Paten­tier­bar­keit embryo­na­ler Stamm­zel­len

Der Bun­des­ge­richts­hof hat­te jetzt über die Paten­tier­bar­keit von neura­len Vor­läu­fer­zel­len ent­schie­den, also von Zel­len, die aus mensch­li­chen Stamm­zel­len her­ge­stellt wer­den.

Paten­tier­bar­keit embryo­na­ler Stamm­zel­len

Die unein­ge­schränk­te Paten­tie­rung von Vor­läu­fer­zel­len, die aus mensch­li­chen embryo­na­len Stamm­zel­len gewon­nen wer­den, ist gemäß § 2 Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 PatG aus­ge­schlos­sen, wenn in der Patent­schrift aus­ge­führt wird, als Aus­gangs­ma­te­ri­al kämen Stamm­zell­li­ni­en und Stamm­zel­len in Betracht, die aus mensch­li­chen Embryo­nen gewon­nen wer­den.

§ 2 Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 PatG steht der Paten­tie­rung in der genann­ten Kon­stel­la­ti­on nicht ent­ge­gen, wenn der Patent­an­spruch dahin ein­ge­schränkt wird, dass Vor­läu­fer­zel­len aus huma­nen embryo­na­len Stamm­zel­len, bei deren Gewin­nung Embryo­nen zer­stört wor­den sind, nicht umfasst sind.

Mensch­li­che Stamm­zel­len, die ohne Zer­stö­rung von Embryo­nen gewon­nen wur­den, sind nicht des­halb als Embryo­nen im Sin­ne von § 2 Abs. 2 Nr. 3 PatG anzu­se­hen, weil aus ihnen durch Kom­bi­na­ti­on mit ande­ren Zel­len mög­li­cher­wei­se ein ent­wick­lungs­fä­hi­ger Embryo erzeugt wer­den kann

Das Patent, des­sen Rechts­be­stand zu beur­tei­len war, wur­de am 19. Dezem­ber 1997 beim Deut­schen Patent- und Mar­ken­amt ange­mel­det und von die­sem am 29. April 1999 erteilt. Es betrifft so genann­te neura­le Vor­läu­fer­zel­len und ihre Ver­wen­dung zur The­ra­pie von neura­len Defek­ten bei Tie­ren und Men­schen. Nach den Aus­füh­run­gen in der Patent­schrift stellt die Behand­lung mit Vor­läu­fer­zel­len eine Alter­na­ti­ve zu der im Stand der Tech­nik bekann­ten Trans­plan­ta­ti­on von Ner­ven­zel­len dar. Die für die Trans­plan­ta­ti­on ein­ge­setz­ten Ner­ven­zel­len sei­en vor­wie­gend aus dem embryo­na­len Gehirn gewon­nen wor­den. Als Aus­gangs­ma­te­ri­al für die vom Patent geschütz­ten Vor­läu­fer­zel­len die­nen dem­ge­gen­über embryo­na­le Stamm­zel­len. Die­se kön­nen nach den Aus­füh­run­gen in der Patent­schrift unter ande­rem aus Embryo­nen in einem frü­hen Ent­wick­lungs­sta­di­um gewon­nen wer­den, was mit der Zer­stö­rung der Embryo­nen ver­bun­den ist.

Der Klä­ger – Green­peace e.V. – hat die­ses Patent mit der gegen den Patent­in­ha­ber, den Bon­ner Wis­sen­schaft­ler Prof. Dr. Brüst­le, gerich­te­ten Nich­tig­keits­kla­ge ange­grif­fen, soweit es um Zel­len geht, die aus mensch­li­chen embryo­na­len Stamm­zel­len gewon­nen wer­den. Der Beklag­te ist der Kla­ge ent­ge­gen­ge­tre­ten.

Das in ers­ter Instanz zustän­di­ge Bun­des­pa­tent­ge­richt hat der Kla­ge über­wie­gend statt­ge­ge­ben und das Patent für nich­tig erklärt, soweit es Zel­len umfasst, die aus embryo­na­len Stamm­zel­len von mensch­li­chen Embryo­nen gewon­nen wer­den 1. Das Bun­des­pa­tent­ge­richt hat die­ses Ergeb­nis auf § 2 Abs. 2 PatG und die gleich­lau­ten­de Rege­lung in Art. 6 der Richt­li­nie 98/​44/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates über den Schutz bio­tech­no­lo­gi­scher Erfin­dun­gen vom 6. Juli 1998 gestützt.

Gegen die Ent­schei­dung des Bun­des­pa­tent­ge­richts hat der Patent­in­ha­ber Beru­fung zum Bun­des­ge­richts­hof ein­ge­legt.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat nach einer ers­ten münd­li­chen Ver­hand­lung eine Vor­ab­ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on zur Aus­le­gung von Art. 6 der Richt­li­nie ein­ge­holt. Der Euro­päi­sche Gerichts­hof hat mit Urteil vom 18. Okto­ber 2011 unter ande­rem ent­schie­den, dass jede mensch­li­che Eizel­le vom Sta­di­um ihrer Befruch­tung an ein "mensch­li­cher Embryo" im Sin­ne der Richt­li­nie ist, dass der Paten­tie­rungs­aus­schluss sich auch auf die Ver­wen­dung von mensch­li­chen Embryo­nen zu Zwe­cken der wis­sen­schaft­li­chen For­schung bezieht und dass eine Erfin­dung nach Art. 6 der Richt­li­nie auch dann von der Paten­tie­rung aus­ge­schlos­sen ist, wenn in der Beschrei­bung der bean­spruch­ten tech­ni­schen Leh­re die Ver­wen­dung mensch­li­cher Embryo­nen nicht erwähnt ist, die tech­ni­sche Leh­re, die Gegen­stand des Patent­an­trags ist, aber die vor­her­ge­hen­de Zer­stö­rung mensch­li­cher Embryo­nen oder deren Ver­wen­dung als Aus­gangs­ma­te­ri­al erfor­dert ((EuGH, Urteil vom 18.10.2011 – C‑34/​10 [Brüstle/​Greenpeace]).

Der Patent­in­ha­ber hat sein Patent auch nach die­ser Ent­schei­dung in vol­lem Umfang ver­tei­digt. Hilfs­wei­se hat er bean­tragt, das Patent in gerin­ge­rem Umfang für nich­tig zu erklä­ren, als das Bun­des­pa­tent­ge­richt dies getan hat.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat nun auf der Grund­la­ge der Ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on dem Hilfs­an­trag des Patent­in­ha­bers statt­ge­ge­ben und die wei­ter­ge­hen­de Beru­fung zurück­ge­wie­sen. Damit ist das Patent nich­tig, soweit Vor­läu­fer­zel­len aus mensch­li­chen embryo­na­len Stamm­zel­len umfasst sind, bei deren Gewin­nung Embryo­nen zer­stört wor­den sind. Der Patent­schutz bleibt hin­ge­gen bestehen, soweit mensch­li­che embryo­na­le Stamm­zel­len durch ande­re Metho­den gewon­nen wer­den. Dies geht über den vom Bun­des­pa­tent­ge­richt für zuläs­sig erach­te­ten Umfang des Patent­schut­zes hin­aus.

Nach dem Urteil des Bun­des­ge­richts­hofs hat das Patent im Hin­blick auf die Ent­schei­dung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs in der erteil­ten Fas­sung kei­nen Bestand, weil ansons­ten der mit § 2 PatG nicht ver­ein­ba­re Ein­druck ver­mit­telt wür­de, die in der Beschrei­bung mehr­fach erwähn­te Gewin­nung von mensch­li­chen embryo­na­len Stamm­zel­len aus Embryo­nen sei von der Paten­tie­rung mit umfasst und wer­de dadurch vom Staat gebil­ligt.

Die mit dem Hilfs­an­trag ver­tei­dig­te ein­ge­schränk­te Fas­sung ist hin­ge­gen nicht von der Paten­tie­rung aus­ge­schlos­sen. Hier­für hat es der Bun­des­ge­richts­hof als aus­rei­chend ange­se­hen, dass es Metho­den gibt, mit der mensch­li­che embryo­na­le Stamm­zel­len ohne Zer­stö­rung von Embryo­nen gewon­nen wer­den kön­nen. Vor die­sem Hin­ter­grund hat er es für zuläs­sig erach­tet, dass der Patent­in­ha­ber den Patent­an­spruch mit einer all­ge­mein gefass­ten Ein­schrän­kung ver­sieht, ohne dass es nähe­rer Klä­rung bedarf, ob es noch wei­te­re gang­ba­re Wege gibt, auf denen mensch­li­che embryo­na­le Stamm­zel­len ohne Zer­stö­rung von Embryo­nen gewon­nen wer­den kön­nen.

Den Ein­satz von mensch­li­chen embryo­na­len Stamm­zel­len als sol­chen hat der Bun­des­ge­richts­hof nicht als Ver­wen­dung von Embryo­nen im Sin­ne der Richt­li­nie qua­li­fi­ziert. Stamm­zel­len wei­sen nicht die Fähig­keit auf, den Pro­zess der Ent­wick­lung eines Men­schen in Gang zu set­zen. Dass sie unter Umstän­den durch Kom­bi­na­ti­on mit bestimm­ten ande­ren Zel­len in einen Zustand ver­setzt wer­den kön­nen, in dem sie über die genann­te Fähig­keit ver­fü­gen, reicht nicht aus, um sie schon vor einer sol­chen Behand­lung als Embryo­nen anse­hen zu kön­nen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 27. Novem­ber 2012 – X ZR 58/​07

  1. BPatG, Urteil vom 5. Dezem­ber 2006 – 3 Ni 42/​04[]