Urhe­ber­rechts­schutz bei Wer­ken der ange­wand­ten Kunst

An den Urhe­ber­recht­schutz von Wer­ken der ange­wand­ten Kunst sind grund­sätz­lich kei­ne höhe­ren Anfor­de­run­gen zu stel­len als an den von Wer­ken der zweck­frei­en Kunst.

Urhe­ber­rechts­schutz bei Wer­ken der ange­wand­ten Kunst

In einem jetzt vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall ist die Klä­ge­rin selb­stän­di­ge Spiel­wa­ren­de­si­gne­rin. Die Beklag­te stellt Spiel­wa­ren her und ver­treibt sie. Die Klä­ge­rin zeich­ne­te für die Beklag­te im Jahr 1998 unter ande­rem Ent­wür­fe für einen Zug aus Holz, auf des­sen Wag­gons sich Ker­zen und Zif­fern auf­ste­cken las­sen („Geburts­tags­zug”). Dafür erhielt sie ein Hono­rar von 400 DM.

Die Klä­ge­rin ist der Ansicht, bei ihren Ent­wür­fen han­de­le es sich um urhe­ber­recht­lich geschütz­te Wer­ke. Die ver­ein­bar­te Ver­gü­tung sei – jeden­falls ange­sichts des gro­ßen Ver­kaufs­er­folgs des Geburts­tags­zugs – zu gering. Sie nimmt die Beklag­te des­halb auf Zah­lung einer (wei­te­ren) ange­mes­se­nen Ver­gü­tung in Anspruch.

Die Kla­ge ist in den Vor­in­stan­zen vor dem Land­ge­richt Lübeck und dem Ober­lan­des­ge­richt Schles­wig ohne Erfolg geblie­ben1. Das Ober­lan­des­ge­richt Schles­wig hat ange­nom­men, die von der Klä­ge­rin ange­fer­tig­ten Ent­wür­fe sei­en urhe­ber­recht­lich nicht geschützt. Nach der her­ge­brach­ten Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs sei­en bei Wer­ken der ange­wand­ten Kunst, soweit sie einem Geschmacks­mus­ter­schutz zugäng­lich sei­en, höhe­re Anfor­de­run­gen an die für einen urhe­ber­recht­li­chen Schutz erfor­der­li­che Gestal­tungs­hö­he zu stel­len als bei Wer­ken der zweck­frei­en Kunst. Die Ent­wür­fe der Klä­ge­rin genüg­ten die­sen Anfor­de­run­gen nicht.

Auf die Revi­si­on der Klä­ge­rin hat der Bun­des­ge­richts­hof jetzt das Beru­fungs­ur­teil des OLG Schles­wig auf­ge­ho­ben und die Sache zur neu­en Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das Ober­lan­des­ge­richt zurück­ver­wie­sen, soweit die­ses einen Anspruch auf Zah­lung einer (wei­te­ren) ange­mes­se­nen Ver­gü­tung in Bezug auf Ver­wer­tungs­hand­lun­gen, die nach dem 1. Juni 2004 vor­ge­nom­men wor­den sind, abge­lehnt hat.

In sei­ner frü­he­ren Recht­spre­chung hat­te der Bun­des­ge­richts­hof die höhe­ren Anfor­de­run­gen an die Gestal­tungs­hö­he von Wer­ken der ange­wand­ten Kunst, die einem Geschmacks­mus­ter­schutz zugäng­lich sind, damit begrün­det, dass für sol­che Wer­ke der ange­wand­ten Kunst mit dem Geschmacks­mus­ter­recht ein dem Urhe­ber­recht wesens­glei­ches Schutz­recht zur Ver­fü­gung ste­he. Da sich bereits die geschmacks­mus­ter­schutz­fä­hi­ge Gestal­tung von der nicht geschütz­ten Durch­schnitts­ge­stal­tung abhe­ben müs­se, sei für die Urhe­ber­rechts­schutz­fä­hig­keit ein noch wei­te­rer Abstand, das heißt ein deut­li­ches Über­ra­gen der Durch­schnitts­ge­stal­tung zu for­dern.

An die­ser Recht­spre­chung kann – so der Bun­des­ge­richts­hof – im Blick auf die Reform des Geschmacks­mus­ter­rechts im Jahr 2004 nicht fest­ge­hal­ten wer­den. Durch die­se Reform ist mit dem Geschmacks­mus­ter­recht ein eigen­stän­di­ges gewerb­li­ches Schutz­recht geschaf­fen und der enge Bezug zum Urhe­ber­recht besei­tigt wor­den. Ins­be­son­de­re setzt der Schutz als Geschmacks­mus­ter nicht mehr eine bestimm­te Gestal­tungs­hö­he, son­dern die Unter­schied­lich­keit des Mus­ters vor­aus. Da zudem Geschmacks­mus­ter­schutz und Urhe­ber­rechts­schutz sich nicht aus­schlie­ßen, son­dern neben­ein­an­der bestehen kön­nen, recht­fer­tigt der Umstand, dass eine Gestal­tung dem Geschmacks­mus­ter­schutz zugäng­lich ist, es nicht, ihr den Urhe­ber­rechts­schutz zu ver­sa­gen oder von beson­de­ren Vor­aus­set­zun­gen abhän­gig zu machen. An den Urhe­ber­rechts­schutz von Wer­ken der ange­wand­ten Kunst sind des­halb – so der Bun­des­ge­richts­hof – grund­sätz­lich kei­ne ande­ren Anfor­de­run­gen zu stel­len als an den Urhe­ber­rechts­schutz von Wer­ken der zweck­frei­en bil­den­den Kunst oder des lite­ra­ri­schen und musi­ka­li­schen Schaf­fens. Es genügt daher, dass sie eine Gestal­tungs­hö­he errei­chen, die es nach Auf­fas­sung der für Kunst emp­fäng­li­chen und mit Kunst­an­schau­un­gen eini­ger­ma­ßen ver­trau­ten Krei­se recht­fer­tigt, von einer „künst­le­ri­schen” Leis­tung zu spre­chen. Dies gilt auch für die im Jahr 1998 ange­fer­tig­ten Ent­wür­fe der Klä­ge­rin. Die Klä­ge­rin hat aller­dings nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs kei­nen Anspruch auf Ver­gü­tung, soweit die Beklag­te ihre Ent­wür­fe vor dem Inkraft­tre­ten des Geschmacks­mus­ter­re­form­ge­set­zes am 1. Juni 2004 ver­wer­tet hat. Bis zu die­sem Zeit­punkt durf­te die Beklag­te im Blick auf die her­ge­brach­te Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs dar­auf ver­trau­en, wegen einer Ver­wer­tung die­ser Ent­wür­fe nicht auf Zah­lung einer (wei­te­ren) ange­mes­se­nen Ver­gü­tung in Anspruch genom­men zu wer­den.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat die Sache an das Beru­fungs­ge­richt zurück­ver­wie­sen, das zu prü­fen haben wird, ob von der Klä­ge­rin ent­wor­fe­nen Spiel­wa­ren den gerin­ge­ren Anfor­de­run­gen genü­gen, die nun­mehr an die Gestal­tung­hö­he von Wer­ken der ange­wand­ten Kunst zu stel­len sind.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 13. Novem­ber 2013 – I ZR 143/​12 – Geburts­tags­zug

  1. LG Lübeck, Urteil vom 01.12.2010 – 2 O 356/​09; OLG Schles­wig. Urteil vom 22.06.2012 – 6 U 74/​10