Neu­es Ver­fah­ren nach erfolg­rei­cher Ver­fas­sungs­be­schwer­de

Hebt ein Ver­fas­sungs­ge­richt die Ent­schei­dung eines Gerichts auf und ver­weist die Sache an die­ses zurück, ist das wei­te­re Ver­fah­ren vor die­sem Gericht ein neu­er Rechts­zug.

Neu­es Ver­fah­ren nach erfolg­rei­cher Ver­fas­sungs­be­schwer­de

Soweit eine Sache an ein unter­ge­ord­ne­tes Gericht zurück­ver­wie­sen wird, ist das wei­te­re Ver­fah­ren vor die­sem Gericht nach § 21 Abs. 1 RVG ein neu­er Rechts­zug. Die Vor­schrift fin­det auch dann Anwen­dung, wenn ein Ver­fas­sungs­ge­richt die Ent­schei­dung eines ande­ren Gerichts auf­hebt und die Sache zur erneu­ten Ent­schei­dung an die­ses Gericht zurück­ver­weist 1. Dafür spre­chen Sinn und Zweck der Rege­lung.

Zwar ste­hen die Ver­fas­sungs­ge­rich­te des Bun­des und der Län­der, denen die Prü­fung der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit gericht­li­cher Ent­schei­dun­gen über­tra­gen ist, außer­halb des förm­li­chen Instan­zen­zu­ges 2. Stel­len sie eine Ver­fas­sungs­ver­let­zung fest, wird die ange­foch­te­ne Ent­schei­dung jedoch eben­so wie bei einem ordent­li­chen Rechts­mit­tel auf­ge­ho­ben und die Sache an das Vor­der­ge­richt zurück­ver­wie­sen, damit der Pro­zess fort­ge­setzt und einer abschlie­ßen­den Ent­schei­dung zuge­führt wer­den kann 3. Im Umfang sei­nes auf das Ver­fas­sungs­recht bezo­ge­nen Prü­fungs­maß­sta­bes nimmt daher auch das Ver­fas­sungs­ge­richt gegen­über dem Gericht, das die ange­foch­te­ne Ent­schei­dung erlas­sen hat, die Funk­ti­on eines über­ge­ord­ne­ten Gerichts wahr 4.

Da § 21 Abs. 1 RVG die durch eine Zurück­ver­wei­sung ent­ste­hen­de Mehr­ar­beit des Rechts­an­walts ver­gü­ten soll 5 und das Aus­gangs­ge­richt bei Zurück­ver­wei­sung durch ein Ver­fas­sungs­ge­richt die Sache im Lich­te der ver­fas­sungs­recht­li­chen Ent­schei­dung 6 neu ver­han­deln muss, ist dem Rechts­an­walt auch in die­sem Fall gemäß § 21 Abs. 1 RVG die hier­durch ent­stan­de­ne Mehr­ar­beit zu ver­gü­ten. Hier­für ist maß­geb­lich, dass er typi­scher Wei­se die ver­fas­sungs­recht­li­che Ent­schei­dung und ihre pro­zess­recht­li­che Vor­ge­schich­te in sei­ne Betrach­tun­gen ein­zu­be­zie­hen und sei­ne Pro­zess­tak­tik hier­auf auf­zu­bau­en hat 7.

Die Ver­fah­rens­fort­füh­rung nach Zurück­ver­wei­sung durch ein Ver­fas­sungs­ge­richt unter­schei­det sich in die­sem Gesichts­punkt wesent­lich von der Anhö­rungs­rü­ge nach § 321a ZPO. Im Fal­le einer erfolg­rei­chen Anhö­rungs­rü­ge ist das bis­he­ri­ge Ver­fah­ren fort­zu­set­zen (§ 321a Abs. 1 Satz 1 Halb­satz 1 ZPO), wäh­rend die Zurück­ver­wei­sung durch das Ver­fas­sungs­ge­richt zu einer Wie­der­eröff­nung der münd­li­chen Ver­hand­lung wie nach der Ent­schei­dung eines Rechts­mit­tel­ge­richts führt.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 19. Sep­tem­ber 2013 – IX ZB 16/​11

  1. vgl. Nie­der­säch­si­sches OVG, AnwBl 1966, 137 f zu § 15 BRAGO; Hart­mann, Kos­ten­ge­set­ze, 39. Aufl., § 21 RVG Rn. 3; Schneider/​Wolf, RVG, 6. Aufl., Vor §§ 20, 21 Rn. 47 und § 21 Rn. 4; Mayer/​Kroiß, RVG, 5. Aufl., § 21 Rn. 3; Jung­bau­er in Bischof/​Jungbauer/​Bräuer/​Curkovic/​Mathias/​Uher, RVG, 5. Aufl., § 21 Rn. 4[]
  2. vgl. Schlaich/​Korioth, Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, 9. Aufl., Rn. 4[]
  3. vgl. Hömig in Maun­z/­Schmidt-Bleib­treu/Klein/­Be­th­ge, BVerfGG, 2009, § 95 Rn. 21 und 28[]
  4. vgl. Nie­der­säch­si­sches OVG, aaO[]
  5. BGH, Beschluss vom 29.04.2004 – V ZB 46/​03, NJW-RR 2004, 1294, 1295 zu § 15 Abs. 1 BRAGO; unter Hin­weis auf die Geset­zes­ma­te­ria­li­en zur Vor­läu­fer­be­stim­mung des § 27 RAGe­bO[]
  6. vgl. Hömig in Maunz/​SchmidtBleibtreu/​Klein/​Bethge, BVerfGG, 2009, § 95 Rn. 34[]
  7. vgl. hier­zu all­ge­mein Jung­bau­er in Bischof/​Jungbauer/​Bräuer/​Curkovic/​Mathias/​Uher, RVG, 5. Aufl., § 21 Rn. 11 mwN[]