Kri­tik am Chef­re­dak­teur

Der Chef­re­dak­teur eines Nach­rich­ten­ma­ga­zins muss sich kri­ti­sche Inter­view­äu­ße­run­gen über sei­ne redak­tio­nel­le Arbeit und deren Abdruck in ande­ren Zei­tun­gen oder Zeit­schrif­ten gefal­len las­sen. So wies der Bun­des­ge­richts­hof jetzt einen Unter­las­sungs­an­spruch des Chef­re­dak­teurs des „Focus“, Hel­mut Mark­wort, gegen den Abdruck kri­ti­scher Inter­view­äu­ße­run­gen des Autors und Kaba­ret­tis­ten Roger Wil­lem­sen zurück.

Kri­tik am Chef­re­dak­teur

Der Klä­ger ist Chef­re­dak­teur des Nach­rich­ten­ma­ga­zins „Focus“. Er ver­langt von dem beklag­ten Zei­tungs­ver­lag die Unter­las­sung des künf­ti­gen Abdrucks von Tei­len eines Inter­views. Gegen­stand des Inter­views waren Äuße­run­gen des Autors und Kaba­ret­tis­ten Roger Wil­lem­sen aus Anlass des bevor­ste­hen­den Büh­nen­auf­tritts „Ich gebe Ihnen mein Ehren­wort – Die Welt­ge­schich­te der Lüge“. Die Beklag­te druck­te das Inter­view weni­ge Tage vor einem Ver­an­stal­tungs­ter­min in der von ihr ver­leg­ten ört­li­chen Tages­zei­tung ab. Roger Wil­lem­sen äußer­te u. a.: „Heu­te wird offen gelo­gen“. Im Hin­blick auf einen Bericht über Ernst Jün­ger in der Zeit­schrift „Focus“ erklär­te Roger Wil­lem­sen: „Das Focus-Inter­view, das Mark­wort mit Ernst Jün­ger geführt haben will, war schon zwei Jah­re zuvor in der Bun­ten erschie­nen.“ Der Klä­ger meint, durch die­se Äuße­run­gen ent­ste­he in der Öffent­lich­keit ein sei­nem Anse­hen abträg­li­cher Ein­druck.

Die Kla­ge war zunächst in bei­den Vor­in­stan­zen erfolg­reich. Der Bun­des­ge­richts­hof hat nun jedoch auf die Revi­si­on der Beklag­ten die Kla­ge abge­wie­sen.

Die Ver­brei­tung der Äuße­run­gen war, so der Bun­des­ge­richts­hof in sei­nen Urteils­grün­den, zuläs­sig. Es han­delt sich um eine nicht gegen den Klä­ger per­sön­lich gerich­te­te Mei­nungs­äu­ße­rung mit einem wah­ren Tat­sa­chen­kern. Die Aus­sa­ge „Heu­te wird offen gelo­gen“ rich­tet sich gegen die Bericht­erstat­tung im Maga­zin „Focus“, für die der Klä­ger als Chef­re­dak­teur ver­ant­wort­lich war. Sie gibt die dem Beweis nicht zugäng­li­che Mei­nung des Inter­view­ten über die man­geln­de Wahr­heits­lie­be in den Medi­en wie­der. Durch das von ihm ange­führ­te Bei­spiel des Inter­views Mark­worts mit Ernst Jün­ger, das Mark­wort jeden­falls nicht selbst geführt hat, wird der Klä­ger zwar in sei­nem Per­sön­lich­keits­recht tan­giert, doch über­wiegt das von Roger Wil­lem­sen ver­folg­te Inter­es­se der Öffent­lich­keit an der Wahr­heit und Serio­si­tät der Medi­en­ar­beit. Der Per­sön­lich­keits­schutz des Klä­gers hat mit­hin hin­ter dem Recht der Beklag­ten auf Pres­se- und Mei­nungs­frei­heit zurück­zu­tre­ten.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 17. Novem­ber 2009 – VI ZR 226/​08