Kei­ne Fil­ter­sys­te­me für sozia­le Netz­wer­ke

Der Betrei­ber eines sozia­len Netz­werks im Inter­net kann nach einem heu­te ver­kün­de­ten Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on nicht gezwun­gen wer­den, ein gene­rel­les, alle Nut­zer die­ses Netz­werks erfas­sen­des Fil­ter­sys­tem ein­zu­rich­ten, um die unzu­läs­si­ge Nut­zung musi­ka­li­scher und audio­vi­su­el­ler Wer­ke zu ver­hin­dern. Eine sol­che Pflicht wür­de nach Ansicht des Euro­päi­schen Gerichts­hofs sowohl gegen das Ver­bot ver­sto­ßen, einem sol­chen Anbie­ter eine all­ge­mei­ne Über­wa­chungs­pflicht auf­zu­er­le­gen, als auch das Erfor­der­nis nicht beach­ten, ein ange­mes­se­nes Gleich­ge­wicht zwi­schen dem Urhe­ber­recht einer­seits und der unter­neh­me­ri­schen Frei­heit, dem Recht auf den Schutz per­so­nen­be­zo­ge­ner Daten und dem Recht auf frei­en Emp­fang oder freie Sen­dung von Infor­ma­tio­nen ande­rer­seits zu gewähr­leis­ten.

Kei­ne Fil­ter­sys­te­me für sozia­le Netz­wer­ke

Anlass hier­zu bot ein Fall aus Bel­gi­en, in dem das bel­gi­sche Pen­dant zur deut­schen Gema geklagt hat­te: Die Bel­gi­sche Vereni­ging van Auteurs, Com­po­nis­ten en Uit­ge­vers CVBA, SABAM, ist eine bel­gi­sche Ver­wer­tungs­ge­sell­schaft, die Autoren, Kom­po­nis­ten und Her­aus­ge­ber musi­ka­li­scher Wer­ke ver­tritt. In die­ser Funk­ti­on ist sie u. a. für die Geneh­mi­gung der Ver­wen­dung ihrer geschütz­ten Wer­ke durch Drit­te zustän­dig. SABAM klagt gegen die Net­log NV, die eine Platt­form für ein sozia­les Netz­werk im Inter­net betreibt, auf der jede Per­son, die sich dort anmel­det, einen per­sön­li­chen Bereich, das so genann­te „Pro­fil“, zur Ver­fü­gung gestellt bekommt, den sie selbst mit Inhal­ten fül­len kann, wobei ihr bekannt ist, dass die­ses Pro­fil welt­weit zugäng­lich ist. Die Haupt­funk­ti­on die­ser Platt­form, die täg­lich von über 10 Mio. Per­so­nen benutzt wird, besteht dar­in, vir­tu­el­le Gemein­schaf­ten auf­zu­bau­en, inner­halb deren die­se Per­so­nen unter­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren und auf die­se Wei­se Freund­schaf­ten schlie­ßen kön­nen. Auf ihrem Pro­fil kön­nen die Nut­zer u. a. ein Tage­buch füh­ren, ihre Ver­gnü­gun­gen und Vor­lie­ben ange­ben, ihre Freun­de zei­gen, per­sön­li­che Foto­gra­fi­en zur Schau stel­len oder Video­aus­schnit­te ver­öf­fent­li­chen.

SABAM ist der Ansicht, das sozia­le Netz­werk von Net­log bie­te allen Nut­zern auch die Mög­lich­keit, über ihr Pro­fil musi­ka­li­sche und audio­vi­su­el­le Wer­ke aus dem Reper­toire von SABAM zu nut­zen, indem sie die­se Wer­ke der Öffent­lich­keit der­ge­stalt zur Ver­fü­gung stell­ten, dass ande­re Nut­zer des Netz­werks Zugang zu ihnen erhiel­ten, ohne dass SABAM hier­zu ihre Zustim­mung erteilt habe und ohne dass Net­log hier­für eine Ver­gü­tung ent­rich­te.

Am 23. Juni 2009 erhob SABAM beim Prä­si­den­ten der Recht­bank van eers­te aan­leg te Brussel Kla­ge gegen Net­log und bean­trag­te u. a., Net­log unter Andro­hung eines Zwangs­gelds von 1 000 Euro für jeden Tag des Ver­zugs auf­zu­ge­ben, ab sofort jede unzu­läs­si­ge Zur­ver­fü­gung­stel­lung musi­ka­li­scher oder audio­vi­su­el­ler Wer­ke aus dem Reper­toire von SABAM zu unter­las­sen. Hier­zu hat Net­log gel­tend gemacht, der Erlass der von SABAM bean­trag­ten Unter­las­sungs­an­ord­nung wür­de dazu füh­ren, dass ihr eine all­ge­mei­ne Über­wa­chungs­pflicht auf­er­legt wür­de, was nach der Art. 15 der Richt­li­nie 2000/​13/​EG über den elek­tro­ni­schen Geschäfts­ver­kehr 1 ver­bo­ten sei.

Vor die­sem Hin­ter­grund hat die Recht­bank van eers­te aan­leg den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on ange­ru­fen. Die Recht­bank van eers­te aan­leg möch­te im Rah­men eines Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens vom Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on wis­sen, ob das Uni­ons­recht einer Anord­nung eines natio­na­len Gerichts an einen Hos­ting-Anbie­ter in Gestalt des Betrei­bers eines sozia­len Netz­werks im Inter­net ent­ge­gen­steht, ein Sys­tem der Fil­te­rung der von den Nut­zern sei­ner Diens­te auf sei­nen Ser­vern gespei­cher­ten Infor­ma­tio­nen, das unter­schieds­los auf alle die­se Nut­zer anwend­bar ist, prä­ven­tiv, allein auf eige­ne Kos­ten und zeit­lich unbe­grenzt ein­zu­rich­ten.

Im Wege eines sol­chen Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens kön­nen die Gerich­te der Mit­glied­staa­ten in einem bei ihnen anhän­gi­gen Rechts­streit dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on Fra­gen nach der Aus­le­gung des Uni­ons­rechts oder nach der Gül­tig­keit einer Hand­lung der Uni­on vor­le­gen. Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on ent­schei­det dabei nur über die vor­ge­leg­te Rechts­fra­ge, nicht aber auch über den natio­na­len Rechts­streit. Es bleibt viel­mehr Sache des natio­na­len Gerichts, über die Rechts­sa­che im Ein­klang mit der Ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on zu ent­schei­den. Die­se Ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on bin­det in glei­cher Wei­se auch alle ande­ren natio­na­len Gerich­te (also auch deut­sche Gerich­te), die mit einem ähn­li­chen Pro­blem befasst wer­den.

Nach den Fest­stel­lun­gen des Euro­päi­schen Gerichts­hofs spei­chert Net­log auf sei­nen Ser­vern Infor­ma­tio­nen, die von Nut­zern die­ser Platt­form ein­ge­ge­ben wer­den und mit ihrem Pro­fil in Zusam­men­hang ste­hen; somit ist Net­log ein Hos­ting-Anbie­ter im Sin­ne des Uni­ons­rechts.

Fest steht auch, dass die Ein­füh­rung die­ses Fil­ter­sys­tems bedeu­ten wür­de, dass der Hos­ting-Anbie­ter zum einen unter sämt­li­chen Datei­en, die von den Nut­zern sei­ner Diens­te auf sei­nen Ser­vern gespei­chert wer­den, die Datei­en ermit­telt, die Wer­ke ent­hal­ten kön­nen, an denen Inha­ber von Rech­ten des geis­ti­gen Eigen­tums Rech­te zu haben behaup­ten. Zum ande­ren müss­te der Hos­ting-Anbie­ter sodann ermit­teln, wel­che die­ser Datei­en in unzu­läs­si­ger Wei­se gespei­chert und der Öffent­lich­keit zur Ver­fü­gung gestellt wer­den, und schließ­lich müss­te er die Zur­ver­fü­gung­stel­lung von Datei­en, die er als unzu­läs­sig ein­ge­stuft hat, blo­ckie­ren.

Eine sol­che prä­ven­ti­ve Über­wa­chung wür­de eine akti­ve Beob­ach­tung der von den Nut­zern bei dem Betrei­ber des sozia­len Netz­werks gespei­cher­ten Datei­en erfor­dern. Dar­aus folgt, dass das Fil­ter­sys­tem den Betrei­ber zu einer all­ge­mei­nen Über­wa­chung der bei ihm gespei­cher­ten Infor­ma­tio­nen ver­pflich­ten wür­de, was nach der Richt­li­nie über den elek­tro­ni­schen Geschäfts­ver­kehr ver­bo­ten ist.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on weist sodann dar­auf hin, dass – wie der EuGH bereits im letz­ten Novem­ber in sei­nem "Scar­let Extended"-Urteil 2 ent­schie­den hat – die natio­na­len Behör­den und Gerich­te im Rah­men der zum Schutz der Inha­ber von Urhe­ber­rech­ten erlas­se­nen Maß­nah­men ein ange­mes­se­nes Gleich­ge­wicht zwi­schen dem Schutz des Urhe­ber­rechts und dem Schutz der Grund­rech­te von Per­so­nen, die von sol­chen Maß­nah­men betrof­fen sind, sicher­zu­stel­len haben. Im vor­lie­gen­den Fall wür­de die Anord­nung, ein Fil­ter­sys­tem ein­zu­rich­ten, jedoch bedeu­ten, dass im Inter­es­se der Inha­ber von Urhe­ber­rech­ten sämt­li­che der bei dem betref­fen­den Hos­ting-Anbie­ter gespei­cher­ten Infor­ma­tio­nen oder der größ­te Teil davon über­wacht wür­den. Die­se Über­wa­chung müss­te zudem zeit­lich unbe­grenzt sein, sich auf jede künf­ti­ge Beein­träch­ti­gung bezie­hen und nicht nur bestehen­de Wer­ke schüt­zen, son­dern auch Wer­ke, die zum Zeit­punkt der Ein­rich­tung die­ses Sys­tems noch nicht geschaf­fen waren. Des­halb wür­de eine sol­che Anord­nung zu einer qua­li­fi­zier­ten Beein­träch­ti­gung der unter­neh­me­ri­schen Frei­heit von Net­log füh­ren, da sie Net­log ver­pflich­ten wür­de, ein kom­pli­zier­tes, kost­spie­li­ges, auf Dau­er ange­leg­tes und allein auf sei­ne Kos­ten betrie­be­nes Infor­ma­tik­sys­tem ein­zu­rich­ten.

Dar­über hin­aus wür­den sich die Wir­kun­gen die­ser Anord­nung nicht auf Net­log beschrän­ken, weil das Fil­ter­sys­tem auch Grund­rech­te der Nut­zer sei­ner Diens­te beein­träch­ti­gen kann, und zwar ihre Rech­te auf den Schutz per­so­nen­be­zo­ge­ner Daten und auf frei­en Emp­fang oder freie Sen­dung von Infor­ma­tio­nen, bei denen es sich um Rech­te han­delt, die durch die Char­ta der Grund­rech­te der Euro­päi­schen Uni­on geschützt sind. Die Anord­nung wür­de näm­lich zum einen die Ermitt­lung, sys­te­ma­ti­sche Prü­fung und Ver­ar­bei­tung der Infor­ma­tio­nen in Bezug auf die auf dem sozia­len Netz­werk geschaf­fe­nen Pro­fi­le bedeu­ten, bei denen es sich um geschütz­te per­so­nen­be­zo­ge­ne Daten han­delt, da sie grund­sätz­lich die Iden­ti­fi­zie­rung der Nut­zer ermög­li­chen. Zum ande­ren könn­te die Anord­nung die Infor­ma­ti­ons­frei­heit beein­träch­ti­gen, weil die Gefahr bestün­de, dass das Sys­tem nicht hin­rei­chend zwi­schen unzu­läs­si­gen und zuläs­si­gen Inhal­ten unter­schei­den kann, so dass sein Ein­satz zur Sper­rung von Kom­mu­ni­ka­tio­nen mit zuläs­si­gem Inhalt füh­ren könn­te.

Daher ent­schied nun der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, dass das natio­na­le Gericht, erlie­ße es eine Anord­nung, mit der der Hos­ting-Anbie­ter zur Ein­rich­tung eines sol­chen Fil­ter­sys­tems ver­pflich­tet wür­de, nicht das Erfor­der­nis beach­ten wür­de, ein ange­mes­se­nes Gleich­ge­wicht zwi­schen dem Recht am geis­ti­gen Eigen­tum einer­seits und der unter­neh­me­ri­schen Frei­heit, dem Recht auf den Schutz per­so­nen­be­zo­ge­ner Daten und dem Recht auf frei­en Emp­fang oder freie Sen­dung von Infor­ma­tio­nen ande­rer­seits zu gewähr­leis­ten.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 16. Febru­ar 2012 – C‑360/​10 [Bel­gi­sche Vereni­ging van Auteurs, Com­po­nis­ten en Uit­ge­vers CVBA (SABAM) /​Net­log NV]

  1. Richt­li­nie 2000/​31/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 8. Juni 2000 über bestimm­te recht­li­che Aspek­te der Diens­te der Infor­ma­ti­ons­ge­sell­schaft, ins­be­son­de­re des elek­tro­ni­schen Geschäfts­ver­kehrs, im Bin­nen­markt, ABl.EU L 178, S. 1[]
  2. EuGH, Urteil vom 24.11.2011 – C‑70/​10[]