Screen Scra­ping

Dür­fen die Inhal­te einer Web­sei­te ein­fach für die eige­ne Sei­te kopiert wer­den? Und dass auch noch auto­ma­ti­siert? Sofern die Tex­te dem Urhe­ber­recht unter­lie­gen, ist die Ant­wort klar. Was aber, wenn die Gren­ze zum Urhe­ber­rechts­schutz nicht erreicht wur­de? Mit die­ser Fra­ge des "Screen Scra­ping" hat­te sich jetzt der Bun­des­ge­richts­hof – unter dem Blick­win­kel des Wett­be­werbs­rechts – zu befas­sen.

Screen Scra­ping

Die Klä­ge­rin des jetzt vom Bun­des­ge­richts­hofs ent­schie­de­nen Rechts­streits ist eine Flug­ge­sell­schaft, die preis­güns­ti­ge Lini­en­flü­ge anbie­tet. Sie ver­treibt ihre Flü­ge aus­schließ­lich über ihre Inter­net­sei­te sowie ihr Call­cen­ter und bie­tet dort auch die Mög­lich­keit zur Buchung von Zusatz­leis­tun­gen Drit­ter an, wie bei­spiels­wei­se Hotel­auf­ent­hal­te oder Miet­wa­gen­re­ser­vie­run­gen. Bei der Buchung eines Flu­ges über die Inter­net­sei­te der Klä­ge­rin muss ein Käst­chen ange­kreuzt wer­den. Damit akzep­tiert der Buchen­de die All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen der Klä­ge­rin. In die­sen Bedin­gun­gen unter­sagt die Klä­ge­rin den Ein­satz eines auto­ma­ti­sier­ten Sys­tems oder einer Soft­ware zum Her­aus­zie­hen von Daten von ihrer Inter­net­sei­te, um die­se auf einer ande­ren Inter­net­sei­te anzu­zei­gen. Die Beklag­te betreibt im Inter­net ein Por­tal, über das Kun­den Flü­ge ver­schie­de­ner Flug­ge­sell­schaf­ten online buchen kön­nen. Dort wählt der Kun­de in einer Such­mas­ke eine Flug­stre­cke und ein Flug­da­tum aus. Ihm wer­den sodann ent­spre­chen­de Flü­ge ver­schie­de­ner Flug­ge­sell­schaf­ten auf­ge­zeigt, unter ande­rem sol­che der Klä­ge­rin. Wählt der Kun­de einen Flug aus, wer­den ihm die genau­en Flug­da­ten und der von der Flug­ge­sell­schaft ver­lang­te Flug­preis ange­zeigt. Die für die kon­kre­te Anfra­ge des Kun­den erfor­der­li­chen Daten wer­den von der Beklag­ten auto­ma­tisch von den Inter­net­sei­ten der Flug­ge­sell­schaf­ten abge­ru­fen. Die Beklag­te erhebt für ihre Ver­mitt­lung Gebüh­ren, die wäh­rend der Buchung auf ihrem Por­tal dem von der Klä­ge­rin ver­lang­ten Flug­preis hin­zu­ge­rech­net wer­den.

Die Klä­ge­rin sieht in dem Ver­hal­ten der Beklag­ten eine miss­bräuch­li­che Nut­zung ihres Buchungs­sys­tems und ein unzu­läs­si­ges Ein­schlei­chen in ihr Direkt­ver­triebs­sys­tem. Sie hat die Beklag­te daher auf Unter­las­sung der Ver­mitt­lung von Flug­bu­chun­gen in Anspruch genom­men.

Das erst­in­stanz­lich hier­mit befass­te Land­ge­richt Ham­burg hat die Kla­ge abge­wie­sen1. Auf die Beru­fung der Klä­ge­rin hat dage­gen das Han­sea­ti­sche Ober­lan­des­ge­richt Ham­burg die Beklag­te antrags­ge­mäß zur Unter­las­sung ver­ur­teilt2. Das Han­sea­ti­sche Ober­lan­des­ge­richt Ham­burg hat ange­nom­men, der gel­tend gemach­te Unter­las­sungs­an­spruch sei wegen unlau­te­ren Schleich­be­zugs gemäß § 4 Nr. 10 UWG begrün­det. Auf die Revi­si­on der Beklag­ten hat der Bun­des­ge­richts­hof nun das Beru­fungs­ur­teil auf­ge­ho­ben und Sache zur neu­en Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das Han­sea­ti­sche Ober­lan­des­ge­richt Ham­burg zurück­ver­wie­sen:

Der Bun­des­ge­richts­hof hat eine wett­be­werbs­wid­ri­ge Behin­de­rung der Klä­ge­rin gemäß § 4 Nr. 10 UWG ver­neint.

Im Streit­fall führt eine Gesamt­ab­wä­gung der Inter­es­sen der Mit­be­wer­ber, der Ver­brau­cher sowie der All­ge­mein­heit nicht zu der Annah­me, dass die Klä­ge­rin durch die bean­stan­de­te Ver­mitt­lung von Flü­gen durch die Beklag­te ihre Leis­tun­gen am Markt durch eige­ne Anstren­gun­gen nicht mehr in ange­mes­se­ner Wei­se zur Gel­tung brin­gen kann. Erfor­der­lich ist inso­weit eine Beein­träch­ti­gung der wett­be­werb­li­chen Ent­fal­tungs­mög­lich­keit, die über die mit jedem Wett­be­werb ver­bun­de­ne Beein­träch­ti­gung hin­aus­geht und bestimm­te Unlau­ter­keits­mo­men­te auf­weist.

Allein der Umstand, dass sich die Beklag­te über den von der Klä­ge­rin in ihren Geschäfts­be­din­gun­gen geäu­ßer­ten Wil­len hin­weg­setzt, kei­ne Ver­mitt­lung von Flü­gen im Wege des soge­nann­ten "Screen-Scra­ping" zuzu­las­sen, führt nicht zu einer wett­be­werbs­wid­ri­gen Behin­de­rung der Klä­ge­rin.

Ein Unlau­ter­keits­mo­ment kann aller­dings dar­in lie­gen, dass eine tech­ni­sche Schutz­vor­rich­tung über­wun­den wird, mit der ein Unter­neh­men ver­hin­dert, dass sein Inter­net­an­ge­bot durch übli­che Such­diens­te genutzt wer­den kann. Einer sol­chen tech­ni­schen Schutz­maß­nah­me steht es aber – anders als es das OLG Ham­burg ange­nom­men hat – nicht gleich, dass die Klä­ge­rin die Buchung von Rei­sen über ihre Inter­net­sei­te von der Akzep­tanz ihrer Geschäfts- und Nut­zungs­be­din­gun­gen durch Ankreu­zen eines Käst­chens abhän­gig macht und die Beklag­te sich über die­se Bedin­gun­gen hin­weg­setzt.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat auch nicht ange­nom­men, dass die Inter­es­sen der Klä­ge­rin die der Beklag­ten über­wie­gen. Das Geschäfts­mo­dell der Beklag­ten för­dert die Preis­trans­pa­renz auf dem Markt der Flug­rei­sen und erleich­tert dem Kun­den das Auf­fin­den der güns­tigs­ten Flug­ver­bin­dung. Dage­gen wie­gen die Inter­es­sen der Klä­ge­rin dar­an, dass die Ver­brau­cher ihre Inter­net­sei­te direkt auf­su­chen und die dort ein­ge­stell­te Wer­bung und die Mög­lich­kei­ten zur Buchung von Zusatz­leis­tun­gen zur Kennt­nis neh­men, nicht schwe­rer.

Das Han­sea­ti­sche Ober­lan­des­ge­richt Ham­burg wird nun­mehr noch zu prü­fen haben, ob der Klä­ge­rin Ansprü­che wegen Irre­füh­rung und nach den Grund­sät­zen des wett­be­werbs­recht­li­chen Leis­tungs­schut­zes zuste­hen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 30. April 2014 – I ZR 224/​12Flug­ver­mitt­lung im Inter­net

  1. LG Ham­burg, Urteil vom 26.02.2010 – 310 O 31/​09 []
  2. OLG Ham­burg, Urteil vom 24.10.2012 – 5 U 38/​10 []