Kon­takt­lin­sen per Inter­net

Die EU-Mit­glied­staa­ten dür­fen nach einem ges­tern ver­kün­de­ten Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on den Ver­trieb von Kon­takt­lin­sen über das Inter­net nicht ver­bie­ten, denn die Gesund­heit der Ver­brau­cher kann auch durch weni­ger beein­träch­ti­gen­de Maß­nah­men zu schüt­zen wer­den.

Kon­takt­lin­sen per Inter­net

Hin­ter­grund die­ses Urteils des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on war ein Fall aus Ungarn: Nach unga­ri­schem Recht ist zum Ver­trieb von Kon­takt­lin­sen ein min­des­tens 18 m² gro­ßes Fach­ge­schäft oder ein von der Werk­statt abge­trenn­ter Raum erfor­der­lich. Zudem sind im Rah­men des Ver­triebs die­ser Pro­duk­te die Diens­te eines Opto­me­tris­ten oder eines auf Kon­takt­lin­sen spe­zia­li­sier­ten Augen­arz­tes in Anspruch zu neh­men.

Die unga­ri­sche Gesell­schaft Ker-Opti­ka ver­treibt Kon­takt­lin­sen über ihre Web­site. Die unga­ri­schen Gesund­heits­be­hör­den unter­sag­ten ihr die wei­te­re Aus­übung die­ser Tätig­keit, da die­se Pro­duk­te in Ungarn nicht über das Inter­net ver­trie­ben wer­den dürf­ten. Ker-Opti­ka focht die­se Ver­bots­ver­fü­gung gericht­lich an, und der Baranya megy­ei bíróság (Bezirks­ge­richt Baranya, Ungarn), bei dem der Rechts­streit anhän­gig ist, leg­te dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on im Rah­men eines Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens die Fra­ge vor, ob das Uni­ons­recht der unga­ri­schen Rege­lung ent­ge­gen­steht, wonach Kon­takt­lin­sen nur in einem Fach­ge­schäft für medi­zi­ni­sche Hilfs­mit­tel ver­trie­ben wer­den dür­fen und folg­lich ihr Ver­trieb über das Inter­net ver­bo­ten ist.

Im Wege eines sol­chen Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens kön­nen die Gerich­te der Mit­glied­staa­ten in einem bei ihnen anhän­gi­gen Rechts­streit dem Gerichts­hof Fra­gen nach der Aus­le­gung des Uni­ons­rechts oder nach der Gül­tig­keit einer Hand­lung der Uni­on vor­le­gen. Der Gerichts­hof ent­schei­det nicht über den natio­na­len Rechts­streit. Es ist Sache des natio­na­len Gerichts, über die Rechts­sa­che im Ein­klang mit der Ent­schei­dung des Gerichts­hofs zu ent­schei­den. Die­se Ent­schei­dung des Gerichts­hofs bin­det in glei­cher Wei­se ande­re natio­na­le Gerich­te, die mit einem ähn­li­chen Pro­blem befasst wer­den.

In sei­nem ges­tern ver­kün­de­ten Urteil stellt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on fest, dass das nach unga­ri­schem Recht bestehen­de Ver­bot, Kon­takt­lin­sen über das Inter­net zu ver­trei­ben, für aus ande­ren Mit­glied­staa­ten stam­men­de Kon­takt­lin­sen gilt, die Gegen­stand eines Ver­sand­han­dels­ver­kaufs und einer Lie­fe­rung nach Hau­se an in Ungarn woh­nen­de Ver­brau­cher sind. Das Ver­bot ent­hält den Wirt­schafts­teil­neh­mern der ande­ren Mit­glied­staa­ten eine beson­ders effi­zi­en­te Moda­li­tät für den Ver­trieb die­ser Waren vor und behin­dert so erheb­lich deren Zugang zum unga­ri­schen Markt. Folg­lich stellt die­se Rege­lung ein Hin­der­nis für den frei­en Waren­ver­kehr in der Euro­päi­schen Uni­on dar.

Zur Fra­ge einer Recht­fer­ti­gung die­ser Beschrän­kung weist der Gerichts­hof dar­auf hin, dass ein Mit­glied­staat ver­lan­gen kann, dass Kon­takt­lin­sen von Fach­per­so­nal aus­ge­hän­digt wer­den, das in der Lage ist, dem Kun­den Infor­ma­tio­nen zum rich­ti­gen Gebrauch und zur rich­ti­gen Pfle­ge die­ser Pro­duk­te sowie zu den mit dem Tra­gen von Kon­takt­lin­sen ver­bun­de­nen Risi­ken zu geben. Indem die unga­ri­sche Rege­lung die Aus­hän­di­gung von Kon­takt­lin­sen Opti­ker­ge­schäf­ten vor­be­hält, die die Diens­te eines qua­li­fi­zier­ten Opti­kers anbie­ten, ist sie geeig­net, die Errei­chung des auf die Gewähr­leis­tung des Schut­zes der Gesund­heit der Ver­brau­cher gerich­te­ten Ziels zu gewähr­leis­ten.

Der Gerichts­hof weist jedoch dar­auf hin, dass die­se Dienst­leis­tun­gen auch von Augen­ärz­ten außer­halb von Opti­ker­ge­schäf­ten erbracht wer­den kön­nen. Zudem sind die­se Leis­tun­gen grund­sätz­lich nur bei der ers­ten Lie­fe­rung von Kon­takt­lin­sen not­wen­dig. Denn bei spä­te­ren Lie­fe­run­gen genügt es, dass der Kun­de den Ver­käu­fer auf den Kon­takt­lin­sen­typ, den er bei der ers­ten Lie­fe­rung erhal­ten hat, hin­weist und ihm eine etwai­ge von einem Augen­arzt fest­ge­stell­te Ver­än­de­rung sei­nes Seh­ver­mö­gens mit­teilt. Außer­dem kön­nen zusätz­li­che Infor­ma­tio­nen und Rat­schlä­ge, die für eine län­ge­re Ver­wen­dung von Kon­takt­lin­sen not­wen­dig sind, dem Kun­den durch inter­ak­ti­ve Ele­men­te auf der Web­site des Anbie­ters oder durch einen qua­li­fi­zier­ten Opti­ker gege­ben wer­den, den der Anbie­ter zur Ertei­lung die­ser Aus­künf­te aus der Fer­ne benennt.

Unter die­sen Umstän­den ent­schei­det der Gerichts­hof, dass das Ziel, den Schutz der Gesund­heit der Kon­takt­lin­sen­trä­ger zu gewähr­leis­ten, durch Maß­nah­men erreicht wer­den kann, die weni­ger beschrän­kend sind als die sich aus der unga­ri­schen Rege­lung erge­ben­den. Folg­lich steht das Ver­bot des Ver­kaufs von Kon­takt­lin­sen über das Inter­net nicht in ange­mes­se­nem Ver­hält­nis zum Ziel des Schut­zes der öffent­li­chen Gesund­heit und ist somit als Ver­stoß gegen die Vor­schrif­ten im Bereich des frei­en Waren­ver­kehrs anzu­se­hen.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 2. Dezem­ber 2010 – C‑108/​09 [Ker-Opti­ka bt /​ÁNTSZ Dél-dun­án­tú­li Regi­oná­lis Inté­ze­te]