Sexu­el­le Nöti­gung beim Zahn­arzt

Anlass für den Wider­ruf der Appro­ba­ti­on als Zahn­arzt wegen Unwür­dig­keit kön­nen nur gra­vie­ren­de Ver­feh­lun­gen sein, die geeig­net sind, das Ver­trau­en der Öffent­lich­keit in den Berufs­stand, blie­be das Ver­hal­ten für den Fort­be­stand der Appro­ba­ti­on fol­gen­los, nach­hal­tig zu erschüt­tern.

Sexu­el­le Nöti­gung beim Zahn­arzt

In dem jetzt vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ent­schie­de­nen Fall ist der Klä­ger nie­der­ge­las­se­ner Zahn­arzt. Mit rechts­kräf­ti­gem Straf­ur­teil ver­ur­teil­te ihn das Amts­ge­richt wegen sexu­el­ler Nöti­gung eines 15jährigen Mäd­chens in sei­nem Wohn­haus zu einer Frei­heits­stra­fe von einem Jahr, die zur Bewäh­rung aus­ge­setzt wur­de. Bei der Straf­zu­mes­sung leg­te das Amts­ge­richt den Straf­rah­men des § 177 Abs. 1 und 5 StGB zugrun­de (min­der schwe­rer Fall). Nach­dem der Beklag­te gegen den Klä­ger ein Ver­fah­ren auf Wider­ruf der Appro­ba­ti­on ein­ge­lei­tet hat­te, bean­trag­te der Klä­ger ohne Erfolg die Wie­der­auf­nah­me des Straf­ver­fah­rens. Der Beklag­te wider­rief die Appro­ba­ti­on des Klä­gers unter ande­rem wegen Unwür­dig­keit.

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt stütz­te dies grund­sätz­lich: Die auf­ge­wor­fe­ne Fra­ge, ob ange­sichts des Wan­dels der Unwert­vor­stel­lun­gen in der Öffent­lich­keit auch ein ein­ma­li­ges, außer­be­ruf­li­ches und in der Öffent­lich­keit nicht bekannt gewor­de­nes Fehl­ver­hal­ten, das vom Straf­ge­richt als min­der schwe­rer Fall beur­teilt wor­den sei, den Wider­ruf der Appro­ba­ti­on wegen Unwür­dig­keit begrün­den kön­ne, lässt sich ange­sichts der Fül­le denk­ba­rer Fall­kon­stel­la­tio­nen ohne wei­te­res beja­hen. Ob sol­che Umstän­de hin­ge­gen in einem kon­kre­ten Fall einen Wider­ruf recht­fer­ti­gen, kann fall­über­grei­fend nicht wei­ter geklärt wer­den. Ein Rechts­satz des Inhalts, dass nur wie­der­hol­te oder bekannt gewor­de­ne beruf­li­che Ver­feh­lun­gen oder nur nicht min­der schwe­re Straf­ta­ten einen Wider­ruf recht­fer­ti­gen, lässt sich jeden­falls nicht auf­stel­len. Unab­hän­gig davon geht die vom Klä­ger auf­ge­wor­fe­ne Fra­ge am Fall vor­bei. Einen Wan­del der Unrechts­vor­stel­lun­gen in der Öffent­lich­keit hat das Beru­fungs­ge­richt nicht fest­ge­stellt. Davon kann bei Straf­ta­ten, die sich gegen die sexu­el­le Selbst­be­stim­mung – zumal bei Kin­dern und Jugend­li­chen – rich­ten, auch kei­ne Rede sein.

Die Fra­ge, ob das Merk­mal der Unwür­dig­keit mit gene­ral­prä­ven­ti­ven Erwä­gun­gen begrün­det wer­den kön­ne und dadurch einer straf­recht­li­chen Sank­ti­on gleich­kom­me, recht­fer­tigt eben­falls nicht die Zulas­sung der Revi­si­on wegen grund­sätz­li­cher Bedeu­tung. Der Wider­ruf der Appro­ba­ti­on stellt einen beson­ders schwe­ren Ein­griff in die Berufs­frei­heit dar, der nur zum Schutz beson­ders wich­ti­ger Gemein­schafts­gü­ter zuläs­sig ist. Das gilt auch für den Wider­ruf wegen Unwür­dig­keit. Straf­zwe­cke, auch gene­ral­prä­ven­ti­ve Zwe­cke im Sin­ne einer Abschre­ckung ande­rer Ange­hö­ri­ger des Berufs­stan­des vor ähn­li­chen Ver­feh­lun­gen, wären damit nicht ver­ein­bar [1]. Es geht bei einem Wider­ruf wegen Unwür­dig­keit nicht um eine Sank­ti­on, son­dern viel­mehr dar­um, das Anse­hen der Ärz­te­schaft in den Augen der Öffent­lich­keit zu schüt­zen, dies frei­lich nicht als Selbst­zweck, son­dern um das für jede Heil­be­hand­lung unab­ding­ba­re Ver­trau­en der Pati­en­ten in die Inte­gri­tät der Per­so­nen auf­recht zu erhal­ten, denen mit der Appro­ba­ti­on die staat­li­che Erlaub­nis zur selb­stän­di­gen Aus­übung der Heil­kun­de bzw. Zahn­heil­kun­de ver­lie­hen ist und in deren Behand­lung sich die Pati­en­ten bege­ben. Die­ses Ver­trau­en wür­de zer­stört durch eine fort­dau­ern­de Berufs­tä­tig­keit von Ärz­ten, die ein Fehl­ver­hal­ten gezeigt haben, das mit dem Berufs­bild und den all­ge­mei­nen Vor­stel­lun­gen von der Per­sön­lich­keit eines Arz­tes schlecht­hin nicht zu ver­ein­ba­ren ist [2]. Frei­lich muss der Appro­ba­ti­ons­wi­der­ruf wegen Unwür­dig­keit, der nach sei­ner Ziel­rich­tung kei­ne auf die Per­son des Betrof­fe­nen bezo­ge­ne Gefah­ren­pro­gno­se erfor­dert, in einem ange­mes­se­nen Ver­hält­nis zur Schwe­re des Ein­griffs in die Berufs­frei­heit ste­hen [3]. Anlass für den Wider­ruf wegen Unwür­dig­keit kön­nen des­halb nur gra­vie­ren­de Ver­feh­lun­gen sein, die geeig­net sind, das Ver­trau­en der Öffent­lich­keit in den Berufs­stand, blie­be das Ver­hal­ten für den Fort­be­stand der Appro­ba­ti­on fol­gen­los, nach­hal­tig zu erschüt­tern. Das Beru­fungs­ge­richt ist von die­sen hohen Vor­aus­set­zun­gen für einen Wider­ruf der Appro­ba­ti­on wegen Unwür­dig­keit aus­ge­gan­gen. Die dar­an aus­ge­rich­te­te Ein­ord­nung der Straf­tat des Klä­gers betrifft hin­ge­gen nur den Ein­zel­fall und des­sen spe­zi­fi­sche Umstän­de. Fra­gen von grund­sätz­li­cher Bedeu­tung wer­den dadurch nicht mehr auf­ge­wor­fen.

Der Klä­ger sieht fer­ner einen grund­sätz­li­chen Klä­rungs­be­darf in dem Umstand, dass auch bei einem auf Unwür­dig­keit gestütz­ten Wider­ruf eine Wie­derer­tei­lung der Appro­ba­ti­on mög­lich ist. Dar­in erblickt er einen Wider­spruch zu dem vom Beru­fungs­ge­richt ange­nom­me­nen Ver­ständ­nis der Unwür­dig­keit und fol­gert dar­aus, dass schon die­ses Ver­ständ­nis unzu­tref­fend sein müs­se. Der Ein­wand trifft nicht zu. Es ent­spricht viel­mehr rechts­staat­li­chen Grund­sät­zen und dem Gewicht der Berufs­frei­heit aus Art. 12 Abs. 1 GG, den ein­mal her­bei­ge­führ­ten Ver­lust der Befug­nis zur Berufs­aus­übung nicht zu per­p­etu­ie­ren. Das gilt für den Wider­rufs­grund der Unzu­ver­läs­sig­keit eben­so wie für den Wider­ruf der Appro­ba­ti­on wegen Unwür­dig­keit.

Die gel­tend gemach­te Diver­genz zu einer Ent­schei­dung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts (§ 132 Abs. 2 Nr. 2 VwGO) besteht nicht. Dem ange­führ­ten Urteil vom 27. Okto­ber 1966 [4] lag – abge­se­hen von sons­ti­gen Grün­den gegen eine Diver­genz – ersicht­lich kein ähn­li­cher Sach­ver­halt zugrun­de, son­dern homo­se­xu­el­le Hand­lun­gen zwi­schen Erwach­se­nen.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 27. Janu­ar 2011 – 3 B 63.10

  1. vgl. BVerwG, Beschluss vom 27.10.2010 – 3 B 61.10[]
  2. vgl. nur BVerwG, Beschlüs­se vom 28.01.2003 – 3 B 149.02, Buch­holz 418.00 Ärz­te Nr. 107 S. 15; vom 14.04.1998 – 3 B 95.97, Buch­holz 418.00 Ärz­te Nr. 100 S. 50 f.[]
  3. vgl. BVerfG, Kam­mer­be­schlüs­se vom 23.11.2009 – 1 BvR 2709/​09; vom 28.08.2007 – 1 BvR 1098/​07; vom 18.05.2005 – 1 BvR 1028/​05[]
  4. BVerwG, Urteil vom 27.10.1966 – 1 C 99.64, NJW 1967, 314[]