Rezept­ein­lö­sung in der Apo­the­ke – und kei­ne Geschenk­zu­ga­be

Inlän­di­sche Apo­the­ken dür­fen ihren Kun­den beim Erwerb ver­schrei­bungs­pflich­ti­ger Arz­nei­mit­tel kei­ne Vor­tei­le in Form von Sach­leis­tun­gen ver­spre­chen oder gewäh­ren.

Rezept­ein­lö­sung in der Apo­the­ke – und kei­ne Geschenk­zu­ga­be

Das ent­schied jetzt das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig auf die Kla­ge einer Apo­the­ke­rin gegen ihre ört­li­che Apo­the­ker­kam­mer. Im Novem­ber 2013 und im Janu­ar 2014 gab die Apo­the­ke­rin Wer­be­fly­er mit Gut­schei­nen her­aus, die bei Abga­be eines Rezep­tes gegen eine Rol­le Geschenk­pa­pier bzw. ein Paar Kuschel­so­cken ein­ge­löst wer­den konn­ten. Die Apo­the­ker­kam­mer unter­sag­te ihr dar­auf­hin durch Ord­nungs­ver­fü­gung vom 1. April 2014, „gekop­pelt mit dem Erwerb von ver­schrei­bungs­pflich­ti­gen und/​oder sons­ti­gen preis­ge­bun­de­nen Arz­nei­mit­teln Vor­tei­le wie z.B. eine Rol­le Geschenk­pa­pier, ein Paar Kuschel­so­cken oder Gut­schei­ne hier­für zu gewäh­ren oder gewäh­ren zu las­sen sowie dafür zu wer­ben oder wer­ben zu las­sen“. Zur Begrün­dung ver­wies sie auf ihre Berufs­ord­nung, die es den Apo­the­ke­rin­nen und Apo­the­kern ver­bie­te, preis­ge­bun­de­ne Arz­nei­mit­tel unter Gewäh­rung von Rabat­ten oder sons­ti­gen geld­wer­ten Vor­tei­len an ihre Kun­den abzu­ge­ben. Die dage­gen gerich­te­te Kla­ge ist in den Vor­in­stan­zen ohne Erfolg geblie­ben.

Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt für das Land Nord­rhein-West­fa­len hat im Ein­klang mit Bun­des­recht ange­nom­men, dass die Unter­sa­gungs­ver­fü­gung der Apo­ther­kam­mer recht­mä­ßig ist [1]. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat die hier­ge­gen gerich­te­te Revi­si­on der Apo­the­ke­rin nun zurück­ge­wie­sen:

Die Apo­the­ke­rin ver­stößt, indem sie ihren Kun­den für den Erwerb eines rezept­pflich­ti­gen Arz­nei­mit­tels eine Sach­zu­wen­dung ver­spricht und gewährt, gegen die arz­nei­mit­tel­recht­li­che Preis­bin­dung. Gemäß § 78 des Arz­nei­mit­tel­ge­set­zes ist ins­be­son­de­re für ver­schrei­bungs­pflich­ti­ge Arz­nei­mit­tel ein ein­heit­li­cher Apo­the­ken­ab­ga­be­preis zu gewähr­leis­ten; die Ein­zel­hei­ten der Preis­be­rech­nung sind in der Arz­nei­mit­tel­preis­ver­ord­nung gere­gelt.

Gegen die Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit der arz­nei­mit­tel­recht­li­chen Preis­bin­dungs­vor­schrif­ten bestehen auch unter Berück­sich­ti­gung des Urteils des Euro­päi­schen Gerichts­hofs vom 19.10.2016 (EuGH, Urteil vom 19.10.2016 – C‑148/​15, Deut­sche Par­kin­son Ver­ei­ni­gung e.V. gegen Zen­tra­le zur Bekämp­fung unlau­te­ren Wett­be­werbs e.V.) kei­ne durch­grei­fen­den Beden­ken. Der Uni­ons­ge­richts­hof hat­te ent­schie­den, dass die Fest­le­gung eines ein­heit­li­chen Apo­the­ken­ab­ga­be­prei­ses für ver­schrei­bungs­pflich­ti­ge Arz­nei­mit­tel eine unzu­läs­si­ge Beschrän­kung des frei­en Waren­ver­kehrs dar­stellt. Seit die­ser Ent­schei­dung ist auf­grund des Anwen­dungs­vor­rangs des Uni­ons­rechts das deut­sche Arz­nei­mit­tel­preis­recht nicht auf Ver­sand­apo­the­ken mit Sitz im EU-Aus­land anwend­bar. Die­se kön­nen daher im Fal­le des Ver­sands an Kun­den in Deutsch­land Rabat­te und Boni auf ver­schrei­bungs­pflich­ti­ge Arz­nei­mit­tel gewäh­ren.

Hier­durch wer­den die inlän­di­schen Apo­the­ken, für die die Arz­nei­mit­tel­preis­bin­dungs­vor­schrif­ten wei­ter­hin gel­ten, nach Ansicht des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts nicht in ihrer durch Art. 12 Abs. 1 GG geschütz­ten Berufs­aus­übungs­frei­heit ver­letzt. Die gesetz­li­chen Rege­lun­gen über die Preis­bin­dung die­nen ver­nünf­ti­gen Zwe­cken des Gemein­wohls. Sie sind geeig­net, einen Preis­wett­be­werb zwi­schen den inlän­di­schen Apo­the­ken zu ver­hin­dern und so das Ziel des Gesetz­ge­bers zu för­dern, eine flä­chen­de­cken­de und gleich­mä­ßi­ge Ver­sor­gung der Bevöl­ke­rung mit Arz­nei­mit­teln sicher­zu­stel­len. Die Preis­bin­dung erweist sich auch nicht wegen ihrer Nicht­gel­tung für aus­län­di­sche EU-Ver­sand­apo­the­ken als unver­hält­nis­mä­ßig. Ange­sichts des bis­lang gerin­gen Markt­an­teils der aus­län­di­schen Arz­nei­mit­tel­ver­sen­der an der Abga­be von rezept­pflich­ti­gen Arz­nei­mit­teln in Deutsch­land ist die Preis­bin­dung für die inlän­di­schen Apo­the­ken wei­ter­hin zumut­bar.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urtei­le vom 9. Juli 2020 – 3 C 20.18 und 3 C 21.18

  1. OVG NRW, Urtei­le vom 08.09.2017 – 13 A 2979/​15 und 13 A 3027/​15[]