Abso­lu­te Wider­rufs­frist in der Lebens- und Ren­ten­ver­si­che­rung

Hat­te der Ver­si­che­rer dem Ver­si­che­rungs­neh­mer bei Antrag­stel­lung die Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen nicht über­ge­ben oder eine Ver­brau­cher­infor­ma­ti­on nach § 10a des Ver­si­che­rungs­auf­sichts­ge­set­zes unter­las­sen, so galt der Ver­trag auf der Grund­la­ge des Ver­si­che­rungs­scheins, der Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen und der wei­te­ren für den Ver­trags­in­halt maß­geb­li­chen Ver­brau­cher­infor­ma­ti­on als abge­schlos­sen, wenn der Ver­si­che­rungs­neh­mer nicht inner­halb von vier­zehn Tagen – bei Lebens­ver­si­che­run­gen inner­halb von 30 Tagen – nach Über­las­sung der Unter­la­gen in Text­form wider­spricht, § 5a Abs. 1 VVG a.F. Zusätz­lich bestimm­te § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F., dass das Wider­spruchs­recht spä­tes­tens jedoch ein Jahr nach Zah­lung der ers­ten Prä­mie erlosch, und zwar unab­hän­gig davon, ob der Ver­si­che­rungs­neh­mer über das Recht zum Rück­tritt oder Wider­spruch belehrt wor­den war oder nicht.

Abso­lu­te Wider­rufs­frist in der Lebens- und Ren­ten­ver­si­che­rung

Die­se Bestim­mung über das Erlö­schen des Wider­rufs­rechts auch ohne vor­he­ri­ge Beleh­rung des Ver­si­che­rungs­neh­mers steht jedoch in Wider­spruch zu Art. 15 Abs. 1 Satz 1 der Zwei­ten Lebens­ver­si­che­rungs-Richt­li­nie, was der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on im letz­ten Dezem­ber auf ein ent­spre­chen­des Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen des Bun­des­ge­richts­hofs 1 fest­stell­te 2.

Der Bun­des­ge­richts­hof zog nun die Fol­ge­run­gen aus die­ser vom Uni­ons­ge­richts­hof fest­ge­stell­ten Richt­li­nen­wid­rig­keit des § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F.

In dem jetzt beim Bun­des­ge­richts­hof zur Ent­schei­dung anste­hen­den Rechts­streit begehrt der kla­gen­de Ver­si­che­rungs­neh­mer begehrt Rück­zah­lung geleis­te­ter Ver­si­che­rungs­bei­trä­ge aus einer Ren­ten­ver­si­che­rung nach einem Wider­spruch gemäß § 5a Abs. 1 Satz 1 VVG a.F. Die All­ge­mei­nen Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen und die Ver­brau­cher­infor­ma­ti­on erhielt der Klä­ger mit Über­sen­dung des Ver­si­che­rungs­scheins. Dabei wur­de er nicht aus­rei­chend über sein Wider­spruchs­recht belehrt. Den Wider­spruch erklär­te der Klä­ger erst nach Ablauf der in § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. fest­ge­leg­ten Jah­res­frist. Von Dezem­ber 1998 bis Dezem­ber 2002 zahl­te der Klä­ger Ver­si­che­rungs­bei­trä­ge in Höhe von ins­ge­samt 51.129, 15 €. Nach­dem er den Ver­trag im Juni 2007 gekün­digt hat­te, kehr­te ihm die Beklag­te im Sep­tem­ber 2007 einen Rück­kaufs­wert von 52.705, 94 € aus. Mit Schrei­ben vom 31.03.2008 erklär­te der Klä­ger den Wider­spruch nach § 5a Abs. 1 Satz 1 VVG a.F. gegen­über der Beklag­ten und for­der­te sie zur Rück­zah­lung aller Bei­trä­ge nebst Zin­sen auf.

In den Vor­in­stan­zen haben das Land­ge­richt Stutt­gart 3 und das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart 4 die Kla­ge abge­wie­sen, weil der Wider­spruch gegen das Zustan­de­kom­men des Ver­tra­ges gemäß § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. ver­fris­tet gewe­sen sei.

Auf die Revi­si­on des Klä­gers leg­te der Bun­des­ge­richts­hof 1 dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on dar­auf­hin die Fra­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung die Fra­ge vor, ob Art. 15 Abs. 1 Satz 1 der Zwei­ten Richt­li­nie Lebens­ver­si­che­rung unter Berück­sich­ti­gung des Art. 31 Abs. 1 der Drit­ten Richt­li­nie Lebens­ver­si­che­rung dahin aus­zu­le­gen ist, dass er einer Rege­lung wie in § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. ent­ge­gen­steht, nach der ein Rück­tritts- oder Wider­spruchs­recht spä­tes­tens ein Jahr nach Zah­lung der ers­ten Ver­si­che­rungs­prä­mie erlischt, selbst wenn der Ver­si­che­rungs­neh­mer nicht über das Recht zum Rück­tritt oder Wider­spruch belehrt wor­den ist.

In sei­nem Urteil vom 19.12 2013 5 bejah­te der Uni­ons­ge­richts­hof die­se Vor­la­ge­fra­ge.

Der Bun­des­ge­richts­hof ver­warf nun die Revi­si­on bezüg­lich der Scha­dens­er­satz­for­de­rung als unzu­läs­sig, weil sie inso­weit vom Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart im Beru­fungs­ur­teil nicht zuge­las­sen wor­den war. Soweit der Klä­ger aller­dings einen Berei­che­rungs­an­spruch gemäß § 812 Abs. 1 Satz 1 Alt. 1 BGB gel­tend macht, hat der Bun­des­ge­richts­hof das Beru­fungs­ur­teil des Ober­lan­des­ge­richts Stutt­gart auf­ge­ho­ben und die Sache an das OLG Stutt­gart zurück­ver­wie­sen:

Der Klä­ger kann dem Grun­de nach aus unge­recht­fer­tig­ter Berei­che­rung Rück­zah­lung der an die Beklag­te gezahl­ten Prä­mi­en ver­lan­gen, weil er die­se rechts­grund­los geleis­tet hat. Der zwi­schen den Par­tei­en abge­schlos­se­ne Ren­ten­ver­si­che­rungs­ver­trag ist auf der Grund­la­ge des § 5a VVG a.F. nicht wirk­sam zustan­de gekom­men, weil der Klä­ger recht­zei­tig den Wider­spruch erklärt hat. Soweit er sich dar­auf beruft, das Poli­cen­mo­dell als sol­ches sei euro­pa­rechts­wid­rig, konn­te der Bun­des­ge­richts­hof offen­las­sen, ob sich ein Ver­si­che­rungs­neh­mer, der ord­nungs­ge­mäß über sein Wider­spruchs­recht belehrt wor­den ist und die Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen sowie eine Ver­brau­cher­infor­ma­ti­on erhal­ten hat, dar­auf nach Durch­füh­rung des Ver­tra­ges noch beru­fen könn­te. Jeden­falls wur­de die 14tägige Wider­spruchs­frist gemäß § 5a Abs. 1 Satz 1 VVG a.F. gegen­über dem Klä­ger nicht in Lauf gesetzt, da er nach den für das Revi­si­ons­ver­fah­ren bin­den­den Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts mit Über­sen­dung des Ver­si­che­rungs­scheins nicht in druck­tech­nisch deut­li­cher Form i.S. von § 5a Abs. 2 Satz 1 VVG a.F. über sein Wider­spruchs­recht belehrt wur­de.

Nach­dem der Klä­ger die ers­te von ihm geschul­de­te Prä­mie im Dezem­ber 1998 gezahlt hat­te, wäre gemäß § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. sein Recht zum Wider­spruch längst erlo­schen gewe­sen, als er die­sen im März 2008 erklär­te. Indes bestand sein Wider­spruchs­recht nach Ablauf der Jah­res­frist und noch im Zeit­punkt der Wider­spruchs­er­klä­rung fort. Das ergibt sich aus einer richt­li­ni­en­kon­for­men Aus­le­gung des § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. auf der Grund­la­ge der Vor­ab­ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on. Die Vor­schrift weist eine ver­deck­te Rege­lungs­lü­cke im Sin­ne einer plan­wid­ri­gen Unvoll­stän­dig­keit des Geset­zes auf. Sie steht in Wider­spruch zu dem mit dem Gesetz ver­folg­ten Grund­an­lie­gen, die Drit­te Richt­li­nie Lebens­ver­si­che­rung ord­nungs­ge­mäß in deut­sches Recht umzu­set­zen. Die Rege­lung ist richt­li­ni­en­kon­form der­ge­stalt zu redu­zie­ren, dass sie im Anwen­dungs­be­reich der Zwei­ten und der Drit­ten Richt­li­nie Lebens­ver­si­che­rung kei­ne Anwen­dung fin­det und für davon erfass­te Lebens- und Ren­ten­ver­si­che­run­gen sowie Zusatz­ver­si­che­run­gen zur Lebens­ver­si­che­rung grund­sätz­lich ein Wider­spruchs­recht fort­be­steht, wenn der Ver­si­che­rungs­neh­mer nicht ord­nungs­ge­mäß über sein Recht zum Wider­spruch belehrt wor­den ist und/​oder die Ver­brau­cher­infor­ma­ti­on oder die Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen nicht erhal­ten hat. Hin­ge­gen ist § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. für alle Ver­si­che­rungs­ar­ten außer­halb des Bereichs der Richt­li­ni­en unver­än­dert anwend­bar.

Der Höhe nach umfasst der Berei­che­rungs­an­spruch des Klä­gers nicht unein­ge­schränkt alle Prä­mi­en, die er an die Beklag­te gezahlt hat, ohne hier­zu durch einen wirk­sa­men Ver­si­che­rungs­ver­trag ver­pflich­tet gewe­sen zu sein. Im Rah­men einer gemein­schafts­recht­lich gefor­der­ten rechts­fort­bil­den­den Aus­le­gung einer natio­na­len Norm darf bei der Rege­lung der Rechts­fol­gen des Wider­spruchs nach natio­na­lem Recht ein ver­nünf­ti­ger Aus­gleich und eine gerech­te Risi­ko­ver­tei­lung zwi­schen den Betei­lig­ten her­ge­stellt wer­den. Der Ver­si­che­rungs­neh­mer hat wäh­rend der Prä­mi­en­zah­lung Ver­si­che­rungs­schutz genos­sen. Erlang­ter Ver­si­che­rungs­schutz ist ein Ver­mö­gens­vor­teil, des­sen Wert zu erset­zen sein kann. Die­ser kann unter Berück­sich­ti­gung der Prä­mi­en­kal­ku­la­ti­on bemes­sen wer­den; bei Lebens­ver­si­che­run­gen kann etwa dem Risi­ko­an­teil Bedeu­tung zukom­men. Hier­zu wird das Beru­fungs­ge­richt noch Fest­stel­lun­gen zu tref­fen haben.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 7. Mai 2014 – IV ZR 76/​11

  1. BGH, Beschluss vom 28.03.2012 – IV ZR 76/​11, VersR 2012, 608[][]
  2. EuGH, Urteil vom 19.12 2013, VersR 2014, 225[]
  3. LG Stutt­gart, Urteil vom 13.07.2010 – 22 O 587/​09[]
  4. OLG Stutt­gart, Urteil vom 31.03.2011 – 7 U 147/​10[]
  5. EuGH, Urteil vom 19.12.2013, VersR 2014, 225[]