Sonn­tags bleibt der Laden zu

Das Bund­ers­ver­fas­sungs­ge­richt hat heu­te mor­gen anhand von zwei Ver­fas­sungs­be­schwer­den grund­sätz­lich zur Fra­ge des grund­ge­setz­lich garan­tier­ten Sonn­tags­schutz und Fei­er­tags­schutz Stel­lung genom­men und die in den Sonn- und Fei­er­tags­ge­set­zen der Län­der in unter­schied­li­chem Umfang vor­ge­se­he­nen Mög­lich­kei­ten zur All­ge­mei­nen Laden­öff­nung an Sonn­ta­gen weit­ge­hend ein­ge­schränkt. Kon­kret rich­te­ten sich die bei­den Ver­fas­sungs­be­schwer­den gegen die – im Ver­gleich zu den ande­ren Bun­des­län­dern am wei­tes­ten gehen­de – Ber­li­ner Rege­lung. Die­se ist nach Ansicht des Karls­ru­her Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts sowohl hin­sicht­lich der dort vor­ge­se­hen Laden­öff­nung an allen vier Advents­sonn­ta­gen wie auch hin­sicht­lich der Öff­nungs­mög­lich an wei­te­ren Sonn­ta­gen per All­ge­mein­ver­fü­gung der Ber­li­ner Senats­ver­wal­tung nicht ver­fas­sungs­ge­mäß und muss daher zujm 31. Dezem­ber 2009 außer Kraft tre­ten – nur das aktu­el­le Weih­nachts­ge­schäft kann sich noch auf die vier ver­kaufs­of­fe­nen Advents­sonn­ta­ge ver­las­sen.

Sonn­tags bleibt der Laden zu

Um zu die­sem (ein­stim­mi­gen) Ergeb­nis zu gelan­gen, bedurf­te es frei­lich zunächst der Lösung eines for­ma­len Pro­blems, näm­lich der Fra­ge der Kla­ge­be­fug­nis der katho­li­schen und der evan­ge­li­schen Kir­che in Fra­ge der Sonn­tags­ru­he. Die­ses Pro­blem rührt daher, dass die Sonn­tags­ru­he nicht im Rah­men der Grund­rech­te auf­ge­führt ist, son­dern "nur" im Rah­men der in das Grund­ge­setz inkor­po­rier­ten Wei­ma­rer Kir­chen­ver­fas­sung. Hier­an wären die Ver­fas­sungs­be­schwer­den auch bei­na­he geschei­tert, die Zuer­ken­nung der Kla­ge­be­fug­nis erfolg­te nur mit der denk­bar knapps­ten Mehr­heit von 5 : 3 Stim­men.

Doch im Ein­zel­nen:

Die Situa­ti­on der Sonn­tags­öff­nung in Ber­lin[↑]

Bei der soge­nann­ten Föde­ra­lis­mus­re­form I im Jahr 2006 wur­de die Gesetz­ge­bungs­kom­pe­tenz für das Recht des Laden­schlus­ses auf die Län­der über­tra­gen. Das Abge­ord­ne­ten­haus von Ber­lin beschloss dar­auf­hin das am 17. Novem­ber 2006 in Kraft getre­te­ne Ber­li­ner Laden­öff­nungs­ge­setz (Berl¬LadÖffG). Die­ses sieht vor allem schon kraft Geset­zes und ohne die Erfül­lung wei­te­rer Vor­aus­set­zun­gen die Frei­ga­be aller vier Advents­sonn­ta­ge in Fol­ge in der Zeit von 13.00 bis 20.00 Uhr für die Laden­öff­nung vor. Vier wei­te­re Sonn- und Fei­er­ta­ge jähr­lich kön­nen „im öffent­li­chen Inter­es­se“ durch All­ge­mein­ver­fü­gung der Senats­ver­wal­tung frei­ge­ge­ben wer­den. Zusätz­lich dür­fen an zwei wei­te­ren Sonn- oder Fei­er­ta­gen Ver­kaufs­stel­len aus Anlass „beson­de­rer Ereig­nis­se, ins­be­son­de­re von Fir­men­ju­bi­lä­en und Stra­ßen­fes­ten“, von 13.00 bis 20.00 Uhr offen gehal­ten wer­den. Dane­ben gibt es eine Rei­he von waren­grup­pen­spe­zi­fi­schen sowie orts- und anlass­be­zo­ge­nen Aus­nah­me­be­stim­mun­gen. Die Laden­öff­nung an Werk­ta­gen ist voll­stän­dig frei­ge­ge­ben (24 Stun­den-Öff­nungs­mög­lich­keit).

Inzwi­schen haben alle Bun­des­län­der bis auf den Frei­staat Bay­ern den Laden­schluss durch Lan­des­ge­setz gere­gelt. Im Grund­satz sehen alle Lan­des­ge­set­ze vor, dass an Sonn- und Fei­er­ta­gen kei­ne Laden­öff­nung erfolgt. Als Aus­nah­me­re­ge­lun­gen wei­sen die meis­ten ande­ren Bun­des­län­der vier Sonn- und Fei­er­ta­ge zur Frei­ga­be aus, Baden-Würt­tem­berg ledig­lich drei, Bran­den­burg hin­ge­gen sechs. Zumeist ist eine Laden­öff­nung an den Advents­sonn­ta­gen aus­ge­schlos­sen oder zumin­dest nur an einem ein­zi­gen Advents­sonn­tag im Jahr gestat­tet. Neben Ber­lin sehen nur die Geset­ze über den Laden­schluss von Bran­den­burg, Sach­sen und Sach­sen-Anhalt kei­nen beson­de­ren Schutz der Advents­sonn­ta­ge vor.

Die Ver­fas­sungs­be­schwer­den[↑]

Mit ihren Ver­fas­sungs­be­schwer­den wen­den sich die Evan­ge­li­sche Kir­che Ber­lin-Bran­den­burg-schle­si­sche Ober­lau­sitz (1 BvR 2857/​07) und das Erz­bis­tum Ber­lin (1 BvR 2858/​07) gegen die im Ver­gleich zur frü­he­ren gesetz­li­chen Rege­lung und zu den Laden­öff­nungs­be­stim­mun­gen in den ande­ren Bun­des­län­dern wei­ter­ge­hen­den Laden­öff­nungs­mög­lich­kei­ten an Sonn- und Fei­er­ta­gen in Ber­lin. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat ent­schie­den, dass die Rege­lung zur Laden­öff­nungs­mög­lich­keit an allen vier Advents­sonn­ta­gen (§ 3 Abs. 1 Alter­na­ti­ve 2 Berl¬LadÖffG) mit Art. 4 Abs. 1 und Abs. 2 in Ver­bin­dung mit Arti­kel 140 GG und Art. 139 der Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung (WRV) unver­ein­bar ist. Er hat die ver­fas­sungs­be­schwer­de­füh­ren­den Kir­chen für beschwer­de­be­fugt erach­tet.

Die Kla­ge­be­fug­nis der Kir­chen[↑]

Die Fra­ge, ob und inwie­weit sich Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten im Wege einer Ver­fas­sungs­be­schwer­de auf die ver­fas­sungs­recht­li­che Sonn- und Fei­er­tags­ga­ran­tie des Art. 139 WRV (i.V.m. Art. 140 GG) beru­fen kön­nen, war in der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts bis­her noch nicht geklärt. Die­se Garan­tie ist nicht im Grund­rechts­ka­ta­log des Grund­ge­set­zes, son­dern in den soge­nann­ten Wei­ma­rer Kir­chen­ar­ti­keln ver­an­kert, die Bestand­teil des Grund­ge­set­zes sind (vgl. Art. 140 GG).

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat die Ver­fas­sungs­be­schwer­den für zuläs­sig gehal­ten, weil die Beschwer­de­füh­rer die Mög­lich­keit einer Ver­let­zung in ihrem Grund­recht aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG jeden­falls in Ver­bin­dung mit der objek­tiv­recht­li­chen Sonn- und Fei­er­tags­ga­ran­tie hin­rei­chend dar­ge­tan hat­ten. Die Mög­lich­keit einer Grund­rechts­ver­let­zung ist dann gege­ben, wenn die Ver­fas­sungs­be­schwer­de eine bis­lang vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt noch nicht ent­schie­de­ne, offe­ne ver­fas­sungs­recht­li­che Fra­ge auf­wirft, die die Annah­me eines ver­fas­sungs­be­schwer­de­fä­hi­gen Rechts jeden­falls nicht von vorn­her­ein aus­schließt. Das ist hier hin­sicht­lich der Fra­ge eines etwai­gen Bewir­kens der objek­tiv­recht­li­chen Schutz­ga­ran­tie des Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 139 WRV auf das Grund­recht aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG im Sin­ne einer Kon­kre­ti­sie­rung und Stär­kung des Grund­rechts­schut­zes der Fall.

Die mate­ri­el­le Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der Ber­li­ner Rege­lung zur Sonn­tags­öff­nung[↑]

Die in der ange­grif­fe­nen Rege­lung vor­ge­se­he­ne Mög­lich­keit der Laden­öff­nung an allen vier Advents­sonn­ta­gen ist mit den Schutz­pflicht­an­for­de­run­gen aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG in Ver­bin­dung mit Art. 140 GG und Art. 139 WRV nicht mehr in Ein­klang zu brin­gen. Das gesetz­li­che Schutz­kon­zept für die Gewähr­leis­tung der Sonn- und Fei­er­tags­ru­he muss die­se Tage erkenn­bar als sol­che der Arbeits­ru­he zur Regel erhe­ben; die Aus­nah­me davon bedarf eines dem Sonn­tags­schutz gerecht wer­den­den Sach­grun­des. Blo­ße wirt­schaft­li­che Inter­es­sen von Ver­kaufs­stel­len­in­ha­bern und all­täg­li­che Erwerbs­in­ter­es­sen der Käu­fer für die Laden­öff­nung genü­gen dafür grund­sätz­lich nicht. Zudem müs­sen bei einer flä­chen­de­cken­den und den gesam­ten Ein­zel­han­del erfas­sen­den Frei­ga­be der Laden­öff­nung recht­fer­ti­gen­de Grün­de von beson­de­rem Gewicht vor­lie­gen, wenn meh­re­re Sonn- und Fei­er­ta­ge in Fol­ge über jeweils vie­le Stun­den hin frei­ge­ge­ben wer­den sol­len. Vor die­sem Hin­ter­grund unter­schrei­tet die vor­aus­set­zungs­lo­se sie­ben­stün­di­ge Öff­nung an allen vier Advents­sonn­ta­gen ohne hin­rei­chend gewich­ti­ge Grün­de das ver­fas­sungs­recht­lich gebo­te­ne Min­dest­maß des Sonn­tags­schut­zes. Die Rege­lung über die Öff­nung auf­grund All­ge­mein­ver­fü­gung an vier wei­te­ren Sonn- und Fei­er­ta­gen trägt nur bei ein­schrän­ken­der Aus­le­gung den Erfor­der­nis­sen des vom Gesetz­ge­ber zu gewähr­leis­ten­den Min­dest­schut­zes Rech­nung.

Die für ver­fas­sungs­wid­rig erklär­te Advents­sonn­tags­re­ge­lung bleibt noch bis zum 31. Dezem­ber 2009 anwend­bar, so dass die Laden­öff­nung an den vier Advents­sonn­ta­gen in die­sem Jahr in Ber­lin noch mög­lich ist.

Der Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts lie­gen im Wesent­li­chen fol­gen­de Erwä­gun­gen zu Grun­de:

Art 139 WRV als Kon­kre­ti­sie­rung des Grund­rechts aus Art. 4 GG[↑]

Das Grund­recht aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG wird in sei­ner Bedeu­tung als Schutz­ver­pflich­tung des Gesetz­ge­bers durch den objek­tiv­recht­li­chen Schutz­auf­trag für den Sonn- und Fei­er­tags­schutz aus Art. 139 WRV (i.V.m. Art. 140 GG) kon­kre­ti­siert, der neben sei­ner welt­lich-sozia­len Bedeu­tung in einer reli­gi­ös-christ­li­chen Tra­di­ti­on wur­zelt. Danach ist ein Min­dest­ni­veau des Schut­zes der Sonn­ta­ge und der gesetz­lich aner­kann­ten hier der kirch­li­chen Fei­er­ta­ge durch den Gesetz­ge­ber zu gewähr­leis­ten.

Das Schutz­kon­zept, das den Rege­lun­gen zur Laden­öff­nung an Sonn- und Fei­er­ta­gen im Land Ber­lin zu Grun­de liegt, wird der Schutz­ver­pflich­tung des Lan­des­ge­setz­ge­bers aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG in sei­ner Kon­kre­ti­sie­rung durch Art. 139 WRV in Ver­bin­dung mit Art. 140 GG nicht hin­rei­chend gerecht. Zwar greift das Ber­li­ner Laden­öff­nungs­ge­setz weder gezielt in die Reli­gi­ons­frei­heit der Beschwer­de­füh­rer ein, noch liegt in den ver­schie­de­nen Bestim­mun­gen und Optio­nen zur Laden­öff­nung an Sonn- und Fei­er­ta­gen das „funk­tio­na­le Äqui­va­lent“ eines Ein­griffs, weil es sich mit den hier ange­grif­fe­nen Vor­schrif­ten an die Ver­kaufs­stel­len­in­ha­ber und nicht an die Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten rich­tet. Aller­dings beschränkt sich die Reli­gi­ons­frei­heit nicht auf die Funk­ti­on eines Abwehr­rechts, son­dern gebie­tet auch im posi­ti­ven Sinn, Raum für die akti­ve Betä­ti­gung der Glau­bens­über­zeu­gung und die Ver­wirk­li­chung der auto­no­men Per­sön­lich­keit auf welt­an­schau­lich-reli­giö­sem Gebiet zu sichern. Die­se Schutz­pflicht trifft den Staat auch gegen­über den als Kör­per­schaf­ten des öffent­li­chen Rechts ver­fass­ten Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten. Es ist aber grund­sätz­lich Sache des Gesetz­ge­bers, ein Schutz­kon­zept auf­zu­stel­len und nor­ma­tiv umzu­set­zen. Dabei kommt ihm ein wei­ter Einschätzungs‑, Wer­tungs- und Gestal­tungs­spiel­raum zu.

Allein aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG lässt sich kei­ne staat­li­che Ver­pflich­tung her­lei­ten, die reli­gi­ös-christ­li­chen Fei­er­ta­ge und den Sonn­tag unter den Schutz einer näher aus­zu­ge­stal­ten­den gene­rel­len Arbeits­ru­he zu stel­len und das Ver­ständ­nis bestimm­ter Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten von nach deren Leh­re beson­de­ren Tagen zugrun­de zu legen. Das Grund­recht aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG erfährt aber eine Kon­kre­ti­sie­rung durch die Sonn- und Fei­er­tags­ga­ran­tie nach Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 139 WRV; die Sonn- und Fei­er­tags­ga­ran­tie wirkt ihrer­seits als in der Ver­fas­sung getrof­fe­ne Wer­tung auf die Aus­le­gung und Bestim­mung des Schutz­ge­halts von Art. 4 Abs. 1 und 2 GG ein und ist des­halb auch bei der Kon­kre­ti­sie­rung der grund­recht­li­chen Schutz­pflicht des Gesetz­ge­bers zu beach­ten. Art. 139 WRV ent­hält einen Schutz­auf­trag an den Gesetz­ge­ber, der im Sin­ne der Gewähr­leis­tung eines Min­dest­schutz­ni­veaus dem Grund­rechts­schutz aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG inso­weit Gehalt gibt.

Der Rege­lungs­ge­halt des Art. 139 WRV[↑]

Die funk­tio­na­le Aus­rich­tung der soge­nann­ten Wei­ma­rer Kir­chen­ar­ti­kel auf die Inan­spruch­nah­me des Grund­rechts aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG gilt auch für die Gewähr­leis­tung der Tage der Arbeits­ru­he und der see­li­schen Erhe­bung in Art. 139 WRV, obgleich in die­ser Norm selbst der reli­gi­ös-christ­li­che Bezug nicht aus­drück­lich erwähnt wird. Denn Art. 139 WRV ist nach sei­ner Ent­ste­hungs­ge­schich­te, sei­ner sys­te­mi­schen Ver­an­ke­rung in den soge­nann­ten Kir­chen­ar­ti­keln und sei­nen Rege­lungs­zwe­cken ein reli­giö­ser, in der christ­li­chen Tra­di­ti­on wur­zeln­der Gehalt eigen, der mit einer dezi­diert sozia­len, welt­lich-neu­tral aus­ge­rich­te­ten Zweck­set­zung ein­her­geht. Die Sonn- und Fei­er­tags­ga­ran­tie för­dert und schützt daher nicht nur die Aus­übung der Reli­gi­ons­frei­heit. Die Gewähr­leis­tung der Arbeits­ru­he sichert eine wesent­li­che Grund­la­ge für die Rekrea­ti­ons­mög­lich­kei­ten des Men­schen und zugleich für ein sozia­les Zusam­men­le­ben und ist damit auch Garant für die Wahr­neh­mung von ande­ren Grund­rech­ten, die der Per­sön­lich­keits­ent­fal­tung die­nen. Die Sonn- und Fei­er­tags­ga­ran­tie kommt etwa dem Schutz von Ehe und Fami­lie (Art. 6 Abs. 1 GG) eben­so zugu­te wie der Erho­lung und Erhal­tung der Gesund­heit (vgl. Art. 2 Abs. 2 GG). Ihre Bedeu­tung resul­tiert wesent­lich auch aus dem zeit­li­chen Gleich­klang der Arbeits­ru­he. Art. 139 WRV erweist sich so als ver­fas­sungs­ver­an­ker­tes Grund­ele­ment sozia­len Zusam­men­le­bens und staat­li­cher Ord­nung und ist als Kon­nex­ga­ran­tie zu ver­schie­de­nen Grund­rech­ten zu begrei­fen.

Die Pflicht des Staa­tes zu welt­an­schau­lich-reli­giö­ser Neu­tra­li­tät steht einer Kon­kre­ti­sie­rung des Schutz­ge­halts des Art. 4 Abs. 1 und 2 GG durch Art. 139 WRV nicht ent­ge­gen. Denn die Ver­fas­sung selbst unter­stellt den Sonn­tag und die Fei­er­ta­ge, soweit sie staat­lich aner­kannt sind, einem beson­de­ren staat­li­chen Schutz­auf­trag und nimmt damit eine Wer­tung vor, die auch in der christ­lich-abend­län­di­schen Tra­di­ti­on wur­zelt und kalen­da­risch an die­se anknüpft.

Art. 139 WRV sta­tu­iert für die Arbeit an Sonn- und Fei­er­ta­gen unter ande­rem ein Regel-Aus­nah­me-Ver­hält­nis. Grund­sätz­lich hat die typi­sche „werk­täg­li­che Geschäf­tig­keit“ an Sonn- und Fei­er­ta­gen zu ruhen, wobei der Schutz des Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 139 WRV nicht auf einen reli­giö­sen oder welt­an­schau­li­chen Sinn­ge­halt der Sonn- und Fei­er­ta­ge beschränkt ist. Die Rege­lung zielt in der säku­la­ri­sier­ten Gesell­schafts- und Staats­ord­nung aber auch auf die Ver­fol­gung pro­fa­ner Zie­le wie die der per­sön­li­chen Ruhe, Besin­nung, Erho­lung und Zer­streu­ung. Dabei soll die von Art. 139 WRV eben­falls erfass­te Mög­lich­keit see­li­scher Erhe­bung allen Men­schen unbe­scha­det einer reli­giö­sen Bin­dung zuteil wer­den.

Anfor­de­run­gen an die aus­nahms­wei­se Öff­nungs­mög­lich­keit an Sonn­ta­gen[↑]

Auf die­ser Grund­la­ge ergibt sich, dass gesetz­li­che Schutz­kon­zep­te für die Gewähr­leis­tung der Sonn- und Fei­er­tags­ru­he erkenn­bar die­se Tage als sol­che der Arbeits­ru­he zur Regel erhe­ben müs­sen. Hin­sicht­lich der hier in Rede ste­hen­den Laden­öff­nung bedeu­tet dies, dass die Aus­nah­me eines dem Sonn­tags­schutz gerecht wer­den­den Sach­grun­des bedarf. Ein bloß wirt­schaft­li­ches Umsatz­in­ter­es­se der Ver­kaufs­stel­len­in­ha­ber und ein all­täg­li­ches Erwerbs­in­ter­es­se („Shop­ping-Inter­es­se“) poten­zi­el­ler Käu­fer genü­gen grund­sätz­lich nicht, um Aus­nah­men von dem ver­fas­sungs­un­mit­tel­bar ver­an­ker­ten Schutz der Arbeits­ru­he und der Mög­lich­keit zu see­li­scher Erhe­bung an Sonn- und Fei­er­ta­gen zu recht­fer­ti­gen. Dar­über hin­aus müs­sen Aus­nah­men als sol­che für die Öffent­lich­keit erkenn­bar blei­ben und dür­fen nicht auf eine weit­ge­hen­de Gleich­stel­lung der sonn- und fei­er­täg­li­chen Ver­hält­nis­se mit den Werk­ta­gen und ihrer Betrieb­sam­keit hin­aus­lau­fen.

Dem Regel-Aus­nah­me-Gebot kommt gene­rell umso mehr Bedeu­tung zu, je gerin­ger das Gewicht der­je­ni­gen Grün­de ist, zu denen der Sonn- und Fei­er­tags­schutz ins Ver­hält­nis gesetzt wird und je weiter­grei­fen­der die Frei­ga­be der Ver­kaufs­stel­len­öff­nung in Bezug auf das betrof­fe­ne Gebiet sowie die ein­be­zo­ge­nen Han­dels­spar­ten und Waren­grup­pen aus­ge­stal­tet ist. Des­halb müs­sen bei einer flä­chen­de­cken­den und den gesam­ten Ein­zel­han­del erfas­sen­den Frei­ga­be der Laden­öff­nung recht­fer­ti­gen­de Grün­de von beson­de­rem Gewicht vor­lie­gen, wenn meh­re­re Sonn- und Fei­er­ta­ge in Fol­ge über jeweils vie­le Stun­den hin frei­ge­ge­ben wer­den sol­len.

Bei der Ein­ord­nung und Bewer­tung der Durch­bre­chun­gen der Arbeits­ru­he an Sonn- und Fei­er­ta­gen kommt der Laden­öff­nung gro­ßes Gewicht zu. Das Errei­chen des Ziels des Sonn­tags­schut­zes – des reli­gi­ös wie des welt­lich moti­vier­ten – setzt das Ruhen der typi­schen werk­täg­li­chen Geschäf­tig­keit vor­aus. Gera­de die Laden­öff­nung prägt wegen ihrer öffent­li­chen Wir­kung den Cha­rak­ter des Tages in beson­de­rer Wei­se. Von ihr geht eine für jeder­mann wahr­nehm­ba­re Geschäf­tig­keits- und Betrieb­sam­keits­wir­kung aus, die typi­scher­wei­se den Werk­ta­gen zuge­ord­net wird. Dadurch wer­den not­wen­dig auch die­je­ni­gen betrof­fen, die weder arbei­ten müs­sen noch ein­kau­fen wol­len, son­dern Ruhe und see­li­sche Erhe­bung suchen, nament­lich auch die Gläu­bi­gen christ­li­cher Reli­gio­nen und die Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten selbst, nach deren Ver­ständ­nis der Tag ein sol­cher der Ruhe und der Besin­nung ist. Dem Bedarfs­de­ckungs- und Ver­sor­gungs­ar­gu­ment kommt wegen der fast voll­stän­di­gen Frei­ga­be der werk­täg­li­chen Öff­nungs­zei­ten (24-Stun­den-Öff­nung) in Ber­lin an Sonn- und Fei­er­ta­gen nur noch gerin­ge Bedeu­tung zu.

Die Ber­li­ner Lösung für die Advents­sonn­ta­ge[↑]

Die Beson­der­heit der Ber­li­ner Advents­sonn­tags­re­ge­lung (§ 3 Abs. 1 Alter­na­ti­ve 2 Berl­La­d­ÖffG) besteht dar­in, dass schon kraft Geset­zes ohne irgend­ei­ne wei­te­re Vor­aus­set­zung vier Sonn­ta­ge in Fol­ge für die Dau­er von jeweils sie­ben Stun­den zur Laden­öff­nung frei­ge­ge­ben wer­den. Die­se Vor­schrift hält der Anfor­de­rung, dass die Sonn­tags­ru­he die Regel ist, nicht stand, weil sie einen in sich geschlos­se­nen Zeit­block von etwa einem Zwölf­tel des Jah­res voll­stän­dig vom Grund­satz der Arbeits­ru­he aus­nimmt. Dar­an ändert der all­ge­mein gehal­te­ne Hin­weis in der Geset­zes­be­grün­dung auf die Metro­pol­funk­ti­on Ber­lins nichts. Auch dar­in spie­geln sich ledig­lich blo­ße Umsatz- und Erwerbs­in­ter­es­sen wider. Der Sache nach läuft die Rege­lung mit­hin dar­auf hin­aus, den Sonn- und Fei­er­tags­schutz für die Dau­er eines Mona­tes für die Ver­kaufs­stel­len, die den äuße­ren Cha­rak­ter des Tages auch ange­sichts der Zahl der unmit­tel­bar wie mit­tel­bar Betrof­fe­nen und der Öffent­lich­keits­wir­kung maß­geb­lich prä­gen, auf­zu­he­ben, ohne dass für eine der­art inten­si­ve Beein­träch­ti­gung eine hin­rei­chend gewich­ti­ge Begrün­dung gege­ben wür­de oder sonst erkenn­bar wäre, die dem ver­fas­sungs­recht­li­chen Rang des Sonn­tags­schut­zes gerecht wer­den könn­te.

Die wei­te­re Rege­lung, wonach die Senats­ver­wal­tung im öffent­li­chen Inter­es­se aus­nahms­wei­se die Öff­nung von Ver­kaufs­stel­len an höchs­tens vier (wei­te­ren) Sonn- oder Fei­er­ta­gen durch All­ge­mein­ver­fü­gung zulas­sen kann (§ 6 Abs. 1 Berl­La­d­ÖffG), ist mit dem Grund­recht der Beschwer­de­füh­rer aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG in Ver­bin­dung mit Art. 140 GG und Art. 139 WRV bei ein­schrän­ken­der Aus­le­gung ver­ein­bar. Hin­sicht­lich der Zahl von vier Tagen lässt sich gegen die Rege­lung im Blick auf die Gesamt­zahl von regel­haft 52 Sonn­ta­gen im Jahr und von ins­ge­samt neun je nicht zwin­gend auf einen Sonn­tag fal­len­den wei­te­ren Fei­er­ta­gen nichts erin­nern, zumal bestimm­te Fei­er­ta­ge von die­ser Öff­nungs­mög­lich­keit aus­ge­nom­men sind. Da die Frei­ga­be zudem durch All­ge­mein­ver­fü­gung erfolgt, bedarf es einer Ver­wal­tungs­ent­schei­dung, die die Mög­lich­keit eröff­net, die jeweils betrof­fe­nen Inter­es­sen und Rechts­gü­ter kon­kret in eine Abwä­gung ein­zu­be­zie­hen. Den ver­fas­sungs­recht­li­chen Beden­ken gegen­über der all­ge­mein gehal­te­nen Vor­aus­set­zung für die Aus­nah­me­re­ge­lung, dass die Öff­nung „im öffent­li­chen Inter­es­se“ liegt, kann durch eine die Wer­tung des Art. 139 WRV berück­sich­ti­gen­de Aus­le­gung Rech­nung getra­gen wer­den. Eine sol­che Aus­le­gung ver­langt ein öffent­li­ches Inter­es­se sol­chen Gewichts, das die Aus­nah­men von der Arbeits­ru­he recht­fer­tigt, wobei auch inso­weit das allei­ni­ge Umsatz- und Erwerbs­in­ter­es­se auf Sei­ten der Ver­kaufs­stel­len­in­ha­ber und das all­täg­li­che „Shop­ping­in­ter­es­se“ auf der Kun­den­sei­te nicht genügt. Dar­über hin­aus bedür­fen die­se Öff­nungs­mög­lich­kei­ten durch All­ge­mein­ver­fü­gung bei ver­fas­sungs­kon­for­mer Aus­le­gung einer uhr­zeit­li­chen Ein­gren­zung, die die Vor­schrift selbst nicht aus­drück­lich vor­sieht.

Die wei­te­ren ange­grif­fe­nen Bestim­mun­gen, die das Schutz­kon­zept des Lan­des­ge­setz­ge­bers mit Aus­nah­men ver­se­hen, begeg­nen kei­nen ver­fas­sungs­recht­li­chen Beden­ken.

Die Rege­lung zur Öff­nung der Ver­kaufs­stel­len an allen vier Advents­sonn­ta­gen bleibt trotz der Fest­stel­lung der Ver­fas­sungs­wid­rig­keit unter Berück­sich­ti­gung der Berufs­aus­übungs­frei­heit der Ver­kaufs­stel­len­in­ha­ber, ihres in die Rege­lung gesetz­ten Ver­trau­ens und der von ihnen für die Vor­weih­nachts­zeit des Jah­res 2009 getrof­fe­nen Dis­po­si­tio­nen in die­sem Jahr noch anwend­bar. Ob und wie der Ber­li­ner Lan­des­ge­setz­ge­ber sei­ne Schutz­kon­zep­ti­on anpasst, obliegt sei­ner Gestal­tungs­macht nach Maß­ga­be der Grund­sät­ze die­ser Ent­schei­dung.

Die Ent­schei­dung ist zur Beschwer­de­be­fug­nis der Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten und zur Kon­kre­ti­sie­rung des Art. 4 Abs. 1 und 2 GG durch Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 139 WRV mit 5 : 3 Stim­men, hin­sicht­lich der Anfor­de­run­gen des Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 139 WRV ein­stim­mig ergan­gen.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Urteil vom 1. Dezem­ber 2009 – 1 BvR 2857/​07 und 1 BvR 2858/​07