Unlau­te­re Wider­rufs­be­leh­run­gen – und der Streit­wert für die Unter­las­sungs­kla­ge

Maß­geb­lich für die Bestim­mung des Streit­werts in Ver­fah­ren über Ansprü­che nach dem Gesetz gegen den unlau­te­ren Wett­be­werb ist seit dem 16.07.2014 die Vor­schrift des § 51 Abs. 2 GKG.

Unlau­te­re Wider­rufs­be­leh­run­gen – und der Streit­wert für die Unter­las­sungs­kla­ge

Danach ist, soweit nichts ande­res bestimmt ist, der Streit­wert nach der sich aus dem Antrag des Klä­gers für ihn erge­ben­den Bedeu­tung der Sache nach Ermes­sen zu bestim­men.

Die Fest­set­zung des Streit­werts kann nicht anhand von Regel­streit­wer­ten erfol­gen, weil dies mit den Vor­schrif­ten des § 3 ZPO und des § 51 Abs. 2 GKG nicht ver­ein­bar ist, die eine Ermes­sens­aus­übung des Gerichts vor­se­hen 1.

Ent­schei­dend ist bei Unter­las­sungs­an­trä­gen das Inter­es­se des Klä­gers an der Unter­bin­dung wei­te­rer gleich­ar­ti­ger Ver­stö­ße, das maß­geb­lich durch die Art des Ver­sto­ßes, ins­be­son­de­re sei­ne Gefähr­lich­keit und Schäd­lich­keit für die Trä­ger der maß­geb­li­chen Inter­es­sen, bestimmt wird 2.

Bei wett­be­werbs­recht­li­chen Unter­las­sungs­kla­gen von Ver­brau­cher­ver­bän­den im Sin­ne von § 8 Abs. 3 Nr. 3 UWG kommt es für den Streit­wert auf das sat­zungs­mä­ßig wahr­ge­nom­me­ne Inter­es­se der Ver­brau­cher an; maß­ge­bend sind die gera­de die­sen dro­hen­den Nach­tei­le 3.

Wenn Gegen­stand des Rechts­streits die Ver­bands­kla­ge eines Ver­brau­cher­schutz­ver­ban­des ist, wird der wirt­schaft­li­chen Bedeu­tung des Ver­bots, bestimm­te Klau­seln zu ver­wen­den, bei der Bemes­sung der Beschwer und des Streit­werts in der Regel aller­dings kei­ne aus­schlag­ge­ben­de Bedeu­tung bei­gemes­sen. Dem liegt die Erwä­gung zugrun­de, Ver­brau­cher­schutz­ver­bän­de bei der Wahr­neh­mung der ihnen im All­ge­mein­in­ter­es­se ein­ge­räum­ten Befug­nis, den Rechts­ver­kehr von unwirk­sa­men All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen zu befrei­en, vor unan­ge­mes­se­nen Kos­ten­ri­si­ken zu schüt­zen 4.

Die Bewer­tung von Ver­bands­kla­gen, die sich gegen die Ver­wen­dung von miss­bräuch­li­chen Klau­seln in All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen rich­ten, ist für die Bewer­tung der Inter­es­sen in einem Wett­be­werbs­pro­zess jedoch nicht maß­geb­lich 5. Dem Umstand, dass die finan­zi­el­le Aus­stat­tung der – aus­schließ­lich im öffent­li­chen Inter­es­se täti­gen – Ver­brau­cher­ver­bän­de in der Regel gering bemes­sen ist, kann im Wett­be­werbs­pro­zess dadurch Rech­nung getra­gen wer­den, dass auf deren Antrag gemäß § 12 Abs. 4 UWG eine Streit­wert­her­ab­set­zung erfolgt. Dabei ist die Fra­ge, ob ihre Belas­tung mit den Pro­zess­kos­ten nach dem vol­len Streit­wert nicht trag­bar erscheint, bei ihnen nach weni­ger stren­gen Maß­stä­ben zu beur­tei­len als bei Wett­be­werbs­ver­bän­den 6. Dies gilt glei­cher­ma­ßen für die seit dem 9.10.2013 gel­ten­de Neu­fas­sung des § 12 Abs. 4 UWG, nach der es maß­geb­lich dar­auf ankommt, ob die Belas­tung mit den Pro­zess­kos­ten nach dem vol­len Streit­wert die wirt­schaft­li­che Lage einer Par­tei erheb­lich gefähr­den wür­de.

Unter Zugrun­de­le­gung die­ser Maß­stä­be hat der Bun­des­ge­richts­hof im vor­lie­gen­den Fall, in dem eine Ver­brau­cher­schutz­zen­tra­le von einem schwei­ze­ri­schen Ver­mitt­ler "schufafrei­er" Kre­di­te die Unter­las­sung einer feh­ler­haf­ten Wider­rufs­be­leh­rung begehrt, den Wert der Beschwer und der Streit­wert für das Ver­fah­ren der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de auf 30.000 Euro fest­ge­setzt.

Das die Ver­brau­cher­schutz­zen­tra­le im Streit­fall kei­ne Ver­bands­kla­ge nach den Bestim­mun­gen des Unter­las­sungs­kla­gen­ge­set­zes erho­ben hat, son­dern eine wett­be­werbs­recht­li­che Unter­las­sungs­kla­ge, kommt es für die Streit­wert­be­mes­sung ent­schei­dend auf das von der Ver­brau­cher­schutz­zen­tra­le sat­zungs­mä­ßig wahr­ge­nom­me­ne Inter­es­se der Ver­brau­cher an.

Die Ver­brau­cher­schutz­zen­tra­le hat die­ses Inter­es­se in der Kla­ge­schrift mit 30.000 Euro ange­ge­ben. Sie hat vor­ge­tra­gen, die Kre­dit­ver­mitt­le­rin habe sich nach Ertei­lung eines Kre­dit­ver­mitt­lungs­auf­trags durch einen Ver­brau­cher und nach einem von ihm erklär­ten Wider­ruf dar­auf beru­fen, ein Wider­rufs­recht sei aus­ge­schlos­sen, weil der Ver­brau­cher aus­drück­lich ver­langt habe, dass sie den erteil­ten Auf­trag bereits vor Ablauf der gesetz­li­chen Wider­rufs­frist bear­bei­te. Ver­brau­cher hät­ten sich in einer Viel­zahl iden­ti­scher Fäl­le an sie gewandt. Die Kre­dit­ver­mitt­le­rin ist die­sem Vor­trag und der Streit­wert­an­ga­be der Ver­brau­cher­schutz­zen­tra­le nicht ent­ge­gen­ge­tre­ten. Dem­entspre­chend hat das Land­ge­richt den Streit­wert auf 30.000 Euro fest­ge­setzt. Die­ser Streit­wert erscheint im Hin­blick auf die in ver­gleich­ba­ren Fäl­len fest­ge­setz­ten Streit­wer­te ange­mes­sen.

Bei einer der­ar­ti­gen Sach­la­ge bestand für das Beru­fungs­ge­richt kei­ne Ver­an­las­sung, das Inter­es­se der Ver­brau­cher­schutz­zen­tra­le an einer Ver­ur­tei­lung der Kre­dit­ver­mitt­le­rin anders zu bewer­ten und den Streit­wert auf einen Betrag her­ab­zu­set­zen, der der Ver­brau­cher­schutz­zen­tra­le die Mög­lich­keit nimmt, die Nicht­zu­las­sung der Revi­si­on durch das Revi­si­ons­ge­richt über­prü­fen zu las­sen. Ins­be­son­de­re kam eine Her­ab­set­zung des Streit­werts unter dem Gesichts­punkt, die Ver­brau­cher­schutz­zen­tra­le vor einem unan­ge­mes­se­nen Kos­ten­ri­si­ko zu schüt­zen, nicht in Betracht. Die Ver­brau­cher­schutz­zen­tra­le hat­te das von ihr ver­folg­te Inter­es­se bezif­fert und kei­nen Antrag auf Streit­wert­her­ab­set­zung nach § 12 Abs. 4 UWG gestellt.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 15. Sep­tem­ber 2016 – I ZR 24/​16

  1. BGH, Beschluss vom 22.01.2015 – I ZR 95/​14, WRP 2015, 454 Rn. 2 mwN[]
  2. BGH, Urteil vom 12.07.2012 – I ZR 54/​11, GRUR 2013, 301 Rn. 56 = WRP 2013, 491 – Solar­in­itia­ti­ve[]
  3. BGH, Beschluss vom 17.03.2011 – I ZR 183/​09, GRUR 2011, 560 Rn. 6 = WRP 2011, 752 – Streit­wert­her­ab­set­zung II; Beschluss vom 06.06.2013 – I ZR 128/​11, GRUR-RR 2013, 528 Rn. 2; Köhler/​Feddersen in Köhler/​Bornkamm, UWG, 34. Aufl., § 12 Rn.05.9[]
  4. BGH, Beschluss vom 10.12 2013 – XI ZR 405/​12, ZIP 2014, 96 Rn. 5; Beschluss vom 09.12 2014 – VIII ZR 160/​14 5, jeweils mwN; Beschluss vom 05.02.2015 – I ZR 106/​14 5; Beschluss vom 07.05.2015 – I ZR 108/​14 7[]
  5. BGH, GRUR-RR 2013, 528 Rn. 3[]
  6. BGH, GRUR 2011, 560 Rn. 6 – Streit­wert­her­ab­set­zung II[]