Pres­se-Groß­han­del – und die Ver­hand­lung mit den Ver­la­gen

Das zen­tra­le Man­dat der Ver­ei­ni­gung der Pres­se-Gros­sis­ten für Ver­hand­lun­gen mit den Ver­la­gen über die Gros­so-Kon­di­tio­nen ver­stößt nach einem Urteil des Bun­des­ge­richts­hofs nicht gegen das Kar­tell­recht.

Pres­se-Groß­han­del – und die Ver­hand­lung mit den Ver­la­gen

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall hat­te die Ver­triebs­ge­sell­schaft der Bau­er Media Group, einem der größ­ten deut­schen Ver­lags­häu­ser, gegen einen Bran­chen­ver­band ver­klagt, dem alle ver­lags­un­ab­hän­gi­gen Pres­se-Gros­sis­ten ange­hö­ren. In Deutsch­land wer­den nahe­zu alle Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten, die über den sta­tio­nä­ren Ein­zel­han­del mit Aus­nah­me der Bahn­hofs­buch­hand­lun­gen ver­kauft wer­den, im Groß­han­del von ver­lags­un­ab­hän­gi­gen Gros­sis­ten oder Gros­sis­ten mit unter­schied­li­cher Ver­lags­be­tei­li­gung ver­trie­ben. Grund­sätz­lich ver­sorgt jeweils nur ein Gros­sist ein bestimm­tes Gebiet mit den Publi­ka­tio­nen sämt­li­cher Ver­la­ge. Ledig­lich in vier Gebie­ten besteht ein sog. Dop­pel­gros­so. Die Gros­sis­ten kau­fen die Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten von den Ver­la­gen und ver­kau­fen sie zu gebun­de­nen Prei­sen an die Ein­zel­händ­ler in ihrem Gebiet. Die Ver­gü­tung der Gros­sis­ten rich­tet sich nach den Han­dels­span­nen, die zwi­schen ihnen und den Ver­la­gen jeweils für meh­re­re Jah­re ver­ein­bart wer­den. Für die ver­lags­un­ab­hän­gi­gen und regel­mä­ßig auch für die ver­lags­ver­bun­de­nen Gros­sis­ten wer­den die­se Ver­hand­lun­gen zen­tral vom Beklag­ten geführt. Infol­ge­des­sen gal­ten bis­her zwi­schen den Ver­la­gen und den Gros­sis­ten ein­heit­li­che Prei­se und Kon­di­tio­nen. Die Klä­ge­rin möch­te nun­mehr die Ver­trags­kon­di­tio­nen indi­vi­du­ell mit den ein­zel­nen Gros­sis­ten aus­han­deln, wozu die­se jedoch nicht bereit sind. Die Klä­ge­rin will dem Beklag­ten des­halb ver­bie­ten las­sen, für Pres­se-Gros­sis­ten in Deutsch­land ein­heit­li­che Gros­so-Kon­di­tio­nen mit den Ver­la­gen zu ver­han­deln, zu ver­ein­ba­ren oder Pres­se-Gros­sis­ten auf­zu­for­dern, indi­vi­du­el­le Ver­hand­lun­gen mit der Klä­ge­rin über Gros­so-Kon­di­tio­nen zu ver­wei­gern.

Sowohl erst­in­stanz­lich das Land­ge­richt Köln [1] wie auch in der Beru­fungs­in­stanz das Ober­lan­des­ge­richt Düs­sel­dorf [2] haben das zen­tra­le Ver­hand­lungs­man­dat als unzu­läs­si­ge Kar­tell­ab­spra­che ange­se­hen und der Kla­ge, gestützt auf das uni­ons­recht­li­che Kar­tell­ver­bot des Art. 101 Abs. 1 AEUV, statt­ge­ge­ben. Dage­gen hat der Bun­des­ge­richts­hof die Kla­ge auf die Revi­si­on der Pres­se-Gros­so-Ver­ei­ni­gung abge­wie­sen. Nach dem Urteil des Bun­des­ge­richts­hofs schei­den Ansprü­che der kla­gen­den Ver­triebs­ge­sell­schaft jeden­falls des­halb aus, weil Art. 101 Abs. 1 AEUV auf das zen­tra­le Ver­hand­lungs­man­dat der Pres­se-Gros­so-Ver­ei­ni­gung nach Art. 106 Abs. 2 AEUV i.V.m. § 30 Abs. 2a GWB nicht anwend­bar ist.

Nach Art. 106 Abs. 2 AEUV ist eine Anwen­dung des EU-Kar­tell­rechts aus­ge­schlos­sen, wenn Unter­neh­men mit einer Dienst­leis­tung von all­ge­mei­nem wirt­schaft­li­chem Inter­es­se betraut sind und die Anwen­dung der Wett­be­werbs­re­geln die Erfül­lung der die­sen Unter­neh­men über­tra­ge­nen beson­de­ren Auf­ga­be recht­lich oder tat­säch­lich ver­hin­dern wür­de. Die dem Beklag­ten ange­hö­ren­den Pres­se-Gros­sis­ten wer­den durch § 30 Abs. 2a GWB mit einer Dienst­leis­tung von all­ge­mei­nem wirt­schaft­li­chem Inter­es­se, näm­lich dem flä­chen­de­cken­den und dis­kri­mi­nie­rungs­frei­en Ver­trieb von Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten betraut. Dass die Pres­se-Gros­sis­ten ledig­lich betraut wer­den, „soweit“ sie eine der in § 30 Abs. 2a GWB genann­ten Bran­chen­ver­ein­ba­run­gen abschlie­ßen, steht der Wirk­sam­keit des Betrau­ungs­ak­tes nicht ent­ge­gen. Damit wird kei­ne Bedin­gung for­mu­liert, deren Ein­tritt unge­wiss ist. Viel­mehr ist der Gesetz­ge­ber bewusst von den bestehen­den Markt­ver­hält­nis­sen aus­ge­gan­gen, die durch die seit Jahr­zehn­ten bestehen­den Bran­chen­ver­ein­ba­run­gen geprägt sind. Die­se gewähr­leis­ten einen flä­chen­de­cken­den und dis­kri­mi­nie­rungs­frei­en Pres­se­ver­trieb.

Die Anwen­dung der Wett­be­werbs­re­geln der Uni­on auf das zen­tra­le Ver­hand­lungs­man­dat des Beklag­ten wür­de die Erfül­lung der den Pres­se-Gros­sis­ten über­tra­ge­nen Auf­ga­ben im Sin­ne von Art. 106 Abs. 2 AEUV ver­hin­dern. Dafür reicht es nach der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der EU aus, wenn die Gel­tung der Wett­be­werbs­vor­schrif­ten die Erfül­lung die­ser Auf­ga­ben gefähr­det. Für die­se Beur­tei­lung ist eine kom­ple­xe Pro­gno­se dazu erfor­der­lich, wie sich die Markt­ver­hält­nis­se bei Anwen­dung der Wett­be­werbs­re­geln ent­wi­ckeln wür­den. Gibt es – wie hier – kei­ne Gemein­schafts­re­ge­lung und bestehen gro­ße Pro­gno­se­un­si­cher­hei­ten, steht dem natio­na­len Gesetz­ge­ber ein Ein­schät­zungs­spiel­raum zu. Ent­spre­chend ist der gericht­li­che Prü­fungs­um­fang beschränkt.

Danach ist die Ein­schät­zung des Gesetz­ge­bers, der flä­chen­de­cken­de und dis­kri­mi­nie­rungs­freie Ver­trieb von Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten wer­de bei Anwen­dung der Wett­be­werbs­re­geln auf das zen­tra­le Ver­hand­lungs­man­dat gefähr­det, uni­ons­recht­lich nicht zu bean­stan­den. Das zen­tra­le Ver­hand­lungs­man­dat ist, wie die Ver­gan­gen­heit zeigt, geeig­net, einen flä­chen­de­cken­den und dis­kri­mi­nie­rungs­frei­en Pres­se­ver­trieb zu gewähr­leis­ten. Die Pro­gno­se des Gesetz­ge­bers, dass es auch in Zukunft erfor­der­lich ist, um die­se Zie­le zu sichern, ist plau­si­bel. Es liegt nicht fern, dass bei einem Weg­fall des zen­tra­len Ver­hand­lungs­man­dats gro­ße Ver­la­ge und Ver­la­ge mit auf­la­gen­star­ken Titeln auf­grund ihrer Markt­stär­ke sowie der gro­ßen Auf­la­gen, deren Ver­trieb sie nach­fra­gen, bes­se­re Prei­se und Kon­di­tio­nen durch­set­zen kön­nen, so dass die Ver­triebs­kos­ten für klei­ne­re Ver­la­ge stei­gen wer­den. Es ist wei­ter plau­si­bel, dass nach einem Auf­bre­chen der Gebiets­mo­no­po­le mit­tels indi­vi­du­el­ler Ver­hand­lun­gen ins­ge­samt höhe­re Ver­triebs­kos­ten für den Pres­se­ver­trieb anfal­len wer­den. In der Fol­ge könn­ten sich für klei­ne­re Ver­la­ge und unren­ta­ble Ver­kaufs­punk­te, vor allem in länd­li­chen Gebie­ten, schlech­te­re Ver­triebs­kon­di­tio­nen erge­ben, so dass der Ver­trieb von Nischen­pro­duk­ten oder die Belie­fe­rung unren­ta­bler Ver­kaufs­punk­te län­ger­fris­tig gefähr­det wird. Nicht zuletzt vor dem Hin­ter­grund der ver­fas­sungs­recht­li­chen Bedeu­tung einer plu­ra­lis­ti­schen und mög­lichst umfas­send ver­trie­be­nen Pres­se ist die der Aus­nah­me­vor­schrift des § 30 Abs. 2a GWB zugrun­de lie­gen­de Beur­tei­lung des Gesetz­ge­bers daher nicht zu bean­stan­den.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 6. Okto­ber 2015 – – KZR 17/​14

  1. LG Köln, Urteil vom 14.02.2012 – 88 O (Kart) 17/​11[]
  2. OLG Düs­sel­dorf, Urteil vom 26.02.2014 – VI-U (Kart) 7/​12[]