Öffent­lich-recht­li­che Rund­funk­pro­gram­me im Kabel­netz – und die Ein­spei­se­ver­gü­tung

Der Bun­des­ge­richts­hof hat sich mit der Fra­ge befasst, ob öffent­lich­recht­li­che Rund­funk­an­stal­ten an Kabel­netz­be­trei­ber für die Ein­spei­sung ihrer Fern­seh- und Radio­pro­gram­me in das Kabel­netz ein Ent­gelt zu zah­len haben.

Öffent­lich-recht­li­che Rund­funk­pro­gram­me im Kabel­netz – und die Ein­spei­se­ver­gü­tung

Die Klä­ge­rin betreibt ins­be­son­de­re in Rhein­land-Pfalz und in Bay­ern Breit­band­ka­bel­net­ze für Rund­funk­si­gna­le. Sie strei­tet mit den jeweils beklag­ten öffent­lich­recht­li­chen Lan­des­rund­funk­an­stal­ten – Süd­west­rund­rund­funk und Baye­ri­scher Rund­funk – um die Bezah­lung eines sol­chen Ent­gelts. Die Pro­gram­me der beklag­ten Lan­des­rund­funk­an­stal­ten gehö­ren zu den soge­nann­ten Must­car­ry-Pro­gram­men im Sinn des § 52b Abs. 1 Satz 1 Nr. 1, Abs. 2 Nr. 1 RStV. Die Klä­ge­rin hat nach die­ser Vor­schrift bis zu einem Drit­tel ihrer für die digi­ta­le Ver­brei­tung von Rund­funk zur Ver­fü­gung ste­hen­den Gesamt­ka­pa­zi­tät für die bun­des­wei­te Ver­brei­tung die­ser Pro­gram­me zur Ver­fü­gung zu stel­len.

Die öffent­lich­recht­li­chen Rund­funk­an­stal­ten der Län­der, das ZDF, Deutsch­land­ra­dio und ARTE zahl­ten der Klä­ge­rin bis­her auf der Grund­la­ge eines 2008 abge­schlos­se­nen Ein­spei­se­ver­trags ein jähr­li­ches Ent­gelt in Höhe von 27 Mio. € für die digi­ta­le und ana­lo­ge Ein­spei­sung ihrer Pro­gram­me.

Im Juni 2012 erklär­ten die beklag­ten Lan­des­rund­funk­an­stal­ten, eben­so wie die ande­ren am Ver­trag betei­lig­ten Rund­funk­ver­an­stal­ter, die Kün­di­gung des Ein­spei­se­ver­trags zum 31.12 2012. Die Klä­ge­rin speist die Rund­funk­si­gna­le, die die öffent­lich­recht­li­chen Rund­funk­an­stal­ten ihr nach wie vor zur Ver­fü­gung stel­len, wei­ter­hin in ihre Net­ze ein. Die Beklag­ten leis­ten dafür aber kein Ent­gelt mehr.

Die Klä­ge­rin hält die Kün­di­gun­gen für rechts­wid­rig, weil die Beklag­ten zum Abschluss eines ent­gelt­li­chen Ein­spei­se­ver­trags ver­pflich­tet sei­en. Sie sieht in der Kün­di­gung einen ver­bo­te­nen Miss­brauch einer markt­be­herr­schen­den Stel­lung der Beklag­ten (§ 19 GWB). Zudem macht die Klä­ge­rin eine mit § 1 GWB unver­ein­ba­re Abstim­mung der Kün­di­gung des Ein­spei­se­ver­trags zwi­schen den öffent­lich­recht­li­chen Rund­funk­ver­an­stal­tern gel­tend.

Die Klä­ge­rin begehrt jeweils die Fest­stel­lung, dass der Ein­spei­se­ver­trag fort­be­stehe, hilfs­wei­se ins­be­son­de­re die Ver­ur­tei­lung der Lan­des­rund­funk­an­stal­ten zum Abschluss eines neu­en Ein­spei­se­ver­trags und Scha­dens­er­satz oder Berei­che­rungs­aus­gleich und Auf­wen­dungs­er­satz für die ver­trags­lo­se Ein­spei­sung.

Sowohl die erst­in­stanz­lich hier­mit befass­ten Land­ge­richt Stutt­gart 1 und Mün­chen2 wie auch in den Beru­fungs­in­stan­zen die Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart 3 und Mün­chen 4 haben die Kla­gen jeweils abge­wie­sen. Der Bun­des­ge­richts­hof hat die­se Beru­fungs­ur­tei­le jeweils auf­ge­ho­ben und die bei­den Rechts­strei­te zu neu­er Ent­schei­dung an die Ober­lan­des­ge­rich­te Stutt­gart und Mün­chen zurück­ver­wie­sen.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat in bei­den Fäl­len ent­schie­den, dass der Kabel­netz­be­trei­be­rin kein Anspruch auf Fort­set­zung des Ein­spei­se­ver­tra­ges oder auf Neu­ab­schluss eines sol­chen Ver­tra­ges zu unver­än­der­ten Bedin­gun­gen zusteht.

Eine sol­che Kon­tra­hie­rungs­pflicht lässt sich den Rege­lun­gen des Rund­funk­rechts nicht ent­neh­men. Danach sind zwar einer­seits die Beklag­ten ent­spre­chend dem ihnen oblie­gen­den Grund­ver­sor­gungs­auf­trag ver­pflich­tet, der Kabel­netz­be­trei­be­rin die Pro­gramm­si­gna­le zur Ver­fü­gung zu stel­len. Ande­rer­seits ist die Kabel­netz­be­trei­be­rin gem. § 52b RStV ver­pflich­tet, die Pro­gramm­si­gna­le der Beklag­ten ein­zu­spei­sen. Eine Ver­pflich­tung der Beklag­ten zur Zah­lung eines bestimm­ten Ent­gelts als Gegen­leis­tung für die Ein­spei­sung der Pro­gramm­si­gna­le ergibt sich aus den rund­funk­recht­li­chen Rege­lun­gen dage­gen nicht.

Eine Ver­pflich­tung der Beklag­ten zum Abschluss eines Ein­spei­se­ver­tra­ges zu unver­än­der­ten Bedin­gun­gen ist auch nicht durch uni­ons­recht­li­che oder ver­fas­sungs­recht­li­che Bestim­mun­gen gebo­ten. Es ist nicht ersicht­lich, dass die Kabel­netz­be­trei­be­rin unzu­mut­bar belas­tet wür­de, wenn sie die gesetz­li­che Pflicht zur Über­tra­gung der Pro­gram­me der Beklag­ten erfül­len müss­te, ohne dafür das von die­sen bis­lang gezahl­te Ent­gelt ver­lan­gen zu kön­nen. Zu berück­sich­ti­gen ist inso­weit, dass die Beklag­ten der Kabel­netz­be­trei­be­rin die Pro­gramm­si­gna­le, die für die Kabel­netz­be­trei­be­rin zur Ver­mark­tung ihrer Kabel­an­schluss­pro­duk­te an End­kun­den von erheb­li­chem wirt­schaft­li­chem Wert sind, unent­gelt­lich zur Ver­fü­gung stel­len.

Eine Pflicht zur Fort­set­zung der Ver­trags­be­zie­hung zu den bis­he­ri­gen Bedin­gun­gen kann auch nicht aus kar­tell­recht­li­chen Bestim­mun­gen her­ge­lei­tet wer­den. Die Beklag­ten unter­lie­gen zwar als auch wirt­schaft­lich täti­ge Unter­neh­men den Rege­lun­gen des Kar­tell­rechts. Ihre Wei­ge­rung, den Ein­spei­se­ver­trag mit der Kabel­netz­be­trei­be­rin fort­zu­set­zen, stellt jedoch kei­nen Miss­brauch einer markt­be­herr­schen­den Stel­lung im Sin­ne von § 19 GWB dar.

Den Beklag­ten kommt auf dem rele­van­ten Markt eine markt­be­herr­schen­de Stel­lung zu. Maß­geb­lich hier­für ist, dass sich die Beklag­ten im Hin­blick auf die gesetz­li­che Über­tra­gungs­pflicht (§ 52b RStV) bei der Nach­fra­ge nach Über­tra­gungs­leis­tun­gen hin­sicht­lich der für ihre Pro­gram­me reser­vier­ten Kapa­zi­tä­ten nicht dem Wett­be­werb sol­cher Unter­neh­men stel­len müs­sen, deren Pro­gram­me nicht unter die Über­tra­gungs­pflicht fal­len. Sie sind auch kei­nem Wett­be­werb der ande­ren öffent­lich­recht­li­chen Rund­funk­an­stal­ten aus­ge­setzt, weil die nach § 52b RStV vor­zu­hal­ten­den Kapa­zi­tä­ten aus­rei­chen, um sämt­li­che gebüh­ren­fi­nan­zier­ten Pro­gram­me zu über­tra­gen.

Es kann jedoch nicht von einem miss­bräuch­li­chen Ver­hal­ten der Beklag­ten im Sin­ne von § 19 Abs. 2 GWB aus­ge­gan­gen wer­den. Der Umstand, dass die Kabel­netz­be­trei­be­rin von pri­va­ten Fern­seh­sen­dern ein (nicht näher kon­kre­ti­sier­tes) Ent­gelt erhält, begrün­det kei­nen Anspruch der Kabel­netz­be­trei­be­rin gegen die Beklag­ten auf Fort­set­zung des Ein­spei­se­ver­tra­ges zu unver­än­der­ten Bedin­gun­gen. Soweit die Beklag­ten Anbie­tern ande­rer Über­tra­gungs­tech­ni­ken (per Satel­lit oder ter­res­trisch), ein Ein­spei­se­ent­gelt bezah­len, liegt dar­in kei­ne unzu­läs­si­ge Dis­kri­mi­nie­rung, weil die­se sich, anders als die Kabel­netz­be­trei­be­rin, auf die rei­ne Über­tra­gungs­leis­tung beschrän­ken.

Es fehlt jedoch an aus­rei­chen­den Fest­stel­lun­gen dazu, ob die Beklag­ten zusam­men mit den ande­ren am Ein­spei­se­ver­trag betei­lig­ten Rund­funk­ver­an­stal­tern unter Ver­stoß gegen § 1 GWB die Been­di­gung die­ses Ver­tra­ges ver­ein­bart und die Kün­di­gung in Umset­zung einer sol­chen Ver­ein­ba­rung erklärt haben. Soll­ten die Kün­di­gun­gen nicht auf einer selb­stän­di­gen unter­neh­me­ri­schen Ent­schei­dung der Beklag­ten, son­dern auf einer sol­chen ver­bo­te­nen Abspra­che beru­hen, wären die Kün­di­gun­gen nich­tig. Soll­ten die Beru­fungs­ge­rich­te dage­gen zu dem Ergeb­nis kom­men, dass die Kün­di­gun­gen wirk­sam sind, wer­den sie zu prü­fen haben, wel­ches die ange­mes­se­nen Bedin­gun­gen für die Pflicht­ein­spei­sung und –über­tra­gung der öffent­lich­recht­li­chen Pro­gram­me über das Kabel­netz der Kabel­netz­be­trei­be­rin sind. Je nach Ergeb­nis der Fest­stel­lun­gen kann sich eine Zah­lungs­ver­pflich­tung der Rund­funk­an­stal­ten oder eine Pflicht zur unent­gelt­li­chen Ein­spei­sung erge­ben. Im Hin­blick auf die hier­zu erfor­der­li­chen Fest­stel­lun­gen hat der Bun­des­ge­richts­hof die Urtei­le auf­ge­ho­ben und die Ver­fah­ren an die Beru­fungs­ge­rich­te zurück­ver­wie­sen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urtei­le vom 16. Juni 2015 – KZR 83/​13 und KZR 3/​14

  1. LG Stutt­gart, Urteil vom 20.03.2013 – 11 O 215/​12, WuW/​E DE‑R 3952[]
  2. LG Mün­chen I, Urteil vom 25.04.2013 – 17 HK O 16920/​12, ZUM-RD 2014, 11[]
  3. OLG Stutt­gart, Urteil vom 21.11.2013 – 2 U 46/​13, ZUM 2015, 63[]
  4. OLG Mün­chen Urteil vom 28.11.2013 – U 2094/​13 Kart, WuW/​E DE‑R 4180[]