Selbst­durch­schrei­be­pa­pie­re

Ken­nen Sie noch Durch­schrei­be­pa­pier? Auch in Zei­ten des Com­pu­ters mit sei­nen Mög­lich­kei­ten zur Her­stel­lung einer belie­bi­gen Zahl von Aus­dru­cken scheint es hier­für immer noch einen nen­nens­wer­ten Markt zu geben. Und so hat­te sich jetzt auch der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten mit einem Kar­tell auf dem Markt für eben die­se Selbst­durch­schrei­be­pa­pie­re zu befas­sen. Bei die­ser Ent­schei­dung ging es aller­dings weni­ger um das Bestehen eines Kar­tells als um die Fra­ge, ob in einem Kon­zern auch die Mut­ter­ge­sell­schaft dafür zur Ver­ant­wor­tung gezo­gen wer­den kann, dass die Toch­ter­ge­sell­schaf­ter an einem (ver­bo­te­nen) Kar­tell betei­ligt war.

Selbst­durch­schrei­be­pa­pie­re

Inso­weit erklär­te der EuGH ges­tern die Ent­schei­dung der Kom­mis­si­on über ein Kar­tell auf dem Markt der Selbst­durch­schrei­be­pa­pie­re für nich­tig, aller­dings nur, soweit sie die Fa. Bol­l­o­ré SA betrifft, da die Kom­mis­si­on nach Auf­fas­sung des EuGH die Ver­tei­di­gungs­rech­te von Bol­l­o­ré SA ver­letzt hat, indem sie in ihrer Ent­schei­dung die Ver­ant­wor­tung von Bol­l­o­ré SA nicht nur wegen deren eige­ner Betei­li­gung, son­dern auch wegen deren Betei­li­gung in ihrer Eigen­schaft als Mut­ter­ge­sell­schaft ihres Toch­ter­un­ter­neh­mens Copi­graph, um die allein es in der Mit­tei­lung der Beschwer­de­punk­te ging, bejaht hat.

Mit Ent­schei­dung vom 20. Dezem­ber 2001 1 setz­te die Kom­mis­si­on Geld­bu­ßen in Höhe von ins­ge­samt 313,7 Mio. € gegen zehn Unter­neh­men wegen ihrer Betei­li­gung an einem Kar­tell zur Fest­set­zung der Prei­se und Auf­tei­lung des Mark­tes für Selbst­durch­schrei­be­pa­pier fest, das haupt­säch­lich dem Ziel dien­te, ver­ein­bar­te Preis­er­hö­hun­gen durch­zu­set­zen. Gegen das Unter­neh­men Sap­pi, den elf­ten Teil­neh­mer an dem Kar­tell, wur­de über­haupt kei­ne Geld­bu­ße fest­ge­setzt, da es das ers­te Unter­neh­men war, das bei der Unter­su­chung koope­riert und ent­schei­den­de Bewei­se vor­ge­legt hat­te.

Mit Urteil vom 26. April 2007 hat das Gericht ers­ter Instanz die von den Unter­neh­men gegen die Ent­schei­dung der Kom­mis­si­on erho­be­nen Kla­gen zum größ­ten Teil abge­wie­sen, aber die Geld­bu­ßen gegen zwei Unter­neh­men her­ab­ge­setzt, und zwar im Fall der Papele­ra Gui­puz­co­ana de Zicuña­ga SA (von 1,54 Mio. € auf 1,309 Mio. €) und der Arjo Wiggins Appel­ton plc (von 184,27 Mio. € auf 141,75 Mio €) 2. Drei Unter­neh­men, die Papier­fa­brik August Koeh­ler AG (33,07 Mio. €), Bol­l­o­ré SA (22,68 Mio. €) und Dís­tri­bui­do­ra Viz­caí­na de Pape­les SL (1,75 Mio. €) haben gegen die­ses Urteil Rechts­mit­tel beim EuGH ein­ge­legt.

Der EuGH wies nun dar­auf hin, dass die Beach­tung der Ver­tei­di­gungs­rech­te einen fun­da­men­ta­len Grund­satz des Gemein­schafts­rechts dar­stellt. Des­halb muss die Mit­tei­lung der Beschwer­de­punk­te die wesent­li­chen einem Unter­neh­men zur Last geleg­ten Gesichts­punk­te wie den ihm vor­ge­wor­fe­nen Sach­ver­halt, des­sen Ein­stu­fung und die von der Kom­mis­si­on her­an­ge­zo­ge­nen Beweis­mit­tel ent­hal­ten, damit sich das Unter­neh­men im Rah­men des Ver­wal­tungs­ver­fah­rens, das gegen es ein­ge­lei­tet wor­den ist, sach­ge­recht äußern kann. Die Mit­tei­lung der Beschwer­de­punk­te muss ein­deu­tig ange­ben, gegen wel­che juris­ti­sche Per­son Geld­bu­ßen fest­ge­setzt wer­den könn­ten, und muss an die­se Per­son gerich­tet sein. Eben­so muss in der Mit­tei­lung der Beschwer­de­punk­te ange­ge­ben wer­den, in wel­cher Eigen­schaft dem Unter­neh­men die behaup­te­ten Tat­sa­chen zur Last gelegt wer­den.

Das EuG hat in sei­nem erst­in­stanz­li­chen Urteil fest­ge­stellt, dass die Ent­schei­dung der Kom­mis­si­on feh­ler­haft sei, weil in die­ser Bol­l­o­ré die Zuwi­der­hand­lung auf­grund ihrer eige­nen unmit­tel­ba­ren Betei­li­gung an dem Kar­tell zuge­rech­net wor­den sei, obwohl ihr die Zuwi­der­hand­lung in der Mit­tei­lung der Beschwer­de­punk­te nur in ihrer Eigen­schaft als 100%ige Mut­ter­ge­sell­schaft ihrer Toch­ter­ge­sell­schaft Copi­graph zuge­rech­net wor­den sei. Das EuG hat in sei­nem erst­in­stanz­li­chen Urteil jedoch gleich­zei­tig argu­men­tiert, dass der fest­ge­stell­te Feh­ler nicht zur Nich­tig­erklä­rung der Ent­schei­dung füh­re, da ande­re in der Ent­schei­dung berück­sich­tig­te Umstän­de, zu denen Bol­l­o­ré habe Stel­lung neh­men kön­nen, der Kom­mis­si­on erlaubt hät­ten, die Ver­ant­wor­tung von Bol­l­o­ré für das rechts­wid­ri­ge Ver­hal­ten ihrer Toch­ter­ge­sell­schaft unab­hän­gig von ihrer eige­nen unmit­tel­ba­ren Betei­li­gung zu beja­hen. Da das EuG der Mei­nung gewe­sen ist, dass der Rechts­ver­stoß der Kom­mis­si­on sich auf die Höhe der gegen Bol­l­o­ré fest­ge­setz­ten Geld­bu­ße nicht aus­wir­ke, hat es die Ent­schei­dung, soweit sie Bol­l­o­ré mit der Sank­ti­on einer Geld­bu­ße belegt hat, bestä­tigt.

Dem woll­te der EuGH nun so jedoch nicht fol­gen. Der EuGH ent­schied, dass auch dann, wenn in der strei­ti­gen Ent­schei­dung die Ver­ant­wor­tung von Bol­l­o­ré nicht nur wegen ihrer eige­nen Betei­li­gung, son­dern auch wegen ihrer Betei­li­gung in ihrer Eigen­schaft als Mut­ter­ge­sell­schaft von Copi­graph bejaht wor­den ist, dies nicht aus­schließt, dass sich die Ent­schei­dung mög­li­cher­wei­se auf Ver­hal­tens­wei­sen grün­det, in Bezug auf die Bol­l­o­ré sich nicht hat ver­tei­di­gen kön­nen. Auf­grund des­sen hat der EuGH das Urteil des EuG, soweit es Bol­l­o­ré betrifft, auf­ge­ho­ben. Der Gerichts­hof hat den Rechts­streit selbst ent­schie­den und die Ent­schei­dung für nich­tig erklärt, soweit sie Bol­l­o­ré betrifft.

In Übri­gen hat er die Rechts­mit­tel der Papier­fa­brik August Koeh­ler AG und der Dís­tri­bui­do­ra Viz­caí­na de Pape­les SL zurück­ge­wie­sen.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten, Urteil vom 3. Sep­tem­ber 2009 in den ver­bun­de­nen Rechts­sa­chen C‑322/​07 P, C‑327/​07 P und C‑338/​07 P (Papier­fa­brik August Koeh­ler AG, Bol­l­o­ré SA und Dís­tri­bui­do­ra Viz­caí­na de Pape­les SL ./​. Kom­mis­si­on)

  1. Ent­schei­dung 2004/​337/​EG der Kom­mis­si­on vom 20. Dezem­ber 2001 in einem Ver­fah­ren nach Arti­kel 81 EG-Ver­trag und Arti­kel 53 EWR-Abkom­men (Sache COMP/E‑1/36.212 – Selbst­durch­schrei­be­pa­pier) (ABl. 2004, L 115, S. 1).[]
  2. Euro­päi­sches Gericht ers­ter Instanz, Urteil vom 25.04.2007 in den ver­bun­de­nen Rechts­sa­chen T‑109/​02, T‑118/​02, T‑122/​02, T‑125/​02, T‑126/​02, T‑128/​02, T‑129/​02, T‑132/​02 und T‑136/​02, Bol­l­o­ré u. a./Kommission (Slg. 2007, II-947).[]