Das Wider­spruchs­recht bei einer bereits gekün­dig­ten Lebens­ver­si­che­rung

Bei einer Lebens­ver­si­che­rung steht die Kün­di­gung des Ver­tra­ges einem spä­te­ren Wider­spruch nicht ent­ge­gen. Das Wider­spruchs­recht kann auch bei einem Zeit­raum von mehr als zehn Jah­ren nach Ver­trags­be­ginn noch aus­ge­übt wer­den.

Das Wider­spruchs­recht bei einer bereits gekün­dig­ten Lebens­ver­si­che­rung

So hat der Bun­des­ge­richts­hof in dem hier vor­lie­gen­den Fall eines Ver­si­che­rungs­neh­mers ent­schie­den 1 , der von sei­ner Ver­si­che­rung die Rück­zah­lung geleis­te­ter Ver­si­che­rungs­bei­trä­ge einer Kapi­tal­le­bens­ver­si­che­rung begehrt hat. Abge­schlos­sen wur­de die Ver­si­che­rung am 1.10.1998 nach dem so genann­ten Poli­cen­mo­dell des § 5a VVG in der sei­ner­zeit gül­ti­gen Fas­sung abge­schlos­sen. Der Ver­si­che­rungs­neh­mer woll­te dann im Novem­ber 2007 sei­ne Lebens­ver­si­che­rung kün­di­gen und der Ver­si­che­rer zahl­te den Rück­kaufs­wert aus. Im März 2010 erklär­te er dann den Wider­spruch nach § 5a Abs. 1 Satz 1 VVG a.F. . Ein­ge­klagt wor­den ist – unter Abzug des bereits gezahl­ten Rück­kaufs­wer­tes – die Rück­zah­lung aller auf den Ver­trag geleis­te­ten Bei­trä­ge nebst Zin­sen in Höhe von ins­ge­samt 5.970,04 Euro. Begrün­det hat der Ver­si­che­rungs­neh­mer sei­ne Kla­ge damit, dass der Ver­si­che­rungs­ver­trag nicht wirk­sam zustan­de gekom­men sei. So habe er auch noch nach Ablauf der Frist des § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. (der gegen das Gemein­schafts­recht ver­stößt) den Wider­spruch erklä­ren kön­nen.

Ande­rer Auf­fas­sung war das Land­ge­richt Pots­dam 2, das die Kla­ge abge­wie­sen hat. Nach­dem dann das Ober­lan­des­ge­richt Bran­den­burg 3 die Beru­fung zurück­ge­wie­sen hat, ver­folg­te der Ver­si­che­rungs­neh­mer sein Ziel wei­ter mit der Revi­si­on.

In sei­ner Ent­schei­dung hat der Bun­des­ge­richts­hof deut­lich zum Aus­druck gebracht, dass der Wider­spruch des Ver­si­che­rungs­neh­mers unge­ach­tet des Ablaufs der Jah­res­frist (nach § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F.) recht­zei­tig war. Denn der Ver­si­che­rer hat sei­nen Ver­si­che­rungs­neh­mer nicht ord­nungs­ge­mäß über das Wider­spruchs­recht auf­ge­klärt. Es fehlt die nach § 5a Abs. 2 Satz 1 VVG a.F. druck­tech­nisch her­vor­ge­ho­be­ne maß­geb­li­che Beleh­rung im Ver­si­che­rungs­schein als auch die in dem Ver­trag zugrun­de lie­gen­den All­ge­mei­nen Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen für die Kapi­tal­le­bens­ver­si­che­rung (§ 3). Dar­über hin­aus ist die Beleh­rung im Ver­si­che­rungs­an­trag ohne Belang, wie der Bun­des­ge­richts­hof schon in ande­ren Ver­fah­ren ent­schie­den hat 4. Nach § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. soll­te zwar das Wider­spruchs­recht in die­sen Fäl­len ein Jahr nach Zah­lung der ers­ten Prä­mie erlö­schen, doch in dem hier vor­lie­gen­den Fall ergibt sich aus der richt­li­ni­en­kon­for­men Aus­le­gung des § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F., dass nach Ablauf der Jah­res­frist und im Zeit­punkt der Wider­spruchs­er­klä­rung das Wider­spruchs­recht noch Bestand hat­te. Bereits im Jahr 2014 hat der Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­den, dass die Rege­lung richt­li­ni­en­kon­form teleo­lo­gisch redu­ziert wer­den muss. Auf der Grund­la­ge der Vor­ab­ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on 5 fin­det die Rege­lung daher im Anwen­dungs­be­reich der Zwei­ten und der Drit­ten Richt­li­nie Lebens­ver­si­che­rung kei­ne Anwen­dung und für davon erfass­te Lebens­ver­si­che­run­gen besteht grund­sätz­lich ein Wider­spruchs­recht fort, wenn der Ver­si­che­rungs­neh­mer nicht ord­nungs­ge­mäß über das Recht zum Wider­spruch belehrt wor­den ist. Glei­ches gilt, wenn er die Ver­brau­cher­infor­ma­ti­on oder die Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen nicht erhal­ten hat 6.

Nach Auf­fas­sung des Bun­des­ge­richts­hofs ist auch die Aus­übung des Wider­spruchs­rechts mehr als zehn Jah­re nach Ver­trags­be­ginn nicht ver­wirkt. Weder eine Nach­fra­ge des Ver­si­che­rungs­neh­mers bei sei­ner Ver­si­che­rung im Jahr 2005 hat den Man­gel einer ord­nungs­ge­mä­ßen Beleh­rung besei­tigt, noch steht die Kün­di­gung des Ver­tra­ges dem spä­te­ren Wider­spruch ent­ge­gen. So hat der Bun­des­ge­richts­hof schon im Jahr 2014 ent­schie­den, dass auch eine bei­der­sei­ti­ge voll­stän­di­ge Leis­tungs­er­brin­gung das Wider­spruchs­recht nicht immer erlö­schen lässt 6.

Aus die­sen Grün­den führt die Revi­si­on in dem hier vor­lie­gen­den Fall zur Auf­he­bung des Beru­fungs­ur­teils und zur Zurück­wei­sung der Sache an das Beru­fungs­ge­richt. Der Anspruch auf Prä­mi­en­rück­zah­lung aus § 812 Abs. 1 Satz 1 Alt. 1 BGB besteht. Da aber der Rück­ge­währ­an­spruch nicht unein­ge­schränkt alle gezahl­ten Prä­mi­en umfasst, ist die Höhe des Anspruchs auf­grund feh­len­der Fest­stel­lun­gen vom Beru­fungs­ge­richt noch zu bestim­men.

Es bleibt bis dahin zwar unge­wiss, ob der Ver­si­che­rungs­neh­mer die gesam­te von ihm ein­ge­klag­te Sum­me erhält, aber auf jeden Fall hat sich sei­ne Kla­ge gelohnt. Folg­lich kann es durch­aus sinn­voll sein, eine bereits gekün­dig­te Lebens­ver­si­che­rung einer genau­en Prü­fung zu unter­zie­hen.

  1. BGH, Urteil vom 17.05.2017 – IV ZR 499/​14[]
  2. LG Pots­dam, Urteil vom 27.10.2011 – 2 O 299/​10[]
  3. OLG Bran­den­burg, Urteil vom 21.12.2012 – 11 U 185/​11[]
  4. BGH, Urtei­le vom 29.07.2015 – IV ZR 415/​13; 17.06.2015 – IV ZR 489/​14; 10.06.2015 – IV ZR 132/​13[]
  5. EuGH, Urteil vom 19.12.2013 – Rechts­sa­che C‑209/​12[]
  6. BGH, Urteil vom 07.05.2014 – IV ZR 76/​11[][]