Berufs­haft­pflicht der Nota­re und die Ver­trau­ens­scha­den­ver­si­che­rung

Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ge­richts­hofs zur Vor­leis­tungs­pflicht der Berufs­haft­pflicht­ver­si­che­rer von Nota­ren und zu den Regress­an­sprü­chen gegen Notar­kam­mer und Ver­trau­ens­scha­den­ver­si­che­rer (§ 19 a Abs. 2 BNo­tO)

Berufs­haft­pflicht der Nota­re und die Ver­trau­ens­scha­den­ver­si­che­rung

In dem ers­ten der bei­den jetzt vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Ver­fah­ren 1 ver­langt die Klä­ge­rin von der Beklag­ten als ehe­ma­li­gem Berufs­haft­pflicht­ver­si­che­rer eines Notars die Erstat­tung ihrer Schä­den aus meh­re­ren Haft­pflicht­fäl­len, nach­dem der Notar in zwei Haft­pflicht­pro­zes­sen zur Leis­tung von Scha­dens­er­satz ein­schließ­lich Zin­sen (u.a. ent­gan­ge­ner Gut­ha­ben­zin­sen) an die Klä­ge­rin ver­ur­teilt wor­den war.

Nach Abtre­tung der Deckungs­an­sprü­che aus dem Berufs­haft­pflicht­ver­si­che­rungs­ver­trag, in dem der Ver­si­che­rungs­schutz für Schä­den infol­ge wis­sent­li­cher Pflicht­ver­let­zun­gen aus­ge­schlos­sen ist, nahm die Klä­ge­rin die beklag­te Ver­si­che­rung in Anspruch. Die Klä­ge­rin meint, dass sie von der Beklag­ten jeden­falls eine Vor­leis­tung nach § 19a Abs. 2 Satz 2 BNo­tO ver­lan­gen kön­ne. Zur Deckung von Schä­den wegen wis­sent­li­cher Pflicht­ver­let­zun­gen von Nota­ren hat die für den Notar zustän­di­ge Notar­kam­mer eine Ver­trau­ens­scha­den­ver­si­che­rung abge­schlos­sen, nach deren Bedin­gun­gen Leis­tun­gen für Schä­den, "die mit­tel­bar ent­ste­hen, wie ent­gan­ge­ner Gewinn, Zins­ver­lust, Rechts­ver­fol­gungs­kos­ten des Anspruch­stel­lers usw.", aus­ge­schlos­sen sind.

Vor­leis­tungs­pflicht auch für ent­gan­ge­ne Zin­sen

Das erst­in­stanz­lich mit dem Rechts­streit befass­te Land­ge­richt Mün­chen I, das von wis­sent­li­chen Pflicht­ver­let­zun­gen des Notars aus­ge­gan­gen ist, hat die Ansprü­che der Klä­ge­rin auf der Grund­la­ge von § 19a Abs. 2 Satz 2 BNo­tO mit Aus­nah­me der Zins­an­sprü­che als begrün­det ange­se­hen 2. Auf die Beru­fung der Klä­ge­rin hat das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen die beklag­te Ver­si­che­rung dar­über hin­aus zur Vor­leis­tung nach § 19a Abs. 2 Satz 2 BNo­tO auch hin­sicht­lich der titu­lier­ten Zins­an­sprü­che ver­ur­teilt 3. Dage­gen rich­tet sich die Revi­si­on des beklag­ten Berufs­haft­pflicht­ver­si­che­rers.

Hier­zu ent­schied nun der Bun­des­ge­richts­hof, dass die Vor­leis­tungs­pflicht des Berufs­haft­pflicht­ver­si­che­rers nach § 19a Abs. 2 Satz 2 BNo­tO durch des­sen Regress­an­sprü­che gegen den Ver­trau­ens­scha­den­ver­si­che­rer begrenzt wird. Mit dem Cha­rak­ter als Vor­leis­tungs­pflicht wäre eine Erwei­te­rung der Ein­stands­pflicht des Berufs­haft­pflicht­ver­si­che­rers über die des Ver­trau­ens­scha­den­ver­si­che­rers hin­aus nicht zu ver­ein­ba­ren. Daher kann sich der Berufs­haft­pflicht­ver­si­che­rer grund­sätz­lich sowohl auf eine Erschöp­fung der Ver­si­che­rungs­sum­me als auch auf Deckungs­be­schrän­kun­gen in der Ver­trau­ens­scha­den­ver­si­che­rung beru­fen.

Der Leis­tungs­aus­schluss für mit­tel­ba­re Schä­den ist jedoch wegen unan­ge­mes­se­ner Benach­tei­li­gung der Notar­kam­mer als Ver­si­che­rungs­neh­me­rin nach § 9 AGBG (= § 307 BGB) unwirk­sam und steht daher den Zins­an­sprü­chen der Klä­ge­rin nicht ent­ge­gen. Die gesetz­li­che Ver­pflich­tung der Notar­kam­mern zum Abschluss von Ver­trau­ens­scha­den­ver­si­che­run­gen (§ 67 Abs. 3 Ziff. 3 BNo­tO) soll gewähr­leis­ten, dass Geschä­dig­te einen Ver­mö­gens­schutz genie­ßen, wie ihn die Staats­haf­tung bei Amts­pflicht­ver­let­zun­gen ande­rer Amts­trä­ger gewähr­leis­tet. Die­se Funk­ti­on wird durch den gene­rel­len Aus­schluss einer Regu­lie­rungs­pflicht für den Bereich der wirt­schaft­lich nicht unbe­deu­ten­den mit­tel­ba­ren Schä­den gefähr­det.

Aus­schluß­frist in der Ver­trau­ens­scha­den­ver­si­che­rung

In dem zwei­ten vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Ver­fah­ren 4 for­dert der kla­gen­de Berufs­haft­pflicht­ver­si­che­rer, der wegen einer wis­sent­li­chen Pflicht­ver­let­zung des Notars eine Leis­tung an die Geschä­dig­te erbracht hat, von der zustän­di­gen Notar­kam­mer und von dem Ver­trau­ens­scha­den­ver­si­che­rer die Erstat­tung des gezahl­ten Betrags nebst Zin­sen auf Grund­la­ge des § 19a Abs. 2 Satz 4 BNo­tO. Nach den Bedin­gun­gen des Ver­trau­ens­scha­den­ver­si­che­rungs­ver­trags sind Leis­tun­gen für Schä­den, "die spä­ter als vier Jah­re nach ihrer Ver­ur­sa­chung dem Ver­si­che­rer gemel­det wer­den", aus­ge­schlos­sen. Da zwi­schen der Scha­dens­ver­ur­sa­chung und der Scha­dens­mel­dung durch die Geschä­dig­te mehr als vier Jah­re lagen, beru­fen sich die Beklag­ten u.a. auf die Aus­schluss­frist.

Das in der Vor­in­stanz mit die­sem Rechts­streit befass­te Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt am Main hat den Ver­trau­ens­scha­den­ver­si­che­rer zur Erstat­tung des von der Klä­ge­rin gezahl­ten Betrags und die Notar­kam­mer auf den Hilfs­an­trag zur Ein­zie­hung und Aus­keh­rung der Ver­si­che­rungs­leis­tung ver­ur­teilt 5. Dage­gen rich­tet sich die Revi­si­on der Klä­ge­rin, die eine wei­ter­ge­hen­de Ver­ur­tei­lung der Notar­kam­mer errei­chen will, und die Revi­si­on der bei­den Beklag­ten.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat nun die Revi­si­on der Klä­ge­rin zurück­ge­wie­sen, da ihr als Berufs­haft­pflicht­ver­si­che­rer kein Auf­wen­dungs­er­satz­an­spruch nach § 19a Abs. 2 Satz 4 BNo­tO gegen die Notar­kam­mer zusteht. Die Notar­kam­mer ist gegen­über dem Geschä­dig­ten nicht zum Scha­dens­er­satz, son­dern nur zur treu­hän­de­ri­schen Ein­zie­hung und Aus­keh­rung der Regu­lie­rungs­leis­tung ver­pflich­tet.

Auf die Revi­sio­nen der bei­den Beklag­ten hat der Senat das Beru­fungs­ur­teil des Ober­lan­des­ge­richts Frank­furt am Main auf­ge­ho­ben. Zwar kann die Klä­ge­rin als Berufs­haft­pflicht­ver­si­che­rer vom Ver­trau­ens­scha­den­ver­si­che­rer grund­sätz­lich eine Erstat­tung ihrer Vor­leis­tung als Auf­wen­dung nach § 19a Abs. 2 Satz 4 BNo­tO ver­lan­gen. Dem Anspruch könn­te jedoch die Aus­schluss­frist, gegen deren Wirk­sam­keit im Hin­blick auf § 9 AGBG (heu­te § 307 BGB) kei­ne Beden­ken bestehen, ent­ge­gen gehal­ten wer­den. Die­se ist unter Berück­sich­ti­gung der Grund­sät­ze von Treu und Glau­ben aber ein­schrän­kend dahin aus­zu­le­gen, dass sich der Ver­trau­ens­scha­den­ver­si­che­rer hier­auf nicht beru­fen kann, wenn die Frist­ver­säu­mung unver­schul­det war. Zur Prü­fung des Ent­las­tungs­be­wei­ses hat der Senat die Sache an das Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt am Main zurück­ver­wie­sen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urtei­le vom 20. Juli 2011 – IV ZR 75/​09 und IV ZR 180/​10

  1. IV ZR 75/​09[]
  2. LG Mün­chen I, Urteil vom 06.02.2008 – 25 O 22194/​06[]
  3. OLG Mün­chen, Urteil vom 27.02.2009 – 25 U 2690/​08[]
  4. IV ZR 180/​10[]
  5. OLG Frank­furt am Main, Urteil vom 14.07.2010 – 4 U 22/​10[]