Stum­me Zei­tungs­ver­käu­fer

Zei­tungs­ver­trieb über „Stum­me Ver­käu­fer“ ist nach zwei ges­tern ver­kün­de­ten Urtei­len des Bun­des­ge­richts­hofs grund­sätz­lich zuläs­sig.

Stum­me Zei­tungs­ver­käu­fer

Die Klä­ger sind Ber­li­ner Zei­tungs­ver­la­ge, die die „Ber­li­ner Zei­tung“, den „Ber­li­ner Kurier“ und den „Tages­spie­gel“ her­aus­ge­ben. Die Beklag­te ist die Axel Sprin­ger AG, die in Ber­lin über einen Markt­an­teil – bezo­gen auf die ver­kauf­ten Exem­pla­re – von 50% ver­fügt. Der Sprin­ger-Ver­lag plant, sei­ne Zei­tung „WELT KOMPAKT“ zu einem Kauf­preis von 70 Cent auch über unge­si­cher­te Ver­kaufs­hil­fen, soge­nann­te „Stum­me Ver­käu­fer“, abzu­set­zen. Die Klä­ger hat­ten die Ansicht ver­tre­ten, die­se Ver­triebs­art sei wett­be­werbs­wid­rig, weil sie in erheb­li­chem Umfang auf eine Gra­tis­ab­ga­be hin­aus­lau­fe und die Ver­brau­cher durch die Mög­lich­keit, sich die Zei­tung ohne Bezah­lung zu ver­schaf­fen, über­mä­ßig ange­lockt wür­den. Auch füh­re die von der Beklag­ten geplan­te Pra­xis zu einer all­ge­mei­nen Markt­be­hin­de­rung.

Das Land­ge­richt Ber­lin hat den des­we­gen von den Klä­gern erho­be­nen Unter­las­sungs­kla­gen statt­ge­ge­ben [1]. Die Beru­fung der Beklag­ten hat zur Abwei­sung der Kla­gen durch das Kam­mer­ge­richt geführt [2].

Der Bun­des­ge­richts­hof hat nun die kla­ge­ab­wei­sen­den Beru­fungs­ur­tei­le des Kam­mer­ge­richts bestä­tigt. Ein Unter­las­sungs­an­spruch wegen über­trie­be­nen Anlo­ckens bestehe jeden­falls des­halb nicht, weil es an einer unan­ge­mes­se­nen unsach­li­chen Ein­fluss­nah­me auf die Per­so­nen feh­le, die sich durch die bean­stan­de­te Geschäfts­me­tho­de der Beklag­ten dazu ver­lei­ten las­sen, die in deren Ver­kaufs­au­to­ma­ten ange­bo­te­nen Zei­tun­gen ohne Bezah­lung zu ent­neh­men. Außer­dem ver­die­ne die Ent­schei­dungs­frei­heit von Ver­brau­chern kei­nen Schutz, die sich durch die unge­si­cher­ten Ver­kaufs­bo­xen zu einem Dieb­stahl ver­lei­ten lie­ßen.

Das bean­stan­de­te Ver­hal­ten des Sprin­ger-Ver­la­ges stel­le auch kei­ne wett­be­werbs­wid­ri­ge Markt­stö­rung dar. Unter die­sem Gesichts­punkt kön­ne einem Anbie­ter zwar unter­sagt wer­den, sei­ne Waren in gro­ßem Umfang zu ver­schen­ken, wenn dadurch ande­re Wett­be­wer­ber aus dem Markt gedrängt wer­den und des­we­gen die ernst­li­che Gefahr bestehe, dass der Wett­be­werb auf dem frag­li­chen Markt erheb­lich ein­ge­schränkt wer­de. Der Ver­trieb über stum­me Ver­käu­fer begrün­de aber eine sol­che erns­te Gefahr für den Wett­be­werb nicht. Dies hat­te der Bun­des­ge­richts­hof in einer Ent­schei­dung aus dem Jah­re 1996 [3] noch anders beur­teilt.

Im Streit­fall kam hin­zu, dass sich der Sprin­ger-Ver­lag gegen­über den Klä­gern ver­pflich­tet hat­te, auf den Ver­kaufs­bo­xen deut­lich dar­auf hin­zu­wei­sen, dass eine Zei­tung nur gegen Bezah­lung des Kauf­prei­ses ent­nom­men wer­den dür­fe, Dieb­stahl ver­folgt wer­de und Kon­trol­leu­re im Ein­satz sei­en.

Bun­des­ge­richts­hof, Urtei­le vom 29. Okto­ber 2009 – I ZR 180/​07 und I ZR 188/​07

  1. LG Ber­lin, Urtei­le vom 21.11.2006 – 102 O 66/​06 und 102 O 67/​06[]
  2. KG Urtei­le vom 21.09.2007, 5 U 198/​06 und 5 U 199/​06, GRUR-RR 2008, 171[]
  3. BGH GRUR 1996, 778 – Stum­me Ver­käu­fer[]