Über­schrei­tung der ver­füg­ba­ren Milch-Direkt­ver­kaufs-Refe­renz­men­ge

Nach der im Zwölf­mo­nats­zeit­raum 2006/​2007 gel­ten­den Milch­ab­ga­ben­ver­ord­nung neh­men nach­träg­lich bekannt gewor­de­ne, die ver­füg­ba­re Direkt­ver­kaufs-Refe­renz­men­ge über­schrei­ten­de Milch­men­gen im Fall unrich­ti­ger oder unvoll­stän­di­ger Anga­ben des Milch­er­zeu­gers am sog. Sal­die­rungs­ver­fah­ren nicht teil. Die­ser Aus­schluss vom Sal­die­rungs­ver­fah­ren ist mit Uni­ons­recht ver­ein­bar. Auch wenn ein Mit­glied­staat in einem bestimm­ten Zwölf­mo­nats­zeit­raum kei­ne Milch­ab­ga­be an die Uni­on abzu­füh­ren hat, kann er gleich­wohl von einem Erzeu­ger, der mit sei­nen Lie­fe­run­gen oder Direkt­ver­käu­fen die ver­füg­ba­re Refe­renz­men­ge über­schrit­ten hat, Milch­ab­ga­be in ent­spre­chen­der Höhe fest­set­zen.

Über­schrei­tung der ver­füg­ba­ren Milch-Direkt­ver­kaufs-Refe­renz­men­ge

Nach § 24 Satz 2 i.V.m. § 14 Abs. 2 Satz 4 und § 14 Abs. 1 Satz 6 Milch­AbgV kön­nen auch nach­träg­lich (d.h. nach dem auf den jewei­li­gen Zwölf­mo­nats­zeit­raum fol­gen­den 15. Mai, vgl. für Direkt­ver­käu­fe: Art. 11 Abs. 2 VO Nr. 595/​2004) fest­ge­stell­te Über­lie­fe­run­gen mit Unter­lie­fe­run­gen sal­diert wer­den, falls nicht –wie im Streit­fall– der Milch­er­zeu­ger dem Haupt­zoll­amt unrich­ti­ge oder unvoll­stän­di­ge Anga­ben über sei­ne tat­säch­li­chen Milch­ver­käu­fe gemacht hat. Nach dem kla­ren Wort­laut der genann­ten Vor­schrif­ten ist dabei ein Ver­schul­den des Milch­er­zeu­gers nicht Vor­aus­set­zung für den Aus­schluss vom Sal­die­rungs­ver­fah­ren [1].

Hier­bei han­delt es sich nicht um eine Sank­ti­on, für die es einer ent­spre­chen­den recht­li­chen Grund­la­ge im Uni­ons­recht bedürf­te.

Nach Art. 10 Abs. 3 VO Nr. 1788/​2003 obliegt es den Mit­glied­staa­ten zu ent­schei­den, ob sie Milch­er­zeu­gern, die über­lie­fert haben, unge­nutz­te Tei­le zuge­wie­se­ner Refe­renz­men­gen pro­por­tio­nal zuwei­sen [2]. Schaf­fen sie sol­che Sal­die­rungs­re­ge­lun­gen, sind unge­nutz­te Refe­renz­men­gen pro­por­tio­nal zu den ein­zel­be­trieb­li­chen Refe­renz­men­gen der Milch­er­zeu­ger oder nach objek­ti­ven, von den Mit­glied­staa­ten fest­zu­le­gen­den Kri­te­ri­en ent­we­der auf natio­na­ler Ebe­ne oder auf der Ebe­ne des Abneh­mers und danach ggf. auf ein­zel­staat­li­cher Ebe­ne (Art. 10 Abs. 3 Buchst. a und b VO Nr. 1788/​2003) zuzu­wei­sen; wei­te­re uni­ons­recht­li­che Vor­ga­ben bestehen nicht.

Von die­ser Ermäch­ti­gung hat der deut­sche Ver­ord­nungs­ge­ber mit § 14 Milch­AbgV im Sin­ne einer Neu­zu­wei­sung unge­nutz­ter Refe­renz­men­gen nach eige­nen objek­ti­ven Kri­te­ri­en Gebrauch gemacht [3]. Inso­weit war ihm vom Uni­ons­ge­setz­ge­ber ein wei­ter Ermes­sens­spiel­raum unter Beach­tung der all­ge­mei­nen Grund­sät­ze des Uni­ons­rechts ein­ge­räumt [4]. Indem sich der deut­sche Ver­ord­nungs­ge­ber mit § 14 Abs. 1 Satz 6 Milch­AbgV dafür ent­schie­den hat, nach dem auf einen Zwölf­mo­nats­zeit­raum fol­gen­den 15.05. bekannt gewor­de­ne Über­lie­fe­run­gen nur in das Sal­die­rungs­ver­fah­ren ein­zu­be­zie­hen, soweit kei­ne unrich­ti­gen oder unvoll­stän­di­gen Anga­ben über Milch­lie­fe­run­gen gemacht wor­den sind, hat er sei­nen uni­ons­recht­li­chen Ermes­sens­spiel­raum nicht über­schrit­ten. Es ist nicht erkenn­bar, dass Grund­sät­ze des Uni­ons­rechts die­ser Ein­schrän­kung der Sal­die­rungs­mög­lich­keit ent­ge­gen­ste­hen. Der Ver­ord­nungs­ge­ber hät­te nach dem 15.05.bekannt gewor­de­ne Über­lie­fe­run­gen auch voll­stän­dig von der Sal­die­rung aus­neh­men (vgl. die frü­he­re Milch-Garan­tie­men­gen-Ver­ord­nung) oder sogar auf die Neu­zu­wei­sung unge­nutz­ter Refe­renz­men­gen ganz ver­zich­ten kön­nen. Einen uni­ons­recht­li­chen Anspruch auf Sal­die­rung gibt es nicht [5].

Die Ver­sa­gung der Sal­die­rung gemäß § 14 Abs. 1 Satz 6 Halb­satz 2 Milch­AbgV ist somit eine dem Gestal­tungs­spiel­raum des Ver­ord­nungs­ge­bers ent­spre­chen­de Beschrän­kung der Sal­die­rungs­mög­lich­keit, jedoch kei­ne dem Milch­er­zeu­ger auf­er­leg­te Sank­ti­on. Mit den gemäß Art. 11 Abs. 3 und 4 VO Nr. 595/​2004 für den Fall nicht frist­ge­recht abge­ge­be­ner oder unrich­ti­ger Erklä­run­gen vor­ge­se­he­nen Rechts­fol­gen in Gestalt zusätz­lich zu leis­ten­der Beträ­ge bzw. des Ent­zugs der Refe­renz­men­ge ist die­se Beschrän­kung einer Ver­güns­ti­gung, auf deren Gewäh­rung der Milch­er­zeu­ger kei­nen uni­ons­recht­li­chen Anspruch hat, nicht zu ver­glei­chen.

Der Erhe­bung der Milch­ab­ga­be steht nicht ent­ge­gen, dass im Zwölf­mo­nats­zeit­raum 2006/​2007 die Gesamt­men­ge der Lie­fe­run­gen und Direkt­ver­käu­fe die ein­zel­staat­li­che Refe­renz­men­ge nicht über­schritt und die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land daher der Uni­on kei­ne Abga­be für die­sen Zwölf­mo­nats­zeit­raum schul­de­te.

Der Bun­des­fi­nanz­hof hat für Streit­fäl­le, auf wel­che noch die Ver­ord­nung (EWG) Nr. 3950/​92 des Rates vom 28.12.1992 über die Erhe­bung einer Zusatz­ab­ga­be im Milch­sek­tor [6] anzu­wen­den war, unter Hin­weis auf deren Art. 2 Abs. 1 Unter­abs. 1 Satz 2, Abs. 2 Unter­abs. 3 sowie auf Art. 3 Abs. 1 Unter­abs. 1 der Ver­ord­nung (EWG) Nr. 536/​93 der Kom­mis­si­on vom 09.03.1993 mit Durch­füh­rungs­be­stim­mun­gen zur Zusatz­ab­ga­be im Milch­sek­tor [7] ent­schie­den, dass zwi­schen den von den Mit­glied­staa­ten erho­be­nen Milch­ab­ga­ben und den von ihnen an die Uni­on abzu­füh­ren­den Beträ­gen kei­ne stren­ge Akzess­orie­tät besteht [8]. An die­ser Recht­spre­chung hält der Bun­des­fi­nanz­hof fest, denn die genann­ten Vor­schrif­ten fin­den sich in ent­spre­chen­der Wei­se in Art. 4 Unter­abs. 1, Art. 11 Abs. 3 und Art. 13 Abs. 1 der im Streit­fall anzu­wen­den­den VO Nr. 1788/​2003 sowie in Art. 8 Abs. 1 VO Nr. 595/​2004. Dar­über hin­aus machen Art. 4 Unter­abs. 2 VO Nr. 1788/​2003 sowie der 5. Erwä­gungs­grund zu die­ser Ver­ord­nung deut­lich, dass es für die Abga­be­pflicht des Milch­er­zeu­gers in ers­ter Linie auf die Über­schrei­tung sei­ner ver­füg­ba­ren Refe­renz­men­ge ankommt, die Her­an­zie­hung zur Abga­be also auf sei­ner per­sön­li­chen Ver­ant­wort­lich­keit für die von ihm über sei­ne Refe­renz­men­ge hin­aus ver­mark­te­te Milch beruht [9].

Ver­hiel­te es sich so, dass der jewei­li­ge Mit­glied­staat zunächst die Höhe der an die Uni­on zu ent­rich­ten­den Milch­ab­ga­be zu ermit­teln hat und die­ser Betrag anschlie­ßend auf die ihre Refe­renz­men­ge über­schrei­ten­den Milch­er­zeu­ger ver­hält­nis­mä­ßig ver­teilt wird, bedürf­te es weder der Mög­lich­keit einer Sal­die­rung gemäß Art. 10 Abs. 3 VO Nr. 1788/​2003 noch der Rege­lung in Art. 13 Abs. 1 VO Nr. 1788/​2003 über die Ver­wen­dung erho­be­ner Milch­ab­ga­ben, wel­che die an die Uni­on abzu­füh­ren­de Abga­be über­stei­gen.

Auch die Vor­schrif­ten über die Zeit­punk­te der Ent­rich­tung der Milch­ab­ga­be durch die Abneh­mer bzw. die Direkt­ver­käu­fer an den Mit­glied­staat (Art. 11 Abs. 1, Art. 12 Abs. 4 VO Nr. 1788/​2003; Art. 15 Abs. 1 VO Nr. 595/​2004; § 19 Abs. 1, § 24 Satz 3 Milch­AbgV) und durch den Mit­glied­staat an die Uni­on (Art. 3 Abs. 1 VO Nr. 1788/​2003) machen deut­lich, dass es i.S. des Art. 4 VO Nr. 1788/​2003 um die Auf­tei­lung einer erst fäl­lig wer­den­den Abga­be des Mit­glied­staats geht, deren vor­aus­sicht­li­che Höhe anhand der fest­ge­stell­ten Über­schrei­tun­gen ver­füg­ba­rer Anlie­fe­rungs-Refe­renz­men­gen bzw. Direkt­ver­kaufs-Refe­renz­men­gen –ggf. berich­tigt durch sog Sal­die­run­gen– ermit­telt wird. Wer­den Über­schrei­tun­gen ver­füg­ba­rer Refe­renz­men­gen erst nach­träg­lich ermit­telt, ohne dass die­se am Sal­die­rungs­ver­fah­ren teil­neh­men, kann dies dazu füh­ren, dass der betref­fen­de Mit­glied­staat in der Sum­me einen höhe­ren Abga­ben­be­trag von den Milch­er­zeu­gern erhebt, als er an die Uni­on abzu­füh­ren hat.

Dass ein sol­ches Ergeb­nis uni­ons­recht­lich nicht zu bean­stan­den ist, hat der Bun­des­fi­nanz­hof bereits aus­ge­führt [9] aus­ge­führt. Dar­an ist fest­zu­hal­ten. Da die Mit­glied­staa­ten zur Ein­füh­rung sog. Sal­die­rungs­ver­fah­ren uni­ons­recht­lich nicht ver­pflich­tet sind, son­dern von der Neu­zu­wei­sung nicht genutz­ter Refe­renz­men­gen abse­hen kön­nen, kann –was auch die Revi­si­on ein­räumt– unter sol­chen Vor­aus­set­zun­gen die Gesamt­men­ge der Über­lie­fe­run­gen eines Zwölf­mo­nats­zeit­raums durch­aus gerin­ger sein als die ein­zel­staat­li­che Refe­renz­men­ge. Dar­aus wird deut­lich, dass es das Uni­ons­recht zulässt, wenn trotz nicht bestehen­der Abga­be­schuld des betref­fen­den Mit­glied­staats die­ser gleich­wohl Milch­ab­ga­be von dem Milch­er­zeu­ger, der sei­ne ver­füg­ba­re Refe­renz­men­ge über­schrit­ten hat, erhebt. Wenn die Revi­si­on dem­ge­gen­über meint, dies sei anders zu sehen, wenn ein Mit­glied­staat –wie vor­lie­gend die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land– „eine voll­stän­di­ge Sal­die­rung ange­ord­net“ habe, ver­kennt sie, dass § 14 Milch­AbgV eben kei­ne „voll­stän­di­ge Sal­die­rung“ vor­schreibt, son­dern bestimm­te Refe­renz­men­gen­über­schrei­tun­gen von der Sal­die­rung aus­nimmt.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 16. April 2013 – VII R 9/​12

  1. BFH, Beschluss vom 21.04.2009 – VII B 74/​08, BFHE 225, 184, ZfZ 2009, 223[]
  2. vgl. EuGH, Urteil vom 05.05.2011 – C‑230/​09 und C‑231/​09 [Etling und Etling], ZfZ 2011, 185, Rz 52; BFH, Beschluss vom 31.05.2006 – VII B 48/​05, BFHE 213, 459, ZfZ 2006, 373[]
  3. BFH, Urteil vom 22.05.2012 – VII R 23/​08, BFHE 238, 287, ZfZ 2012, 267[]
  4. vgl. EuGH, Urteil in ZfZ 2011, 185, Rz 73 ff.; BFH, Beschluss vom 25.09.2003 – VII B 309/​02, BFHE 203, 243, ZfZ 2004, 17[]
  5. BFH, Beschluss vom 31.05.2006 – VII B 37/​05, BFH/​NV 2007, 285[]
  6. ABl.EG Nr. L 405/​1[]
  7. ABl.EG Nr. L 57/​12[]
  8. BFH, Beschlüs­se in BFHE 203, 243, ZfZ 2004, 17, und in BFHE 213, 459, ZfZ 2006, 373[]
  9. BFH, Beschluss in BFHE 213, 459, ZfZ 2006, 373[][]