Land­wirt­schaft­li­che Grund­stü­cke für die Wan­der­schä­fe­rei

Pro­jek­te von Natur­schutz­ver­bän­den kön­nen dem kon­kre­ten Auf­sto­ckungs­be­dürf­nis­sen von Land­wir­ten gleich­ge­stellt und bei dafür getä­tig­tem Flä­chen­er­werb die erfor­der­li­che Grund­stücks­ver­kehrs­ge­neh­mi­gung nach § 9 GrdstVG trotz kon­kur­rie­ren­der Erwerbs­in­ter­es­sen von Land­wir­ten unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen erteilt wer­den.

Land­wirt­schaft­li­che Grund­stü­cke für die Wan­der­schä­fe­rei

Die Grund­stücks­ver­kehrs­ge­neh­mi­gung kann in einem sol­chen Fall jedoch nur erteilt wer­den, wenn

  1. dem Flä­chen­er­werb ein kon­kre­tes för­de­rungs­fä­hi­ges Umwelt­schutz- oder Natur­schutz­pro­jekt des Natur­schutz­ver­ban­des zugrun­de liegt,
  2. der Ankauf der Flä­chen oder zumin­dest das betref­fen­de Pro­jekt ent­we­der von der Bun­des­re­gie­rung, einem Land oder von der Euro­päi­schen Gemein­schaft unter­stützt, ins­be­son­de­re finan­zi­ell geför­dert wird,
  3. die Plä­ne für die Umset­zung des Natur­schutz­vor­ha­bens mit Ernst­haf­tig­keit betrie­ben wer­den und
  4. der Natur­schutz­ver­band ein nach­weis­ba­res drin­gen­des, kon­kre­tes Kauf­in­ter­es­se oder Auf­sto­ckungs­be­dürf­nis hat.

Die Grund­stücks­ver­kehrs­ge­neh­mi­gung darf nach § 9 Abs. 1 GrdstVG nur ver­sagt wer­den, wenn einer der in Abs. 1 auf­ge­führ­ten Ver­sa­gungs­grün­de vor­liegt, ins­be­son­de­re dann, wenn die Ver­äu­ße­rung zu einer unge­sun­den Ver­tei­lung des Grund und Bodens führt. Nach § 9 Abs. 2 GrdstVG liegt eine unge­sun­de Ver­tei­lung des Grund und Bodens in der Regel vor, wenn die Ver­äu­ße­rung Maß­nah­men zur Ver­bes­se­rung der Agrar­struk­tur wider­spricht.

Nach höchst­rich­ter­li­cher Recht­spre­chung sind für die maß­ge­ben­den und zu berück­sich­ti­gen­den Maß­nah­men zur Ver­bes­se­rung der Agrar­struk­tur und die ver­folg­ten agrar­struk­tu­rel­len Zie­le die Agrar­be­rich­te der Bun­des­re­gie­rung her­an­zu­zie­hen. Danach ist nach wie vor ein wesent­li­ches agrar­struk­tu­rel­les Ziel, die erfor­der­li­che Eigen­land­aus­stat­tung der Land­wirt­schaft sicher­zu­stel­len. Es wider­spricht danach regel­mä­ßig den ange­streb­ten Maß­nah­men zur Ver­bes­se­rung der Agrar­struk­tur, wenn land­wirt­schaft­lich genutz­ter bzw. zu nut­zen­der Boden an einen Nicht­land­wirt und einen auch sonst nicht nach dem Grund­stücks­ver­kehrs­ge­setz pri­vi­le­gier­ten Erwer­ber ver­äu­ßert wer­den soll und ein Land­wirt das betref­fen­de Grund­stück zur Auf­sto­ckung sei­nes land­wirt­schaft­li­chen Betriebs mit hin­rei­chen­der Dring­lich­keit benö­tigt. Das Erwerbs­in­ter­es­se des Grund­stücks­käu­fers, der sei­nen Erwerb nicht aus der Land- oder Forst­wirt­schaft bezieht und auch sonst kein agrar­struk­tu­rell för­de­rungs­wür­di­ges Vor­ha­ben ver­folgt, muss dann regel­mä­ßig zurück­tre­ten.

Das Land­wirt­schafts­ge­richt hat nach durch­ge­führ­ter Beweis­auf­nah­me fest­ge­stellt, dass hier ein Haupt­er­werbs­land­wirt vor­han­den ist, der einen Auf­sto­ckungs­be­darf von hin­rei­chen­der Dring­lich­keit hat und der zum Erwerb der Grund­stü­cke bereit und in der Lage ist. Die­sen Fest­stel­lun­gen des Land­wirt­schafts­ge­richts, die mit der Beschwer­de auch nicht ange­grif­fen wer­den, folgt das Ober­lan­des­ge­richt Olden­burg.

Ob der Grund­stücks­er­wer­ber eben­falls als land­wirt­schaft­li­ches Unter­neh­men anzu­se­hen ist und von daher bereits nicht von einer unge­sun­den Boden­ver­tei­lung aus­zu­ge­hen ist, kann im Ergeb­nis dahin­ste­hen, da der Erwerb des streit­ge­gen­ständ­li­chen Grund­stücks durch den Grund­stücks­er­wer­ber auch dann nicht zu einer unge­sun­den Ver­tei­lung des Grund und Bodens führt, wenn er Nicht-Land­wirt ist. Denn anhand der Agrar­be­rich­te der Bun­des­re­gie­rung ist fest­zu­stel­len, dass als wei­te­res agrar­po­li­ti­sches Haupt­ziel unter ande­rem die Siche­rung und Ver­bes­se­rung der natür­li­chen Lebens­grund­la­gen sowie die Erhal­tung der bio­lo­gi­schen Viel­falt ver­folgt wird und in der staat­li­chen Agrar­po­li­tik den Belan­gen des Umwelt- und Natur­schut­zes ver­stärkt Rech­nung getra­gen wird, was auch im Inter­es­se der Land­wirt­schaft lie­gen soll, die auf die dau­er­haf­te Funk­ti­ons- und Nut­zungs­fä­hig­keit des Natur­haus­halts ange­wie­sen ist 1. Ent­spre­chen­de Belan­ge des Umwelt- und Natur­schut­zes ste­hen danach inzwi­schen gleich­ran­gig neben den agrar­struk­tu­rell nach wie vor för­de­rungs­wür­di­gen Inter­es­sen der Land­wirt­schaft an einer aus­rei­chen­den Flä­chen­aus­stat­tung. Dabei gewin­nen Maß­nah­men des Umwelt- und Natur­schut­zes zuneh­mend an Bedeu­tung für die ange­streb­te Ver­bes­se­rung der Agrar­struk­tur 2.

Dem­entspre­chend wer­den nach der­zei­ti­gem Stand der Recht­spre­chung 3 Pro­jek­te von Natur­schutz­ver­bän­den unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen den kon­kre­ten Auf­sto­ckungs­be­dürf­nis­sen von Land­wir­ten gleich­ge­stellt und bei dafür getä­tig­tem Flä­chen­er­werb die erfor­der­li­che Grund­stücks­ver­kehrs­ge­neh­mi­gung nach § 9 GrdstVG trotz kon­kur­rie­ren­der Erwerbs­in­ter­es­sen von Land­wir­ten erteilt.

Dies soll gel­ten, wenn

  1. ein kon­kre­tes för­de­rungs­fä­hi­ges Umwelt­schutz- oder Natur­schutz­pro­jekt dem Flä­chen­er­werb des Natur­schutz­ver­ban­des zugrun­de liegt,
  2. der Ankauf der Flä­chen oder zumin­dest das betref­fen­de Pro­jekt ent­we­der von der Bun­des­re­gie­rung, einem Land oder von der Euro­päi­schen Gemein­schaft unter­stützt, ins­be­son­de­re finan­zi­ell geför­dert wird,
  3. die Plä­ne für die Umset­zung des Natur­schutz­vor­ha­bens mit Ernst­haf­tig­keit betrie­ben wer­den
  4. und der Natur­schutz­ver­band ein nach­weis­ba­res drin­gen­des, kon­kre­tes Kauf­in­ter­es­se oder Auf­sto­ckungs­be­dürf­nis hat.

Der Grund­stücks­er­wer­ber erfüllt im vor­lie­gend vom Ober­lan­des­ge­richt Olden­burg ent­schie­de­nen Fall mit dem von ihm betrie­be­nen Pro­jekt einer „Wan­der­schä­fe­rei zur Offen­hal­tung von Mager­bio­to­pen“ die­se Vor­aus­set­zun­gen:

Der Grund­stücks­er­wer­ber betreibt durch das vor­ge­nann­te Pro­jekt ein kon­kret för­de­rungs­fä­hi­ges Umwelt­schutz- oder Natur­schutz­pro­jekt:

Zunächst ist klar­zu­stel­len, dass nach dem unbe­strit­te­nen Vor­trag des Grund­stücks­er­wer­ber das Pro­jekt der Wan­der­schä­fe­rei von ihm selbst betrie­ben wird. Die L gGmbH bewirt­schaf­tet ledig­lich die hier in Rede ste­hen­den Flä­chen für den Grund­stücks­er­wer­ber. Die­ser bleibt aber Pro­jekt­be­trei­ber, wie sich im Übri­gen auch aus sämt­li­chen vor­lie­gen­den Ver­trä­gen und Bewil­li­gungs­be­schei­den ergibt.

Des Wei­te­ren stellt die „Wan­der­schä­fe­rei zur Offen­hal­tung von Mager­bio­to­pen“ ein kon­kret för­de­rungs­fä­hi­ges Umwelt­schutz- oder Natur­schutz­pro­jekt dar. Nach Auf­fas­sung des Lan­des Nie­der­sa­chen – Nie­der­säch­si­sches Minis­te­ri­um für Umwelt, Ener­gie und Kli­ma­schutz – sind für den Natur­schutz beson­ders bedeut­sa­me, kul­tur­be­ton­te Bio­top­ty­pen in ihrem Fort­be­stand infol­ge ein­set­zen­der Ver­bu­schung und Ver­brachung stark gefähr­det, wenn sie nicht wei­ter genutzt wer­den. Des­halb för­dert das Land mit dem Pro­jekt "Beson­de­re Bio­top­ty­pen" die natur­schutz­kon­for­me Bewirt­schaf­tung beson­ders bedeut­sa­mer, kul­tur­be­ton­ter Bio­top­ty­pen (Mager­ra­sen, mon­ta­ne Wie­sen sowie Sand- und Moor­hei­den), um so vie­le auf der Roten Lis­te ste­hen­de gefähr­de­te Arten von Pflan­zen und Tie­ren zu erhal­ten. So soll durch Bewei­dung ver­hin­dert wer­den, dass schutz­be­dürf­ti­ge Bio­top­ty­pen in ihrem Fort­be­stand infol­ge ein­set­zen­der Ver­bu­schung und Ver­brachung stark gefähr­det wer­den.

Das vom Grund­stücks­er­wer­ber betrie­be­ne Pro­jekt der Wan­der­schä­fe­rei dient nach sei­nem – von der Geneh­mi­gungs­be­hör­de nicht in Abre­de gestell­ten – Vor­trag dem vor­ge­nann­ten Pro­jekt des Lan­des Nie­der­sach­sen. Es führt zum Erhalt der vor­ge­nann­ten Bio­to­pe und stellt des­halb ein ganz kon­kre­tes för­de­rungs­fä­hi­ges Umwelt­schutz- oder Natur­schutz­pro­jekt dar. Der Erwerb der streit­ge­gen­ständ­li­chen Flä­che för­dert das Pro­jekt, weil es unab­ding­bar ist, dass die Scha­fe nicht aus­schließ­lich im zu schüt­zen­den Hoch­moor wei­den, son­dern gera­de auch bei nas­ser Wit­te­rung Aus­weich­flä­chen zur Ver­fü­gung ste­hen, da das Hoch­moor dann unbrauch­bar ist. Zudem ist die streit­ge­gen­ständ­li­che Grün­flä­che wich­tig für die Auf­nah­me hoch­wer­ti­ger Nah­rung durch die Scha­fe, auf die sie pha­sen­wei­se ange­wie­sen sind. Zudem kön­nen durch die Bewirt­schaf­tung Fut­ter­vor­rä­te für den Win­ter ange­legt wer­den. Ins­ge­samt dient der Kauf der Flä­chen des­halb dem vom Land als för­de­rungs­fä­hig ange­se­he­nen Gesamt­pro­jekt zum Erhalt der Mager­bio­to­pe in den angren­zen­den Gebie­ten.

Das vor­ge­nann­te Pro­jekt wird auch durch die öffent­li­che Hand unter­stützt bzw. finan­zi­ell geför­dert. So hat der Land­kreis Aurich bereits 2003 zur För­de­rung des Auf­baus der Wan­der­schä­fe­rei der Grund­stücks­er­wer­ber im streit­ge­gen­ständ­li­chen Gebiet einen Zuschuss zum Kauf von Flä­chen in Höhe von 10.000,00 EUR bewil­ligt. Auch die Stadt Aurich hat mit Ver­trag vom 06.05.2011 dem Grund­stücks­er­wer­ber eine Flä­che von 4,6215 ha kos­ten­los für die Wan­der­schä­fe­rei zur Nut­zung für ein Jahr mit Ver­län­ge­rungs­klau­sel über­las­sen.

Der Grund­stücks­er­wer­ber betreibt sei­ne Plä­ne mit der Wan­der­schä­fe­rei auch mit Ernst­haf­tig­keit. Dies zeigt sich nicht nur an der Dau­er des Pro­jekts, son­dern auch am Aus­maß des Flä­chen­er­werbs und dem damit ver­bun­de­nen finan­zi­el­len Auf­wand. So hat allein die „Nie­der­säch­si­sche Bin­go­stif­tung“ 55.269,84 EUR für den Erwerb von Flä­chen zur Ver­wirk­li­chung des Pro­jekts Wan­der­schä­fe­rei für den Grund­stücks­er­wer­ber auf­ge­bracht. Zudem ist eigens zum Unter­stel­len der Scha­fe im Win­ter und in Krank­heits­fäl­len eine Hal­le beschafft und umge­baut wor­den, was eben­falls durch Mit­tel der „Nie­der­säch­si­schen Bin­go­stif­tung“ in Höhe von wei­te­ren 18.000,00 EUR finan­ziert wur­de. Unter Gesamt­schau die­ser Umstän­de kann nicht in Abre­de gestellt wer­den, dass das Pro­jekt ernst­haft betrie­ben wird.

Schließ­lich ist vom Grund­stücks­er­wer­ber unstrei­tig ein drin­gen­des, kon­kre­tes Kauf­in­ter­es­se dar­ge­legt wor­den. Wie oben aus­ge­führt, dient das Grund­stück der not­wen­di­gen Ver­bin­dung von bereits vor­han­de­nen Flä­chen zum Hoch­moor. Der Schaf­her­de kön­nen durch den Erwerb auf dem Weg von der Hal­le zum Bio­top Rast- und Wei­de­flä­chen zur Ver­fü­gung gestellt wer­den, die die­se benö­ti­gen. Auch das erfor­der­li­che Win­ter­fut­ter kann durch die Bewirt­schaf­tung der Grün­flä­chen gewon­nen wer­den. Damit liegt ein drin­gen­des, kon­kre­tes Kauf­in­ter­es­se vor.

Nach alle­dem lie­gen die von der Recht­spre­chung gefor­der­ten Vor­aus­set­zun­gen, unter denen das Erwerbs­in­ter­es­se von Natur­schutz­ver­bän­den dem kon­kre­ten Auf­sto­ckungs­be­dürf­nis von Land­wir­ten gleich­ge­stellt wird, vor.

Dass hier der benann­te Land­wirt einen nach § 9 Abs. 1 Nr. 1 GrdstVG beacht­li­chen drin­gen­den Auf­sto­ckungs­be­darf hat und danach auch zu den durch das Grund­stücks­ver­kehrs­ge­setz pri­vi­le­gier­ten Erwer­bern gehört, schließt hier die Ertei­lung der Grund­stücks­ver­kehrs­ge­neh­mi­gung nicht aus. Wenn auch der Käu­fer ein auf­sto­ckungs­be­dürf­ti­ger Land­wirt ist oder wenn – wie im vor­lie­gen­den Fall – auf­sto­ckungs­be­dürf­ti­ge Land­wir­te einem Käu­fer mit einem in ande­rer Hin­sicht agrar­struk­tu­rell för­de­rungs­wür­di­gen Pro­jekt gegen­über­ste­hen oder drin­gen­de volks­wirt­schaft­li­che Grün­de für den Erwerb des Käu­fers spre­chen, dann ist es nicht Auf­ga­be des Geneh­mi­gungs­ver­fah­rens, eine Aus­wahl unter den nach Grund­stücks­ver­kehrs­ge­setz pri­vi­le­gier­ten Erwerbs­in­ter­es­sen­ten vor­zu­neh­men. Das Geneh­mi­gungs­ver­fah­ren dient näm­lich nicht der posi­ti­ven Len­kung des land­wirt­schaft­li­chen Grund­stücks­ver­kehrs. Des­halb kann einem Kauf­ver­trag, der einer bestimm­ten Maß­nah­me zur Ver­bes­se­rung der Agrar­struk­tur oder nach § 9 Abs. 6 GrdstVG drin­gen­den volks­wirt­schaft­li­chen Belan­gen dient, die Geneh­mi­gung nicht des­halb ver­sagt wer­den, weil auf­grund einer ande­ren Struk­tur­maß­nah­me das bestehen­de Erwerbs­in­ter­es­se eines Drit­ten im kon­kre­ten Fall dring­li­cher erschei­nen mag 4.

Nach alle­dem durf­te im vor­lie­gen­den Fall die Ertei­lung der Grund­stücks­ver­kehrs­ge­neh­mi­gung für den Kauf­ver­trag nicht ver­wei­gert wer­den.

Ober­lan­des­ge­richt Olden­burg, Beschluss vom 8. Novem­ber 2012 – 10 W 23/​12

  1. so zutref­fend BGH NJW-RR 1997, 232[]
  2. vgl. dazu Koll­rus RdL 2011, 197[]
  3. vgl. dazu die Zusam­men­fas­sung der bis­he­ri­gen Recht­spre­chungs­grund­sät­ze bei Netz, a.a.O, Ziff.04.10.04.1[]
  4. vgl. BGHZ 94, 292, 297; BGH AgrarR 1985, 300, 301; OLG Olden­burg RdL 2001, 295, 296[]