Markt­macht im Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­markt

Mit den Leit­li­ni­en der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on zur Markt­ana­ly­se und Ermitt­lung beträcht­li­cher Markt­macht wer­den den Ein­zel­nen kei­ne Ver­pflich­tun­gen auf­er­legt. Dass die­se Leit­li­ni­en im Amts­blatt der Euro­päi­schen Uni­on nicht in der Spra­che eines Mit­glied­staats ver­öf­fent­licht wur­den, hin­dert nach einem jetzt ver­kün­de­ten Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on die natio­na­le Regu­lie­rungs­be­hör­de die­ses Staa­tes daher nicht dar­an, sich in einer an einen Ein­zel­nen gerich­te­ten Ent­schei­dung auf sie zu bezie­hen.

Markt­macht im Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­markt

Nach der Bei­tritts­ak­te von 2003 1 sind die vor dem Bei­tritt der neu­en Mit­glied­staa­ten zur Uni­on erlas­se­nen und vom Rat, der Kom­mis­si­on oder der Euro­päi­schen Zen­tral­bank in den Spra­chen die­ser Staa­ten abge­fass­ten Rechts­ak­te der Orga­ne und der Euro­päi­schen Zen­tral­bank vom Tag des Bei­tritts an unter den glei­chen Bedin­gun­gen wie die Wort­lau­te in den elf Spra­chen der sei­ner­zei­ti­gen Mit­glied­staa­ten ver­bind­lich. Sie wer­den im Amts­blatt der Euro­päi­schen Uni­on ver­öf­fent­licht, sofern die Wort­lau­te in den elf Spra­chen auf die­se Wei­se ver­öf­fent­licht wor­den sind.

Gemäß der Rah­men­richt­li­nie über einen gemein­sa­men Rechts­rah­men für elek­tro­ni­sche Kom­mu­ni­ka­ti­ons­net­ze und ‑diens­te 2 ver­öf­fent­licht die Kom­mis­si­on Leit­li­ni­en zur Markt­ana­ly­se und zur Bewer­tung beträcht­li­cher Markt­macht 3, die von den natio­na­len Regu­lie­rungs­be­hör­den wei­test­ge­hend berück­sich­tigt wer­den, wenn sie die rele­van­ten Märk­te ent­spre­chend den natio­na­len Gege­ben­hei­ten – ins­be­son­de­re der inner­halb ihres Hoheits­ge­biets rele­van­ten geo­gra­fi­schen Märk­te – im Ein­klang mit den Grund­sät­zen des Wett­be­werbs­rechts fest­le­gen.

Hier­zu lag jetzt dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on ein Fall aus Polen zur Vor­ab­ent­schei­dung vor: Die Pol­s­ka Tele­fo­nia Cyfro­wa sp. z o. o. (PTC) ist einer der wich­tigs­ten Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­be­trei­ber in Polen. Im Jahr 2006 gelang­te der Pre­zes Urz?du Komu­ni­ka­c­ji Elek­tro­nicz­nej (Prä­si­dent des Amtes für elek­tro­ni­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on, Polen) zu der Auf­fas­sung, dass PTC über eine beträcht­li­che Markt­macht auf dem Markt für Anruf­zu­stel­lungs­diens­te ver­fü­ge, und erleg­te die­sem Unter­neh­men mit einer Ent­schei­dung bestimm­te Ver­pflich­tun­gen auf.

In der Annah­me, dass die Leit­li­ni­en von 2002, auf die die­se Ent­schei­dung gestützt sei, ihr nicht ent­ge­gen­ge­hal­ten wer­den könn­ten, da sie im Amts­blatt der Euro­päi­schen Uni­on nicht in pol­ni­scher Spra­che ver­öf­fent­licht gewe­sen sei­en, erhob PTC Kla­ge gegen die Ent­schei­dung der natio­na­len Regu­lie­rungs­be­hör­de.
Der Sad Najwyz­szy (Obers­ter Gerichts­hof, Polen), der mit einem Rechts­mit­tel befasst ist, möch­te vom Gerichts­hof wis­sen, ob es Art. 58 der Bei­tritts­ak­te von 2003 der pol­ni­schen Regu­lie­rungs­be­hör­de ver­wehrt, sich in einer Ent­schei­dung, mit der sie einem Betrei­ber von Diens­ten der elek­tro­ni­schen Kom­mu­ni­ka­ti­on bestimm­te Ver­pflich­tun­gen auf­er­legt, auf die Leit­li­ni­en von 2002 zu bezie­hen, wenn die­se Leit­li­ni­en im Amts­blatt der Euro­päi­schen Uni­on nicht in der Spra­che die­ses Mit­glied­staats ver­öf­fent­licht wor­den sind, obwohl die­se Spra­che eine Amts­spra­che der Uni­on ist.

In sei­nem jetzt ver­kün­de­ten Urteil weist der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on zunächst dar­auf hin, dass nach einem grund­le­gen­den Prin­zip der Uni­ons­rechts­ord­nung ein hoheit­li­cher Rechts­akt den Bür­gern nicht ent­ge­gen­ge­hal­ten wer­den darf, bevor sie die Mög­lich­keit haben, von die­sem Rechts­akt Kennt­nis zu neh­men.

Sodann hebt er her­vor, dass die Bei­tritts­ak­te von 2003 es nicht gestat­tet, dass Ver­pflich­tun­gen in einer Uni­ons­re­ge­lung, die nicht im Amts­blatt der Euro­päi­schen Uni­on in der Spra­che eines neu­en Mit­glied­staats ver­öf­fent­licht wor­den ist, obwohl die­se Spra­che eine Amts­spra­che der Uni­on ist, Ein­zel­nen in die­sem Staat auf­er­legt wer­den, auch wenn sie auf ande­rem Wege Kennt­nis von die­ser Rege­lung hät­ten neh­men kön­nen.

In die­sem Zusam­men­hang prüft der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, ob die Leit­li­ni­en von 2002 ihrem Inhalt nach den Ein­zel­nen Ver­pflich­tun­gen auf­er­le­gen. Dabei legt er dar, dass in die­sen Leit­li­ni­en die Grund­sät­ze beschrie­ben wer­den, die die natio­na­len Regu­lie­rungs­be­hör­den bei der Ana­ly­se der Märk­te und der Wirk­sam­keit des Wett­be­werbs nach dem gemein­sa­men Rechts­rah­men für elek­tro­ni­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on zugrun­de legen sol­len.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on kommt daher zu dem Schluss, dass die Leit­li­ni­en von 2002 kei­ne Ver­pflich­tung ent­hal­ten, die unmit­tel­bar oder mit­tel­bar Ein­zel­nen auf­er­legt wer­den könn­te. Daher schließt es die feh­len­de Ver­öf­fent­li­chung die­ser Leit­li­ni­en im Amts­blatt der Euro­päi­schen Uni­on in pol­ni­scher Spra­che nicht aus, dass die pol­ni­sche Regu­lie­rungs­be­hör­de in einer an einen Ein­zel­nen gerich­te­ten Ent­schei­dung dar­auf Bezug nimmt.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 12. Mai 2011 – C‑410/​09 [Pol­s­ka Tele­fo­nia Cyfro­wa sp. z o. o. /​Pre­zes Urze­du Komu­ni­ka­c­ji Elek­tro­nicz­nej]

  1. Akte über die Bedin­gun­gen des Bei­tritts der Tsche­chi­schen Repu­blik, der Repu­blik Est­land, der Repu­blik Zypern, der Repu­blik Lett­land, der Repu­blik Litau­en, der Repu­blik Ungarn, der Repu­blik Mal­ta, der Repu­blik Polen, der Repu­blik Slo­we­ni­en und der Slo­wa­ki­schen Repu­blik und die Anpas­sun­gen der die Euro­päi­sche Uni­on begrün­den­den Ver­trä­ge, ABl. 2003, L 236, S. 33.[]
  2. Richt­li­nie 2002/​21/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 7. März 2002 über einen gemein­sa­men Rechts­rah­men für elek­tro­ni­sche Kom­mu­ni­ka­ti­ons­net­ze und ‑diens­te (Rah­men­richt­li­nie), ABl. L 108, S. 33[]
  3. Leit­li­ni­en zur Markt­ana­ly­se und Ermitt­lung beträcht­li­cher Markt­macht nach dem gemein­sa­men Rechts­rah­men für elek­tro­ni­sche Kom­mu­ni­ka­ti­ons­net­ze und ‑diens­te, ABl. 2002, C 165, S. 6[]