Urhe­ber­rech­te am Gebäu­de des Stutt­gar­ter Haupt­bahn­hofs

Im Streit um Urhe­ber­rech­te an dem der­zeit zum Teil­ab­riss anste­hen­den Gebäu­de des Stutt­gar­ter Haupt­bahn­hofs ist der Erbe des Archi­tek­ten Paul Bonatz im Urhe­ber­rechts­streit gegen die Deut­sche Bahn AG jetzt auch vor dem Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart unter­le­gen, das Ober­lan­des­ge­richt hat die Kla­ge des Erben von Paul Bonatz gegen die Deut­sche Bahn AG und eine wei­te­re Bahn­ge­sell­schaft zurück­ge­wie­sen.

Urhe­ber­rech­te am Gebäu­de des Stutt­gar­ter Haupt­bahn­hofs

Der Klä­ger ist ein Erbe des Archi­tek­ten Paul Bonatz, der den Stutt­gar­ter Haupt­bahn­hof gemein­sam mit Fried­rich Eugen Scho­ler geplant und des­sen Bau­aus­füh­rung in den Jah­ren 1914 bis 1928 gelei­tet hat. Nach der Aus­schrei­bung eines Archi­tek­ten­wett­be­werbs zum Umbau des Haupt­bahn­hofs in Stutt­gart vom Febru­ar 1997 wur­de am 4. Novem­ber 1997 als Sie­ger­ent­wurf der Vor­schlag des dama­li­gen Büros Ingen­ho­ven, Over­diek, Kah­len und Part­ner gekürt. Danach sol­len die Sei­ten­flü­gel des Kopf­bahn­hofs und die Trep­pen­an­la­ge in der gro­ßen Schal­ter­hal­le abge­ris­sen wer­den. Der Plan­fest­stel­lungs­an­trag vom 30. Okto­ber 2001 ende­te mit dem Plan­fest­stel­lungs­be­schluss des Eisen­bahn­bun­des­amts vom 28. Janu­ar 2005, der am 28. Febru­ar 2005 öffent­lich bekannt gemacht wur­de. Der Klä­ger hat­te bereits im Plan­fest­stel­lungs­ver­fah­ren Ein­wen­dun­gen erho­ben, die zurück­ge­wie­sen wur­den. Der Plan­fest­stel­lungs­be­schluss, der den Umbau und den Abbruch erlaubt, ist bestands­kräf­tig. Nach einem soge­nann­ten "Memo­ran­dum of Under­stan­ding" vom 19. Juli 2007 wur­den am 2. April 2009 die Finan­zie­rungs­ver­trä­ge für das Pro­jekt unter­zeich­net.

Die Par­tei­en des Rechts­streits strei­ten nun dar­über, ob der Klä­ger als Erbe des Archi­tek­ten Paul Bonatz die soge­nann­ten Urhe­ber­per­sön­lich­keits­rech­te sei­nes Groß­va­ters an einer Unver­än­der­lich­keit des Bahn­hofs gel­tend machen kann oder ob im Rah­men einer vor­zu­neh­men­den Inter­es­sen­ab­wä­gung die Ver­än­de­rungs­in­ter­es­sen der Beklag­ten an einer Moder­ni­sie­rung des Bahn­hofs als soge­nann­ter Zweck­bau über­wie­gen.

Das erst­in­stanz­lich mit dem Rechts­streit befass­te Land­ge­richt Stutt­gart hat die auf Unter­las­sung des Abris­ses der Sei­ten­flü­gel und der Trep­pe der gro­ßen Schal­ter­hal­le erho­be­ne Kla­ge abge­wie­sen 1: Der Plan­fest­stel­lungs­be­schluss ste­he, so das Land­ge­richt Stutt­gart in sei­ner Urteils­be­grün­dung, einer Gel­tend­ma­chung von urhe­ber­recht­li­chen Unter­las­sungs­an­sprü­chen zwar nicht ent­ge­gen. Der Klä­ger kön­ne aber kei­ne Unter­las­sung ver­lan­gen, da die Abwä­gung der maß­geb­li­chen Gesichts­punk­te erge­be, dass das Erhal­tungs­in­ter­es­se hin­ter den über­wie­gen­den Ände­rungs­in­ter­es­sen der beklag­ten Bahn zurück­tre­te. Wegen der hohen Gestal­tungs­hö­he und des hohen künst­le­ri­schen Wert des Bahn­hofs­ge­bäu­des bestehe zwar ein gestei­ger­tes urhe­ber­recht­li­ches Inter­es­se an sei­ner Erhal­tung, die­ses Erhal­tungs­in­ter­es­se sei jedoch im Hin­blick auf den Zeit­ab­lauf von mehr als 54 Jah­ren seit dem Tod des Urhe­bers abge­schwächt (ins­ge­samt beträgt die Schutz­dau­er 70 Jah­re). Dem Erhal­tungs­in­ter­es­se stün­den gewich­ti­ge Inter­es­sen des Eigen­tü­mers gegen­über.

Im Beru­fungs­ver­fah­ren gegen die­ses land­ge­richt­li­che Urteil hat der Klä­ger nun wegen des mitt­ler­wei­le erfolg­ten Abbruchs des Nord­flü­gels des­sen Wie­der­auf­bau gefor­dert und begehrt wei­ter die Unter­las­sung des Abbruchs des Süd­flü­gels und der Trep­pe in der gro­ßen Schal­ter­hal­le.

Das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart hat die Beru­fung zurück­ge­wie­sen, also ent­spre­chen­de Ansprü­che des Klä­gers ver­neint, weil, so das Ober­lan­des­ge­richt, die Inter­es­sen der beklag­ten Bahn im Rah­men der vor­zu­neh­men­den Abwä­gung über­wie­gen.

Dabei ist aner­kannt, dass ein soge­nann­tes urhe­ber­recht­li­ches Ände­rungs­ver­bot exis­tiert. Die­ses Ände­rungs­ver­bot bestimmt, dass auch der Eigen­tü­mer des Werk­o­ri­gi­nals (das ist hier das Bahn­hofs­ge­bäu­de, in dem sich die urhe­ber­recht­li­che Leis­tung ver­kör­pert) grund­sätz­lich kei­ne in das frem­de Urhe­ber­recht ein­grei­fen­den Ände­run­gen an dem ihm gehö­ren­den Ori­gi­nal vor­neh­men darf. Der Urhe­ber hat ein Recht dar­auf, dass das von ihm geschaf­fe­ne Werk in einer unver­än­der­ten Gestalt erhal­ten bleibt. Da sich ins­be­son­de­re bei Wer­ken der Bau­kunst – urhe­ber­recht­lich geschütz­ten Gebäu­den – im Lau­fe der Zeit ein Bedürf­nis des Eigen­tü­mers an Ver­än­de­run­gen erge­ben kann, ist jedoch aner­kannt, dass die­ser Kon­flikt zwi­schen Urhe­ber­recht und Eigen­tum durch eine Abwä­gung der jeweils betrof­fe­nen Inter­es­sen im kon­kre­ten Ein­zel­fall zu lösen ist. Abzu­wä­gen sind das Bestands- und Inte­gri­täts­in­ter­es­se des Urhe­bers an der Erhal­tung des Werks und die Inter­es­sen des Eigen­tü­mers an einer Beein­träch­ti­gung und Ver­än­de­rung des Werks, also das Erhal­tungs­in­ter­es­se des Urhe­bers gegen das Ände­rungs­in­ter­es­se des Eigen­tü­mers. Für die Abwä­gung die­ser Inter­es­sen hat die Recht­spre­chung Kri­te­ri­en ent­wi­ckelt.

Inso­weit gel­ten aber kei­ne star­ren und all­ge­mein gül­ti­gen Regeln, son­dern maß­geb­lich sind die Umstän­de des Ein­zel­fal­les.

Maß­geb­li­cher und wesent­li­cher Abwä­gungs­fak­tor ist zunächst der indi­vi­du­el­le Schöp­fungs­grad, der Rang des Wer­kes. Je höher die Gestal­tungs- und Schöp­fungs­hö­he ist, des­to stär­ker sind die Erhal­tungs­in­ter­es­sen zu gewich­ten. Das Erhal­tungs­in­ter­es­se hängt wei­ter von der Art und dem Aus­maß des Ein­griffs ab. Auch kön­nen die Urhe­ber­in­ter­es­sen Jah­re und Jahr­zehn­te nach dem Tod eines Urhe­bers an Gewicht ver­lie­ren. Wei­ter ist maß­geb­lich der Gebrauchs­zweck und die bestim­mungs­ge­mä­ße Ver­wen­dung des Bau­werks. Der Urhe­ber muss mit wech­seln­den Bedürf­nis­sen des Eigen­tü­mers und des Lebens rech­nen. Er weiß, dass der Eigen­tü­mer das Bau­werk für einen bestimm­ten Zweck ver­wen­den möch­te und muss daher damit rech­nen, dass sich aus wech­seln­den Bedürf­nis­sen ein Bedarf nach Ver­än­de­run­gen erge­ben kann. In die­sem Zusam­men­hang spie­len auch die soge­nann­ten Moder­ni­sie­rungs­in­ter­es­sen des Eigen­tü­mers eine Rol­le, wirt­schaft­li­che Gesichts­punk­te kön­nen eben­falls eine Rol­le spie­len. Dem­ge­gen­über sind blo­ße ästhe­ti­sche und geschmack­li­che Grün­de unbe­acht­lich.

Im Rah­men der Inter­es­sen­ab­wä­gung waren für das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart fol­gen­de Gesichts­punk­te ent­schei­dend: Trotz des hohen Schöp­fungs­grads und des über­ra­gen­den Rangs des Bahn­hofs als Werk der Bau­kunst und einem des­halb hohen Erhal­tungs­in­ter­es­se des Urhe­bers und trotz des erheb­li­chen Ein­griffs in das Gesamt­bau­werk über­wie­gen im hier vor­lie­gen­den Sach­ver­halt die Eigen­tü­mer­inter­es­sen der Beklag­ten. Das Bestands­in­ter­es­se und das Inte­gri­täts­in­ter­es­se des Urhe­bers Bonatz damit tritt hin­ter dem Ver­än­de­rungs­in­ter­es­se der Beklag­ten zurück. Maß­geb­lich und wesent­lich ist inso­weit, dass die berech­tig­ten Moder­ni­sie­rungs­in­ter­es­sen der Beklag­ten bei dem ca. 90 Jah­re alten Bahn­hof als Zweck- und Ver­kehrs­bau – Ände­rung des Kopf­bahn­hofs in einen Durch­gangs­bahn­hof – nach dem von der Bahn geplan­ten Ent­wurf nur mit einem Abriss der Sei­ten­flü­gel und einer Ver­än­de­rung der Trep­pen­an­la­ge in der gro­ßen Schal­ter­hal­le erreicht wer­den kön­nen, da der Durch­gangs­bahn­hof die Sei­ten­flü­gel durch­sticht und in deren Fun­da­men­te her­ein­ragt, die neue Decke des Tief­bahn­hofs die Flü­gel sta­tisch nicht tra­gen kann und die Trep­pen­an­la­ge nicht mehr als Zugang zu den Bahn­glei­sen die­nen kann. Der Abriss ist daher erfor­der­lich, um den Durch­gangs­bahn­hof wie geplant schaf­fen zu kön­nen.

Der funk­tio­na­le Zweck der Sei­ten­flü­gel wird (zumin­dest teil­wei­se) ent­fal­len. Die Sei­ten­flü­gel haben beim Stutt­gar­ter Bahn­hof neben dem Zweck einer Abgren­zung des Süd­flü­gels zum Schloss­gar­ten hin, der Nord­flü­gel dient als Anschluss zur Kopf­sei­te der Kopf­bahn­steig­hal­le, wei­ter die Funk­ti­on einer Ein­fas­sung der Glei­se des Kopf­bahn­hofs. Die Ein­fas­sungs- und Abgren­zungs­funk­ti­on ent­fällt aber durch den Weg­fall des Kopf­bahn­hofs. Die tie­fer geleg­ten Glei­se und der neue Tief­bahn­hof müs­sen nicht mehr umfasst wer­den.

Hin­zu kommt, dass die Urhe­ber­in­ter­es­sen ange­sichts der ver­blei­ben­den Schutz­dau­er von ledig­lich 16 Jah­ren erheb­lich an Gewicht ver­lo­ren haben, und fer­ner, dass die Beklag­ten mit dem Umbau des Bahn­hofs ihrer öffent­li­chen Pflicht genü­gen, der All­ge­mein­heit eine moder­ne Ver­kehrs­in­fra­struk­tur zur Ver­fü­gung zu stel­len.

Soweit die beklag­ten Bahn­ge­sell­schaf­ten des wei­te­ren gel­tend gemacht haben, im Rah­men der Inter­es­sen­ab­wä­gung sei­en auch städ­te­bau­li­che Gesichts­punk­te zu berück­sich­ti­gen, ist das Ober­lan­des­ge­richt dem jedoch nicht gefolgt. Es han­delt sich nicht um ori­gi­nä­re Eigen­in­ter­es­sen der Bahn. Die von den Beklag­ten gel­tend gemach­ten städ­te­bau­li­chen Inter­es­sen betref­fen nicht den Abriss der Sei­ten­flü­gel und die Umge­stal­tung der Trep­pen­an­la­ge. Sie soll viel­mehr im wesent­li­chen auf den frei­wer­den­den dahin­ter lie­gen­den Gleis­flä­chen erfol­gen. Doch wur­den die Inter­es­sen der Bahn­ge­sell­schaf­ten an der Schaf­fung einer moder­ni­sier­ten Ver­kehrs­in­fra­struk­tur im Rah­men der Abwä­gung aner­kannt.

Das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart ist auch der von dem Erben des Archi­tek­ten Bonatz ver­tre­te­nen Auf­fas­sung, es bestehe eine Pflicht zur Prü­fung von weni­ger ein­schnei­den­den Pla­nungs­va­ri­an­ten, nicht gefolgt. Zwar muss der Eigen­tü­mer eines urhe­ber­recht­lich geschütz­ten Bau­werks bei Abän­de­run­gen grund­sätz­lich eine die urhe­ber­recht­li­chen Inter­es­sen mög­lichst wenig berüh­ren­de Lösung suchen. Wenn der Eigen­tü­mer sich aber für eine bestimm­te Lösung ent­schie­den hat, geht es bei der Inter­es­sen­ab­wä­gung nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs nur noch dar­um, ob die geplan­ten kon­kre­ten Ände­run­gen des Bau­werks zumut­bar sind. Ob dane­ben noch ande­re, dem Urhe­ber gege­be­nen­falls weni­ger beein­träch­ti­gen­de Lösun­gen denk­bar sind, ist hier­für nicht mehr von ent­schei­den­der Bedeu­tung.

Nicht ent­schei­den brauch­te hat das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart die Fra­ge, ob und inwie­weit der Plan­fest­stel­lungs­be­schluss des Eisen­bahn­bun­des­amts der Kla­ge ent­ge­gen­steht.

Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart, Urteil vom 6. Okto­ber 2010 – 4 U 106/​10

  1. LG Stutt­gart, Urteil vom 20.05.2010 – 17 O 42/​2010[]