Sperr­zeit in der Sze­ne­knei­pe

Wer in einem Gebiet mit einer seit lan­gen Jah­ren gewach­se­nen Knei­pen­sze­ne wohnt, kann nicht erwar­ten, dass sei­nem Ruhe­be­dürf­nis immer der Vor­rang vor dem Wunsch ande­rer zu sozia­len Kon­tak­ten und fröh­li­chem Bei­sam­men­sein ein­ge­räumt wird. Aller­dings kön­nen auch dort die regel­mä­ßi­gen Beein­träch­ti­gun­gen der Anwoh­ner ein Aus­maß anneh­men, das eine Ver­län­ge­rung der Sperr­zeit unum­gäng­lich macht.

Sperr­zeit in der Sze­ne­knei­pe

In einem vom Ver­wal­tungs­ge­richt Wies­ba­den ent­schie­de­nen Fall aus der Wies­ba­de­ner Nerostrße gab es nach sich immer wie­der häu­fen­den Beschwer­den von Anwoh­nern wegen Lärm­be­läs­ti­gun­gen und Ruhe­stö­rung durch den Betrieb der Gast­stät­te der Antrag­stel­le­rin, ins­be­son­de­re durch Gäs­te, die sich vor dem Lokal auf­hal­ten, bereits im Früh­jahr 2009 Gesprä­che unter Mit­wir­kung des Ord­nungs­am­tes mit den Betrei­bern des Lokals und den Nach­barn. Der gewünsch­te Erfolg blieb aller­dings aus.

Anfang 2010 stell­te eine Anwoh­ner­initia­ti­ve beim Ver­wal­tungs­ge­richt Wies­ba­den einen Eil­an­trag mit dem Ziel, die Sperr­zeit ins­ge­samt in der Nero­stra­ße mit Beginn 00.00 Uhr zu ver­län­gern. In die­sem Ver­fah­ren schlos­sen die Gast­stät­ten­be­trie­be in der Nero­stra­ße – auch die jet­zi­ge Antrag­stel­le­rin – und die Anwoh­ner im August 2010 einen Ver­gleich, der unter ande­rem vor­sah, dass in der Zeit von 23.00 Uhr bis 05.00 Uhr in der Nero­stra­ße für Ruhe gesorgt wer­de. Ver­un­rei­ni­gun­gen soll­ten von den Gas­tro­no­men besei­tigt wer­den. Es soll­te unter­bun­den wer­den, dass Gäs­te Geträn­ke und Glä­ser mit nach drau­ßen vor die Gast­stät­ten neh­men und dort lär­men. Schließ­lich wur­de ein Bei­rat gebil­det, der die Umset­zung des Ver­gleichs unter­stüt­zen und Beschwer­den kana­li­sie­ren soll­te.

Nach­dem der Bei­rat die Antrag­stel­le­rin wegen Vor­fäl­len im Sep­tem­ber und Okto­ber 2010 (u.a. lär­men­de Gäs­te mit Glä­sern vor dem Lokal, grö­len­de und ran­da­lie­ren­de Gäs­te im Lokal, Nacht­wa­che sorg­te nicht für Ruhe) zwei­mal abge­mahnt hat­te, teil­te das Ord­nungs­amt der Lan­des­haupt­stadt Wies­ba­den der Antrag­stel­le­rin mit, dass es sich nicht mehr an den Ver­gleich gebun­den füh­le.

Das Ord­nungs­amt stell­te am 26. und 27.November 2010 lär­men­de Gäs­te vor dem Lokal fest, ohne dass sei­tens der Antrag­stel­le­rin ein­ge­schrit­ten wor­den wäre. Nach­dem es an zwei Tagen zu Ein­sät­zen von Poli­zei und Ret­tungs­dienst in der Gast­stät­te wegen einer Schlä­ge­rei und über­mä­ßi­gen Alko­hol­kon­sums kam, erließ die Lan­des­haupt­stadt Wies­ba­den nach Anhö­rung einen Bescheid, mit dem für die Gast­stät­te der Antrag­stel­le­rin die Sperr­zeit auf täg­lich von 00.00 Uhr bis 06.00 Uhr ver­län­gert wur­de.

Der hier­ge­gen gerich­te­te Eil­an­trag hat­te vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt Wies­ba­den jedoch nur teil­wei­se Erfolg: Das Ver­wal­tungs­ge­richt ent­schied, dass der Bescheid offen­sicht­lich recht­mä­ßig sei, denn die Antrag­stel­le­rin sei als Gast­wir­tin ver­pflich­tet, für einen ord­nungs­ge­mä­ßen Betriebs­ab­lauf zu sor­gen. Dazu gehö­re auch, dass sie dem Fehl­ver­hal­ten ihrer Gäs­te ent­ge­gen­wir­ke und sich an Lärm­schutz­be­stim­mun­gen hal­te. Eine Betriebs­zeit­ver­kür­zung sei als Lärm­schutz­mit­tel hier­zu geeig­net und auch not­wen­dig. Der durch Gäs­te her­vor­ge­ru­fe­ne Lärm, sei es in oder vor der Gast­stät­te, sei es auf dem Weg von und zu dem Lokal, sei – sofern er einen erkenn­ba­ren Bezug auf den Gast­stät­ten­be­trieb habe – dem Gast­stät­ten­be­trei­ber zuzu­rech­nen und als schäd­li­che Umwelt­ein­wir­kung zu qua­li­fi­zie­ren.

Selbst­ver­ständ­lich sei­en vor­lie­gend der Gebiets­cha­rak­ter zu berück­sich­ti­gen und der Umstand, dass es in der Nero­stra­ße seit lan­gen Jah­ren eine gewach­se­ne Knei­pen­sze­ne gebe. Wer dort woh­ne, so das Gericht, kön­nen nicht erwar­ten, dass sei­nem Ruhe­be­dürf­nis immer der Vor­rang vor dem Wunsch ande­rer zu sozia­len Kon­tak­ten und fröh­li­chem Bei­sam­men­sein ein­ge­räumt wer­de. Auch den Inter­es­sen der Gast­wir­te müs­se ange­mes­sen Rech­nung getra­gen wer­den. Im Fal­le der Antrag­stel­le­rin hät­ten aber die regel­mä­ßi­gen Beein­träch­ti­gun­gen einer Viel­zahl von Anwoh­nern ein Aus­maß ange­nom­men, wel­ches ein Ein­schrei­ten der Stadt unum­gäng­lich mache. Die Beschwer­den der Nach­barn und die Fest­stel­lun­gen des Ord­nungs­am­tes beträ­fen in ers­ter Linie den Betrieb der Gast­stät­te der Antrag­stel­le­rin. Es gehe nicht nur um den Lärm, der von vor dem Lokal ste­hen­den Per­so­nen aus­ge­he, son­dern auch um den Lärm, der nach drau­ßen drin­ge. Wenn die Antrag­stel­le­rin nun­mehr ihre Ste­reo­an­la­ge auf eine Laut­stär­ke von 75 bis 80 dB(A) habe ein­pe­geln las­sen, dann bedeu­te dies nicht nur, dass es bis­her kei­ne Lärm­be­gren­zung gege­ben habe, son­dern auch, dass nach­weis­bar mehr als die erlaub­te Hin­ter­grund­mu­sik abge­spielt wor­den sei und auch jetzt noch wer­de.

Aller­dings, so das Gericht, erschei­ne es als zu weit­ge­hend, wenn der Beginn der Sperr­zeit auf 00.00 Uhr fest­ge­setzt wer­de. Mit der Ände­rung der Sperr­zeit­ver­ord­nung im Jah­re 2001 habe der Gesetz­ge­ber zum Aus­druck gebracht, dass er grund­sätz­lich kei­ne Sperr­zeit mehr (son­dern nur noch die soge­nann­te Putz­stun­de zwi­schen 05.00 und 06.00 Uhr) vor­ge­ben wol­le. Die Berück­sich­ti­gung beson­de­rer ört­li­cher Ver­hält­nis­se oder eines öffent­li­chen Bedürf­nis­ses wer­de nun der zustän­di­gen Ver­wal­tungs­be­hör­de, hier dem Ord­nungs­amt, über­las­sen. Dass gera­de ab 00.00 Uhr die Beläs­ti­gun­gen und Pro­ble­me in der Gast­stät­te der Antrag­stel­le­rin auf­trä­ten, sei nicht nach­voll­zieh­bar; allein der Wunsch der Anwoh­ner sei hier nicht maß­geb­lich. Als gän­gi­ge und all­ge­mein akzep­tier­te Begren­zung der Öff­nungs­zei­ten sehe das Gericht nach wie den vor dem Weg­fall der Sperr­zeit gel­ten­den Beginn der Sperr­zeit ab 01.00 Uhr an. Die­ser sei auch vor­lie­gend als ange­mes­sen und sozi­al adäquat zu betrach­ten.

Soll­te es der Antrag­stel­le­rin in den fol­gen­den drei Mona­ten nicht gelin­gen, ihr Betriebs­kon­zept dau­er­haft umzu­stel­len und die Auf­la­gen ein­zu­hal­ten, dann kön­ne durch­aus die Sperr­zeit­ver­län­ge­rung erneut zur Dis­kus­si­on kom­men und mög­li­cher­wei­se auch der Fort­be­stand der Gast­stät­ten­er­laub­nis in Fra­ge gestellt wer­den, äußer­te sich abschlie­ßend das Ver­wal­tungs­g­ge­richt.

Ver­wal­tungs­ge­richt Wies­ba­den, Beschluss vom 28. Janu­ar 2011 – 5 L 1344/​10.WI)