Sozie­täts­haf­tung für die frü­he­re Ein­zel­kanz­lei

Bringt ein Rechts­an­walt sei­ne Ein­zel­kanz­lei in eine Gesell­schaft bür­ger­li­chen Rechts ein, haf­tet die Gesell­schaft auch dann nicht für eine im Betrieb des bis­he­ri­gen Ein­zel­an­walts begrün­de­te Ver­bind­lich­keit, wenn die­ser im Rechts­ver­kehr den Anschein einer Sozie­tät gesetzt hat­te.

Sozie­täts­haf­tung für die frü­he­re Ein­zel­kanz­lei

Zwar wer­den die Bei­trä­ge der Gesell­schaf­ter gemäß § 718 Abs. 1 BGB (i.V.m. § 1 Abs. 4 PartGG) gemein­schaft­li­ches Ver­mö­gen (Gesell­schafts­ver­mö­gen). Die ein­zel­nen Ver­mö­gens­ge­gen­stän­de müs­sen jedoch, wenn sie in das Ver­mö­gen der Gesell­schaft über­ge­hen sol­len, nach den jeweils gel­ten­den Vor­schrif­ten über­tra­gen wer­den 1. Beweg­li­che Sachen wer­den nach §§ 929 ff BGB über­eig­net, For­de­run­gen und Rech­te nach §§ 398 ff, 413 BGB abge­tre­ten; für Grund­stü­cke gel­ten §§ 873, 925 BGB. Eine Ver­trags­über­nah­me erfolgt durch einen – im ent­schie­de­nen Fall nicht vor­ge­tra­ge­nen – drei- oder mehr­sei­ti­gen Ver­trag unter Betei­li­gung der bis­he­ri­gen Par­tei­en und der über­neh­men­den Par­tei oder durch zwei­sei­ti­gen Ver­trag zwi­schen der aus­schei­den­den und der über­neh­men­den Par­tei mit Zustim­mung der ver­blei­ben­den Par­tei 2.

Die Vor­aus­set­zun­gen eines Haf­tungs­über­gangs gemäß oder ent­spre­chend § 28 HGB ver­neint der Bun­des­ge­richts­hof eben­falls: Nach § 28 Abs. 1 HGB haf­tet die Gesell­schaft, die durch den Ein­tritt eines per­sön­lich haf­ten­den Gesell­schaf­ters in das Geschäft eines Ein­zel­kauf­manns ent­steht, für alle im Betrieb des Geschäfts ent­stan­de­nen Ver­bind­lich­kei­ten des frü­he­ren Geschäfts­in­ha­bers; die in dem Betrieb begrün­de­ten For­de­run­gen gel­ten den Schuld­nern gegen­über als auf die Gesell­schaft über­ge­gan­gen. Die unmit­tel­ba­re Anwen­dung die­ser Vor­schrift schei­tert dar­an, dass ein Rechts­an­walt kein Han­dels­ge­wer­be betreibt (§ 2 Abs. 2 BRAO). Ihre ent­spre­chen­de Anwen­dung auf den Fall, dass sich ein Rechts­an­walt mit einem bis­her als Ein­zel­an­walt täti­gen ande­ren Rechts­an­walt zur gemein­sa­men Berufs­aus­übung in einer Sozie­tät in der Form einer Gesell­schaft bür­ger­li­chen Rechts zusam­men­schließt, hat der Bun­des­ge­richts­hof wegen der beson­de­ren Aus­ge­stal­tung der zwi­schen einem Ein­zel­an­walt und sei­nen Man­dan­ten bestehen­den Rechts­ver­hält­nis­ses abge­lehnt 3. An die­ser Recht­spre­chung hält der Bun­des­ge­richts­hof fest.

Dar­über hin­aus haf­ten die neu­en Sozi­en auch nicht nach Rechts­scheins­grund­sät­zen. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs zur Haf­tung des Schein­so­zi­us 4 sowie zur Haf­tung der Sozie­tät für Feh­ler und uner­laub­te Hand­lun­gen des Schein­so­zi­us 5 haf­ten ange­stell­te Rechts­an­wäl­te sowie freie Mit­ar­bei­ter wie Sozie­täts­mit­glie­der, wenn sie den zure­chen­ba­ren Anschein gesetzt haben, Mit­glie­der der Sozie­tät zu sein. Umge­kehrt haf­tet die Sozie­tät, die den Schein­so­zi­us nach außen wie einen Sozi­us han­deln lässt, für des­sen Feh­ler bei der Bear­bei­tung eines Man­dats eben­so wie für des­sen uner­laub­te Hand­lun­gen.

Aller­dings ver­wirft der Bun­des­ge­richts­hof die Ansicht, nach Aner­ken­nung der Rechts­fä­hig­keit der Gesell­schaft bür­ger­li­chen Rechts 6 ver­die­ne die Schein­so­zie­tät kei­ne beson­de­re Behand­lung. Jeden­falls nach­dem sie zu einer Sozie­tät (BGB-Gesell­schaft) "erstarkt" sei, müs­se es mög­lich sein, sie selbst auf Erfül­lung von Scha­dens­er­satz­ver­pflich­tun­gen in Anspruch zu neh­men, die wäh­rend der Zeit der Schein­so­zie­tät begrün­det wor­den sei­en. Eine Schein­so­zie­tät ist recht­lich nicht exis­tent. Sie kommt als Anspruchs­geg­ne­rin nicht in Betracht. Eine Bestim­mung im Gesetz, wel­che die wäh­rend des Bestehens einer Schein­so­zie­tät ent­stan­de­nen Ansprü­che, die sich nur gegen ein­zel­ne Per­so­nen oder eine bereits vor­han­de­ne Gesell­schaft rich­ten kön­nen, auf eine spä­ter gegrün­de­te Gesell­schaft über­lei­tet, gibt es nicht. Soweit der Anschein einer Sozie­tät gesetzt wur­de, haf­ten die Schein­ge­sell­schaf­ter für die Feh­ler des Ein­zel­an­walts oder der wirk­li­chen Gesell­schaf­ter eben­so, wie der Ein­zel­an­walt oder die wirk­li­che Gesell­schaft und die wirk­li­chen Gesell­schaf­ter für die Feh­ler von Schein­ge­sell­schaf­tern ein­zu­ste­hen haben. Auch die (ana­lo­ge) Anwen­dung des § 130 HGB könn­te allen­falls zu einer Haf­tung wei­te­rer Gesell­schaf­ter füh­ren, nicht jedoch zu einer Haf­tung Schein­so­zi­en selbst 7.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 17. Novem­ber 2011 – IX ZR 161/​09

  1. Bamberger/​Roth/​Timm/​Schöne, BGB, 2. Aufl., § 706 Rn. 6[]
  2. BGH, Urteil vom 27.11.1985 – VIII ZR 316/​84, BGHZ 96, 302, 308; Bamberger/​Roth/​Rohe, aaO § 415 Rn. 27[]
  3. BGH, Urteil vom 22.01.2004 – IX ZR 65/​01, BGHZ 157, 361, 366 ff; eben­so BSGE 98, 89 Rn. 21; Kreft in Fest­schrift für Goet­te, 2011, 263, 275[]
  4. BGH, Urteil vom 24.01.1978 – VI ZR 264/​76, BGHZ 70, 247, 249; vom 05.11.1993 – V ZR 1/​93, BGHZ 124, 47, 51; vom 08.07.1999 – IX ZR 338/​97, WM 1999, 1846, 1847[]
  5. BGH, Urteil vom 03.05.2007 – IX ZR 218/​05, BGHZ 172, 169 ff[]
  6. BGH, Urteil vom 29.01.2001 – II ZR 331/​00, BGHZ 146, 341[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 07.04.2003 – II ZR 56/​02, BGHZ 154, 370; vom 19.11.2009 – IX ZR 12/​09, WM 2010, 139 Rn. 15 ff[]