Schwei­zer Inkas­so und deut­sches Rechts­dienst­leis­tungs­ge­setz

Den Vor­schrif­ten des Rechts­dienst­leis­tungs­ge­set­zes unter­liegt, wer in Deutsch­land ent­spre­chen­de Dienst­leis­tun­gen erbringt. Ein Sitz des Unter­neh­mens in der Schweiz steht dem nicht ent­ge­gen.

Schwei­zer Inkas­so und deut­sches Rechts­dienst­leis­tungs­ge­setz

Bei der Abtre­tung von Rech­ten aus einer Kapi­tal­le­bens­ver­si­che­rung an ein Unter­neh­men, das sich geschäfts­mä­ßig mit der Kün­di­gung und Rück­ab­wick­lung sol­cher Ver­si­che­rungs­ver­trä­ge befasst, ist für die Abgren­zung einer nach § 2 Abs. 2 und § 3 RDG unter Erlaub­nis­vor­be­halt ste­hen­den Inkas­sodienst­leis­tung zum (erlaub­nis­frei­en) ech­ten For­de­rungs­kauf ent­schei­dend, ob eine ein­zu­zie­hen­de For­de­rung end­gül­tig auf den Erwer­ber über­tra­gen wird und die­ser das vol­le wirt­schaft­li­che Risi­ko der Bei­trei­bung der For­de­rung über­nimmt.

Zur Fra­ge des räum­li­chen Anwen­dungs­be­rei­ches des frü­he­ren Rechts­be­ra­tungs­ge­set­zes (RBerG) hat der Bun­des­ge­richts­hof bereits klar­ge­stellt, dass der Sitz der Nie­der­las­sung des Rechts­be­sor­gers wegen der Umge­hungs­ge­fahr kein geeig­ne­ter Anknüp­fungs­punkt für die Fra­ge der Anwend­bar­keit war 1. Nicht qua­li­fi­zier­te Rechts­be­sor­ger hät­ten sich andern­falls den Anfor­de­run­gen des Rechts­be­ra­tungs­ge­set­zes durch die blo­ße Ver­le­gung ihrer Nie­der­las­sung in das Aus­land ent­zie­hen kön­nen, um von dort aus rechts­be­ra­ten­de Tätig­kei­ten in Deutsch­land vor­zu­neh­men und zwar nicht nur in grenz­na­hen Gebie­ten, son­dern auch unter Nut­zung der moder­nen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel im gesam­ten Gel­tungs­be­reich des Geset­zes 2. Ent­schei­dend war man­gels Anhalts­punk­ten im Wort­laut des Geset­zes der ver­folg­te Schutz­zweck des Rechts­be­ra­tungs­ge­set­zes. Die­ser lag in dem Schutz des Rechts­su­chen­den vor fach­lich unge­eig­ne­ten und unzu­ver­läs­si­gen Per­so­nen und dem Inter­es­se der All­ge­mein­heit an der Funk­ti­ons­fä­hig­keit der Rechts­pfle­ge 3.

Die­se Erwä­gun­gen gel­ten auch für den räum­li­chen Anwen­dungs­be­reich des RDG 4. Trotz inhalt­lich und struk­tu­rell grund­le­gen­der Neu­ge­stal­tung des RDG gegen­über dem RBerG 5 ist die Ziel­rich­tung bei­der Geset­ze ver­gleich­bar; auch das RDG dient dazu, die Rechts­su­chen­den, den Rechts­ver­kehr und die Rechts­ord­nung vor unqua­li­fi­zier­ten Rechts­dienst­leis­tun­gen zu schüt­zen (§ 1 Abs. 1 Satz 2 RDG 6). Die­ser Schutz­zweck ist hier betrof­fen, da der Ver­si­che­rungs­neh­mer als Auf­trag­ge­ber und die Beklag­te als Adres­sa­tin der von der Klä­ge­rin ver­fass­ten Schrei­ben im Inland ansäs­sig sind.

Die Inkas­s­o­zes­si­on als Rechts­dienst­leis­tung

Die Ein­zie­hung frem­der oder zum Zweck der Ein­zie­hung auf frem­de Rech­nung abge­tre­te­ner For­de­run­gen, die als eigen­stän­di­ges Geschäft betrie­ben wird, ist eine Rechts­dienst­leis­tung und damit nach § 3 RDG erlaub­nis­pflich­tig.

Die Ein­zie­hung einer abge­tre­te­nen For­de­rung auf frem­de Rech­nung (Inkas­s­o­zes­si­on) soll nach der Begrün­dung des Gesetz­ent­wurfs der Bun­des­re­gie­rung vom 30.11.2006 unter Erlaub­nis­vor­be­halt ste­hen, weil hier nur die for­ma­le For­de­rungs­in­ha­ber­schaft auf den Ein­zie­hen­den über­tra­gen wird, die Ein­zie­hung aber wei­ter­hin auf Risi­ko und Rech­nung des Zeden­ten erfolgt und die For­de­rung für den Zes­sio­nar wirt­schaft­lich fremd bleibt 7. Sie ist von den Fäl­len des For­de­rungs­kaufs abzu­gren­zen, "bei denen ein end­gül­ti­ger For­de­rungs­er­werb statt­fin­det und das Risi­ko des For­de­rungs­aus­falls auf den Erwer­ber über­geht" 8, so dass die Ein­zie­hung auf eige­ne Rech­nung erfolgt.

Für die­se Abgren­zung kommt es dar­auf an, ob das wirt­schaft­li­che Ergeb­nis der Ein­zie­hung dem Abtre­ten­den zukom­men soll 9. Hier­bei ist nicht allein auf den Wort­laut der ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­rung, son­dern auf die gesam­ten ihr zugrun­de lie­gen­den Umstän­de und ihren wirt­schaft­li­chen Zusam­men­hang abzu­stel­len, also auf eine wirt­schaft­li­che Betrach­tung, die eine Umge­hung des Geset­zes durch for­ma­le Anpas­sung der geschäfts­mä­ßi­gen Ein­zie­hung an den Geset­zes­wort­laut und die hier­zu ent­wi­ckel­ten Rechts­grund­sät­ze ver­mei­det 10. Ent­schei­dend ist inso­weit, ob die For­de­rung einer­seits end­gül­tig auf den Erwer­ber über­tra­gen wird und die­ser ande­rer­seits ins­be­son­de­re das Boni­täts­ri­si­ko, d.h. das vol­le wirt­schaft­li­che Risi­ko der Bei­trei­bung der For­de­rung, über­nimmt 11.

Steht wirt­schaft­lich bei Abschluss der Abtre­tungs­ver­ein­ba­rung nicht das Inter­es­se des abtre­ten­den Gläu­bi­gers an einer Über­tra­gung des Aus­fall­ri­si­kos auf das (Inkas­so-)Unter­neh­men im Vor­der­grund, über­nimmt die­ses ledig­lich die für die Bei­trei­bung erfor­der­li­chen Dienst­leis­tun­gen und stellt dem abtre­ten­den Gläu­bi­ger dane­ben die mit einer Bün­de­lung von Inter­es­sen mög­li­cher­wei­se ver­bun­de­nen Vor­tei­le für die Durch­set­zung sei­ner For­de­run­gen in Aus­sicht. Die­ser Zweck ist auf dem For­mu­lar der Abtre­tungs­ver­ein­ba­rung ein­lei­tend deut­lich for­mu­liert. Der Ver­si­che­rungs­neh­mer ist auch nach der Abtre­tung an dem Bestand und der Durch­setz­bar­keit der zedier­ten For­de­run­gen inter­es­siert, wäh­rend das (Inkasso-)Unternehmen kein nen­nens­wer­tes Risi­ko ein­geht. Die Ein­zie­hung erfolgt auch nicht des­halb auf eige­ne Rech­nung, weil das (Inkasso-)Unternehmen nach der Abtre­tungs­ver­ein­ba­rung an den künf­ti­gen Erstat­tun­gen par­ti­zi­pie­ren soll. Die­se Ver­ein­ba­rung einer erfolgs­ab­hän­gi­gen Ver­gü­tung für die Inkas­so­tä­tig­keit ändert nichts an dem Fremd­cha­rak­ter des Geschäfts 12.

Die Ein­zie­hung wird auch als eigen­stän­di­ges Geschäft i.S. von § 2 Abs. 2 Satz 1 RDG betrie­ben, wenn die For­de­rungs­ein­zie­hung inner­halb einer stän­di­gen haupt- oder neben­be­ruf­li­chen Inkas­so­tä­tig­keit oder außer­halb einer sol­chen nicht ledig­lich als Neben­leis­tung im Zusam­men­hang mit einer ande­ren beruf­li­chen Tätig­keit erfolgt 13.

Wird die Inkas­sodienst­leis­tung als eigen­stän­di­ges Geschäft betrie­ben, erüb­rigt sich die Prü­fung, ob die Ein­zie­hung als Neben­leis­tung nach § 5 RDG zuläs­sig ist 14.

Da eine Erlaub­nis­frei­heit nach §§ 5 bis 8 RDG nicht in Betracht kommt und das schwei­ze­ri­sche (Inkasso-)Unternehmen nicht über eine Regis­trie­rung nach § 10 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 RDG ver­fügt, ist die Abtre­tung wegen Ver­sto­ßes gegen § 2 Abs. 2 Satz 1 Fall 2 i.V.m. § 3 RDG gemäß § 134 BGB nich­tig. Die Nich­tig­keit erfasst sowohl schuld­recht­li­che als auch Ver­fü­gungs­ver­trä­ge wie die For­de­rungs­ab­tre­tung, wenn die­se auf eine nicht erlaub­te Rechts­dienst­leis­tung zie­len 15.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 11. Dezem­ber 2013 – IV ZR 46/​13 und IV ZR 131/​13

  1. BGH, Urteil vom 05.10.2006 – I ZR 7/​04, WM 2007, 231 Rn. 24 m.w.N.[]
  2. BGH, aaO[]
  3. BGH, aaO Rn. 22; BVerfG, NJW 2002, 1190 unter 1 m.w.N.[]
  4. Dreyer/​Müller in Dreyer/​Lamm/​Müller, RDG § 1 Rn. 5 ff.; Man­kow­ski, ZErb 2007, 406, 409; Knöfel, AnwBl.2007, 264[]
  5. vgl. BT-Drucks. 16/​3655, S. 1[]
  6. dazu auch BT-Drucks. 16/​3655, S. 45[]
  7. BT-Drucks. 16/​3655, S. 36, 48[]
  8. BT-Drucks. 16/​3655, S. 48[]
  9. BGH, Urteil vom 30.10.2012 – XI ZR 324/​11, WM 2012, 2322 Rn. 13; und Beschluss vom 11.07.2013 – II ZR 245/​11, WM 2013, 1549 Rn. 3; zu Art. 1 § 1 Abs. 1 RBerG: BGH, Urteil vom 25.11.2008 – XI ZR 413/​07, WM 2009, 259 Rn. 17; so auch die Geset­zes­be­grün­dung zu § 2 Abs. 2 Satz 1 RDG: BT-Drucks. 16/​3655, S. 48 f.[]
  10. BGH, Urteil vom 30.10.2012, aaO; zu Art. 1 § 1 Abs. 1 RBerG: Urtei­le vom 23.01.1980 – VIII ZR 91/​79, BGHZ 76, 119, 125 f.; und vom 04.04.2006 – VI ZR 338/​04, NJW 2006, 1726 Rn. 8 m.w.N.[]
  11. BGH, Urteil vom 30.10.2012, aaO Rn. 14 m.w.N.; BT-Drucks. 16/​3655, S. 36, 48 f.; eben­so: LG Aachen, Urteil vom 27.04.2012 – 9 O 626/​10, BeckRS 2013, 06585 unter II 1 a aa[]
  12. BGH, Urtei­le vom 30.10.2012 – XI ZR 324/​11, WM 2012, 2322 Rn.19; vom 25.11.2008 – XI ZR 413/​07, WM 2009, 259 Rn.20; vom 05.11.2004 – BLw 11/​04, WM 2005, 102 unter III 2 a[]
  13. BGH, Urteil vom 30.10.2012, aaO Rn. 21 m.w.N.; BT-Drucks. 16/​3655, S. 49[]
  14. BT-Drucks. 16/​3655, S. 49; Krenz­ler/Of­fer­mann-Burck­art, RDG § 2 Rn. 127[]
  15. BGH, Urtei­le vom 05.03.2013 – VI ZR 245/​11, VersR 2013, 730 Rn. 11; vom 30.10.2012 – XI ZR 324/​11, WM 2012, 2322 Rn. 3436 m.w.N.[]