Öffent­li­che Ver­sor­ger und die Ein­re­de der unge­mes­sen­ne Tari­fe

Zwei für Ver­brau­cher erfreu­li­che Urtei­le hat der für das Werk­ver­trags­recht zustän­di­ge X. Zivil­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs in zwei Fäl­len von Kun­den der Ber­li­ner Stadt­rei­ni­gungs­be­trie­be gefällt. Die Ber­li­ner Stadt­rei­ni­gungs­be­trie­be, eine Anstalt des öffent­li­chen Rechts, hat­te in den bei­den Pro­zes­sen das Ent­gelt für ihre Stadt­rei­ni­gungs­leis­tun­gen gel­tend macht, die Kun­den hat­te jeweils die Ein­re­de erho­ben,, die Tari­fe für die Abfall­be­sei­ti­gung und Stra­ßen­rei­ni­gung sei­en unan­ge­mes­sen hoch.

Öffent­li­che Ver­sor­ger und die Ein­re­de der unge­mes­sen­ne Tari­fe

Die Stadt­rei­ni­gungs­be­trie­be mein­ten jedoch, die Kun­den könn­ten mit die­ser Ein­re­de nicht gehöhrt wer­den, son­dern sei­en, nach erfolg­ter Zah­lung, auf einen Rück­for­de­rungs­pro­zeß zu ver­wei­sen. Grund­la­ge des Streits ist eine in den Leis­tungs­be­din­gun­gen der Klä­ge­rin ent­hal­te­ne Klau­sel, wonach "Trotz recht­zei­ti­ger Mit­tei­lung [der Ein­wen­dun­gen gegen die Rech­nung der Klä­ge­rin] … die Ver­pflich­tung zur Zah­lung der Ent­gel­te jedoch unbe­rührt [bleibt]. Die Ein­wen­dun­gen sind im Rah­men eines Rück­for­de­rungs­pro­zes­ses gel­tend zu machen. Ist eine Ein­wen­dung begrün­det, so wird der zuviel gezahl­te Betrag ver­rech­net oder auf aus­drück­li­chen Wunsch des Ent­gelt­pflich­ti­gen erstat­tet."

Die bei­den Kla­gen wur­de jeweils in der Beru­fungs­in­stanz ein­mal vom Land­ge­richt Ber­lin und ein­mal (wegen eines höhe­ren Streit­werts) vom Kam­mer­ge­richt Ber­lin jeweils ent­ge­gen­ge­setzt ent­schie­den: Das Land­ge­richt Ber­lin hat als Beru­fungs­ge­richt in dem einen Fall ent­schie­den, daß die Ein­re­de der unan­ge­mes­se­nen Tarif­fest­set­zung von der strei­ti­gen Klau­sel nicht erfaßt wer­de und folg­lich die Ein­re­de der unan­ge­mes­se­nen Tarif­fest­set­zung im Ent­gelt­pro­zeß der Klä­ge­rin zuläs­sig sei. Da die Klä­ge­rin zur Ange­mes­sen­heit ihrer Tari­fe nichts vor­ge­tra­gen hat­te, hat das Land­ge­richt die Kla­ge abge­wie­sen. Das Kam­mer­ge­richt Ber­lin hin­ge­gen, das in dem ande­ren Fall auf­grund des höhe­ren Streit­werts Beru­fungs­ge­richt war, hat der Kla­ge mit der Begrün­dung statt­ge­ge­ben, daß die Ein­re­de der unbil­li­gen Leis­tungs­be­stim­mung durch die strei­ti­ge Klau­sel im Zah­lungs­pro­zeß wirk­sam aus­ge­schlos­sen wer­de.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat ent­schie­den, daß die Aus­schluß­klau­sel in den Leis­tungs­be­din­gun­gen der Klä­ge­rin zwar auch die genann­te Ein­re­de ergreift, daß die Klau­sel aber unwirk­sam ist. Sowohl aus dem Wort­laut als auch aus Sinn und Zweck der Klau­sel, die gewähr­leis­ten soll, daß die Klä­ge­rin als zur Vor­leis­tung ver­pflich­te­tes Ver­sor­gungs­un­ter­neh­men kei­ne Ver­zö­ge­rung bei der Rea­li­sie­rung ihrer Ent­gelt­for­de­run­gen in Fäl­len hin­neh­men muß, in denen Kun­den letzt­lich unbe­rech­tig­te Ein­wän­de gel­tend machen, ergibt sich, daß auch Ein­wän­de gegen die Höhe der Tari­fe nach § 315 Abs. 3 BGB erfaßt wer­den. Es stellt indes­sen eine unan­ge­mes­se­ne Benach­tei­li­gung der Kun­den dar, daß die Klä­ge­rin ent­ge­gen der gesetz­li­chen Rege­lung, wonach der Gläu­bi­ger im Fal­le berech­tig­ter Ein­wen­dun­gen des Schuld­ners kei­ne Leis­tung ver­lan­gen kann, ihre Kun­den auch mit begrün­de­ten Ein­wen­dun­gen und ins­be­son­de­re mit dem schwer­wie­gen­den Ein­wand der unbil­li­gen ein­sei­ti­gen Leis­tungs­be­stim­mung auf einen Rück­for­de­rungs­pro­zeß ver­wie­sen wer­den. Die Klau­sel hält des­halb der Inhalts­kon­trol­le nach §§ 309 ff. AGBG, 307 ff. BGB nicht stand.

Urtei­le des Bun­des­ge­richts­ho­fes vom 5. Juli 2005 – X ZR 60/​04 und X ZR 99/​04