Tat­ort – Ein Vor­spann seit 40 Jah­ren

Der "Tat­ort", den Fern­seh­zu­schau­ern seit 40 Jah­ren ein Begriff, hat­te im ver­gan­ge­nen Jahr in einem Urhe­ber­rechts­pro­zess das Land­ge­richt Mün­chen I beschäf­tigt. Des­sen Urteil, gegen das bei­de Par­tei­en Beru­fung ein­ge­legt hat­ten, wur­de nun­mehr vom Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen über­wie­gend auf­ge­ho­ben:

Tat­ort – Ein Vor­spann seit 40 Jah­ren

Gegen­stand des Rechts­streits waren urhe­ber­recht­li­che Nach­ver­gü­tungs- und Aus­kunfts­an­sprü­che sowie Ansprü­che auf Urhe­ber­be­nen­nung im Zusam­men­hang mit dem Vor­spann der belieb­ten Kri­mi­se­rie, in dem die Augen­par­tie eines Opfers, ein Faden­kreuz und die Bei­ne eines davon­lau­fen­den Täters zu sehen sind. Die Klä­ge­rin, eine Gra­fi­ke­rin, Buch­il­lus­tra­to­rin, Trick­fil­me­rin und Autorin hat­te im Wege der soge­nann­ten „Stu­fen­kla­ge“ den Baye­ri­schen Rund­funk und den West­deut­schen Rund­funk, zwei öffent­lich-recht­li­che Sen­de­an­stal­ten im Rah­men des ARD-Ver­bun­des, dar­auf ver­klagt, die Benen­nung einer ande­ren Per­son als Urhe­ber zu unter­las­sen und im Vor­spann der Kri­mi­se­rie als des­sen Urhe­be­rin genannt zu wer­den, sowie dar­auf, eine wei­te­re Ver­gü­tung für die Nut­zung des Vor­spanns zu erhal­ten.

Die Klä­ge­rin behaup­te­te, Allein­ur­he­be­rin des die Grund­la­ge des Vor­spanns bil­den­den soge­nann­ten Sto­ry­boards sowie Mit­ur­he­be­rin bei der Ver­fil­mung des Vor­spanns zu sein. Zwi­schen der an die Klä­ge­rin vor mehr als vier­zig Jah­ren aus­be­zahl­ten Pau­schal­ver­gü­tung von 2.500,– DM und den den Beklag­ten aus der exor­bi­tan­ten Nut­zung des „Tatort“-Vorspanns über einen Zeit­raum von vier Jahr­zehn­ten erwach­se­nen Vor­tei­len bestün­de ein auf­fäl­li­ges bzw. gro­bes Miss­ver­hält­nis, das es durch wei­te­re Zah­lun­gen aus­zu­glei­chen gel­te.

Dem war das Land­ge­richt Mün­chen I in sei­nem Urteil vom 24. März 2010 wei­test­ge­hend gefolgt, indem es der Klä­ge­rin sowohl das Recht zusprach, als Urhe­be­rin genannt zu wer­den als auch zur Vor­be­rei­tung ihres Zah­lungs­an­spruchs einen umfang­rei­chen Aus­kunfts­an­spruch zubil­lig­te.

Das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen sah die Sache jetzt jedoch weit­ge­hend anders und bestä­tig­te die Ent­schei­dung des Land­ge­richts ledig­lich inso­weit, als dort den Beklag­ten ver­bo­ten wor­den war, die Behaup­tung auf­zu­stel­len und/​oder auf­stel­len zu las­sen, dass der „Tatort“-Vorspann von einem nament­lich benann­ten Mit­ar­bei­ter des Baye­ri­schen Rundfunks/​Fernsehens kre­iert wor­den sei. Dies, so das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen, sei eine das Urhe­ber­per­sön­lich­keits­recht der Klä­ge­rin ver­let­zen­de und deren Unter­las­sungs­an­spruch begrün­den­de Hand­lung, da es nicht den Tat­sa­chen ent­sprä­che, dass die von den Beklag­ten benann­te Per­son die allei­ni­ge Inha­ber­schaft an dem „Tatort“-Vorspann habe. In Bezug auf die von der Klä­ge­rin bean­spruch­te Nach­ver­gü­tung hat das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen dage­gen die Kla­ge abge­wie­sen.

Nach den deut­schen urhe­ber­recht­li­chen Vor­schrif­ten hat der Urhe­ber, der einem ande­ren ein Nut­zungs­recht zu Bedin­gun­gen ein­ge­räumt hat, die dazu füh­ren, dass die ver­ein­bar­te Gegen­leis­tung unter Berück­sich­ti­gung der gesam­ten Bezie­hun­gen des Urhe­bers zu dem ande­ren in einem auf­fäl­li­gen Miss­ver­hält­nis zu den Erträ­gen und Vor­tei­len aus der Nut­zung des Wer­kes steht, einen Anspruch dar­auf, dass sich der ande­re ver­pflich­tet, in eine Ände­rung des Ver­tra­ges ein­zu­wil­li­gen, durch die dem Urhe­ber eine den Umstän­den nach wei­te­re ange­mes­se­ne Betei­li­gung gewährt wird (soge­nann­ter Fair­ness­aus­gleich, § 32a UrhG, vor­mals in dem – ande­re Vor­aus­set­zun­gen für eine Betei­li­gung an den Erträg­nis­sen for­mu­lie­ren­den – „Best­sel­ler­pa­ra­gra­phen“ des § 36 UrhG a.F. gere­gelt). Dabei ist es uner­heb­lich, ob die Ver­trags­part­ner die Höhe der erziel­ten Erträ­ge oder Vor­tei­le vor­her­ge­se­hen haben oder hät­ten vor­her­se­hen kön­nen. Bestehen kla­re Anhalts­punk­te für einen ent­spre­chen­den Anspruch, so kann der Urhe­ber Aus­kunft und gege­be­nen­falls Rech­nungs­le­gung ver­lan­gen, um die wei­te­ren Vor­aus­set­zun­gen die­ses Anspruchs ermit­teln und die zu zah­len­de Ver­gü­tung berech­nen zu kön­nen.

Die­se Vor­aus­set­zun­gen hat das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen im Fall der Klä­ge­rin nicht als erfüllt ange­se­hen. Die Auf­fas­sung des Land­ge­richts, sämt­li­che urhe­ber­rechts­schutz­fä­hi­gen Wer­ke unter­lä­gen im Fal­le eines auf­fäl­li­gen Miss­ver­hält­nis­ses zwi­schen der Nut­zung des Werks und der dem Urhe­ber hier­für ent­rich­te­ten Gegen­leis­tung einer Nach­ver­gü­tungs­pflicht des Werk­nut­zers, kann nach Auf­fas­sung des Ober­lan­des­ge­richts so pau­schal gese­hen kei­nen Bestand haben. Nach dem Wil­len des Gesetz­ge­bers sol­le, so der Senat aus­drück­lich, die Anwen­dung des „Fair­ness­pa­ra­gra­phen“ (§ 32a UrhG) unter dem Vor­be­halt ste­hen, dass der Bei­trag des eine Nach­ver­gü­tung bean­spru­chen­den Urhe­bers für das Gesamt­werk nicht nur von unter­ge­ord­ne­ter Bedeu­tung ist.

Der "Tatort"-Vorspann habe inner­halb des Gesamt­werks der "Tatort"-Krimis ledig­lich kenn­zeich­nen­de Funk­ti­on und wei­se den Fern­seh­zu­schau­er in mar­kan­ter Wei­se auf die nach­fol­gen­de Sen­dung hin. Dass der „Tatort“-Vorspann über einen hohen Bekannt­heits­grad in der Bevöl­ke­rung ver­fü­ge, sei in ers­ter Linie auf die regel­mä­ßi­ge Aus­strah­lung des unver­än­dert geblie­be­nen Vor­spanns über einen Zeit­raum von 40 Jah­ren zurück­zu­füh­ren. Die­ser Gesichts­punkt recht­fer­ti­ge aller­dings nicht die Annah­me, dass es sich bei dem ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­chen Vor­spann um einen wesent­li­chen Bei­trag zum Gesamt­werk, nament­lich dem nach­fol­gen­den Kri­mi­nal­film, han­de­le. Die häu­fi­ge Nut­zung des "Tat­ort"- Vor­spanns sei in ers­ter Linie auf die hohe Akzep­tanz, wel­che die dem Vor­spann nach­fol­gen­den, in der Regel 90-minü­ti­gen Fil­me der Kri­mi­se­rie „Tat­ort“ beim Publi­kum fin­den, zurück­zu­füh­ren. Es kön­ne kein ver­nünf­ti­ger Zwei­fel bestehen, dass der Fern­seh­zu­schau­er sich den "Tat­ort" nicht wegen des Vor­spanns anse­he. Der sich auf die Hin­weis­funk­ti­on beschrän­ken­de, kei­nen wei­te­ren Ein­fluss auf den nach­fol­gen­den Film neh­men­de streit­ge­gen­ständ­li­che Vor­spann sei im Ergeb­nis als ledig­lich unter­ge­ord­ne­ter Bei­trag zum Gesamt­werk anzu­se­hen, des­sen Aus­wer­tung einen Fair­ness­aus­gleich nicht gebie­te.

Im Übri­gen hat das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen das land­ge­richt­li­che Urteil auch inso­weit auf­ge­ho­ben, als die­ses den Beklag­ten unter­sag­te, den streit­ge­gen­ständ­li­chen "Tat­ort"- Vor­spann ohne Benen­nung der Klä­ge­rin als Urhe­be­rin zu nut­zen.

Zwar könn­ten, wie das Ober­lan­des­ge­richt fest­ge­stellt hat, die Beklag­ten dem Benen­nungs­an­spruch der Klä­ge­rin kei­nen aus­drück­li­chen Ver­zicht, wohl aber eine ent­ge­gen­ste­hen­de Bran­chen­übung ent­ge­gen­hal­ten, wonach es auf­grund der Viel­zahl der Mit­wir­ken­den an einer Fern­seh­se­rie und den begrenz­ten Mög­lich­kei­ten, im Rah­men eines Vor- oder Abspanns die­se zu benen­nen, unter Berück­sich­ti­gung der Inter­es­sen sowohl der am Film­vor­ha­ben Betei­lig­ten als auch der Zuschau­er all­ge­mein üblich sei, ledig­lich die am Ent­ste­hen des Film­werks maß­geb­lich Betei­lig­ten im Vor- bzw. Abspann nament­lich auf­zu­füh­ren.

Nach den Umstän­den des kon­kre­ten Fal­les hät­ten die Beklag­ten auch, so das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen, nicht mehr damit rech­nen müs­sen, dass die Klä­ge­rin, die ein Feh­len der Urhe­ber­be­nen­nung über vie­le Jah­re hin­weg gegen­über den Beklag­ten nicht gerügt hat, nun ent­ge­gen der von ihr jahr­zehn­te­lang unbe­an­stan­de­ten Pra­xis der Beklag­ten ihren Benen­nungs­an­spruch als Urhe­be­rin gel­tend mache.

Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen, Urteil vom 10.02.2011 – 29 U 2749/​10