Tole­ranz­gren­ze bei der Bemes­sung anwalt­li­cher Rah­men­ge­büh­ren

Bei Rah­men­ge­büh­ren im Sin­ne des § 14 Abs. 1 Satz 1 RVG, zu denen die Geschäfts­ge­bühr im Sin­ne der Nr. 2300 VV RVG zählt, steht dem Rechts­an­walt ein Spiel­raum (soge­nann­te Tole­ranz­gren­ze) von 20 % zu 1. Dies gilt auch dann, wenn die Regel­ge­bühr – bei der Geschäfts­ge­bühr also 1,3 – ange­mes­sen gewe­sen wäre und der Rechts­an­walt hier­von um 0,2 abweicht und eine 1,5 Geschäfts­ge­bühr abrech­net.

Tole­ranz­gren­ze bei der Bemes­sung anwalt­li­cher Rah­men­ge­büh­ren

Nach § 14 Abs. 1 Satz 1 RVG bestimmt bei Rah­men­ge­büh­ren, zu denen die Geschäfts­ge­bühr im Sin­ne der Nr. 2300 VV RVG zählt, der Rechts­an­walt die Gebühr im Ein­zel­fall unter Berück­sich­ti­gung aller Umstän­de, vor allem des Umfangs und der Schwie­rig­keit der anwalt­li­chen Tätig­keit, der Bedeu­tung der Ange­le­gen­heit sowie der Ein­kom­mens- und Ver­mö­gens­ver­hält­nis­se des Auf­trag­ge­bers, "nach bil­li­gem Ermes­sen". Ist die Gebühr – wie hier – von einem Drit­ten zu erset­zen, ist die von dem Rechts­an­walt getrof­fe­ne Bestim­mung nach § 14 Abs. 1 Satz 4 RVG (nur dann) nicht ver­bind­lich, wenn sie unbil­lig ist. Dabei steht dem Rechts­an­walt nach über­wie­gen­der Mei­nung auch im Anwen­dungs­be­reich des Rechts­an­walts­ver­gü­tungs­ge­set­zes ein Spiel­raum (soge­nann­te Tole­ranz­gren­ze) von 20 % zu 2. Hält sich der Anwalt inner­halb die­ser Gren­ze und erge­ben sich kei­ne Anhalts­punk­te dafür, dass die Tätig­keit unter­durch­schnitt­lich war, ist die von ihm fest­ge­leg­te Gebühr jeden­falls nicht im Sin­ne des § 14 Abs. 1 Satz 4 RVG unbil­lig und daher von dem ersatz­pflich­ti­gen Drit­ten hin­zu­neh­men 3.

Die vom Ober­lan­des­ge­richt Koblenz 4 und ande­ren Ober­lan­des­ge­rich­ten 5 hier­ge­gen geäu­ßer­ten Beden­ken geben für den Bun­des­ge­richts­hof zu einer abwei­chen­den Beur­tei­lung kei­nen Anlass. Nach der gesetz­li­chen Rege­lung des § 14 Abs. 1 Satz 4 RVG steht dem Rechts­an­walt bei der Bestim­mung der Gebühr ein Ermes­sens­spiel­raum zu. Die­ser wird nicht dadurch nach oben begrenzt, dass die Anmer­kung zu Nr. 2300 VV RVG bei nicht umfang­rei­chen oder schwie­ri­gen Sachen eine Regel­ge­bühr von 1,3 vor­sieht. Der Ermes­sens­spiel­raum betrifft näm­lich auch die unter Umstän­den schwie­ri­ge Beur­tei­lung der Fra­ge, was im Ein­zel­fall "durch­schnitt­lich" ist. Sind Anhalts­punk­te für einen Ermes­sens­fehl­ge­brauch nicht gege­ben, ist die Bestim­mung hin­zu­neh­men. Müss­te der Rechts­an­walt – nach der gegen­tei­li­gen Auf­fas­sung – stets bei jeder gering­fü­gi­gen Über­schrei­tung der Regel­ge­bühr Umstän­de dar­le­gen, wel­che zwin­gend die Annah­me einer über­durch­schnitt­li­chen Tätig­keit recht­fer­ti­gen, käme ein Ermes­sens­spiel­raum nach oben bei durch­schnitt­li­chen Tätig­kei­ten von vorn­her­ein nicht in Betracht.

Hin­zu kommt für den Bun­des­ge­richts­hof im vor­lie­gend ent­schie­de­nen Fall, dass der Klä­ger im Beru­fungs­ver­fah­ren vor­ge­tra­gen hat, war­um sein Rechts­an­walt sei­nen Ermes­sens­spiel­raum bei der Bestim­mung einer Gebühr von 1,5 aus­ge­nutzt hat. Er hat den Ansatz der 1,5‑Gebühr damit begrün­det, die Scha­dens­hö­he habe mit 7.000 € über dem Durch­schnitt gele­gen, die Sach- und Rechts­la­ge sei schwie­rig gewe­sen, der Ablauf des Unfalls habe erst nach Ein­ho­lung von Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten und Nach­trags­gut­ach­ten erör­tert wer­den kön­nen, die Ver­ur­sa­chungs­bei­trä­ge der Betei­lig­ten ein­schließ­lich der Berück­sich­ti­gung der Betriebs­ge­fahr hät­ten gegen­ein­an­der abge­wo­gen wer­den müs­sen. Auch wenn die­se Umstän­de nicht aus­rei­chen soll­ten, um eine über­durch­schnitt­li­che Tätig­keit anzu­neh­men, ist es des­halb noch nicht gerecht­fer­tigt, die von dem Rechts­an­walt getrof­fe­ne Bestim­mung nach § 14 Abs. 1 Satz 4 RVG als unbil­lig und damit für die Beklag­ten als unver­bind­lich zu qua­li­fi­zie­ren. Der einem Rechts­an­walt im Rah­men der Rah­men­ge­bühr zuge­bil­lig­te Ermes­sens­spiel­raum soll gera­de ver­hin­dern, dass die Gerich­te im Ein­zel­fall bei rela­tiv gering­fü­gi­gen Über­schrei­tun­gen der Regel­ge­bühr ihr Ermes­sen an die Stel­le des Ermes­sens des Rechts­an­walts set­zen und dabei – oft­mals auf­wän­di­ge – Über­prü­fun­gen vor­neh­men, ob die Tätig­keit viel­leicht doch leicht über­durch­schnitt­lich war.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 8. Mai 2012 – VI ZR 273/​11

  1. im Anschluss an BGH, Urteil vom 13.01.2011 – IX ZR 110/​10, NJW 2011, 1603[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 31.10.2006 – VI ZR 261/​05, VersR 2007, 265 Rn. 5; BGH, Urteil vom 13.01.2011 – IX ZR 110/​10, NJW 2011, 1603 Rn. 18; May­er in Gerold/​Schmidt, RVG, 19. Aufl., § 14 Rn. 12; AnwKRVG/​Onderka, 5. Aufl., § 14 Rn. 80 ff. mwN; Wink­ler in Mayer/​Kroiß, RVG, 5. Aufl., § 14 Rn. 54 mwN; Römer­mann in Hartung/​Römermann/​Schons, RVG, 2. Aufl., § 14 Rn. 89 f.[]
  3. BGH, Urteil vom 13.01.2011 – IX ZR 110/​10, aaO Rn. 16, 18; BGH, Urteil vom 31.10.2006 – VI ZR 261/​05, aaO Rn. 9[]
  4. OLG Koblenz, Urteil vom 05.09.2011 – 12 u 713/​10[]
  5. vgl. OLG Jena, OLGR 2006, 81, 82; und OLG Cel­le, ZfS 2012, 105, 106[]