Mus­ter, Model­le, Gemein­schafts­ge­schmacks­mus­ter – und der über­schie­ßen­de Urhe­ber­schutz

Model­len kann nicht allein auf­grund des Umstands, dass sie über ihren Gebrauchs­zweck hin­aus eine spe­zi­el­le ästhe­ti­sche Wir­kung haben, urhe­ber­recht­li­cher Schutz zukom­men. Um urhe­ber­recht­lich geschützt zu wer­den, muss es sich bei die­sen Model­len viel­mehr um ori­gi­na­le Wer­ke han­deln.

Mus­ter, Model­le, Gemein­schafts­ge­schmacks­mus­ter – und der über­schie­ßen­de Urhe­ber­schutz

Die­ser Ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on lag ein Fall über Klei­dungs­de­sign aus Por­tu­gal zugrun­de: Der Obers­te Gerichts­hof Por­tu­gals, das Supre­mo Tri­bu­nal de Jus­tiça, ist mit einem Rechts­streit zwi­schen den Gesell­schaf­ten Cofe­mel – Sociedade de Ves­tuá­rio SA und GStar Raw CV, die jeweils Klei­dung ent­wer­fen, pro­du­zie­ren und ver­mark­ten, befasst. Die­ser Rechts­streit betrifft die Ein­hal­tung des von GStar ein­ge­for­der­ten Urhe­ber­rechts, die Cofe­mel vor­wirft, Jeans, Sweat­shirts und T‑Shirts in Kopie eini­ger ihrer Model­le zu pro­du­zie­ren und zu ver­mark­ten.

Nach dem Uni­ons­recht sind als geis­ti­ges Eigen­tum u. a. Wer­ke geschützt, deren Urhe­ber nach der "Richt­li­nie 2001/​29/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 22. Mai 2001 zur Har­mo­ni­sie­rung bestimm­ter Aspek­te des Urhe­ber­rechts und der ver­wand­ten Schutz­rech­te in der Infor­ma­ti­ons­ge­sell­schaft" 1 (Urhe­ber­rechts-Richt­li­nie) das aus­schließ­li­che Recht haben, die Ver­viel­fäl­ti­gung, die öffent­li­che Wie­der­ga­be und die Ver­brei­tung zu erlau­ben oder zu ver­bie­ten. Dane­ben besteht nach der Richt­li­nie 98/​71/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 13. Okto­ber 1998 über den recht­li­chen Schutz von Mus­tern und Model­len 2 und der Ver­ord­nung (EG) Nr. 6/​2002 des Rates vom 12. Dezem­ber 2001 über das Gemein­schafts­ge­schmacks­mus­ter 3 ein spe­zi­fi­scher Schutz für Mus­ter und Model­le.

In die­sem Kon­text stellt das Supre­mo Tri­bu­nal de Jus­tiça fest, dass der Códi­go do Direi­to de Autor e dos Direi­tos Con­exos das por­tu­gie­si­sche Gesetz über das Urhe­ber­recht und ver­wand­te Schutz­rech­te Mus­ter und Model­le in die Lis­te der urhe­ber­recht­lich geschütz­ten Wer­ke auf­neh­me, aber nicht aus­drück­lich die Vor­aus­set­zun­gen reg­le, die erfüllt sein müss­ten, damit bestimm­ten Gegen­stän­den mit Gebrauchs­zweck auch tat­säch­lich ein sol­cher Schutz zukom­me. Da über die­se Fra­ge in der por­tu­gie­si­schen Recht­spre­chung und Leh­re kei­ne Einig­keit bestehe, leg­te das Supre­mo Tri­bu­nal de Jus­tiça dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on die Rechts­fra­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung vor, ob die Richt­li­nie über das Urhe­ber­recht einer natio­na­len Vor­schrift ent­ge­gen­steht, nach der die­ser Schutz unter der beson­de­ren Vor­aus­set­zung gewährt wird, dass Mus­ter und Model­le über ihren Gebrauchs­zweck hin­aus eine spe­zi­el­le ästhe­ti­sche Wir­kung haben.

Im Wege eines sol­chen Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens kön­nen die Gerich­te der Mit­glied­staa­ten in einem bei ihnen anhän­gi­gen Rechts­streit dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on Fra­gen nach der Aus­le­gung des Euro­päi­schen Uni­ons­rechts oder nach der Gül­tig­keit einer Hand­lung der Euro­päi­schen Uni­on vor­le­gen. Der Uni­ons­ge­richts­hof ent­schei­det dabei nur über die vor­ge­leg­te Rechts­fra­ge, nicht dage­gen auch über den natio­na­len Rechts­streit. Es ist und bleibt viel­mehr Sache des natio­na­len Gerichts, über die Rechts­sa­che sodann im Ein­klang mit der Ent­schei­dung des Uni­ons­ge­richts­hofs zu ent­schei­den. Die Ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on bin­det dar­über hin­aus in glei­cher Wei­se ande­re natio­na­le Gerich­te, die mit einem ähn­li­chen Pro­blem befasst wer­den.

In sei­nem jetzt ver­kün­de­ten Urteil bejaht der Uni­ons­ge­richts­hof die ihm vom Supre­mo Tri­bu­nal de Jus­tiça vor­ge­leg­te Fra­ge:

Inso­weit weist der Uni­ons­ge­richts­hof zunächst auf sei­ne stän­di­ge Recht­spre­chung hin, wonach jeder ori­gi­na­le Gegen­stand, der Aus­druck einer eige­nen geis­ti­gen Schöp­fung sei­nes Urhe­bers ist, als „Werk“ im Sin­ne der Richt­li­nie über das Urhe­ber­recht ein­ge­stuft wer­den kann.

Sodann stellt der Uni­ons­ge­richts­hof fest, dass meh­re­re abge­lei­te­te Uni­ons­rechts­ak­te einen beson­de­ren Schutz für Mus­ter und Model­le vor­se­hen, wobei die­ser und der nach der Richt­li­nie über das Urhe­ber­recht bestehen­de all­ge­mei­ne Schutz kumu­la­tiv anwend­bar sein kön­nen. Folg­lich kann ein Mus­ter oder Modell gege­be­nen­falls auch als „Werk“ ein­ge­stuft wer­den.

Gleich­wohl weist der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on dar­auf hin, dass der Schutz von Mus­tern und Model­len einer­seits und der urhe­ber­recht­li­che Schutz ande­rer­seits unter­schied­li­che Zie­le ver­fol­gen und unter­schied­li­chen Rege­lun­gen unter­lie­gen. Der Schutz von Mus­tern und Model­len erfasst näm­lich Gegen­stän­de, die zwar neu und indi­vi­dua­li­siert sind, aber dem Gebrauch die­nen und für die Mas­sen­pro­duk­ti­on gedacht sind. Außer­dem ist die­ser Schutz wäh­rend eines Zeit­raums anwend­bar, der zwar begrenzt ist, aber sicher­stellt, dass die für das Ent­wer­fen und die Pro­duk­ti­on die­ser Gegen­stän­de erfor­der­li­chen Inves­ti­tio­nen ren­ta­bel sind, ohne jedoch den Wett­be­werb über­mä­ßig ein­zu­schrän­ken. Dem­ge­gen­über ist der mit dem Urhe­ber­recht ver­bun­de­ne Schutz, der deut­lich län­ger dau­ert, Gegen­stän­den vor­be­hal­ten, die als Wer­ke ein­ge­stuft wer­den kön­nen. In die­sem Rah­men darf die Gewäh­rung urhe­ber­recht­li­chen Schut­zes für einen bereits als Mus­ter oder Modell geschütz­ten Gegen­stand nicht dazu füh­ren, dass die Ziel­set­zun­gen und die Wirk­sam­keit die­ser bei­den Rege­lun­gen beein­träch­tigt wer­den, wes­halb die kumu­la­ti­ve Gewäh­rung eines sol­chen Schut­zes nur in bestimm­ten Fäl­len in Fra­ge kommt.

Schließ­lich erläu­tert der Uni­ons­ge­richts­hof, dass die ästhe­ti­sche Wir­kung, die ein Mus­ter oder Modell haben kann, für die Fest­stel­lung, ob das Modell oder Mus­ter in einem kon­kre­ten Fall als „Werk“ ein­ge­stuft wer­den kann, kei­ne Rol­le spielt, da eine sol­che ästhe­ti­sche Wir­kung das Ergeb­nis einer natur­ge­mäß sub­jek­ti­ven Schön­heits­emp­fin­dung des jewei­li­gen Betrach­ters ist. Eine Ein­stu­fung als „Werk“ ist viel­mehr nur dann mög­lich, wenn nach­ge­wie­sen wird, dass der frag­li­che Gegen­stand zum einen mit hin­rei­chen­der Genau­ig­keit und Objek­ti­vi­tät iden­ti­fi­zier­bar ist und zum ande­ren eine geis­ti­ge Schöp­fung dar­stellt, die die Ent­schei­dungs­frei­heit und die Per­sön­lich­keit ihres Urhe­bers wider­spie­gelt.

Folg­lich kön­nen Model­le nicht allein auf­grund des Umstands, dass sie über ihren Gebrauchs­zweck hin­aus eine spe­zi­el­le ästhe­ti­sche Wir­kung haben, als „Wer­ke“ ein­ge­stuft wer­den.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 12. Sep­tem­ber 2019 – C ‑683/​17

  1. ABl. 2001, L 167, S. 10[]
  2. ABl. 1998, L 289, S. 28[]
  3. ABl. 2002, L 3, S. 1[]