Berei­che­rungs­recht­li­che Rück­ab­wick­lung von Lebens­ver­si­che­run­gen – und die Kapitalertragsteuer

Bei der berei­che­rungs­recht­li­chen Rück­ab­wick­lung eines Lebens­ver­si­che­rungs­ver­tra­ges nach Wider­spruch gemäß § 5a VVG a.F. hat sich der Ver­si­che­rungs­neh­mer die vom Ver­si­che­rer bei Aus­zah­lung des Rück­kaufs­werts ein­be­hal­te­ne und an das Finanz­amt abge­führ­te Kapi­tal­ertrags­steu­er nebst Soli­da­ri­täts­zu­schlag als Ver­mö­gens­vor­teil anrech­nen zu lassen.

Berei­che­rungs­recht­li­che Rück­ab­wick­lung von Lebens­ver­si­che­run­gen – und die Kapitalertragsteuer

Die berei­che­rungs­recht­li­chen Rechts­fol­gen der Euro­pa­rechts­wid­rig­keit des § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. sind nicht auf eine Wir­kung ab Zugang des Wider­spruchs (ex nunc) zu beschrän­ken, son­dern nur eine Rück­wir­kung ent­spricht dem Effek­ti­vi­täts­ge­bot [1].

Damit kann der Ver­si­che­rungs­neh­mer von der Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft die Prä­mi­en­rück­zah­lung gemäß § 812 Abs. 1 Satz 1 Alt. 1 BGB ver­lan­gen. Aller­dings umfasst der Rück­ge­währ­an­spruch der Höhe nach nicht unein­ge­schränkt alle gezahl­ten Prä­mi­en, dem Ver­si­che­rungs­neh­mer ist bei der berei­che­rungs­recht­li­chen Rück­ab­wick­lung der jeden­falls bis zur Kün­di­gung des jewei­li­gen Ver­tra­ges genos­se­ne Ver­si­che­rungs­schutz anzu­rech­nen. Der Wert des Ver­si­che­rungs­schut­zes kann unter Berück­sich­ti­gung der Prä­mi­en­kal­ku­la­ti­on bemes­sen wer­den; bei Lebens­ver­si­che­run­gen kann etwa dem Risi­ko­an­teil Bedeu­tung zukom­men [2].

Ein anzu­rech­nen­der Ver­mö­gens­vor­teil besteht auch dar­in, dass die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft bei der Aus­zah­lung des Rück­kaufs­werts Kapi­tal­ertrag­steu­er nebst Soli­da­ri­täts­zu­schlag ein­be­hielt und an die Steu­er­be­hör­den abführte.

Ob und gege­be­nen­falls wie ein ent­spre­chen­der Steu­er­ab­zug bei der berei­che­rungs­recht­li­chen Rück­ab­wick­lung eines Lebens­ver­si­che­rungs­ver­tra­ges zu behan­deln ist, wird in Lite­ra­tur und Recht­spre­chung unter­schied­lich beantwortet.

Eine Ansicht lehnt eine Berück­sich­ti­gung gänz­lich ab [3]. Die Gegen­mei­nung erkennt die abge­führ­ten Steu­er­be­trä­ge als Abzugs­po­si­tio­nen an, wobei ein Teil ihrer Ver­tre­ter inso­weit von einem Weg­fall der Berei­che­rung des Ver­si­che­rers gemäß § 818 Abs. 3 BGB aus­geht [4] und die ande­ren einen anrech­nungs­fä­hi­gen Ver­mö­gens­vor­teil des Ver­si­che­rungs­neh­mers anneh­men [5].

Der letzt­ge­nann­ten Auf­fas­sung gebührt der Vor­zug. Die von der Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft erbrach­te Steu­er­zah­lung ist dem Ver­si­che­rungs­neh­mer als Ver­mö­gens­vor­teil anzurechnen.

Der Ein­be­halt und die anschlie­ßen­de Abfüh­rung der frag­li­chen Teil­be­trä­ge des Rück­kaufs­werts durch die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft an die Finanz­be­hör­den führ­te zu einem Ver­mö­gens­vor­teil für den Ver­si­che­rungs­neh­mer, der auf die­se Wei­se von einer Steu­er- und Abga­ben­schuld frei wur­de. Durch die Aus­zah­lung des Rück­kaufs­werts im Jahr 2010 ent­stand eine Kapi­tal­ertrag­steu­er­schuld des Ver­si­che­rungs­neh­mers gemäß § 44 Abs. 1 Satz 1 und 2, § 43 Abs. 1 Satz 1 Nr. 4 Satz 1 Halb­satz 1, § 52 Abs. 36 Satz 5 EStG in der zu die­sem Zeit­punkt gül­ti­gen Fas­sung i.V.m. § 20 Abs. 1 Nr. 6 Satz 1 und 5 EStG in der am 31.12 2004 gel­ten­den Fas­sung (im Fol­gen­den: EStG 2004). Bemes­sungs­grund­la­ge der Steu­er waren die von der Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft mit dem Rück­kaufs­wert aus­ge­zahl­ten außer­rech­nungs­mä­ßi­gen und rech­nungs­mä­ßi­gen Zin­sen aus den Spar­an­tei­len, die in den Ver­si­che­rungs­bei­trä­gen des Ver­si­che­rungs­neh­mers ent­hal­ten waren (§ 20 Abs. 1 Nr. 6 Satz 1 EStG 2004).

Die Steu­er­schuld wur­de von der Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft erfüllt. Gemäß § 44 Abs. 1 Satz 3 EStG hat­te die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft als Schuld­ne­rin der Kapi­tal­erträ­ge den Steu­er­ab­zug für Rech­nung des Ver­si­che­rungs­neh­mers vor­zu­neh­men. Durch Abfüh­rung des vom Rück­kaufs­wert ein­be­hal­te­nen Teil­be­tra­ges an die Steu­er­be­hör­den kam sie ihrer Ent­rich­tungs­pflicht nach und beglich damit zugleich die Steu­er­schuld des Versicherungsnehmers.

Die vor­ste­hen­den Aus­füh­run­gen gel­ten für die Ent­ste­hung und Erfül­lung des vom Ver­si­che­rungs­neh­mer gleich­falls geschul­de­ten Soli­da­ri­täts­zu­schlags gemäß § 1 Abs. 2 SolzG 1995 in ent­spre­chen­der Weise.

Den auf die­se Wei­se sei­tens der Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft gewähr­ten Ver­mö­gens­vor­teil hat sich der Ver­si­che­rungs­neh­mer im Rah­men der berei­che­rungs­recht­li­chen Rück­ab­wick­lung eben­so wie den unmit­tel­bar an ihn aus­ge­zahl­ten Rück­kaufs­wert auf sei­nen Rück­ge­währ­an­spruch anrech­nen zu las­sen. Das Argu­ment, abzugs­fä­hig sei­en nur Steu­er­vor­tei­le, auf deren Erzie­lung das rück­ab­zu­wi­ckeln­de Geschäf­te gera­de abge­zielt habe [6], ver­fängt nicht, da es hier nicht um die Berück­sich­ti­gung von Steu­er­vor­tei­len, son­dern um die Erfül­lung bestehen­der Steu­er­schul­den geht.

Hin­sicht­lich der von ihr gel­tend gemach­ten Abschluss- und Ver­wal­tungs­kos­ten kann sich die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft – wie das Beru­fungs­ge­richt zu Recht ange­nom­men hat – nicht gemäß § 818 Abs. 3 BGB auf den Weg­fall der Berei­che­rung berufen.

Ver­mö­gens­nach­tei­le des Berei­che­rungs­schuld­ners sind nur berück­sich­ti­gungs­fä­hig, wenn sie bei wirt­schaft­li­cher Betrach­tungs­wei­se adäquat­kau­sal auf der Berei­che­rung beru­hen [7]. Nach die­ser Maß­ga­be sind die Ver­wal­tungs­kos­ten bereits des­halb nicht berei­che­rungs­min­dernd zu berück­sich­ti­gen, weil sie nicht adäquat­kau­sal durch die Prä­mi­en­zah­lun­gen der Ver­si­che­rungs­neh­mer ent­stan­den, son­dern unab­hän­gig von den streit­ge­gen­ständ­li­chen Ver­si­che­rungs­ver­trä­gen ange­fal­len und begli­chen wor­den sind. Auch die Ver­wen­dung der Ver­wal­tungs­kos­ten­an­tei­le der gezahl­ten Prä­mi­en für die Bestrei­tung von Auf­wen­dun­gen für den Ver­si­che­rungs­be­trieb wirkt nicht berei­che­rungs­re­du­zie­rend, da die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft auf die­se Wei­se den Ein­satz sons­ti­ger Finanz­mit­tel erspart hat [8].

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 29. Juli 2015 – IV ZR 448/​14

  1. dazu im Ein­zel­nen BGH, Urteil vom 07.05.2014 aaO Rn. 4144[]
  2. BGH, Urteil vom 07.05.2014 aaO Rn. 45 m.w.N.[]
  3. OLG Schles­wig, Urteil vom 26.02.2015 – 16 U 61/​13 62 f.[]
  4. LG Mei­nin­gen, Urteil vom 10.12 2014 – (17) 3 S 52/​14, S.16; LG Hei­del­berg, Urteil vom 25.09.2014 – 1 S 15/​13 39; Rudy, r+s 2015, 115, 120[]
  5. OLG Stutt­gart r+s 2015, 123, 126; Reiff, r+s 2015, 105, 109 f.; wohl auch Sommermeyer/​Fink, EWiR 2015, 149, 150[]
  6. OLG Schles­wig aaO Rn. 63[]
  7. BGH, Urtei­le vom 05.03.2015 – IX ZR 164/​14, NJW-RR 2015, 677 Rn. 14; vom 23.10.1980 IVa ZR 45/​80, NJW 1981, 277 unter 5 c; jeweils m.w.N.[]
  8. so im Ergeb­nis auch OLG Karls­ru­he, Urteil vom 09.06.2015 – 12 U 106/​13 (14) 43; OLG Schles­wig, Urteil vom 26.02.2015 – 16 U 61/​13 57 f.; OLG Dres­den, Urteil vom 24.02.2015 4 U 786/​14 47; KG r+s 2015, 179, 181; OLG Stutt­gart, Urtei­le vom 28.05.2015 – 7 U 27/​15, S. 7 f.; vom 23.02.2015 – 7 U 44/​14, S. 9; r+s 2015, 123, 125; VersR 2015, 561, 564; OLG Köln r+s 2015, 121 Rn. 23; VersR 2015, 177, 178; LG Mei­nin­gen, Urteil vom 10.12 2014 – (17) 3 S 52/​14, S. 14. f.; LG Hei­del­berg, Urtei­le vom 25.09.2014 – 1 S 8/​14 38 und 1 S 15/​13 37; a.A. Rudy, r+s 2015, 115, 120[]