Mit­wir­kungs­pflich­ten im Kar­tell­ver­wal­tungs­ver­fah­ren

Ver­letzt ein Unter­neh­men sei­ne Mit­wir­kungs­pflich­ten in einem Kar­tell­ver­wal­tungs­ver­fah­ren, kön­nen dar­aus im Rah­men der frei­en Beweis­wür­di­gung für das Unter­neh­men nach­tei­li­ge Schlüs­se gezo­gen wer­den.

Mit­wir­kungs­pflich­ten im Kar­tell­ver­wal­tungs­ver­fah­ren

Im kar­tell­be­hörd­li­chen Ver­wal­tungs­ver­fah­ren gilt gemäß § 57 Abs. 1 GWB – eben­so wie im Beschwer­de­ver­fah­ren nach § 70 Abs. 1 GWB – der Amts­er­mitt­lungs­grund­satz. Danach muss die Kar­tell­be­hör­de die Vor­aus­set­zun­gen des § 19 Abs. 2 Nr. 2 GWB fest­stel­len. Gelingt ihr das nicht, kann sie kei­ne Abstel­lungs­ver­fü­gung nach § 32 Abs. 1 GWB erlas­sen. Dem betrof­fe­nen Unter­neh­men obliegt hin­sicht­lich der Beschaf­fung der für die Über­prü­fung der Preis­bil­dungs­fak­to­ren erfor­der­li­chen Daten eine Mit­wir­kungs­pflicht nach § 26 Abs. 2 VwVfG, die durch die Aus­kunfts­pflicht nach § 59 Abs. 1 GWB kon­kre­ti­siert wird. Das Unter­neh­men hat der Kar­tell­be­hör­de die Daten aus sei­nem Ein­wir­kungs­be­reich zu über­mit­teln, die sich die Behör­de nicht auf ande­rem zumut­ba­rem Wege beschaf­fen kann [1]. Ver­wei­gert das Unter­neh­men eine der­ar­ti­ge Mit­wir­kung, kann die Kar­tell­be­hör­de dar­aus im Rah­men der frei­en Beweis­wür­di­gung Schlüs­se zie­hen [2]. Im Ein­zel­fall kann sie dabei zu dem Ergeb­nis kom­men, dass eine bestimm­te Tat­sa­che wegen der ver­wei­ger­ten Mit­wir­kung des Unter­neh­mens als bewie­sen anzu­se­hen ist.

Dar­in unter­schei­det sich die Über­prü­fung der Prei­se nach der Ver­gleichs­markt­me­tho­de von der hier ange­wand­ten Kos­ten­kon­trol­le. Wäh­rend das Gesetz für jene Ermitt­lungs­me­tho­de in § 103 Abs. 5 Satz 2 Nr. 2 GWB aF, § 31 Abs. 4 Nr. 2 GWB nF eine teil­wei­se Umkehr der Beweis­last vor­sieht [3], bleibt es im Rah­men der kos­ten­ba­sier­ten Ermitt­lung eines Preis­miss­brauchs unein­ge­schränkt bei dem Grund­satz, dass die Behör­de die (mate­ri­el­le) Beweis­last für den Miss­brauch trägt [4] und nur in die­sem Rah­men die unzu­rei­chen­de Mit­wir­kung des Unter­neh­mens wür­di­gen kann.

Dabei kann die Kar­tell­be­hör­de kei­ne Kal­ku­la­tio­nen her­aus­ver­lan­gen, die das Unter­neh­men tat­säch­lich nicht erstellt hat. Eben­so kann sie dem Unter­neh­men nicht die Ein­ho­lung eines Gut­ach­tens auf­ge­ben. Sie kann aber Aus­künf­te ver­lan­gen, die erfor­der­lich sind, um etwa beur­tei­len zu kön­nen, mit wel­chen Zeit­an­tei­len die Mit­ar­bei­ter des Unter­neh­mens – bei meh­re­ren Betä­ti­gungs­fel­dern – für die Was­ser­spar­te tätig wer­den und wel­che Auf­ga­ben sie dort erfül­len. Die­se Fest­stel­lung und die Bewer­tung, ob der­sel­be Ein­satz auch geleis­tet wür­de, wenn die Betrof­fe­ne im Wett­be­werb stün­de, ist dann Sache der Kar­tell­be­hör­de bzw. des Beschwer­de­ge­richts.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 14. Juli 2015 – KVR 77/​13

  1. BGH, Beschluss vom 15.05.2012 – KVR 51/​11, WuW/​E DER 3632 Rn. 17 ff. – Was­ser­prei­se Calw; Beschluss vom 22.07.1999 – KVR 12/​98, BGHZ 142, 239, 248 f. – Flug­preis­spal­tung[]
  2. K. Schmidt in Immenga/​Mestmäcker, Wett­be­werbs­recht, 5. Aufl., GWB, § 57 Rn. 9; Engel­sing in Münch­Komm-WettbR, 2. Aufl., GWB, § 57 Rn. 7; Bra­cher in Frank­fur­ter Kom­men­tar, Stand Juli 2008, GWB § 57 Rn. 23; zurück­hal­tend Klees in Köl­ner Kom­men­tar zum Kar­tell­recht, GWB § 57 Rn. 3[]
  3. BGH, Beschluss vom 02.02.2010 – KVR 66/​08, BGHZ 184, 168 Rn. 41 ff. – Was­ser­prei­se Wetz­lar[]
  4. K. Schmidt in Immenga/​Mestmäcker, Wett­be­werbs­recht, 5. Aufl., GWB, § 57 Rn. 11 f.[]