­rens­be­tei­lig­te sei­ne außer­ge­richt­li­chen Kos­ten selbst tra­gen muss, hat der Senat jedoch zu erken­nen gege­ben, dass es nach sei­ner Ansicht nicht frag­lich war, dass die Lan­des­kar­tell­be­hör­de eine Miss­brauchs­kon­trol­le üben durf­te und die­se ins­be­son­de­re bei der Ener­gie Calw GmbH ange­zeigt erschien, da die­se im Feld der aus­schließ­lich mono­po­li­sier­ten Was­ser­ver­sor­ger zu den abso­lut teu­ers­ten gehör­te, in einem spä­te­ren Erfas­sungs­zeit­raum gar der teu­ers­te war. Dies gebie­te gleich­sam eine Kon­trol­le. Auch sei nicht fern lie­gend, dass eine Kon­trol­le mit einem bil­li­gens­wer­ten Ansatz zu einem ähn­li­chen Ergeb­nis wie dem füh­re, das in der ange­grif­fe­nen, aber auf­zu­he­ben­den Ver­fü­gung nie­der­ge­legt ist.

Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart, Beschluss vom 25. August 2011 – 201 Kart 2/​11