Rück­for­de­rung unbe­rech­tig­ter Gas­preis­er­hö­hun­gen

Mit der Rück­for­de­rung von Zah­lun­gen, die im Rah­men eines Erd­gas-Son­der­kun­den­ver­tra­ges nach unbe­rech­tig­ten Preis­er­hö­hun­gen erbracht wur­den, hat­te sich aktu­ell der Bun­des­ge­richts­hof zu befas­sen:

Rück­for­de­rung unbe­rech­tig­ter Gas­preis­er­hö­hun­gen

Das beklag­te Ener­gie­ver­sor­gungs­un­ter­neh­men belie­fert den Klä­ger seit 1997 als Son­der­kun­den mit Erd­gas. In dem Erd­gas­lie­fe­rungs­ver­trag ist ein Arbeits­preis von 4,2 Pfennig/​kWh (2,15 Cent/​kWh) ver­ein­bart. Ein Preis­an­pas­sungs­recht der Beklag­ten ent­hält der Ver­trag nicht. Die Beklag­te erhöh­te in der Fol­ge­zeit mehr­fach die Prei­se. Für den Zeit­raum vom 2. April 2007 bis zum 31. März 2008 ver­lang­te sie auf der Basis eines Arbeits­prei­ses von 4,31 Cent/​kWh eine Ver­gü­tung von ins­ge­samt 3.145,74 €. Der Klä­ger bean­stan­de­te die jähr­li­chen Abrech­nun­gen der Beklag­ten erst­mals im Jahr 2011; zuvor hat­te er die in Rech­nung gestell­ten Prei­se wider­spruchs­los gezahlt. Der Klä­ger ist nun­mehr der Auf­fas­sung, er schul­de ledig­lich den zu Ver­trags­be­ginn ver­ein­bar­ten Arbeits­preis und begehrt des­halb von der Beklag­ten für das Abrech­nungs­jahr 2007/​2008 die Rück­zah­lung von ins­ge­samt 1.523,44 €.

Das erst­in­stanz­lich mit dem Rechts­streit befass­te Amts­ge­richt Königs Wus­ter­hau­sen hat der Kla­ge statt­ge­ge­ben 1. Auf die Beru­fung der Beklag­ten hat dage­gen das Land­ge­richt Pots­dam die Kla­ge ganz über­wie­gend abge­wie­sen 2. In sei­nem Beru­fungs­ur­teil hat das Land­ge­richt Pots­dam dar­auf abge­stellt, dass die Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs zur ergän­zen­den Ver­trags­aus­le­gung (BGHZ 192, 372 ff.), die die Gel­tend­ma­chung der Unwirk­sam­keit von Preis­er­hö­hun­gen in gewis­sen Umfang begrenzt, kei­ne Anwen­dung fin­de, weil im vor­lie­gen­den Fall – anders als bei den bis­her vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fäl­len – der Ver­trag kein nach § 307 Abs. 1 BGB unwirk­sa­mes Preis­an­pas­sungs­recht ent­hal­te und des­halb kei­ne plan­wid­ri­ge Rege­lungs­lü­cke vor­lie­ge, die unab­ding­ba­re Vor­aus­set­zung einer ergän­zen­den Ver­trags­aus­le­gung sei. Gleich­wohl müs­se sich der Klä­ger nach Treu und Glau­ben an dem Preis fest­hal­ten las­sen, der drei Jah­re vor sei­nem ers­ten Wider­spruch gegol­ten habe, näm­lich dem ab 1. April 2007 zugrun­de geleg­ten Arbeits­preis von 4,31 Cent/​kWh.

Mit sei­ner vom Land­ge­richt Pots­dam zuge­las­se­nen Revi­si­on begehrt der Klä­ger die Wie­der­her­stel­lung des amts­ge­richt­li­chen Urteils und hat­te nun vor dem Bun­des­ge­richts­hof zunächst ein­mal aus for­ma­len Grün­den Erfolg. Der Bun­des­ge­richts­hof hob das Beru­fungs­ur­teil schon des­halb auf, weil die tat­be­stand­li­chen Fest­stel­lun­gen eine revi­si­ons­recht­li­che Nach­prü­fung nicht ermög­li­chen. Das Land­ge­richt Pots­dam hat ins­be­son­de­re kei­ne Fest­stel­lun­gen dazu getrof­fen, war­um ein Preis­än­de­rungs­recht vor­lie­gend nicht Ver­trags­be­stand­teil gewor­den ist, die Beklag­te aber gleich­wohl Preis­an­pas­sun­gen vor­ge­nom­men und zu höhe­ren Prei­sen als dem im Jahr 1997 gel­ten­den Preis abge­rech­net und der Klä­ger die dar­auf beru­hen­den Jah­res­ab­rech­nun­gen über vie­le Jah­re hin­weg wider­spruchs­los begli­chen hat. Damit fehlt es an einer aus­rei­chen­den Tat­sa­chen­grund­la­ge für die Prü­fung, ob der Gas­lie­fe­rungs­ver­trag eine Rege­lungs­lü­cke ent­hält, die im Wege der ergän­zen­den Ver­trags­aus­le­gung nach den vom Senat für die Fäl­le eines unwirk­sa­men Preis­an­pas­sungs­rechts ent­wi­ckel­ten Grund­sät­zen zu schlie­ßen wäre. Der Senat hat die Ver­fah­ren an das Beru­fungs­ge­richt zurück­ver­wie­sen, damit es die­se Fest­stel­lun­gen nach­ho­len kann.

Für das wei­te­re Ver­fah­ren hat der Senat dar­auf hin­ge­wie­sen, dass ein auf unbe­stimm­ter Zeit abge­schlos­se­ner Ener­gie­lie­fe­rungs­ver­trag regel­mä­ßig auch dann eine plan­wid­ri­ge Unvoll­stän­dig­keit auf­weist, wenn die Par­tei­en kei­ne Fest­preis­ab­re­de getrof­fen haben, die Ein­be­zie­hung eines ver­trags­ty­pi­schen und im Grund­satz den Inter­es­sen bei­der Par­tei­en Rech­nung tra­gen­den for­mu­lar­mä­ßi­gen Preis­an­pas­sungs­rechts an einer wirk­sa­men Ein­be­zie­hung gemäß § 305 BGB schei­tert, der Kun­de den Preis­an­pas­sun­gen und den dar­auf basie­ren­den Jah­res­ab­rech­nun­gen über einen län­ge­ren Zeit­raum nicht wider­spro­chen hat und nun­mehr auch für län­ger zurück­lie­gen­de Zeit­ab­schnit­te die Unwirk­sam­keit von Preis­er­hö­hun­gen gel­tend macht. Auch eine so ent­stan­de­ne Rege­lungs­lü­cke wäre – eben­so wie die Rege­lungs­lü­cke, die durch ein wegen unan­ge­mes­se­ner Benach­tei­li­gung des Gas­kun­den (§ 307 Abs. 1 BGB) unwirk­sa­mes Preis­an­pas­sungs­recht ent­stan­den ist – im Wege einer ergän­zen­den Ver­trags­aus­le­gung in der Wei­se zu schlie­ßen, dass der Kun­de die Unwirk­sam­keit der­je­ni­gen Preis­er­hö­hun­gen, die zu einem den ver­ein­bar­ten Anfangs­preis über­stei­gen­den Preis füh­ren, nicht gel­tend machen kann, wenn er sie nicht inner­halb eines Zeit­raums von drei Jah­ren nach Zugang der jewei­li­gen Jah­res­ab­rech­nung, in der die Preis­er­hö­hung erst­mals berück­sich­tigt wor­den ist, bean­stan­det hat.

Sofern sich die Ver­ein­ba­rung der Par­tei­en nach den im wei­te­ren Ver­fah­ren zu tref­fen­den Fest­stel­lun­gen hin­ge­gen als Fest­preis­ab­re­de mit abschlie­ßen­der Risi­ko­ver­tei­lung erwei­sen soll­te und des­halb kein Raum für eine ergän­zen­de Ver­trags­aus­le­gung wäre, so könn­te die­se Risi­ko­ver­tei­lung ohne das Hin­zu­tre­ten wei­te­rer – bis­lang nicht ersicht­li­cher – Umstän­de auch nicht über § 242 BGB kor­ri­giert wer­den.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 3. Dezem­ber 2014 – VIII ZR 370/​13

  1. AG Königs Wus­ter­hau­sen, Urteil vom 27.12.2012 – 4 C 64/​12[]
  2. LG Pots­dam, Urteil vom 28.11.2013 – 7 S 40/​13[]