Sal­va­dor Dali und die Fol­ge­ver­gü­tun­gen nach dem Tod des Künst­lers

Die Mit­glied­staa­ten kön­nen nach einem heu­te ver­kün­de­ten Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­sche Uni­on jeweils selb­stän­dig bestim­men, wel­che Kate­go­rien von Per­so­nen nach dem Tod des Urhe­bers eines Kunst­werks Anspruch auf die EU-recht­lich vor­ge­se­he­nen Fol­ge­rechts­ver­gü­tun­gen haben. Gleich­wohl hat das natio­na­le Gericht alle ein­schlä­gi­gen Bestim­mun­gen zu berück­sich­ti­gen, um fest­zu­stel­len, wel­ches natio­na­le Recht für die nach dem Tod des Künst­lers – im Streit­fall von Sal­va­dor Dalí – anfal­len­den Fol­ge­rechts­ver­gü­tun­gen gilt, und damit den tat­säch­lich Begüns­tig­ten zu ermit­teln.

Sal­va­dor Dali und die Fol­ge­ver­gü­tun­gen nach dem Tod des Künst­lers

Die Richt­li­nie 2001/​84/​EG [1] sieht obli­ga­to­risch ein Fol­ge­recht zuguns­ten des Urhe­bers eines Kunst­werks und, nach sei­nem Tod, zuguns­ten sei­ner Rechts­nach­fol­ger vor. Das Fol­ge­recht ist ein Recht des geis­ti­gen Eigen­tums, das dem Urhe­ber und spä­ter sei­nen Rechts­nach­fol­gern einen Anspruch auf Betei­li­gung am Ver­kaufs­preis aus jeder Wei­ter­ver­äu­ße­rung eines Werks nach der ers­ten Ver­äu­ße­rung durch den Urhe­ber gewährt. Die­ses Recht steht zu Leb­zei­ten dem Urhe­ber und nach sei­nem Tod sieb­zig Jah­re lang sei­nen Rechts­nach­fol­gern zu.

Das fran­zö­si­sche Recht beschränkt den Kreis der nach dem Tod des Urhe­bers durch das Fol­ge­recht Begüns­tig­ten auf die Erben des Urhe­bers unter Aus­schluss von Ver­mächt­nis­neh­mern. Der Künst­ler kann die­ses Recht daher nicht tes­ta­men­ta­risch als Ver­mächt­nis aus­set­zen.

Der Maler Sal­va­dor Dalí starb am 23. Janu­ar 1989 in Spa­ni­en unter Hin­ter­las­sung von fünf gesetz­li­chen Erben, die sei­ner Fami­lie ange­hö­ren. Sal­va­dor Dalí hat­te durch letzt­wil­li­ge Ver­fü­gung den spa­ni­schen Staat als Gesamt­ver­mächt­nis­neh­mer sei­ner gesam­ten Imma­te­ri­al­gü­ter­rech­te ein­ge­setzt. Ver­wal­tet wer­den die­se Rech­te von einer Stif­tung spa­ni­schen Rechts, der Fund­a­ción Gala-Sal­va­dor Dalí, die 1983 auf Initia­ti­ve des Malers gegrün­det wor­den war.

Die Fund­a­ción Gala-Sal­va­dor Dalí betrau­te ihrer­seits im Jahr 1997 die VEGAP, eine Gesell­schaft spa­ni­schen Rechts, exklu­siv und welt­weit mit der kol­lek­ti­ven Ver­wal­tung und Wahr­neh­mung der Urhe­ber­rech­te am Werk von Sal­va­dor Dalí. Die VEGAP ist unter ande­rem ver­trag­lich mit ihrer Schwes­ter­ge­sell­schaft in Frank­reich, der ADAGP, ver­bun­den, die sie mit der Ver­wal­tung die­ser Urhe­ber­rech­te im fran­zö­si­schen Staats­ge­biet beauf­tragt hat. Seit­her erhob die ADAGP die Beträ­ge, die für die Ver­wer­tung des Werks von Sal­va­dor Dalí in Frank­reich anfie­len, und lei­te­te sie über die VEGAP an die Fund­a­ción Gala-Sal­va­dor Dalí wei­ter. Hier­von aus­ge­nom­men blie­ben jedoch die Fol­ge­rechts­ver­gü­tun­gen. Die­se zahl­te die ADAGP näm­lich gemäß dem fran­zö­si­schen Recht unmit­tel­bar an die Erben von Sal­va­dor Dalí aus.

Da die Fund­a­ción Gala-Sal­va­dor Dalí und die VEGAP der Ansicht waren, dass auf­grund des Tes­ta­ments von Sal­va­dor Dalí und des spa­ni­schen Rechts die Fol­ge­rechts­ver­gü­tun­gen, die aus Ver­stei­ge­run­gen von Wer­ken des Künst­lers im fran­zö­si­schen Staats­ge­biet erzielt wur­den, an sie selbst zu zah­len sei­en, erho­ben sie gegen die ADAGP vor dem Tri­bu­nal de gran­de instance de Paris eine ent­spre­chen­de Zah­lungs­kla­ge. Im Rah­men die­ses Rechts­streits hat das fran­zö­si­sche Gericht dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on die Fra­ge vor­ge­legt, ob die Richt­li­nie 2001/​84 einer inner­staat­li­chen Rechts­vor­schrift ent­ge­gen­steht, die die Fol­ge­rechts­ver­gü­tun­gen unter Aus­schluss tes­ta­men­ta­risch ein­ge­setz­ter Ver­mächt­nis­neh­mer allein den gesetz­li­chen Erben des Künst­lers vor­be­hält.

Im Wege eines sol­chen Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens kön­nen die Gerich­te der Mit­glied­staa­ten in einem bei ihnen anhän­gi­gen Rechts­streit dem Gerichts­hof Fra­gen nach der Aus­le­gung des Uni­ons­rechts oder nach der Gül­tig­keit einer Hand­lung der Uni­on vor­le­gen. Der Gerichts­hof ent­schei­det nicht über den natio­na­len Rechts­streit. Es ist Sache des natio­na­len Gerichts, über die Rechts­sa­che im Ein­klang mit der Ent­schei­dung des Gerichts­hofs zu ent­schei­den. Die­se Ent­schei­dung bin­det in glei­cher Wei­se ande­re natio­na­le Gerich­te, die mit einem ähn­li­chen Pro­blem befasst wer­den.

In sei­nem heu­te ver­kün­de­ten Urteil stellt nun der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on fest, dass es im Licht der mit der Richt­li­nie 2001/​84 ver­folg­ten Zie­le den Mit­glied­staa­ten frei­steht, ihre eige­nen gesetz­ge­be­ri­schen Ent­schei­dun­gen zu tref­fen, um die Kate­go­rien von Per­so­nen fest­zu­le­gen, denen nach dem Tod des Urhe­bers eines Kunst­werks das Fol­ge­recht zugu­te­kom­men kann.

Der Euro­päi­sche Gerichts­hof führt dazu aus, dass für den Erlass der Richt­li­nie 2001/​84 zwei Zie­le maß­ge­bend waren. Zum einen soll­te die Richt­li­nie den Urhe­bern von Wer­ken der bil­den­den Kunst eine wirt­schaft­li­che Betei­li­gung am Erfolg ihrer Wer­ke garan­tie­ren, und zum ande­ren soll­te sie Wett­be­werbs­ver­zer­run­gen auf dem Kunst­markt besei­ti­gen, weil die Zah­lung von Fol­ge­rechts­ver­gü­tun­gen nur in bestimm­ten Mit­glied­staa­ten dazu ange­tan war, Ver­käu­fe von Kunst­wer­ken in sol­che Mit­glied­staa­ten zu ver­la­gern, in denen es ein Fol­ge­recht nicht gab.

Zu dem ers­ten Ziel, Künst­lern ein bestimm­tes Ver­dienst­ni­veau zu gewähr­leis­ten, bemerkt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, dass sei­ne Ver­wirk­li­chung dadurch, dass das Fol­ge­recht nach dem Tod des Künst­lers auf bestimm­te Kate­go­rien von Berech­tig­ten unter Aus­schluss ande­rer über­geht, kei­nes­wegs beein­träch­tigt wird.

Hin­sicht­lich des zwei­ten Ziels stellt der Gerichts­hof klar, dass der Uni­ons­ge­setz­ge­ber eine Situa­ti­on behe­ben woll­te, in der sich die Ver­käu­fe von Kunst­wer­ken in Mit­glied­staa­ten kon­zen­triert hat­ten, in denen das Fol­ge­recht nicht oder nur in gerin­ge­rer Höhe bestand als in ande­ren Mit­glied­staa­ten, wodurch die in Letz­te­ren ansäs­si­gen Auk­ti­ons­häu­ser oder Kunst­händ­ler benach­tei­ligt wur­den. Es erschien daher uner­läss­lich, im Hin­blick auf Kunst­wer­ke und Ver­käu­fe, die vom Fol­ge­recht erfasst wer­den, sowie des­sen Bemes­sungs­grund­la­ge und Höhe eine Har­mo­ni­sie­rung her­bei­zu­füh­ren. Dem­ge­mäß ist die durch die Richt­li­nie vor­ge­se­he­ne Har­mo­ni­sie­rung auf die natio­na­len Rechts­vor­schrif­ten beschränkt, die sich am unmit­tel­bars­ten auf das Funk­tio­nie­ren des Bin­nen­markts aus­wir­ken, wäh­rend Unter­schie­de zwi­schen die­sen Rechts­vor­schrif­ten, die sich auf das Funk­tio­nie­ren des Bin­nen­markts nicht nach­tei­lig aus­wir­ken kön­nen, nicht zu besei­ti­gen sind; zu den letzt­ge­nann­ten Rechts­vor­schrif­ten gehö­ren jedoch auch die Rege­lun­gen, mit denen die Kate­go­rien von Per­so­nen fest­ge­legt wer­den, die nach dem Tod des Urhe­bers eines Kunst­werks Anspruch auf die Fol­ge­rechts­ver­gü­tun­gen haben.

Die­se Beur­tei­lung wird nach Auf­fas­sung des Gerichts­hofs dadurch gestützt, dass der Uni­ons­ge­setz­ge­ber das Fol­ge­recht nach dem Tod des Urhe­bers zwar des­sen Rechts­nach­fol­gern in vol­lem Umfang zugu­te kom­men las­sen woll­te, es aber jedem ein­zel­nen Mit­glied­staat über­ließ, die Kate­go­rien von Per­so­nen zu bestim­men, die nach sei­nem natio­na­len Recht als Rechts­nach­fol­ger ange­se­hen wer­den kön­nen.

Der Gerichts­hof weist jedoch dar­auf hin, dass es Sache des vor­le­gen­den Gerichts ist, ord­nungs­ge­mäß alle ein­schlä­gi­gen Bestim­mun­gen zu berück­sich­ti­gen, um fest­zu­stel­len, wel­ches natio­na­le Recht für die nach dem Tod von Sal­va­dor Dalí anfal­len­den Fol­ge­rechts­ver­gü­tun­gen gilt, und damit zu ermit­teln, wer nach die­sem natio­na­len Recht tat­säch­lich der durch das Fol­ge­recht Begüns­tig­te ist. Das vor­le­gen­de Tri­bu­nal de gran­de instance de Paris wird also zunächst noch zu ermit­teln haben, ob für das Fol­ge­recht fran­zö­si­sches oder spa­ni­sches Recht ein­schlä­gig ist.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 15. April 2010 – C‑518/​08
(Fund­a­ción Gala-Sal­va­dor Dalí und Visu­al Ent­idad de Gestión de Artis­tas Plá­sti­cos (VEGAP) /​Socié­té des auteurs dans les arts gra­phi­ques et plas­ti­ques (ADAGP) u. a.)

  1. Richt­li­nie 2001/​84/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 27. Sep­tem­ber 2001 über das Fol­ge­recht des Urhe­bers des Ori­gi­nals eines Kunst­werks, ABl. L 272, S. 32[]