Urhe­ber­rech­te und die Waren­ver­kehrs­frei­heit

Die Waren­ver­kehrs­frei­heit darf zum Schutz von Urhe­ber­rech­ten ein­ge­schränkt wer­den. Ein EU-Mit­glied­staat darf daher einen Spe­di­teur wegen Bei­hil­fe zum uner­laub­ten Ver­brei­ten von Ver­viel­fäl­ti­gungs­stü­cken urhe­ber­recht­lich geschütz­ter Wer­ke in sei­nem Gebiet straf­recht­lich ver­fol­gen, auch wenn die­se Wer­ke im Mit­glied­staat des Ver­käu­fers nicht geschützt sind.

Urhe­ber­rech­te und die Waren­ver­kehrs­frei­heit

Herr Don­ner, ein deut­scher Staats­an­ge­hö­ri­ger, wur­de vom Land­ge­richt Mün­chen II wegen Bei­hil­fe zur gewerbs­mä­ßi­gen uner­laub­ten Ver­wer­tung urhe­ber­recht­lich geschütz­ter Wer­ke ver­ur­teilt. Nach den Fest­stel­lun­gen des Land­ge­richts hat­te Herr Don­ner zwi­schen 2005 und 2008 an der Ver­brei­tung von Nach­bil­dun­gen von Ein­rich­tungs­ge­gen­stän­den im „Bau­haus“-Stil, die in Deutsch­land urhe­ber­recht­lich geschützt waren, mit­ge­wirkt. Dabei han­del­te es sich u. a. um Nach­bil­dun­gen von Stüh­len der „Alu­mi­ni­um-Group“, ent­wor­fen von Charles und Ray Eames, der „Wagen­feld­leuch­te“, ent­wor­fen von Wil­helm Wagen­feld, Sitz­mö­beln, ent­wor­fen von Le Cor­bu­si­er, dem Bei­stell­tisch „Adjus­ta­ble Table“ und der Leuch­te „Tube­light“, ent­wor­fen von Eile­en Gray, sowie Stahl­rohr-Frei­schwin­gern (Stüh­le), ent­wor­fen von Mart Stam.

Die­se Ver­viel­fäl­ti­gungs­stü­cke der Wer­ke kamen aus Ita­li­en, wo sie zwi­schen 2002 und 2007 nicht urhe­ber­recht­lich geschützt waren oder im ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Zeit­raum kei­nen vol­len Schutz genos­sen, da die­ser Schutz nach der ita­lie­ni­schen Recht­spre­chung gegen­über Pro­du­zen­ten, die die Wer­ke seit einer gewis­sen Zeit ver­viel­fäl­tigt und/​oder ver­mark­tet hat­ten, nicht durch­setz­bar war. Die Nach­bil­dun­gen wur­den in Deutsch­land ansäs­si­gen Kun­den von dem ita­lie­ni­schen Unter­neh­men Dimen­sio­ne Direct Sales über Zeit­schrif­ten­an­zei­gen und ‑bei­la­gen, durch direk­te Wer­be­an­schrei­ben und über eine deutsch­spra­chi­ge Inter­net­sei­te zum Ver­kauf ange­bo­ten.

Für den Trans­port der Nach­bil­dun­gen nach Deutsch­land emp­fahl Dimen­sio­ne die ita­lie­ni­sche Spe­di­ti­on In.Sp.Em., deren Geschäfts­füh­rer Herr Don­ner war. Die Fah­rer von In.Sp.Em. hol­ten die von den deut­schen Kun­den bestell­te Ware bei Dimen­sio­ne in Ita­li­en ab und zahl­te die­ser den Kauf­preis. Bei der Ablie­fe­rung der Ware an die Kun­den in Deutsch­land zogen sie von die­sen den Kauf­preis und die Fracht­kos­ten ein. Das Eigen­tum an den von Dimen­sio­ne ver­kauf­ten Gegen­stän­den ging in Ita­li­en auf die deut­schen Kun­den über. Die tat­säch­li­che Ver­fü­gungs­ge­walt über die­se Gegen­stän­de erlang­ten die Kun­den jedoch erst mit der Über­ga­be in Deutsch­land mit Hil­fe von Herrn Don­ner. Daher erfolg­te die Ver­brei­tung im Sin­ne des Urhe­ber­rechts nach Ansicht des Land­ge­richts nicht in Ita­li­en, son­dern in Deutsch­land, wo sie man­gels Zustim­mung der Inha­ber des Urhe­ber­rechts ver­bo­ten war.

Herr Don­ner leg­te gegen das Urteil des Land­ge­richts Revi­si­on beim Bun­des­ge­richts­hof ein. Die­ser leg­te dar­auf­hin dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on die Fra­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung vor, ob die Anwen­dung der deut­schen Straf­vor­schrif­ten im vor­lie­gen­den Fall eine unge­recht­fer­tig­te Ein­schrän­kung der uni­ons­recht­lich garan­tier­ten Waren­ver­kehrs­frei­heit dar­stellt.

In sei­nem jetzt ver­kün­de­ten Urteil weist der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on ers­tens dar­auf hin, dass die Anwen­dung der Straf­vor­schrif­ten im vor­lie­gen­den Fall vor­aus­setzt, dass im Inland eine „Ver­brei­tung an die Öffent­lich­keit“ im Sin­ne des Uni­ons­rechts 1 statt­ge­fun­den hat. Hier­zu stellt er fest, dass ein Händ­ler, der sei­ne Wer­bung auf in einem bestimm­ten Mit­glied­staat ansäs­si­ge Mit­glie­der der Öffent­lich­keit aus­rich­tet und ein spe­zi­fi­sches Lie­fe­rungs­sys­tem und spe­zi­fi­sche Zah­lungs­mo­da­li­tä­ten schafft oder für sie zur Ver­fü­gung stellt oder dies einem Drit­ten erlaubt und die­se Mit­glie­der der Öffent­lich­keit so in die Lage ver­setzt, sich Ver­viel­fäl­ti­gungs­stü­cke von Wer­ken lie­fern zu las­sen, die in dem betref­fen­den Mit­glied­staat urhe­ber­recht­lich geschützt sind, in dem Mit­glied­staat, in dem die Lie­fe­rung erfolgt, eine sol­che Ver­brei­tung vor­nimmt. Im vor­lie­gen­den Fall weist der Euro­päi­sche Gerichts­hof den natio­na­len Gerich­ten die Auf­ga­be zu, zu beur­tei­len, ob Indi­zi­en vor­lie­gen, die den Schluss zulas­sen, dass der betref­fen­de Händ­ler eine sol­che Ver­brei­tung an die Öffent­lich­keit vor­ge­nom­men hat.

Zwei­tens stellt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on fest, dass das straf­recht­lich sank­tio­nier­te Ver­bot der Ver­brei­tung in Deutsch­land eine Behin­de­rung des frei­en Waren­ver­kehrs dar­stellt. Eine der­ar­ti­ge Beschrän­kung kann jedoch zum Schutz des gewerb­li­chen und kom­mer­zi­el­len Eigen­tums gerecht­fer­tigt sein.

Die frag­li­che Beschrän­kung beruht näm­lich dar­auf, dass die prak­ti­schen Bedin­gun­gen des Schut­zes der betref­fen­den Urher­ber­rech­te von Mit­glied­staat zu Mit­glied­staat unter­schied­lich sind2. Die­se Unter­schied­lich­keit ist untrenn­bar mit dem Bestehen der aus­schließ­li­chen Rech­te ver­knüpft. Im vor­lie­gen­den Fall kann nicht davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass der Schutz des Ver­brei­tungs­rechts zu einer unver­hält­nis­mä­ßi­gen oder künst­li­chen Abschot­tung der Märk­te führt. Die Anwen­dung straf­recht­li­cher Vor­schrif­ten kann näm­lich als erfor­der­lich ange­se­hen wer­den, um den spe­zi­fi­schen Gegen­stand des Urhe­ber­rechts zu schüt­zen, das u. a. ein aus­schließ­li­ches Ver­wer­tungs­recht gewährt. Die frag­li­che Beschrän­kung ist daher gerecht­fer­tigt und steht in einem ange­mes­se­nen Ver­hält­nis zum ver­folg­ten Zweck.

Daher ant­wor­tet der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, dass das Uni­ons­recht es einem Mit­glied­staat nicht ver­bie­tet, einen Spe­di­teur wegen Bei­hil­fe zum uner­laub­ten Ver­brei­ten von Ver­viel­fäl­ti­gungs­stü­cken urhe­ber­recht­lich geschütz­ter Wer­ke in Anwen­dung sei­ner natio­na­len Straf­vor­schrif­ten straf­recht­lich zu ver­fol­gen, wenn die­se Ver­viel­fäl­ti­gungs­stü­cke in dem betref­fen­den Mit­glied­staat (Deutsch­land) im Rah­men eines Ver­kaufs­ge­schäfts an die Öffent­lich­keit ver­brei­tet wer­den, das spe­zi­ell auf die Öffent­lich­keit in die­sem Mit­glied­staat aus­ge­rich­tet ist und von einem ande­ren Mit­glied­staat (Ita­li­en) aus abge­schlos­sen wird, in dem ein urhe­ber­recht­li­cher Schutz der Wer­ke nicht besteht oder nicht durch­setz­bar ist.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 21. Juni 2012 – C‑5/​11 [Titus Alex­an­der Jochen Don­ner]

  1. Richt­li­nie 2001/​29/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 22. Mai 2001 zur Har­mo­ni­sie­rung bestimm­ter Aspek­te des Urhe­ber­rechts und der ver­wand­ten Schutz­rech­te in der Infor­ma­ti­ons­ge­sell­schaft, ABl. L 167, S. 10[]
  2. vgl. EuGH, Urteil vom 24.01.1989 – C-341/​87 [EMI Elec­tro­la][]