Kar­tell­ver­stö­ße – und die Ver­jäh­rung von Scha­dens­er­satz­an­sprü­chen

Aktu­ell hat­te sich der Bun­des­ge­richts­hof mit der Ver­jäh­rung von Scha­dens­er­satz­an­sprü­chen bei Kar­tell­ver­stö­ßen zu befas­sen. Anlass hier­für bot eine Kla­ge in Zusam­men­hang mit den Grau­zement­kar­tell:

Kar­tell­ver­stö­ße – und die Ver­jäh­rung von Scha­dens­er­satz­an­sprü­chen

Die Klä­ge­rin, eine Bau­stoff­händ­le­rin, erhebt gegen die Beklag­te, eine Zement­her­stel­le­rin, Scha­dens­er­satz­an­sprü­che und macht gel­tend, sie habe in den Jah­ren 1993 bis 2002 wegen deren Betei­li­gung an einem Kar­tell über­höh­te Prei­se für Zement zah­len müs­sen.

Die Beklag­te hat­te mit ande­ren Zement­her­stel­lern unter Ver­stoß gegen das Kar­tell­recht Gebiets- und Quo­ten­ab­spra­chen getrof­fen. Gegen sie wur­de des­halb 2003 ein Buß­geld fest­ge­setzt. Der Buß­geld­be­scheid wur­de 2013 durch eine Ent­schei­dung des Kar­tell­se­nats des Bun­des­ge­richts­hofs rechts­kräf­tig 1.

Die Par­tei­en strei­ten ins­be­son­de­re dar­über, ob mög­li­che Scha­dens­er­satz­an­sprü­che ver­jährt sind. Im Juli 2005 trat eine gesetz­li­che Bestim­mung in Kraft (§ 33 Abs. 5 GWB 2005), wonach der Lauf der Ver­jäh­rung eines Scha­dens­er­satz­an­spruchs wegen Kar­tell­ver­sto­ßes durch die Ein­lei­tung eines Buß­geld­ver­fah­rens wegen die­ses Ver­sto­ßes gehemmt wird. Die Hem­mung endet sechs Mona­te nach dem rechts­kräf­ti­gen Abschluss des Buß­geld­ver­fah­rens. Die Fra­ge, ob die­se Norm Anwen­dung fin­det, wenn der Kar­tell­ver­stoß vor ihrem Inkraft­tre­ten erfolg­te, ein dadurch begrün­de­ter Anspruch aber im Juli 2005 noch nicht ver­jährt war, wur­de in der Fach­li­te­ra­tur und der Recht­spre­chung der Instanz­ge­rich­te unter­schied­lich beur­teilt. Der Ant­wort auf die­se Fra­ge hat nicht nur für den Streit­fall Bedeu­tung, son­dern kann auch Scha­dens­er­satz­for­de­run­gen betref­fen, die in der Fol­ge der Auf­de­ckung ande­rer Kar­tel­le (z.B. LKW, Schie­nen, Zucker) erho­ben wer­den.

Wäh­rend die Kla­ge beim erst­in­stanz­lich hier­mit befass­ten Land­ge­richt Mann­heim – bis auf einen Teil der gefor­der­ten Zin­sen – Erfolg hat­te 2, hat in der Beru­fungs­in­stanz das Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he die Anwen­dung von § 33 Abs. 5 GWB ver­neint und die Ansprü­che als ver­jährt ange­se­hen 3. Auf die Revi­si­on der Klä­ge­rin hat dage­gen der Bun­des­ge­richts­hof das Urteil des Ober­lan­des­ge­richts abge­än­dert und der Kla­ge auf Fest­stel­lung der Scha­dens­er­satz­pflicht – hin­sicht­lich der Zins­an­sprü­che aller­dings nicht in bean­trag­ter Höhe – statt­ge­ge­ben:

§ 33 Abs. 5 GWB 2005 (jetzt § 33h Abs. 6 GWB) fin­det nach die­sem Urteil des Bun­des­ge­richts­hofs auch auf Scha­dens­er­satz­an­sprü­che Anwen­dung, die ihre Grund­la­ge in Kar­tell­ver­stö­ßen haben, die vor dem Inkraft­tre­ten der Norm am 1.07.2005 began­gen wur­den, und zu die­sem Zeit­punkt noch nicht ver­jährt waren. Dies ent­spricht einem all­ge­mei­nen Rechts­ge­dan­ken, wonach bei einer Ände­rung der gesetz­li­chen Bestim­mun­gen über die Ver­jäh­rung eines Anspruchs das neue Gesetz ab dem Zeit­punkt sei­nes Inkraft­tre­tens auf zuvor bereits ent­stan­de­ne, zu die­sem Zeit­punkt noch nicht ver­jähr­te Ansprü­che Anwen­dung fin­det.

Die­ser bereits vom Reichs­ge­richt ent­wi­ckel­te Grund­satz hat sowohl in Art. 169 EGBGB als auch – in jün­ge­rer Zeit – in Art. 231 § 6 Abs. 1 Satz 1 und 2 EGBGB und Art. 229 § 6 Absatz 1 Satz 1 und 2 EGBGB sei­nen Nie­der­schlag gefun­den. Anders wür­de sich die Rechts­la­ge nur dar­stel­len, wenn die Neu­fas­sung der Ver­jäh­rungs­re­ge­lung mit grund­le­gen­den Ände­run­gen im mate­ri­el­len Recht ein­her­gin­ge oder wenn der Gesetz­ge­ber aus­drück­lich eine abwei­chen­de Rege­lung getrof­fen hät­te. Bei­des ist hier jedoch nicht der Fall.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 12. Juni 2018 – – KZR 56/​16

  1. BGH, Beschluss vom 26.02.2013 – KRB 20/​12[]
  2. LG Mann­heim, Urteil vom 30.10.2015 – 7 O 34/​15 (Kart.) []
  3. OLG Karls­ru­he, Urteil vom 09.11.2016 – 6 U 204/​15 Kart. (2) []
  4. BGBl. I, S. 872[]